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Pflanzenreich 137 t Geza Entz, Das Konsortialverhltniss von Algen imd Tieren .... 451 t Klebs, Sj^mbiose ungleichartiger Organismen 289, 321, 385 t Prantl, Die neuesten Arbeiten ber den Bau der Coniferenzapfen (Ar- beiten von Eichler und Celakowsky) 577 de Bary, Untersuchungen ber die Peronosporeen und Saprolegnieen . . 1 Celakowsky, Kritik der Ansichten von der Fruchtschuppe der Abietineen 577 Ebermeyer, Physiologische Chemie der Pflanzen 255 Eichler, Weibliche Blten der Coniferen ; Bildungsabweichungen bei Fich- tenzapfen ; Entgegnung etc 577 Elfving, Die Wasserleitung im Holz 737 Engelmann, Zur Biologie der Schizomyceten 448 Engler, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt . . . 132 Hartig, Verteilung der organischen Substanz in den Bumen etc. . . . 705 Godlewski, Studien ber die Atmung der Pflanzen 65 Kanitz, Viscum auf Loranthus . 608 Koch, Wirkungen des Erdbebens auf die Pflanzen 128 Kraus, Wasserverteilung in der Pflanze 612 F. Mller, Caprificus und Feigenbaum ; P. Mayer, Zur Naturgeschichte der Feigeninsekten 545 Renault, Vorlesungen ber PhytopaLontologie 163 Sachs, Vorlesungen ber Pflanzenphysiologie 353 Schaarschmidt, Thallus und Sporenbildung bei Vaucheria 513 Solms-Laubach, Graf zu, Herkunft etc. des gewhnlichen Feigenbaums . 193 Strasburger, Bau und Wachstum der Zellhute 641 Tschirch, Bau der Assimilationsorgane der Pflanzen 225 Zopf, Der genetische Zusammenhang von Spaltpilzformen 257 IV Inhaltsbersicht. II. Zoologie. Seite * Forel, Pelagische Fauna der Swasserseen 299 * Griesbach, Das Gefsystem der Najaden und Mytiliden 305 * Griesbach, Wasseraufuahme bei den Mollusken 573 * Minot, Theorie der Genoblasten 365 * Salensky, Beitrge zur Entwicklungsgeschichte der Anneliden . . . 198 * Salensky, Entwicklungsgeschichte der Borlasia vivipara Uljan. . . . 740 * Selenka, Keimbltter und Gastrulaform der Maus 550 * Vigelius, Entwicklung der Geschlechtsprodukte bei chilostomen Bryozoen 435 t Brock, Neuere Arbeiten ber die Entwicklung der Mollusken (Arbeiten von Trinchese, Mark, Blochmann) 675 t Chun, Verwandtschaft zwischen Wrmern und Coelenteraten .... 5 t Geza Entz, Das Konsortialverhltuiss von Algen und Tieren . . . 451 t Jordan, Zum Vorkommen von Landschnecken 208 t Jordan, Theorien ber die Entstehung der Korallenriffe 5!5 t Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen 289, 321, 385 t V. Koch, Morpliologische Bedeutung des Korallenskelets 583 t Kollmann: Ueber tierisches Protoplasma 70, 102 t Kollmann, Huxley, Wissenschaftliche Vortrge.; Rtimeyer, Geschichte der Hirschfamilie; Rieger, Schdellehre, Psychiatrie und Ethnologie 666 t Solger, Ueber wichtigere Lebenserscheinungen bei Actinien .... 399 t Steenstrup, Entwicklung verschiedener Cephalopodentypen 354 E. Adolph, Ueber Insektenflgel. Abnorme Zellenbilduug einiger Hymenopterenflgel 615 Bergh, Die Gattung llhodope 678 Blochmann, Entwicklung von Neritina fluviatilis 675 Bertkau, Duftapparat von Hepialus Hecta L 500 Bertkau, Ueber das Cribellum und Calamistrum 502 Brants, Darmkanal bei Sugetieren und Vgeln 169 Brock, Zur Anatomie imd Systematik der Cephalopoden 655 Mc Cook, Die Honigameisen 83 Darwin, Bildung der Ackererde durch die Ttigkeit der Kegenwrmer . 83 Dohrn, Die Pantopoden des Golfs von Neapel 174 Milne Edwards, Zoologische Expedition im Mittelmeer 143 Girod, Der Tintenbeutel der Cephalopoden 654 Goossens, Ueber urticante Raupen 511 V. Graif, Rhodope Veranii 6/8 Haase, Phylogenie und Ontogenie der Chilopoden 261 Hoek, Bericht ber die Pycnogoniden der Challenger-Expeditiou ... 171 Holfmanu, Zur Ontogenie der Knochenfische 172 Hrnes, Materialien zu einer Monographie der Gattung Megalodus . . . 236 Horst, Anneliden der Hollndischen Kste 166 Hubrecht, Peripherisches Nervensystem der Nemertinen 167 Jentink, Arvicola ratticeps 166 Kleinenberg, Die Entstehung von Neubildungen in der Phylogenie . . . 231 Khler, Versuche ber die Kreuzung verschiedener Echinodermenarten . 258 Ray Lankester, Limulus eine Arachnoidee . . . - 543 Lubbock, Beobachtungen an Ameisen, Bienen und Wespen 109 Mark, Befruchtung etc. von Limax campestris 675 Inhaltsbersicht. V Seite Mitteilungen aus dem Goeteborger Museum 256 Mc Murrich, Entstehung der Testazellen bei den Ascidien 620 Osten-Sacken, Die Stellung der Borsten bei den Dipteren 178 J. Paszlavsky, Bildung des Bedeguars 617 Trinchese, Frheste Entwicklung der Mollusken 675 Velasco, Beobachtungen ber den Ajolotl 80 Vigelius, Pankreas der Cephalopoden 172 Vosmaer, Leucandra aspera und das Kanalsystem der Spongien . . . 168 Vosmaer, Spongiologische Stenographie 169 Weber, Isopoden der Niederlndischen Fauna 168 Weismann, Entwicklungsvorguge im Insektenei . . 558 van AVyhe, Urogenitalsystem der Reptilien 166 Wierzejski, FaiTua der Tatraseen 736 Wierzejski, Bau und Verbreitung von Branchinecta paludosa 765 Yung, Einfluss der Nahrung auf Froschlarven 287 III. Anatomie. * .L. Gerlach und H. Koch, Produktion von Zwergbiidungen im Hhnerei 681 * Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik 17 * Obersteiner, Ursprung und centrale Verbindungen der Riechnerven. . 464 t Gottschau, Ueber Geschmacksorgane der Wirbeltiere 240 t Krause, Zur Anatomie des Auges (Arbeiten von H. Virchow, Exner, Retzius, Denissenko) 718 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel 38, 85, 117 Bardeleben, Muskel und Fascie 96 Bardeleben, Prpariren der Muskeln etc 575 Beitrge zur Biologie (Zu Th. v. Bischoifs Ojhrigem Doktorjubilum) 310 Beneke, Das Volum des Herzens und die Umfange der groen Arterien 143 Birge, Zahl der Nervenfasern im Rckenmark des Frosches 686 Dubar, Anomaler Muskel der Clavicula 544 Farabeuf, Der Masc. sternocleidomastoideus 320 Hell, Verschluss des mnnlichen Beckens 224 Kamocki, Die Hardersche Drse der Nager 709 Klliker, Die Lage der weiblichen Geschlechtsorgane 766 Knigstein, Die Nerven der Sklera 224 Langley, Pepsiubildende Drsen 673 Lup, Fascia transversalis abdominis 576 V. Meyer, Das schwammige Knochengewebe 24 Nuhn, Lehrbuch der praktischen Anatomie 704 Preiss, Lymphbahnen der Membrana Desceraetii 567 Retzius, Das Gehrorgan der Wirbeltiere 405 Romiti, Entwicklung des Hinterhauptbeins 535 Rdinger, Beitrag zur Anatomie des Sprachzentrums 270 Rdinger, Zur Anatomie der Affenspalte etc 621 Schmiegelow, Entwicklung des Hodens und Nebenhodens 181 Tartuferi, Untersuchungen ber den Tractus opticus 375 Tichomirow, Die Anordnung der Hirnarterien des Menschen 248 Thoma, Gre und Gewicht der anatomischen Bestandteile des mensch- lichen Krpers , , , , , 529 VI Inhaltsbersicht. Seite Vossius, Wachstum des Epithels der Cornea 352 Wlchli, Mikroskopische Untersuchungen der gefrbten Kugeln in der Retina von Vgeln 145 Zuckerkandl, Anatomie der Nasenlihle 623 IV. Physiologie. * Biirdon-Sanderson, Die elektrischen Erscheinungen am Dionaeablatt . 481 * Eimer, Lipmie bei saugenden Ktzchen und Hunden 624 * Liebermann, Ueber Grung und Fermente . . . . 747 * Seegen, Die glykogene Funktion der Leber 593 * Sthr, Zur Physiologie der Tonsillen 368 t B.aginsky, Die Funktionen des Kleinhirns 725 t Biedermann, Einfluss des Demarkatiousstroms auf die Erregung von Muskeln und Nerven (Arbeiten von Hering, Biedermann, Knoll) . .561 t Danilewsky, Die Verbrennungswrme der Nahrungsmittel 371. t Danilewsky, Gehirn und Atmung 690 t Ewald, Die graphische Methode 147, 442 t Giacosa, Neuere physiol -ehem. Arbeiten Italiens (Arbeiten von Cola- santi, Fano, Goglio, Luciaui und Bufalini) 629 t Munk, Zur Kenntniss der Milch 660 t Nasse, Der chemische Bau der Muskelsubstanz 313 t Neueste Arbeiten ber Innervation der Atmung (Arbeiten von Langen- dorff, Gad, Graham, Wedenskii, Saloz, Kandarazky) 184 t Penzoldt ixnd Fleischer, EinAvirkung der wichtigern uern Einflsse auf den Eiweizerfall im Organismus 507 t Tigerstedt, Ueber mechanische Nervenreizung 468 t Weyl, Bedeutung des Asparagins fr Pflanze imd Tier 277 Afanassieff, Die Innervation der Gallenabsonderung 288 Beitrge zur Biologie (Zu Th. v. Bischoffs Ojhrigem Doktorjubilum) 310 Birge, Reizbarkeit der motorischen Ganglienzellen des Rckenmarks . . 688 Canali, Lokalisation der Funktionen im Gehirn 607 Charbonnel-Salle, Erregung der motorischen Nerven 639 Colasanti, Bildung der Harnsure; Vernderungen der Harnsure durch Glyzerin 629 Delprat, Zuckerbildung in der Leber 170 Dubjaga, Die Atembewegungen der gemeinen Schildkrte 382 Fano, Verhinderung der Gerinnung des Bluts 630 Goglio, Ausscheidung des Harnstoffes 631 Goltz, Verrichtungen des Grohirns 56 Henueberg, Ueber Fleisch- und Fettproduktiou 123 Hensen, Physiologie der Zeugung 27 Hirschberg, Dioptrik etc. der Fisch- und Amphibienaugen 745 Hoflfmann, Beitrag zur Physiologie der weien Blutkrperchen .... 276 Hofmeister, Zur Resorption des Peptons 63 Klug, Beitrge zur Physiologie des Herzens 273 Kster, Gerinnung des Caseins durch Lab 59 Krukenberg, Vergleichend physiologische Vortrge 383 Lawdowsky, Bewegimg der weien Blutkrperchen 264 Lindvall, Zur Kenntniss des Keratins 61 Inhaltsbersicht. VIl Seite Luchsinger, Die Venenherzen der Fledermuse 275 Luciani und Bufalini, Verlauf der Inanition 631 Ludwig und Luchsinger, Zur Phj'siologie des Herzens 274 Marey, Der Kreislauf im gesunden und kranken Zustande 378 Mosso und Pellacani, Die Funktionen der Harnblase 253 Morochowetz, Gesetze der Verdauung 159 Netschaeff, Hemmende Wirkung des Atropins etc 640 NaunjTi und Schreiber, lieber Gehirndruck 155 Nylen, Die diastatische Wirkung des Speichels 767 Rene, Geschwindigkeit der Nervenleitung 672 Schlechter, Trchtigkeit und Geschlechtsverhltniss bei Pferden . . . 536 Schmidt-Mlheim, Analyse und Synthese von Gangarten des Pferdes . . 51 Schmidt-Mlheim, Untersuchiuigen ber fadenziehende Milch 663 Schulze und Barbieri, Zur Kenntniss der Cholesterine .... . . 129 SocolefF und Luchsinger, Zur Physiologie der Ureteren 275 Soxhlet, Versuche ber die Fettbildung im Tierkrper 190 Speck, Die Beziehimgeu der geistigen Ttigkeit zum Stoffwechsel . . . 251 Stillman, Bewegung des Pferdes 638 Vella, Methode zur Gewinnung reinen Darmsafts 348 Walton, Reflexbewegung des Strychninfrosches 689 V. Pathologie und Varia. Babes, Pathogene Bakterien 97 Babes, Vom roten Schwei 255 Babes, Neuer pathogener Schimmelpilz 569 Birch-Hirschfeld, Die Gelbsucht neugeborner Kinder 447 Byrom Bramwell, Krankheiten des Rckenmarks 540 Gessard, Ueber das Pyocyanin 606 Koch, Die Aetiologie der Tuberkulose 413 Rzsahegj'i, Ursache des Wechselfiebers 97 Rzsahegji, Resultate der Schutzimpfung Pasteur's gegen den Milzbrand 151 Senator, Albuminurie im gesunden und kranken Zustande 632 Wemich, Studien ber den Typhus abdominalis 350 t Huxley, Charles Darwin 161 t Lea, Francis Maitland Balfour 609 t Spengel, Charles Robert Darwin 417 Behrens, Die Biologie auf der British Association 734 Biologische Station in Sidney 608 Classen, Quantitative Analyse auf elektrolytischem Wege 192 Loew und Bokorny, Ueber die Lebensbewegung im Protoplasma ... 62 Preyer, Die Seele des Kindes 699 Ribot, Experimentelle Psychologie in Deutschland 571 Ribot, Das Gedchtniss und seine Strungen 768 Schultze, Philosophie als Naturwissenschaft 756 Biologisches Centmlblatt unter Mitwirkung von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummern von je 2 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalteu. IL Band. i. Mrz 1882. Ur. 1. Inhalt: De Bary, Untei-suchimgen ber die Peronosporeen und Saprolegnieen und die Grundlagen eines natrlichen Systems der Pilze. Chllll , Die Verwandt- schaftsbeziehungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. lloyor, Bei- trge zur histologischen Technik. v. Meyer, Das schwammige Knochen- gewebe. Heusen, Physiologie der Zeugung. A. de Bary, Untersuchungen ber die Peronosporeen und Sapro- legnieen und die Grundlagen eines natrlichen Systems der Pilze. Beitrge zur Morphologie und Physiologie der Pilze von A. de Bary und Woronin. Reihe IV, Frankfurt a. M. 1881. Whrend bei den hher ausgebildeten Pflanzen, den Phanerogamen, der Sexualprocess im Wesentlichen gleich verluft, treten in den tiefern Regionen des Pflanzenreichs sehr mannigfaltige Modifikationen dieser interessantesten aller Lebenserscheinungen auf. So zeigt sich dieses auch sehr auffallend in der groen Klasse der chlorophyllfreien, aus vorgebildeten organischen Stoflen sich ernhrenden Pilze. Der Verfasser des oben genannten Werks liefert fr zwei Familien der Pilze, die Saprolegnieen und Peronosporeen ein sehr reiches Beobach- tungsmaterial ber ihre geschlechtliche Fortpflanzung und verwertet die allgemeiuen Resultate, die sich daraus ihm ergeben fr seine Dar- legung des natrlichen Systems der Pilze. Die Saprolegnieen sind bekanntlich jene zartfdigen schlauchfrmigen Pilze, die regelmig im Wasser auf toten Insekten, Wrmern u. s. w. erscheinen und diese wie mit einer zarten weien Hlle umgeben. Die Peronosporeen sind nah verwandte Pilze, die aber stets parasitisch in den Geweben lebender Pflanzen, Kartoffeln u. s. w. wachsen. In beiden Familien entwickeln die Mycelfden zu gewisser Entwicklungszeit kuglige Blasen, die Eibe- 1 2 De Bary, Untersuchuugen ber die Pei-ouosporeen und Saproleg^ieen. lilter oder Oogoiiicn, in denen das Protoplasma sich zu einem oder mehrern Eiern, den Oosporen, verdichtet. Bei den Peronosporeen bil- det sich nur aus einem Teil des Protojjlasmas des Eil)elilters eine einzige Eizelle; bei den Saprolegnieen zerfllt das gesamte Protoplasma in eine, hutig mehrere Eizellen. An die Oogonien legen sich nun die durch eine Zellwand abgetrennten kurzen keuligen Enden von Zwei- gen an, die entweder aus demselben Faden, der das Ongonium trgt, unterhalb desselben entspringen oder aus andern Fden; diese End- zellen, die mnnlichen Organe, heien Antheridien, und zwar unter- scheidet der Verfasser je nach den beiden Arten ihres Ursprungs, die fr die einzelnen Species in gewissen Grenzen konstant sind, andro- gyne und dikline Species. Die Antheridien, angepresst an die Wand des Eibehlters, senden in sie Schluche hinein, die nach den Eizellen hin wachsen. Sehr zahlreiche Untersuchungen waren schon angestellt worden ber die wesentliche Frage, in welcher Weise diese Anthe- ridienschluche die Eizellen befruchten. Dem Verfasser ist es nun gelungen, diese vielbesprochene Frage der Hauptsache nach klar zu lsen .und die Resultate, die er erhalten hat, sind zugleich von hoher allgemeiner Bedeutung fr die Kenntniss sexualer Erscheinungen ber- haupt. Es hat sich ergeben, dass in den nah verwandten Familien der Peronosporeen und Saprolegnieen, bei denen der Hauptentwick- lungsgang derselbe ist, der Befruchtungsprocess nicht wesentlich gleich verluft, sondern dass je nach den Species die Beziehungen zwischen Antheridien und Oosporen von sehr wechselnder Art sind. Bei den einfachem Peronosporeen, den Species der Gattung Pijthium hat der Verfasser direkt beobachten knnen, wie der Schlauch des Antheri- diums sich der Eizelle anlegt, tfnet und wie der grte Teil seines Inhalts als Gonoplasma" mit derselben verschmilzt; es findet stets eine direkte Kopulation der mnnlichen mit der weiblichen Zelle statt; Bei der Gattung Pytophfhora , zu der die die Kartoflfelkrankheit her- vorrufende Peronosporee gehrt, tritt aus dem Schlauch des Antheri- diums in die Eizelle nur eine sehr geringe, aber optisch zu verfol- gende Menge von Protoplasma ber. Bei den Arten der Gattung Peronospora lsst sich nun nicht mehr ein solcher Uebergang von Proto- plasma in das Ei beobachten; jedoch ist nach den sonstigen Verhlt- nissen eine Befruchtung, sei es durch Austritt einer sehr kleinen Pro- toplasmamenge durch eine enge Oelfnung, sei es auf diosmotischem Wege sehr wahrscheinlich. Von einer solchen Befruchtung kann aber nicht die Rede sein bei den Formen der Saprolegnieen, bei denen zwar stets Antheridien vorhanden sind, die Schluche aussenden, welche sich an die Eizellen anlegen, jedoch niemals oftuen oder ihren Inhalt irgendwie in dieselben entleeren. Bei andern Arten sind auch noch stets Antheridien vorhanden; sie senden aber entweder keine Schluche mehr aus oder nur solche, die die Eier nicht erreichen. Schlielich gibt es sich erblich konstant fortpflanzende Formen der De Bary, Uutersucliungeu ber die Perouosporeen und Saprolegiiieen, 3 Saproleg-nieen, bei denen nl)erhanpt keine Antheridien mehr angelegt werden. Solche antheridienfreie Oogonien kommen l)rigens bisweilen auch bei den in der Regel mit Antheridien versehenen Arten vor. In allen diesen verschiedenen Fllen reifen nmi die Oosporen imd ent- wickeln sich weiter in wesentlich der gleichen Weise ; sie bilden dicke Membranen und machen eine Ruheperiode durch ; nach gewisser, je nach den Species verschiedener Zeit keimen sie und geben neuen Generationen den Ursprung. Wenn man so die Beziehungen von Antheridien imd Oosporen bei den beiden Pilzfamilien verfolgt, zeigt sich die sehr interessante Tatsache einer ganz allmhlichen Verkmmerung des mnnlichen Or- gans, ohne dass entsprechend das weibliche Organ bemerkbare Ver- nderungen erkennen lsst. Zuerst erlischt die Funktion des mnn- lichen Organs, whrend seine speeifische Form sich noch fort und fort in dem Entwicklungsgang der Art erhlt; schlielich verschwin- det es auch seiner Form nach wie bei den antheridienfreien Sapro- legnieen. Aber auch ein anderer Fall knnte noch eintreten, nmlich der, dass das Organ eine andere Funktion erhlt und mm nach der neuen Richtung hin sich weiter ausbildet. Auch dieser zweite Fall scheint bei den Saprolegnieen sich zu finden; wenigstens kann man sich die so reiche Entwicklung von Antheridien, die bei der Gattung Achhja die Oogonien in groer Anzahl umgeben, ohne nach dem Ver- fasser sexuell ttig zu sein, am besten durch die Annahme erklren, dass hier die Antheridien sich zu einem besonderu Hllorgan ausge- bildet haben, wie es analog bei vielen andern Pilzen vorkommt. Mit dem Sclnvinden der Funktion des mnnlichen Organs schwindet eigentlich auch die Funktion der weiblichen, da nach der ber- wiegenden Masse von Beobachtungen nur in der sich vereinigen- den Wirkung beider das Wesen der geschlechtlichen Befruch- tung besteht. Jedenfalls mssen notwendig in dem Innern Zustande des Eies Vernderungen eingetreten sein, so dass es sich fr sich allein auszubilden vermag, wenn man auch diese Vernderungen nicht erkennen kann. Man kann nun sagen, die Saprolegnieen pflanzen sich parthenogenetisch fort, d. h. sie pflanzen sich ungeschlechtlich fort aber vermittels eines Organs, das in seiner Formausbildung vollkom- men homolog ist einem sexuell funktionirenden, sei es bei derselben Art oder bei verwandten Arten. Man kann sich dann vorstellen, dass aus dieser Parthenogenesis eine solche ungeschlechtliche Fortpflanzung sieh herausbildet, bei der die speeifische Form des frher weiblichen Organs auch verschwunden ist, bei der keine Andeutung mehr von besondern an Sexualorgane irgendwie erinnernden Zellen vorhanden ist. Dieser Uebergang ist bei den Saprolegnieen vorlufig nicht be- kannt, wol aber bei einer andern Pilzfamilie, den Ascomyceten, zu denen die zierlichen Becherpilze gehren und die, wie der Verfasser ausfhrlich darlegt, mit den Perouosporeen systematisch nah zusam- 1* 4 De Bary, Untei-suclmngen ber die Peronosporeen und Saprolegnieen. mengeliren. Plicr entwickeln sich bei manchen Arten die Fruchtkr- per aus besondern Organen, die homolog sind den funktionirenden Geschlechtsteilen der Peronosporeen ; eine wirkliche Befruchtung lsst sich nicht nachweisen. Bei andern Arten schwindet jede Spur des mnnlichen Organs ; doch lsst sich deutlich verfolgen, dass die we- sentlichsten Teile des Fruchtkrpers, die sporenerzcugendeu Elemente, aus einer einzigen, einem weiblichen Organ homologen, Zelle entsprin- gen, deren uere Form je nach den Einzelfllen sehr verschieden ist. Bei sehr vielen Ascomyceten ist aber keine Andeutung eines sol- chen Organs mehr vorhanden; der ganze Fruchtkrper geht aus dem Mycelium durch einfache Gewebeditferenzirung hervor. Was hier bei den Ascomyceten nur bei einem Teil der Arten eintritt, schiiut aus- nahmslose Regel zu sein bei den Basidiomyceten, jenen am hchsten ausgebildeten Pilzen, den Schwmmen unsrer Wlder; wenigstens die frhern Untersuchungen wie besonders die Kulturen von Brefeld, deren Resultate fr die Unterabteilung der Gallertpilze (Tremellineen) Referent bisher besttigen konnte, lassen es als gewiss annehmen, dass diese hoch differenzirte Klasse von Pilzen nur ungeschlechtlich sich fortpflanzt. Wie aus dem Vorhergehenden sich ergibt, werfen die Resultate der sorgfltigen Forschung an den Peronosporeen und Saprolegnieen viel aufklrendes Licht ber manche bisher unvermittelt dastehende Erscheinungen; sie geben dann vor allem dem Verfasser gewichtige Gesichtspunkte ab fr die Gliederung seines natrlichen Systems der Pilze, das als am besten den augenblicklichen Kenntnissen ent- sprechend wol von den meisten Botanikern wird anerkannt werden. Hier ist nicht der Ort, ausfhrlicher darauf einzugehen, ebensowenig wie auf die zahlreichen anderweitigen neuen Einzelheiten der Unter- suchung. Doch mag noch auf die interessanten kausalen Beziehungen aufmerksam gemacht werden, die der Verfasser zwischen Entstehung der Oogonien und Antheridien beobachtet hat. Bei manchen Arten, bei denen die Antheridien auf den Oogonientrgern unterhalb dersel- ben entstehen, entwickelt sich stets das Oogonium zuerst, spter dann das Antheridium. Deutlicher tritt eine solche Beeinflussung ein bei den diklinen Arten, bei denen auf andern Fden die Antheridien sich bilden; nur die in nchster Nhe des Oogoniums gelegenen Fden entwickeln die mnnlichen Organe. Bei andern Saprolegnieen, z. B. den Achl(/a-oYm.e\i, bei denen die Antheridien auf zarten Mycelzwei- gen, den Nebensten", entstehen, treten zwar solche Nebenste gleich- zeitig mit dem Oogonium und in weiterer Entfernung von ihm auf; Antheridien werden aber nur von solchen gebildet, die in nchster Nhe des Oogoniums zu liegen kommen. Wie der Verfasser beobach- tet hat, zeigt es sich hufig, wie ein krftig wachsender Nebenast, wenn er in die Nhe eines Oogoniums gelangt, pltzlich seine Wachs- tumsrichtung ndert, indem sein Ende sich diesem zuneigt und sich Chuu, Verwandtschaftsbeziehuiigeii zwischen Wrmern und Coelenteraten. 5 ihm behufs Antheridienbildiiiig anlegt. Der Verfasser erklrt sich diese Abhngigkeit desselben von dem Oogoniiim durch eine Aus- scheidung gelster Krper des letztern, die mit den Protoplasmateilen des knftigen Antheridiums chemische Verbindungen eingehen oder als Ferment wirken. Georg Klebs (\Yrzburg). Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. Ctenophore und Planarie , Rippenqualle und Strudelwurm wer mchte auf den ersten Blick vermuten, dass zwei so heterogene We- sen nhere verwandtschaftliche Beziehungen erkennen lassen? Hier ein Coelenterat von vollendeter Zartheit und Durchsichtigkeit, welcher vermittels der acht aus einzelnen Schwimmplttchen bestehenden Rip- pen ein pelagisches Leben fhrt, dort ein unansehnlicher flimmernder Plattwairm, der an Steinen und Algen kriecht. Und doch hat die ge- nauere Durchforschung der Entwicklung und des Baus von Plana- rieu und Ctenophoren so mannichfache Vergleichspunkte ergeben, dass neuerdings von Selenka^) und Lenz^) die Hypothese auf- gestellt wurde, es reprsentirten letztere die Stammformen ersterer, es seien die Strudelwrmer weiter nichts, als kriechende Rippen- quallen. Mag auch Manchem die Hypothese etwas gewagt erscheinen, so regt doch der Versuch Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Wrmern und Coelenteraten nachzuweisen, zu so mannigfachen Fragen von allgemeinerm Interesse an, dass ein Vergleich des Baus von Ctenophore und Planarie auch an dieser Stelle gerechtfertigt sein drfte. Da indess der Boden fr eine bis in das Detail durchgefhrte Parallele zwischen Wrmern und Coelenteraten ganz allmhlich vor- bereitet, ja sogar schon mehrfach eine nhere Beziehung der Pla- narien zu letztern vermutet wurde, so mag es gestattet sein, zu- nchst in Krze der Anschauungen zu gedenken, welche ber die Digiiitt des fr die Coelenteraten so typischen Gastrovascularappa- rats im Laufe der Zeit geuert ^nirden. Leuckart, der Begrnder 1) E. Selenka: Zoologische Studien. II. Zur Entwicklung der Seeplana- rien. Ein Beitrag zur Keimbltterlehre und Descendenztheorie 1881. (Vgl. auch Cbl. Bd. I. Nr. 8). 2) Der Bau von Gunda segmentata und die Verwandtschaft der Plathel- minthen mit Coelenteraten xxnd Hirudineen. Mitt. aus d. Zool. Station zu Neapel Bd. III. 1881. S. 187251. Chirn, Verwandtscliaftsbeziehimgen zwischen Wrmeru imd Coelenteraten. des Typus der Coelenteraten, definirte dieselben als Kadirtiere; bei denen verdauende Kavitt und Leibeslihle zeitlebens in Zusam- menhang- stehen. Entweder werden beide Organsysteme durch einen einzig-en Hohlraum reprsentirt {Hydra), oder es beginnt, wie bei den meisten Coelenteraten, eine Sonderung in der Art sich einzuleiten, dass der Magen" seinen Inhalt in die als Leibeshhle zu deutenden Radirgefe resp. Geftaschen entsendet. Whrend diese Auffassung: sich rasch Bahn brach und man bald fast allgemein die Trennung der Cuvier'schen Radiaten" in Coelen- teraten und Echinodermen adoptirte, wurden doch neuerdings viel- fach Zweifel an der Richtigkeit der Auffassung;, dass die Radirge- fe einer Leibeshhle homolog seien, geuert. Am entschiedensten trat Hckel in seiner Gastratheorie dieser Deutung- entgegen, indem er darzulegen suchte, dass die Radirgefe lediglich Aussackungen des Darms reprsentirten und eine Leibeshhle berhaupt den Coe- lenteraten fehle. Der Raum, welcher der durch Spaltung des Meso- derms entstehenden Leibeshhle entspreche, sollte mit Gallerte erfllt sein eine Auffassung, welche bereits von Frantzius geuert, von Semper verteidigt und von fast smmtlichen sptem Beobachtern der Coelenteraten (Gegenbaur, Klliker, Metschnikoff, No- schin, Kowalewsky) adoptirt wurde. Whrend man demnach durch energisches Betonen des genetischen Princips dahin gefhrt wurde, die alte Deutung des Coelenteratenorganismus aufzugeben, so waren es doch wiederum entwicklungsgeschichtliche Beobachtungen, welche derselben allmhlich zu Recht verhalfen. Als Kowalewsky die merkwrdige Entdeckung machte, dass bei Sagitta die Leibes- hhle durch Abschnrung vom Urdarm aus ihre Entstehung nimmt und bald in rascher Folge dasselbe Verhltniss bei den Echinodermen, Brachiopoden, Enteropneusteu und bei niphioxns konstatirt wurde, da war es nicht nur Leuckart, sondern auch Metschnikoff und A g a s s i z , welche nachdrcklich betonten, dass bei allen diesen von Huxley als Enterocoelen" bezeichneten Gruppen im Laufe der Ent- wicklung eine Komplikation auftritt, welche die Coelenteraten zeit- lebens fixirt zeigen. Durch die Beobachtung, dass bei den Cteno- phoren der Gastrovaskularnpparat aus zw^ei differenten Keimblttern seine Entstehung nimmt, indem das Entoderm lediglich die Wandung der Gefe bildet, whrend der Magen sekundr vom Ektoderm aus eingestlpt wird, konnte ich schlielich der Autfassung, dass die Ge- fe lediglich Darmste reprsentirten^ die letzte Sttze nehmen. Ich suchte daher mit Entschiedenheit an der Hand des neuerdings so ber- raschend vermehrten embryologischen Materials die Ansicht zu ver- treten, dass bei den Coelenteraten im Sinne Leuckart's zeitlebens eine freie Kommunikation zwischen Darm und Leibeshhle persistire und bemhte mich, es als wahrscheinlich hinzustellen, dass berhaupt die Abschnrung der Leibeshhle vom Urdarm aus, die Palingenese Chim, Verwaiultscliaftsbeziehungen zwischen Wnneni und Coelenteraten. 7 dieser Leibeshhle vorfhre'). Bei konsequenter Verfolgung dieser An- schauung- gelangen wir schliefslicli dahin, in dem eingest]])ten Hohl- raum der Gastrula nicht nur die Anlage des Urdarms, sondern des Darms der Leibeshhle zu erblicken. Eine gewichtige Sttze hat diese Auffassung neuerdings in den Spekulationen der Gebrder Kert- wig'^) erhalten. Indem sie von andern Gesichts])unkten aus in ihrer Coelomtheorie zu der Ansicht gelangen, dass die durch Absclmrung vom Urdarm aus sich anlegende Leibeshhle (Euterocoel) die wahre Leibeshhle vorfhre, indess die durch Spaltung des Mesoderms entstehende Leibeshhle (Schizocoel oder Pseudocoel) eine sekundre Erscheinung bilde, fhren sie in meisterhafter Weise aus, wie durch die differente Bildung einer Leibeshhle der histologische Charakter der Gewebe und einzelner Organsysteme bedingt werde. Zwar nehmen sie nicht speciell Rcksicht auf die Coelenteraten, allein aus einzelnen Andeutungen lsst sich erschlieen, dass sie wie dies ja auch in der folgerichtigen Durchfhrung der Coelomtheorie liegt die Ge- fe derselben einem Euterocoel vergleichen. Die hier kurz skizzirteu Wandlungen in den Anschauungen ber die Wertigkeit des Gastrovaskularapparats der Coelenteraten gaben nun Huxley und Lang Veranlassung, das Hohlraumsystem jener nie- dern Wrmer, speciell der Planarien, welchen Hckel ebenfalls eine Leibeshhle absprach, als einen coelenterischen Apparat zu deuten. Damit war die wesentlichste Schwierigkeit, die sich einem Vergleich zwischen Wrmern und Coelenteraten entgegenstellte, gehoben und es galt nun die Deutung zu rechtfertigen, die Homologien im Ein- zelnen durchzufhren und jene Coelenteraten aufzufinden, welche die nchsten verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Plattwrmern er- kennen lassen. Die Entdeckung einer merkw^rdigen kriechenden Ctenophore {Coeloplmia Metschnikowii) durch Kowalewsky gab wol zunchst Veranlassung, die Cteuophoren genauer in das Auge zu fassen. Leider ist jedoch Kowalewsky's Mitteilung so knapp gehalten, dass es kaum mglich scheint, die Organisation der Coelo- plana (deren Nervenmuskelsystem und Geschlechtsapparat gar nicht beschrieben wird) zum Ausgangspunkt fr die Vergleichuug zu whlen. So sttzt sich denn Lang in seinen Darlegungen auf ein reiches Ma- terial vergleichend anatomischer Tatsachen, indess Selenka die genau beobachtete Entwicklungsgeschichte einiger Arten von See- planarien in den Vordergrund der Betrachtung stellt. Die Ctenophore schwimmt, die Planarie kriecht. Begreiflich die Frage, ob denn berhaupt Anhaltspunkte vorliegen, dass die schAvim- 1) Fauna und Flora d. Golfes v. Neapel. I. Monographie t Ctenophorae von C. Chun. 1880. 2) 0. und R. Hertwig: Die Coelomtheorie. Versuch einer Erklrung des mittlem Keimblattes. Jena 1881. (Vgl. Cbl. Bd. I. Nr. 1). 8 Chim, Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. mende Lebensweise zu Gunsten einer kriechenden aufgegeben wurde? Ich bemerke zunchst, dass unter den Ctenophoren die Cydippen bis- weilen ihren Mund verbreitern und wie auf einer Haftscheibe an den Wnden des Gefes sich ansetzen. Ja eine derselben, die ich am Golfe von ISfeapel auffand und als Lmwpea Pancerina beschrieb, vermag ihre Mundrnder zu einer handbreiten Sohle auszudehnen, auf der sie langsam hinkriecht. Die von Kowalesky im roten Meer entdeckte sonderbare Coeloplana Mefschnikowii endlich hat die frei- scliAvinimende Lebensweise vollkommen aufgegeben und kriecht als in der Hauptaxe abgeplattete Ctenophore auf Algen und Steinen. Sie zeigt jedoch noch mehrere Eigentmlichkeiten, welche leicht in der Anpassung an die kriechende Lebensweise ihre Erklrung finden. Alle Ctenophoren bewegen sich vermittels Flimmercilien. Soll jedoch ein annhernd kugelrunder Krper, vne ihn die Jugendformen und ein groer Teil der erwachsenen Ctenophoren aufweisen, durch Cilien rasch nach bestimmten Richtungen bewegt und gedreht werden, so muss die Mglichkeit vorhanden sein, dass nur bestimmte, einem Lngsmeridian entsprechende Zonen flimmern, whrend andere unttig bleiben oder doch nur schwache Aktion ausben. In einfacher Weise wird dieser Effekt dadurch erzielt , dass auf gewissen durch den Ra- dirtypus bestimmten Meridianen, und zwar bei den Ctenophoren con- stant auf acht, die Flimmern sich krftig ausbilden, indess sie auf den zwischenliegenden Feldern klein bleiben oder ganz schwinden. Tatschlich flimmert die ganze Keimanlage der Ctenophoren, wie denn auch bei dem erwachsenen Tier zwischen den acht Rippen die ektoder- male Flimmerung sich erhalten kann. Die acht den Ctenophoren ein so charakteristisches Geprge verleihenden Rippen oder Ruderreihen be- stehen aus einzelnen Ruderplttchen, welch' letztere wiederum aus einer ansehnlichen Zahl von ganz kolossal langen, mit einander ver- schmolzenen Cilien gebildet werden. Begreiflich, dass mit dem Auf- geben einer schwimmenden Lebensweise die Ausbildung der Rippen unterbleibt und ein gleichmiges Flimmerkleid nicht nur die Plana- rien, sondern auch die Coeloijlana charakterisirt. Auch die fr die Coelenteraten so typischen mikroskopischen Waffen, die Nesselkapseln, finden sich in der Haut mancher Planarien wieder. Bei den Cteno- phoren ist ihr Vorkommen allerdings sehr beschrnkt und an ihre Stelle treten die den Nesselzellen homologen Greifzellen. Wenn wir die Nesselzellen und die offenl)ar mit ihnen verwandten stbchenfr- migen Krper der Planarien als ein Erbteil von den Coelenteraten betrachten wollen, so haben wir doch immerhin zu bedenken, dass Nesselkapseln nicht nur in den Anhngen niedrig stehender Mollusken, nmlich der Eolidier, beobachtet werden, sondern auch nach der Ent- deckung B a 1 b i a n i's in den Sporen der Fischpsorospermicn vorkommen. Lsst demnach der Bau der uern Krperbedeckung und selbst der histologische Charakter des Ektoderms, wie hier nicht weiter aus- Chun, Verwandtscliaftsbeziehungeri zwischen Wrmern und Coelenteraten. 9 gefhrt werden soll, maiinig-faclie Beziehungen erkennen, so ergeben sich nicht minder wiclitige in der Anordnung des G astro vasku- lr apparats und der Exkretionsorgane. Magen und Gefe bilden gewissermaen das architektonische Baugerst der Ctenopho- ren. Wie bei allen Ka diten, so auch bei ihnen, wird der eine Pol der Hauptaxe durch die spaltfrmige Mundffnung charakterisirt, in- dess an dem aboralen Pol der nach Art eines Gehrorgans gebaute Sinneskrper liegt. Durch die Hauptaxe lassen sich zwei rechtwnklig aufeinanderstehende Kreuzebenen legen, welche den Krper in vier Qua- dranten teilen. Ich bezeichne diese beiden Ebenen als Magenebene und Trichterebene, insofern die verdauende Kavitt, der Magen, seit- lich komprimirt ist und das in ihn bergehende Sammelreservoir aller Gefe, der sogenannte Trichter, wiederum eine seitliche, jedoch rechtwinklig zu dem Magen, durchgefhrte Kompression erkennen lsst. In diese beiden Kreuzebenen sind die charakteristischen Or- gane des Ctenophorenkrpers verteilt. So liegen in der Magenebene die beiden von dem Sinneskrper ber den aboralen Pol sich er- streckenden Polplatten, wahrscheinlich Geruchsplatten reprsentirend, iudess in die Triehterebene die zwei vom Trichter ausgehenden Hauptstrame des Gefsystems und die beiden Tentakelanlagen mit ihren zwei Senkfden nnd Tentakelscheiden fallen. Paar^Yeise zwi- schen die beiden Kreuzebenen verteilt treffen wir die acht Rippen mit den acht vom Sinneskrper ausstrahlenden Flimmerrinnen und die acht, unter den Rippen verlaufenden und durch mederholte dichotomische Teilung aus den beiden Hauptstmmen des Gefsystems hervorgehen- den Meridionalgefe. Um die Schilderung des Gastrovaskularappa- rats zu vervollstndigen, sei noch bemerkt, dass vom Trichter aus ein unpaares, in die Hauptaxe fallendes Gef, das Trichtergef gegen den aboralen Pol aufsteigt und unterhalb des Sinneskrpers sich in vier Aeste gabelt, von denen konstant zwei diametral gegenber- stehende neben den Polplatten ausmnden. Die beiden Aeste werden als Exkretionsrhren bezeichnet, insofern durch sie in lngern Inter- vallen eine ansehnliche Menge der in den Gefen cirkulirenden Fls- sigkeit nach auen entleert wird. Wie schon oben bemerkt wnirde, entsteht der Magen aus einer Einstlpung des Ektoderms, indess der Trichter nnd die abgehenden Gefe aus den groen, bereits bei den ersten Furchungsvorgngen abgeteilten Entodcrmzellen sich auf- bauen. Vergleichen wir nun mit dieser Anordnung des Gastrovaskular- apparats der Ctenophoren denjenigen der Planarien, so lassen sich die Beziehungen nicht verkennen. Die bauchstndig gelegene Mund- ffnung fhrt in eine Hlile, welche wie der Magen der Ctenophoren sekundr vom Ektoderm aus eingestlpt wird. Man bezeichnet sie als Rsselhhle, insofern von ihren Wandungen muskulse Falten dia- phragmaartig vorspringen und den sogenannten Rssel bilden. Nur 10 Cliun, Verwandtschaftsbezielumgen zwischen Wrmern nucl Coelenteraten. bei wenigen Gattungen der am niedrigsten organisirten Planarien bil- den sie ein hohles Eolir, meist laufen sie aber ringfrmig an der Wand der Ksselhlile entlang. Vielleieht sind ihnen die 7A\y Ver- grerung der resorbirenden Flehe dienenden Magenwlste" der Ctenophoren homolog, Avelche ebenfalls zwei ovale gefaltete Bnder an den Wandungen des Magens reprsentiren. Die Rsselhhle fhrt nun in einen, dem Triehter der Ctenophoren entsprechenden, aus Ento- derm gebildeten Hohlraum, von dem die Gefe oder Darmste ab- gelien. Entweder ist es eine grere Zahl von paarigen Aesten, die hier bei vielen IManarien ihre Entstehung ]iehmen, oder es lassen sieh deren nur drei, nmlich ein vorderer unpaarer und zwei hintere paarige constatiren. Erstere bezeichnet deshalb Lang als Polycladen", letz- tere als Tricladen". In mehrfacher Hinsicht reprsentiren die Poly- claden die am niedrigsten organisirten Planarien, welche die nchsten Beziehungen zu den Coelenteraten erkennen lassen, indess die in einigen Vertretern sogar segmentirten Tricladen zu den hhern Wr- mern, speciell den Hirudineen, berfhren. Bei unsern Betrachtungen werden wir deshalb vorwiegend die frher als digonopore dendro- coele Turbellarien bezeichneten Polycladen in das Auge zu fassen haben. Dass bei den Polycladen bisweilen vier Paare von ramificirten Ge- fen aus dem Trichter entspringen, indess bei den Ctenophoren nur ein Paar auftritt, kann nicht berraschen. Schon bei den hher stehenden Ordnungen der Ctenophoren kommen die zwei Hauptstmme in Ausfall und die vier interradialen Gefstmme entspringen direkt aus dem Trichter. Bei Coeloplana endlich strahlen nach Kowalewsky die Kanle in grerer Zahl gegen die Peripherie der Scheibe aus, um dort in einen Ringkanal einzumnden. Auch die Verstelung der Gefe bei allen dendrocoelen Planarieu findet ihren Pendant in den Eamifikatiouen der Meridionalgefe bei den Beroiden. Das Trichter- gef der Ctenophoren mit seineu neben dem Sinneskrper gelegenen Exkretionsftnungen entspricht dem vordem unpaaren Darmast der Polycladen und Tricladen. Er ist bei dem erwachsenen Tier blind geschlossen, mndet jedoch nach einer interessanten Beobachtung Lang's auf einem gewissen Jugendstadium zwischen den zwei oder drei Augen des Embryos vermittels einer flimmernden Oeffnung nach auen aus. Bei dem soeben versuchten Vergleich zwischen dem Gastrovasku- larapparat eines AVurms und eines Coelenteraten wird vielleicht Mancher der Leser sich die Frage vorgelegt haben, wie es denn mg- lich sei, die Organe eines Bilateraltiers auf diejenigen eines lladir- tiers zurckzufhren oder um genauer zu reden, wie die Hauptaxe der Ctenophore sich zur Lngsaxe der Planarie verhlt. Denken wir uns, dass eine Ctenophore ihre Hauptaxe stark verkrzt zeigt, wie dies am eklatantesten die Coeloplana erkennen lsst, so wird die Chun, Verwandtscliaftsbeziehungeu zwischen Wrmern iind Coelenteraten. 1 1 orale Hlfte des Tiers sich wie eine Baiicliflclie verhalten; auf wel- cher es kriecht. Trotzdem ein Gegensatz zwischen Kcken und Baucii nun bereits vorhanden ist, so ist doch der radire Bau nicht gestrt, da sninitliche in der Einzahl auftretenden Organe in die Hauptaxe fallen. Begreiflich jedoch , dass eine rande Scheibe sich Aveniger zu rascher Kriechbewegung eignet, als ein gestreckter Krper. Ein sol- cher knnte immer noch den sogenannten zweistrahlig-radiren Bau erkennen lassen, allein den Bedrfnissen der Orientirung und Percep- tion von Nahrung entspricht es weit vollkommener, wenn das bei den Ctenophoren in die Hauptaxe fallende Centrum des Nervensystems bei der abgeplatteten, ovalen Planarie jenem Pole sich nhert, welcher bei der Ortsbewegung vorausschreitet. Damit ist jedoch ein Uebergang zu der Bilatcralsymmetrie bewerkstelligt, insofern die Hauptaxe der Ctenophore zur Lngsaxe der Planarie wird. Zge eines radiren Baus lassen die Polycladen gerade in der Anordnung ihres Nervensystems erkennen, das, wie ich spter noch darlegen werde, dem im Ektoderm gelegenen Sinneskrper mit seinen acht Cilienrinnen entspricht. Kehren wir nun nach der Errterung der Axenstellung wieder zu der Schilderung der Organsysteme zurck, von denen die Exkre- tionsorgane wegen der merkwrdigen Beziehungen, welche in dieser Hinsicht die Polycladen zu den Coelenteraten erkennen lassen, ein besonderes Interesse beanspruchen. Bekanntlich reprsentiren die Ex- kretionsfifnungen der Coelenteraten einfache Poren, welche von den Gefen aus die Krperwand durchbrechen. Da nur zeitweilig aus ihnen der Gefinhalt in das umgebende Medium entleert wird, so erklrt es sich, dass sie vielfach bersehen wurden, ja dass sogar ihre Existenz in Frage gestellt wurde. Sicher wissen wir indess, dass bei den Aktinien zahllose Poren eine Kommunikation der Geftaschen mit der Auenwelt vermitteln, dass sie bei Medusen ebenfalls in gr- erer Zahl am Eingkanal der Scheibe auftreten, indess bei den Ctenophoren nur zwei Exkretionsfifnungen neben dem Sinneskrper gelegen sind. In manchen Fllen nehmen die in der Nhe des Porus gelegenen Entodermzellen einen abweichenden Habitus an und fun- giren, wie bei einzelnen Medusen (Claus), als den Harnorganen ver- gleichbare Drsen. Bei den hchststeheuden Siphonophoren, den Velelliden, beladen sich sogar ganze Reihen von Entodermzellen so reichlich mit Harnkonkrementen, dass man von einer frmlichen unter der Leber gelegenen Niere reden konnte (Klliker). Die noch viel- fach verbreitete Ansicht, dass die Exkretionsffnungen im Gegensatz zu dem centralen Mund als multiple After fungiren, ist nach den ber- einstimmenden Angaben aller neuern Beobachter als eine irrige zu bezeichnen, da die verbrauchten Speisereste stets wieder durch den Mund ausgeworfen werden. Ein besonderes Interesse nimmt nun die Beobachtung Lang's in 12 Chun, Verwancltschaftsbeziehungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. Anspruch, dass die Exkretioiiporgnne der Polycladeii vollstndig nach dem Typus derjenigen bei Coelenteraten gebaut sind. Ein Wasser- gefsy stein", wie es so charakteristisch fr die Plattwrmer ist, fehlt ihnen durchaus und an dessen Stelle treten Zweige, welche von den Darmsten dorsalwrts aufsteigen und mit einer flimmernden Oeffnung nach auen mnden. Einfache Kommunikationen der Darmdivertikel mit der Auenwelt reprsentiren demnach die Exkretionsorgane der Polycladen, Es wrde ber die Grenzen unserer Betrachtung hinaus- gehen, wenn ich noch der Homologien zwischen dem Exkretionssy- stem der Tricladen und Hirudineen mit demjenigen der Polycladen und Coelenteraten gedenken wollte, und ich mache deshalb in Krze nur auf einen Punkt aufmerksam, der vielleicht bei einem Vergleich von Wrmern und Coelenteraten in Betracht zu ziehen ist. Jene charakteristischen Flimmertrichter, welche nach den neuern Unter- suchungen von BUtschli, Fraipont, Pintner und Lang in das Krperparenchym der Plattwrmer sich ffnend, den Anfangsteil des Exkretionssystems darstellen , finden auch in hnlichen Einrichtungen bei Ctenophoren ihre Homologa. Wie Lang bei seiner merkwrdi- gen Gnnda segmejifafa nachweisen konnte, entstehen die Flimmer- trichter aus dem Epithel der Darmste, in dem sie sogar manchmal noch gelegen sind. Solche flimmernde Oeflfnungen der Gefe in die dem Krperparenchym der Planarien entsprechende Gallerte sind nun bei den Ctenophoren in Form von Wimperrosetten entwickelt. Sie bauen sich aus zwei kranzfrmigen Lagen von je acht Zellen auf, die smmtlich Cilien entwickeln. Langsam graben die krftigen Cilien der der Gallerte zugekehrten Zellen in letzterer, indess oft die dem Geflumen zugekehrten zu einem der Wimperflamme" an den Flim- mertrichtern vergleichbaren Wimperplttchen verschmelzen. Dass durch die Wimperrosetten nicht etwa die in den Gefen circulirende Flssigkeit in die von Muskeln durchzogene Gallerte entleert wird, sondern offenbar umgekehrt im Stoffwechsel verbrauchte Bestandteile in die Gefe bergefhrt werden, beweisen Injektionen mit fein zer- riebener chinesischer Tusche, welche ich vielfach dem lebenden Tier beibrachte. Trotzdem stundenlang die Tusche beibehalten und bis in die feinsten Gefste geflimmert wird, so trifft man nie ein schwar- zes Krnchen in der die Rosette umgebenden Gallerte. Bei dem ener- gischen Strudeln der Cilien mussten, wenn die Stromesrichtung nach der Gallerte gekehrt wre, sicherlich die Tuschkrnchen durch die weite Oeffnung der Rosetten passiren. Eine nahe Beziehung zu dem Gastrovaskularapparat lassen end- lich noch bei beiden Gruppen die Geschlechtsorgane erkennen. Ctenophoren und Polycladen sind Zwitter. Bei erstem liegen Hoden und Ovarien gewhnlich in Form langer Bnder der Wandung der Meridionalgefe an, bei letztern trift't man die Ovarien auf der Dor- salseite, die Hoden auf der Veutralseite der Darmste. Whrend die Chim, Verwancltsehaftsbeziehungeu zwischen Wrmern und Coelenteraten. 13 Sexiialprodukte der Polycladeu aus dem Epithel der Darmste ent- stellen, bedarf die Herkunft der Gesclileclitsprodukte bei Cteno- phoren einer erneuten Untersuchung. Nach K. Hertwig entstammen bei manchen Cydippen Samen und Ei dem Ektoderm, indess sie nach meinen Angaben bei den Beroiden in den Wandungen der Meri- dionalgefe , also im Entoderm, gebildet werden. Da bei letztern auch Hertwig einen ektodermalen Ursprung nicht nachweisen konnte, so scheinen beide Keimbltter, wie dies ja auch von den Hydroiden bekannt ist, an der Produktion der Sexualorgane beteiligt zu sein. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Ordnungen ergibt sich indess in der Art, wie die Geschlechtsprodukte nach auen entleert werden. Bei den Ctenophoren fallen sie in die Meridionalgefe und werden durch den Mund, gelegentlich auch durch die Exkretions- ffnungen ausgestoen. Bei den Planarien hingegen findet eine wahre Kopulation statt, die selbstverstndlich die Entwicklung besonderer rhrenfrmiger Leitungswege fr Hoden und Eierstcke bedingt. Dass mit der Anpassung an eine kriechende Lebensweise auch die Notwen- digkeit einer Kopulation sich ergab, wird begreiflich scheinen, wenn wir bedenken, dass bei den rasch beweglichen, freischwimmenden und meist in Schaaren zusammenlebenden Ctenophoren die Chancen fr das Zusammentreffen von Samen und Ei verschiedener Tiere viel gnstiger liegen, als bei den Planarien. Nach der Schilderung des Gastrovaskularapparats, der zu einer Besprechung des Exkretionsapparats und der Geschlechtsorgane hin- leitete, wre zum Schluss noch in Krze der Anordnung des Nerven- muskelappar ats zu gedenken. Die Ansichten ber das Nerven- system der Ctenophoren gehen weit auseinander. Es liegt nicht in meiner Absicht, hier eine kritische Besprechung der strittigen Punkte einzuflechten, zumal es wesentlich sich nur um verschiedene Deutungen des bereinstimmend Beobachteten handelt. An dem aboralen Pole liegt der nach Art eines Gehrblschens mit Otolithen und federn- den Cilien ausgestattete Sinneskrper nebst den beiden aus ihm her- vorgehenden flimmernden Polplatten. Von ihm erstrecken sich acht sogenannte Flimmerrinnen zu den acht Rippen. Insofern durch die eigentmliche Verbindung der Elemente in dem Sinneskrper die Schwimmplttchenbewegung einer Eeguliruug unterworfen wird, deute ich ihn als ein Centralnerveusystem und auf physiologische Grnde hin die den Bewegungsimpuls bertragenden Flimmerrinneu als acht Nerven. Zu diesem Apparat gesellt sich ein von Hertwig entdeckter Plexus zarter reich verstelter Ganglienzellen unterhalb des gesamten Ektoderms und auf dem Magen. Whrend die Experi- mente Kruke nberg's zu dem mit meinen Anschauungen berein- stimmenden Resultat fhrten, dass am aboralen Pole nervse Centren liegen, welche die Bewegungen der Ruderplttchen influiren und denen funktionell gleichwertige Elemente in den brigen Abschnitten des 14 Chuii, Verwaudtscliaftsbezieliungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. Beroe-KY\iQva fehlen, so kann ich andrerseits ein die Existenz des nervsen Plexus khir darleg-endes Experiment anfhren. Entfernt man einer Rippenqualle (ich benutzte zu dem Versuch eine Cydippe, die Er(plothamis) das obere den Sinneskrper entfaltende Krperdrittel, so kommen die anfang-lich heftig schlagenden Sclnvimm})lttchcn des untern Teils bald zur Khe und nach einiger Zeit sistirt oft vllig jegliche Schwimmplttchenbewegung. Reizt man dann mit einer Na- del irgend eine der acht Rippen (am besten durch Berhren zwischen den Schwimmplttchen), so beginnen fast momentan die Schwimm- plttchen aller acht Ri})pen energisch zu schlagen und rasch schwimmt das Teilstck davon. Die auf verschiedene AVeise moditicirbaren Ver- suche lehren klar, dass mit groer Schnelligkeit der Reiz vermittels des Plexus von einer Rippe auf die brigen bertragen wird. Er- neuter Untersuchung bedrfen hingegen die von Eimer und Hertwig beschriebenen Nervenfasern. Als solche sprechen sie die acht unterhalb der Rippen verlaufenden Faserzge und feine die Gallerte durchsetzen- den Fden an. Wenn es mglich ist, dass scharfe morphologische Unterschiede zwischen jungen Muskelfasern (fr welche ich die in Rede stehenden Gebilde halte) und den Nerven nicht existiren, so bleibt doch immerhin ihr Verhalten zu dem Ektoderm und dem Sin- neskrper aufzuklren. Jedenfalls ist es keinem von uns gelungen einen Zusammenhang dieser Fasern mit dem Sinneskrper nachzuweisen ein Verhalten, das zu den widersprechenden Deutungen ber die Dig- nitt desselben fhrte. Resumirenwir demnach kurz die Konstituenten des Nervensystems der Ctenophoren, so werden sie zunchst durch einen am aboralen Pol gelegenen und von dem Ektoderm noch nicht abgeschnrten Sin- neskorper mit den Polplatten reprsentirt, von dem die acht ektoder- malen aus spindelfrmigen Zellen bestehenden Cilienrinnen an die Rippen verlaufen. Dazu gesellen sich ein dicht unter dem Ektoderm gelegener Plexus von Ganglienzellen und die noch strittigen in der Gallerte gelegenen Fasern. Vergleichen wir nun hiemit das Nervensystem der Polycladen, so ist an ihm nach Lang's Untersuchungen ein mit der Muskulatur innig zusammenhngender Nervenplexus und ein aus dem Ektoderm entstandenes Centralnervensystem (Gehirn) mit ebenfalls vom Ekto- derm abgeschnrten Nervenstmmen zu unterscheiden. Unter letztern treten vor Allem acht krftige Stmme hervor, welche radir von dem Gehirn ausstrahlen. Das Gehirn und die acht radiren Nerven erin- nern so frappant in ihrer Lagerung an den Sinneskrper der Cteno- phoren mit seinen acht Cilienrinnen, dass ich nicht anstehe beide Bil- dungen fUr homolog zu erklren. Dass der Hauptteil des Planarien- nervensystems nur in der Jugend, bei den Ctenophoren hingegen zeit- lebens im Ektoderm gelegen ist, kann keinen Einwand gegen diese parallele abgeben. Ich stimme daher weder Lang bei, wenn er die Chuii, Verwandtscbaftsbeziehimgen zwisclien Wrmern imd Coelenteraten. If) Nervenstmme und das Centralorgan ans einer Koncentration des dif- fusen Nervenplexus der Ctcnopboren ableitet, noch billig-e icb die Idee Selenka's, es mcliten die von mir bei einer gelappten Oteno- phoren, Euchar/'s iiiulticomis , beschriebenen beiden Blindscke dem Nervensystem der Planarien homolog- sein. Letztere entsprechen dis- locirten Tentakelscheiden, welche gerade von dem dem Sinneskrper entg-egeng-esetzten Pol gegen den Magen sich einzustlpen beginnen. Um indess die Schilderung des Plnnariennervensystems zu vervoll- stndigen, so sei erwhnt, dass Augenflecke, wie sie bei Ctenophoren bis jetzt mit Sicherheit noch nicht nachgewiesen werden konnten, mit an sie herantretenden Sinnesnerven an dem Vorderende des Kr- pers ditferenzirt werden. Alle Nervenstmme stehen durch Kommis- suren miteinander in Verbindung, die ungefhr koncentrisch um das Gehirn angeordnet sind. Dass von diesen Stnmien die zwei hintern an Gre zu dominiren beginnen, bis sie schlielich auf Kosten der brigen an Lnge und Strke zunehmen, indem gleichzeitig die Kom- missuren in regelmigen Al)stnden wiederkehren, mag hier nur an- gedeutet sei. Wie schon frhere Forscher betonten und auch Lang nachzuweisen sucht, entsprechen sie dem Bauchmark der Hirudineen und Anneliden. Was endlich noch die Anordnung der Muskulatur anlangt, so tritt sie bei den Ctenophoren in Gestalt krftiger unter der Haut ge- legener Lngs- und Querfasern auf, zu denen sich noch ein System radir von allen Teilen des Gastrovaskularapparats gegen die Krper- oberflche ausstrahlender Fasern gesellt. Letztere tragen prgnant den Charakter mesenchymatser Muskeln", wie sie von Hertwig benannt werden, zur Schau, indem sie an beiden Enden in ein reich verstelte Flechtwerk ausstrahlen. Sie entstehen aus Zellen, die vom Ektoderm und wahrscheinlich auch von dem Magen aus in die Gallerte einwandern, um sich dort amboid zu versteln und schlie- lich zu Fasern heranzuwachsen, deren Kerne in der Jugend wand- stndig liegen und spterhin in das Innere der Faser aufgenommen werden. Bewegen sich die Ctenophoren durch Kontraktion von Mus- keln, wie z. B. der bandfrmig ausgezogene und sich schlngelnde Veuusgrtel, so sind es jedesmal die unter der Haut gelegenen Faser- ztige, welche sich krftigen und die Ortsbewegung vermitteln. Be- greiflich, dass bei den kriechenden Planarien der Hautmuskelschlauch eine relativ hohe Ausbildung erlangt, indess das den Gallertfasern der Ctenophoren entsprechende System zu Dorsoventralfasern reducirt wird. Sprliche Bindegewebszellen, wie sie ja auch in der Gallerte der Ctenophoren zerstreut vorkommen, fllen die zwischen Muskula- tur und Darmsten brig bleibenden Lcken aus. Der Schilderung der einzelnen Organsysteme wollen wir zum Schlsse noch einen kurzen Abriss ber die ersten Entwicklungs- vorgnge folgen lassen. Das Ei der Ctenophoren setzt sich aus 16 Clmn, Verwandtschaftsbezieliungen zwischen Wrmern und Coelenteraten. einer eiweireiclieu plasmatischen Riiideiischicht und einer hellen va- kuolenreichen centralen Masse zusammen. Es furcht sich in zwei und dann in vier gleich groe Zellen. An dem einen Pol werden hierauf vier kleine Zellen abgeschnrt, in denen wir die ersten Anlagen des Ektoderms im Gegensatz zu den vier groem Entodermzellen zu er- blicken haben. Indem letztere nochmals einer inqualen Furchung unterliegen, Avird die gesamte eiweireiche Eindenschichte schlie- lich auf die kleinen, rasch sich vermehrenden Ektodermzellen abge- teilt. Sie beginnen nun von dem einen Pole aus die hellen, langsam sich teilenden Entodermzellen zu umwachsen, so dass schlielich eine durch Epibolie gebildete Gastrula entsteht. Der Gastrulamuud ent- spricht dem sptem Sinnespole und schliet sich, indess an dem gegenberliegenden Pole durch Einstli)ung von dem Ektoderm aus der Magen sich anlegt. Die Entodermzellen sondern sich in vier Ento- derrascke, in denen je ein Spalt als erste Anlage des Geflumens sichtbar wird. Die Vereinigungsstelle der vier Spalten ffnet sich als Trichteranlage in den Magen. Vergleichen wir mit der Embryonalentwicklung der Ctenophoren diejenige der Seeplanarien, wie sie Selenka genau schilderte, so lassen sich zwar manche gemeinsame Zge nachweisen, allein es er- geben sich doch auch einige augenfllige Differenzen. Gemeinsam ist beiden Ordnungen die Bildung von vier kleinen und vier groen Furchungskugeln und die Entstehung einer Gastrula durch Epibolie. Whrend jedoch die rasch sich mehrenden kleinen Zellen bei Cteno- phoren die Anlage des Ektoderms und Mesoderms reprsentiren, inso- fern erst spterhin (und auch das ganze Leben hindurch) Ektoderm- zellen in die Gallerte einwandern, um zu Muskeln und Biudegewebs- zellen zu werden, so so),idern sich frhzeitig bei Planarien vier Urme- sodermzellen", die allein das Mesoderm aufbauen. Weiterhin teilen sich bei letztern die vier groen Entodermzellen in der Resorption an- heimfallende Dotterzellen und in vier wahre Entodermzellen. Ich muss gestehen, dass die ersten Entwicklungsvorgnge am Ei vieler Mollus- ken, wie sie Fol von den Pteropoden, Rabl von manchen Gastro- poden und neuerdings Blochmann von Neritina schildern, im Gan- zen mehr Beziehungen zu der Furchung der Planarien darbieten, als die Ctenophoren. Immerhin liegt ein Vergleich zwischen den ersten Furchungsvorgngen von Ctenophoren und Plauarien sehr nahe und die weitere Forschung muss zeigen, ob man mit der auf genetische und vergleichend anatomische Daten hin versuchten Ableitung der Wrmer aus den Coelenteraten sich auf der richtigen Fhrte befindet, oder ob sie was ja auch schon als Gewinn zu betrachten ist nur dazu diente, neue Probleme aufzustellen und die Lsung alter Fragen von neuen Gesichtspunkten aus zu versuchen. Carl Chun (Leipzig). Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik. ^7 Beitrge zur histologischen Technik. Von Prof. H. Hoyer in Warschau. 1. Karmiiilsuug'. Zu (Ich hufig-st gebruchlichen und best bewhrten Tinktions- mittehi tierischer Gewebe fr histologische Zwecke gehrt unstreitig die ammoniakalische Karminlsung. Die Schnheit und Dauerhaftig- keit der damit hergestellten Prparate ^ die feine Nuancirung des histologischen Details ; sowie die relative Einfachheit ihrer Darstel- lung und Verwendung gaben derselben bisher den Vorzug vor allen neuen Tinktiousmitteln, so groe Vorzge dieselben auch fr besondre Zwecke sonst haben mgen. Indess hat die einfache Karminlsung auch ihre groen Schattenseiten^ welche Veranlassung gegeben haben zur Herstellung der verschiedenartigsten Modifikationen und Zustze, sowie zu den umfassendsten Bemhungen nach Auffindung andrer mehr zuverlssiger Tiuktionsmittel. Zu den wesentlichsten Mngeln der einfachen Karminlsung gehrt einerseits die Schwierigkeit der Darstellung eines gleichmig zusammengesetzten und gleichmig wirkenden Prparats, und andrerseits die Schwierigkeit der Konser- virung einer gelungenen Lsung. Der krnige Absatz, welcher schon nach wenigen Tagen in der Flssigkeit sich zu bilden beginnt, der krnige schwer zu beseitigende Niederschlag auf den Prparaten selbst, welche durch 24 Stunden der Einwirkung des Karmins ausge- setzt werden mssen, die mit dem Auftreten des Niederschlags ver- minderte Frbekraft der Lsung u. a. m. bieten Uebelstnde, welche durch Zustze von Glycerin, Alkohol, Kampher, Karbolsure, Pikrin- sure u. s. w. wol kaum gemindert werden. Die Bildung eines hellroten Niederschlags sowol bei Zusatz von berschssiger Sure zu ammo- niakalischer Karminlsung, als auch beim lngern Erwrmen in offner Schale drften w^ol bei den meisten histologischen Arbeitern die Mei- nung erzeugt haben, dass der in frischer Karminlsung sehr bald auf- tretende Niederschlag ebenfalls durch Abdunstung des Ammoniaks und Prcipitirung der Karminsure bedingt sei, zumal derselbe bei Zusatz von frischem Ammoniak sich scheinbar wieder lst und schwindet. Stellt man sich indess nach dem Vorgange von Pro- fessor Betz in Kieff eine gut ausgefaulte Karminlsung dar, so kann man dieselbe Tage lang in offenem Schlchen stehen lassen, ohne dass ein Niederschlag sich bildet. Dasselbe ist der Fall bei Zusatz von fulnisswidrigen Mitteln zu neutraler Karminlsung oder bei Her- stellung eines vllig neutralen trocknen Prparats von karminsaurem Ammoniak auf kaltem Wege (s. u.) Das letztere zersetzt sich mit- hin bei gewhnlicher Zimmertemperatur nicht; das Ammoniak ver- flchtigt sich erst bei strkerer Erwrmung (nahe der Siedhitze), ob- schon es andrerseits selbst durch die schwchsten Suren dem Karmin entzogen und letzteres prcipitirt wird. Der in Karminlsung binnen 2 '\^Q Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik. kurzer Zeit von selbst auftretende Niedersclilag- besteht aus rotge- frbten Bakterien (Mikrokokken), denen durch Ammoniak der Farb- stoff zum Teil wieder entzogen werden kann. Die Betz'sehe aus- g-efaulte Lsung besitzt alle Vorzge einer guten neutralen Karmin- lsung; sie frbt intensiv und nicht diffus und zersetzt sich nicht weiter. Ihre Darstellung erfordert indes ein monate- selbst jahre- langes Zuwarten. Die bisher blichen fermentationswidrigen Zusatz- mittel inhibiren entweder die Zersetzung des Karmins nur fr kurze Zeit, oder sie vermindern wesentlich dessen Frbekraft. Es ist nun dem Verf. gelungen , mittels einfacher Procedur ein Prparat von neutralem karminsaurem Ammoniak herzustellen, wel- ches in seiner Verwendung- bequem und sicher ist und wol smtliche Vorzge einer guten Karminlsung in sich vereinigt. Dasselbe hat bei wiederholter Prfung- und einer bestndigen Verwertung- whrend eines ganzen Jahrs sich wol bewhrt, insbesondere hat es uns bei Herstellung von Schnittserien aus Gehirn und Rckenmark gute Dienste geleistet. Die Darstellung erfolgt in folgender Weise : Je 1 gr. Carmin wird gelst in einer Mischung von ca. 1 2 cc. starker Ammoniaklsung und 6 8 cc. Wasser und in einem Glas- kolben im Sandbade so lange erAvrmt, bis das berschssige Ammo- niak sich verflchtigt hat. So lauge noch freies Ammoniak vorhan- den ist, bilden sich beim Sieden groe Blasen in der Flssigkeit und letztere zeigt die gewhnliche dunkel purpurrote Frbung des kar- minsauren Ammoniaks; ist dagegen das ungebundene Ammoniak ver- flchtigt, so zeigen sich kleine Blschen und die ammoniakalische Verbindung beginnt sich zu zersetzen, infolge dessen die Lsung die mehr hellrote Nuance annimmt. Man lsst nun erkalten, absetzen und trennt schlielich mittels Filtration den spter zu neuer Lsung zu verwertenden hellroten Absatz von der ziemlich vollstndig neutralen dunklen Flssigkeit. Letztere kann man durch Zusatz von 1 bis mehr Procent von Chloralhydrat durch lngere Zeit unverndert konserviren und in gewhnlicher Weise verwerten, unter andrem auch zur Darstellung von roter Leiminjektionsmasse. Das Chloral zersetzt sich nicht in neutraler Karminlsung; bei Ueberschuss von Ammoniak entwickelt sich dagegen sofort Chloroform, das sich durch seinen Geruch alsbald zu erkennen gibt. Das Chloral vermindert, soviel ich bisher ermitteln konnte, durchaus nicht die Frbekraft der Lsung und bietet, wae wir unten noch weiter sehen werden, eines der besten und vielfach zu verwertenden antizymotischen Mittel. Versetzt man nun die neutrale Karminlsung mit dem 4 fachen Volumen von starkem Alkohol, so bildet sich ein umfangreicher hell- roter Niederschlag. Derselbe Avird durch Filtration von der roten, nur geringe Mengen von Karmin gelst enthaltenden Flssigkeit ge- trennt, gewaschen und getrocknet oder durch Uebergieen mit Alko- hol, in welchem etwas Glycerin und Chloral gelst ist, in eine Paste Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik. 19 verwandelt. Beide Produkte, das Pulver sowol Avie die Paste, ku- nen Monate bis Jalire lang- unverndert aufbewahrt werden ; sie lsen sich leicht, insbesondre die weiche Paste, und vollkommen klar in destillirtem Wasser, zumal beim Erwrmen. Die Lsung geht unge- mein leicht und vollstndig durch das Filter, whrend die einfache Karminlsung nur schwer und lang-sam sich filtriren lsst; sie hlt sich lange Zeit unverndert, insbesondre bei Zusatz von geringen Mengen (1 '2 Procent) Chloral, und zeigt ein intensives Frbever- mgen, welches das der g-ewhnlichen Karminlsung bedeutend ber- trifft. Bei der Behandlung des Karmins mit Alkohol bildet sich somit eine eigentmliche Modifikation des Farbstoffs , welche durch eine scharlachfarbige Nuance von der mehr violetten Frl)ung: der einfa- chen ammoniakalischen Karminlsung sich unterscheidet. Dieselbe besteht aus vollkommen neutralem karminsaurem Ammoniak, welches bei mittlerer Temperatur sich durchaus nicht zersetzt ; die schwchsten Suren dagegen, wie z. B. Pikrinsure, fllen sofort daraus das Kar- min in Form eines hellroten Niederschlags, welcher bei Neutralisation mit Ammoniak sich vllig wieder lst. Die Frbekraft der Beale- sehen Karminlsung scheint wesentlich bedingt zu sein von der Bil- dung dieser Karminmoditikation. Dieselbe kann nun auch benutzt werden zur Herstellung eines constanten sogenannten Pikrokarmins". Die Herstellungsweise des letztern hatte bisher keine feste Basis; das Prparat bildete gewissermassen ein chemisches Monstrum; von einer Doppelverbindung konnte hierbei wol kaum die Eede sein. Jetzt hat man es in der Hand, durch Lsung des Karminpulvers in koncen- trirter Solution von neutralem pikrinsaurem Ammoniak nach bestimmten Verhltnissen sich ein konstantes Prparat herzustellen, welches smmt- li che Vorzge des beliebten Pikrokarmins" in sich vereinigt. Durch Zusatz von Chloral kann die Haltbarkeit dieser Lsung noch wesent- lich erhht werden. Bei zahlreichen Versuchen hat sich dieselbe aufs beste bewhrt. Das pulverfrmige Prparat von karminsaurem Ammoniak knnte bei seiner guten Haltbarkeit fabrikmig in grern Mengen darge- stellt und zu verhltnissmig geringem Preise abgegeben werden, hnlich wie dies bereits mit dem Pikrokarmin der Fall ist. Hervor- gehoben sei noch, dass die mittlem Karminsorten sich besser zu eignen scheinen zur Herstellung des Alkoholprci[>itats, als die teurem, welche aus der ammoniakalischen Lsung entweder gar nicht oder nur sehr unvollstndig niedergeschlagen werden. 2. Injektionsmassen. Die schnsten Lijektionsprparate fr histologische Untersuchung oder Demonstration liefern unstreitig leimhaltige Massen, insbesondre sind dieselben bei mehrfarbigen Injektionen wol kaum zu umgehen. 2* 20 Hoyer, Beitrge zur histolngischen Technik. Die Herstellung der Leimma^seii ist indess ziemlich umstndlich und mit nicht unbedeutendem Zeitverlust verkn})ftj was in Verhin- dung- mit der Neigung zu schneller Zersetzung durch Schimmelpilze und Bakterien die Verwendbarkeit solcher Massen wesentlich beein- trchtigt. Die Wahrnehmung des stark antizymotischen Vermgens des Chloralhydrats veranlasste den Verf. zu versuchen, ob sich das letztere nicht auch zur Konservirung der Leimmassen verwerten lassen wrde. Der Erfolg war ein berraschend gnstiger. Sowol reine, zur Verhtung des volligen Austrocknens mit 5 10 Procent Glycerin versetzte Gelatinelsung, als auch die verschiedenartigen gefrbten und gleichfalls mit Glycerin versetzten Massen haben sich bei Zusatz von mehrern Gewichtsprocenten Chloral durch Wochen und selbst Monate vllig unverndert erhalten. Sie zeigten keine Schimmelbil- dung, lsten sich leicht und rein in der Wrme, gelatinirten schnell bei der Abkhlung und lieferten vllig befriedigende Injektionen. Man ist auf diese Weise in den Stand gesetzt, sich grere Vorrte von fertiger verschiedenfarbiger Masse darzustellen, die nur einfach er- wrmt zu werden braucht, um ohne weiters injicirt werden zu knnen. Zahlreiche frhere Versuche mit verschiednen andren antizymotischen Konservationsmitteln hatten durchgehends mehr oder weniger unzurei- chende Resultate geliefert. Durch die Anwesenheit des Chlorals in der Injektionsmasse wird auch die Beschaffenheit der die Gefe umgebenden Gewebe wol kaum alterirt; ja das letztere bietet, wie zahlreiche Versuche gezeigt haben, in einfacher (1- 2procentiger) Lsung ein vortreffliches Kon- servationsmittel fr verschiedene tierische Gewebe, die man in einem mglichst frischen normalen Zustande lngere Zeit zu erhalten wnscht. So hat sich gelatinses Knochenmark Wochen lang ziemlich unvern- dert erhalten; nur die Blutkrperchen waren stark geschrumpft und die lymphoiden Gebilde zeigten die gleichen Vernderungen, wie in kon- centrirtern Lsungen neutraler Salze. Embryonen und Embryonal- teile hlt der Verf. seit Monaten in einer schwachen Chlorallsung; sie zeigen sich uerlich viel weniger verndert, als in Alkohol. Schwache Chlorallsungen drften sich auch besonders geeignet er- weisen zu mehrtgiger Konservirung von pathologisch vernderten Gewebsteilen und von mikroskopischen Schnitten (mit dem Gefrier- mikrotom erhalten), zu Macerationen u. dgl. m. Ueberhaupt drfte das Chloral in der histologischen Technik als zu den verschiedensten Zwecken geeignet sich erweisen, zumal es auch die Tinktionsfhigkeit der Gewebe, der Bakterieninfiltratiouen etc. nicht beeintrchtigt, und verdient dasselbe in dieser Beziehung nach verschiedenen Richtungen geprft zu werden, so z. B, als Zusatzmittel zu Hrtungsflssigkeiten, um die Schimmelbildung zu inhibiren u. dgl. m. Schlielich sei hier noch bemerkt, dass dasselbe auch in therapeutischer Hinsicht als an- tizymotisches Mittel vortreffliche Dienste zu leisten vermag, so bei Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik. 21 Diplillicrie in Form von Gurgel wssern oder Bepin.selung'cn (erstere in scliwelierer, 1 2 Proeent, letztere in koncentrirterer Lsung). Was nun im speciellen die Darstellungsweise verschiedenfarbiger Leiminjektionsmassen anbetrii^'t, so sei zu dem Obigen noch folgendes hinzugefgt: Zur Herstellung transparenter roter Masse eignet sich am besten die einfache koncentrirte neutrale Karminlsung, deren Darstellung oben beschrieben ist, (das Alkoholprccipitat dagegen lie- fert nicht ausreichend gesttigte Farbentne). Zu einer koncentrirten Gelatinelsung wird die entsprechende Quantitt der Karminlsung hin- zugefgt, die ganze Masse wird auf heiem Wasserbade digerirt, bis die dunkel violettrote Frbung in eine hellrote Nuance berzugehen beginnt; man fgt dann 5^ 10 Volumprocent Glycerin und mindestens zwei Gewichtsprocent Chloral (in koncentrirter Lsung) hinzu und bewahrt, nach Durchseihung durch Flanell, in offener Schale unter einer Glasglocke auf. Durch teilweises Eintrocknen erhlt die Masse noch eine gnstigere Konsistenz. Bei Herstellung von blauer Leimmasse mit lslichem Berlinerblau habe ich mit auf die verschiedenste Weise dargestelltem lslichem Farbstoffe Versuche angestellt, aber alle Prparate gaben bei unmit- telbarer Mischung dersell)en mit der Leimlsung eine gerinnende klumpige oder krnige Masse. Mischt man aber eine kleine Quan- titt stark verdnnter und erwrmter Lsung von Berlinerblau mit einer gleichfalls geringen Menge einer mig verdnnten Gela- tinesolution, so erhlt man eine klare, homogene, blaue Lsung, die nun w^eiter mit grern Quantitten koncentrirter warmer Gelatine- lsung versetzt bei allmhlichem Znsatz von nunmehr nur noch mig verdnnter erwrmter Lsung von Berlinerblau eine vllig homogene transparente saturirte Masse liefert. Zusatz von Chloral und Glycerin macht die Masse konservationsfhig; durch teilweise Koncentration beim allmhlichen Eintrocknen erhlt sie eine geeignetere Konsistenz und mehr gesttigte Frbung. Eine in den Kapillaren gelb, in grbern Gefen brunlich er- scheinende, gut eindringende und sehr haltbare transparente Leim- masse stellt Verf. in folgender Weise dar: eine koncentrirte Gelatine- solution wird mit dem gleichen Volumen einer 4procentigen Hllen- steinlsung versetzt und erwrmt; darauf wird eine ganz geringe Quantitt einer wssrigen Pyrogallussurelsung zugesetzt, welche binnen wenigen Sekunden das Silber reducirt. Die Masse nimmt da- bei eine intensive graubraune Frbung an; in dnner Schicht auf einer Ginsplatte ausgebreitet erscheint dieselbe jedoch in durchfallen- dem Licht schn gelb und transparent. Die Masse kann in gleicher Weise wie die obigen mit Glycerin und Chloral versetzt lange Zeit hindurch vorrtig gehalten werden. Die Injektionsmasse verndert sich weder in Alkohol, noch in Chrom- oder Essigsure oder in chromsaurem Kali u. a., so dass die damit hergestellten Prparate in 22 Hoyer, Beitrge zur histologischen Technik. verschiedenen Flssigkeiten gehrtet werden knnen. Blaue und gelbe Masse gemischt ergeben eine ganz brauchbare grne Masse. Zum Schlsse dieses Abschnitts halte ich es fr zweckmig; noch auf meine im 13. Bande des Archivs fr mikr. Anatomie abge- druckten Beitrge zur Injektionstechnik hinzuweisen und die Herren Histologen zu Versuchen mit zwei der dort beschriebenen Injektions- methoden aufzufordern, da dieselben, soweit ich ersehe, weder bei wissenschaftlichen Arbeiten noch in den Handbchern fr histolo- gische Technik irgend welche Bercksichtigung gefunden haben. Ich hebe hier ausdrcklich die groen Vorzge der Injektion mit salpeter- saurem Silber- Ammoniak vor denen mit reiner Hllensteinlsung zur Darstellung der Gefendothelien (und der feinern Gefstruktur ber- haupt) hervor. Die Herstellung der Lsung ist eine so einfache und mhelose, die damit erhaltenen Zeichnungen so tadellos und instruktiv, dass die mit reiner Hllensteinlsung hergestellten Prparate meist keinen Vergleich damit aushalten knnen. Die reine Hllenstein- lsung diftundirt in die Gewebe und frbt somit nicht nur die Ge- fe, sondern auch die umgebende Bindesubstanz, stellenweise intensiv braun und liefert reichlichere Niederschlge, welche die Anwesenheit von sogenannten Stomata vorspiegeln, als wie das ammoniakhaltige Prparat, welches nur in den Kittsubstanzen der Epithelien, Endo- thelien und glatten Muskelfasern reducirt wird, whrend es die Gruud- substanz des Bindegewebes meist ganz ungefrbt lsst. Ich besitze Gefinjektionen mit salpetersaurem Silberammouiak, welche in Dar- mareinschluss seit Jahren sich vllig unverndert erhalten haben. "Was endlich noch eine andre, am gleichen Orte empfohlene, In- jektiousmasse anbetrifft, nmlich die spirituse Schellackinjektion, so finde ich, dass dieselbe gleichfalls keine Beachtung gefunden hat, trotz der Einfachheit der Darstellung und der ungemeinen Bequem- lichkeit der Verwendung fr makroskopische Prparation feiner Ge- fverteilung. Die Masse kann bestndig vorrtig gehalten werden, wird kalt injicirt, gestattet fast unmittelbar nach Beendigung der In- jektion den Beginn der Prparation, erfllt die feinsten arteriellen resp. vensen Verzweigungen, ohne je den Kapillarbezirk zu ber- schreiten, auer wo unmittelbare Uebergnge von Arterien in Venen vorliegen; sie hebt sich ferner deutlich von den Geweben ab und wird durch Suren nicht zerstrt, so dass sie zu Korrosionsprpa raten klei- nerer Krperteile (Lungcnbronchiolen, kleiner Nierenbecken u. s. w.) sich vortreftlich eignet. Die neuerdings von Dr. Luigi Dalla Rosa em- pfohlene Mehl-Kolophoniunimasse zu kalten Injektionen ganzer Lei- chen (Archiv fr Anatomie und Entwicklungsgeschichte, 1881) ist im Wesentlichen nur eine Modifikation der Sucquet'schen Eu-Koloplio- niummasse und der obigen Schcllackmasse. Hoyer, Beitrge zur histologischeu Technik. 23 3 . E i n s c h 1 u s s f Iti s s i g- k e i t e u . In Nr. 14 der populr -naturwisseiiscliaftliclieii Zeitschrift Isis" vom Jalire 1879 fand Verf. die vom Apotheker Herrn L. Buch em- pfohlene Vorschrift zu einer Lsung- von arabischem Gummi in offi- cinellem Liquor ammoniaci acetiei, welche als Einschlussmittel fr mikroskopische Prparate von Pflanzenteilen gute Dienste leisten sollte. Die nach jener Vorschrift hergestellte, der bekannten Farr aufsehen analoge, Flssigkeit erwies sich als sehr zweckentsprechend auch fr verschiedene Prparate des tierischen Krpers, zumal die damit her- gestellten Objekte, in gleicher Weise wie die Balsam- und Damar- lackprparate, keines weitern Lackeinschlusses bedurften, und auer- dem die Gewebsteile nicht so stark transparent wurden, wie in den strker lichtbrechenden harzigen Einschlussmassen. Die Gummi- lsungen sind berhaupt l)equemer in ihrer Anwendung, als die Gly- cerinmassen; Gelatine und die damit hergestellten Prparate dauerhafter. Verf. versuchte dalier verschiedene Modifikationen der gummsen Einschlussflssigkeit herzustellen, welche von gutem Erfolg gekrnt waren und fr specielle Zwecke sich vortrefflich geeignet erwiesen haben, und zwar hat er auer der Lsung mit essigsaurem Ammoniak eine solche mit essigsaurem Kali und eine dritte mit Glycerin und etwas Chloral dargestellt, welche alle in der Anwendung hchst be- quem sind. Das essigsaure Kali und Ammoniak eignen sich insbe- sondre fr mit Anilinfarben tingirte Prparate, vor Allem fr Bak- terienprparate; die Gummi -Glycerinlsung fr Schnitte von in Chrom- sure, Alkohol u. s. w. erhrteten und mit Karmin oder Hmatoxylin gefrbten Objekten, bei denen es aruf Demonstration feiner Details ankommt. Die Einschlussflssigkeit, in dnner Schicht auf eine Glas- platte aufgetragen, trocknet bereits binnen 24 Stunden zu einer glasi- gen, vllig wasserklareu, homogenen festen Schicht ein; dasselbe ist der Fall an den Rndern des Deckglases von damit hergestellten mi- kroskopischen Prparaten. Die Flssigkeit unter dem Deckglase zer- setzt sich nicht und die Prparate halten sich vortretflich. Die Dar- stellung der Lsungen nehme man in folgender Weise vor: Eine hohe Glaskrause mit weitem Halse (von ca. 60 cc. Inhalt) wird zu ^/g ihres Volumens mit arabischem Gummi in ausgelesenen weien Stcken angefllt (Gummipulver ist ganz ungeeignet). Den zwischen und ber den Stcken brig bleibenden Raum bis an den Hals des Gefes fllt man mit der officinellen Lsung von essig- saurem Kali oder Ammoniak oder mit einer mehrprocentigeu Lsung von Chloralhydrat, der noch 5 10 "/(, Glycerin zugesetzt werden. Das Gummi lst sich bei fterm Schtteln innerhalb weniger Tage in der entsprechenden Solution und bildet eine syrupse Flssigkeit, welche durch Wollpapier filtrirt wird. Die Filtration geht allerdings lang- sam vor sich, ist jedoch binnen 24 Stunden meist vllig beendet. (Das 24 V. Meyer, Das schwammige Knochengewebe. Wollpnpier bezog Verf. ans der Niederlage der Herren War mbrurni, Qilitz u. Comp, in Berlin). Die filtrirte Flssigkeit ist fast vllig hell und klar, insbesondre erscheint sie in dnner Schicht auf einer Glasplatte ausgebreitet vllig wasserklar. Sie lsst sich lange Zeit unverndert erhalten; sollte eine Trbung auftreten von beginnender Wucherung von vSchimraelsporen, so kann man etwas Chloral zusetzen und abermals filtriren. Indess hat sich die Lsung mit essigsaurem Kali seit vielen Monaten beim Verf. unverndert erhalten, whrend die mit essigsaurem Annnoniak und die mit Chloral und Glycerin ein- mal nach ^/2 Jahre haben filtrirt werden mssen. Zahlreiche und mannigfaltig modificirte Versuche verschiedener Forscher (unter anderm auch mit mehr verdnnten Lsungen) werden erst die Lidikationen fr die specielle Verwertung dieser Flssigkeiten sicherer feststellen, als dies dem Verf. bisher mglich gewesen ist, und werden wol auch noch zweckmigere Kombinationen zu Tage frdern. Erwnscht wre es auch, wenn Chemiker, welche sich mit Herstellung von Prparaten fr histologische und physiologische La- boratorien befassen, auch die im Vorstehenden beschriebenen Karmin- prparate, Injektionsmassen und Einschlussflssigkeiten, falls sie sich tatschlich bewhren, in grern Quantitten fertig herstellen und in den Handel bringen wollten, wodurch den wissenschaftlichen Arbei- tern viel unntiger Zeitverlust und mancher misslungene Versuch er- spart bleiben wrden. Das schwammige Knochengewebe. Meine Studien ber die Mechanismen des menschlichen Knoclien- gerstes haben mich schon vor lngerer Zeit zu der Erkenntniss ge- fhrt, dass nicht nur die uere Gestalt der Knochen und deren Ver- bindungen, sondern auch ihr inneres Gefge fr ihre Mechanik von Wichtigkeit sind. Es war schon immer bemerkt worden, dass alle Knochen im Innern einen mit Mark erfllten Hohlraum besitzen und es war darin nicht mit Unrecht ein Verhalten erkannt w^ orden, dessen Wert darin zu finden war, dass auf diese Weise die Knochen mit Erlialtung ihres notwendigen uern Umfangs leichter wlirden. In vollstndiger Anerkennung dieser Tatsache blieb aber noch eine Hauptfrage zu beantworten, ob und in wie weit nmlich sich diese Verminderung der Knochenmasse mit der ntigen Widerstands- fhigkeit der Knochen vertrage. Es ist mir nun vor lngerer Zeit schon gelungen den Nachweis zu liefern, dass die in einem Knochen vorhandene Masse von Knochensubstanz in einer solchen Weise an- geordnet ist, dass sie eine Widerstandsfhigkeit zeigt, w^elche kaum geringer ist, als die Widerstandsfhigkeit eines ganz massiven Kno- chens sein wrde (Eeichert und Dubois' Archiv 1867 S. 615628 V. Meyer, Das schwammige Knochengewebe. ' 25 Die Arcliitektiir der 8poiig-iosa" niul Die Statik und Mechanik des menscliliehen Kiioelieiig-eriists" S. 35 46). Ich habe nn diesen Orten nnchgewiesen, dass der Aut1)an der Knochen aus fester Knochensiil)stanz nach denselben Grundstzen durchgefhrt ist, nach welchen die Ingenieure Gitterbrcken und ge- gitterte Brckenpfeiler herstellen; es ist dasselbe Prinzi}); nach wel- chem auch unsere vierbeinigen Tische gebaut sind; das Prinzip nm- lich, dass statt einer massiven Masse nur eine Peihe von einzelnen Stben verwendet Avird, welche Stbe aber mit ihrer Lngenaxe ge- nau in den Linien liegen, in denen sich der Pielastungsdruck, be- ziehungsweise bei Biegungen der Dehnungszug durch die massive Masse fortpflanzen wrde. Da es nun fr die Widerstandsfhigkeit einer Sule oder eines Tragbalkens sehr wesentlieli auch auf die Gre des Durchmessers ankommt und mit der Gre des Durch- messers die Leistungsfhigkeit sehr bedeutend zunimmt, so ist es mglich mit derselben Masse von Material, wenn dieses in solche Stbe angeordnet auf einen grern Durchmesser verteilt wird, sogar eine viel betrchtlichere Widerstandsfhigkeit zu erzielen, als sie im kompakten Zustande besitzen wrde. Ich habe nun nachgewiesen, dass alle Knochen nach diesen Grundstzen aufgel^aut sind und dadurch viel leistungsfhiger sind, als wenn sie aus derselben Menge von Masse massiv gebildet wren und um Aveniges minder leistungsfhig, als wenn sie mit demselben Durchmesser massiv gebaut wren. Berechnungen, welche zur Er- luterung dieser Stze ausgefhrt wurden, ergaben, dass dieselbe Knochenmasse, welche als massiver Stab von 80 Durehmesser in einer Verwendung als Tragbalken ein Gewicht = 10 zu tragen vermag, fr das Tragen eines Gewichts = 17 gengt, wenn sie in eine Rhre von 100 Durchmesser mit einem Lichten von 60 Durchmesser ver- wandelt ist, und dass sie in ein System von 10 in einander geschach- telten Pliren von 200 Durchmesser verwandelt, gar ein Gewicht von 31 zu tragen vermag. Als Sttzsule verwendet wrde derselbe Stab, wenn seine Tragfhigkeit als massiver Stab = 10 gesetzt wird, in der zweiten Gestalt ein Gewicht = 21 und in der dritten Gestalt gar ein solches = 60 zu tragen vermgen. Ferner lehrten die Berechnungen, dass weim einem massiven Stab durch Aushhlung etwa Vs seiner Masse genommen wird, seine Leistungsfhigkeit in beiden Richtungen nur um etwa 7io ibnimmt. (Vgl. Statik S. 37). Mit Rcksicht hierauf habe ich dann zunchst an den Knochen der untern Extremitt nachgewiesen, wie die zarten Lamellen, aus welchen die rundlichen Knochen der Fuwurzel ganz und an den langen Knochen die Gelenkenden aufgebaut sind, gerade so ange- ordnet sind, dass die grte Leistungsfhigkeit erzielt wird, und wie die festen rhrenfrmigen Mittelstcke der langen Knochen nur da- 26 V. Meyer, Das scliwammige Knochengewebe. durch entstellen, dass in ihnen eine dichtere Zusanimendrngung jener Lamellen stattfindet, Die vernderte Anschauung-, Avelche dadurch fr den Aufbau der Knochen gewonnen v\urde, war die: dass als Grundlage derselben die lamellose Struktur ' Substantia spongiosa") anzusehen ist, und dass die feste Knochenmasse der Ehrenknochen (Substantia dura") nur durch Aneinanderdrngen der Lamellen ent- steht ; whrend die frhere Ansicht war, dass die Grundlage des Auf- baues der Knochen durch die Substantia dura gegeben sei, und dass die Substantia spongiosa nur als eine schwammige Auflockerung der- selben erscheine. Diese Beobachtungen wurden spter mehrfach von Andern wie- derholt und besttigt, ohne dass indess denselben etwas wesentlich Neues zugefgt worden wre, und doch waren in dieser Sache noch einige wichtige Fragen offen. Ich habe nun in neuerer Zeit die Untersuchungen ber diesen Gegenstand wieder aufgenommen, um diese Fragen zu lsen und da- mit noch manche strende Unklarheiten in der Kenntniss des Innern Knochengefges zu beseitigen. Die Ergebnisse dieser Untersuchuiigen, welche sehr interessante neue Gesetze kennen gelehrt haben, habe ich in einem Aufsatze in der Festschrift fr das 50jhrige Doktor- Jubi- lum von Bisch off in Mnchen niedergelegt. Ich habe die Frage, wie die Weiterleitung der Druckwirkung von den den Druck zunchst aufnehmenden stets senkrecht zu der Ge- lenkflche stehenden Lamellen zu Stande komme, bis sie endlichen Widerstand findet , zunchst an den kurzen rundlichen Knochen zu lsen gesucht und habe dabei Folgendes gefunden: Es sind von diesen Knochen diejenigen am einfachsten gebaut, welche von zwei einander parallel gegenberliegenden Flchen Druck erhalten; i]i diesen findet sich in der Mitte zwischen beiden Flchen eine gewisse Anzahl festerer Stbchen, welche, senkrecht zu beiden Flchen gestellt, den Druck von beiden Seiten her aufnehmen, so dass in ihnen die beiderseitigen Druckwirkungen sich gegenseitig vernichten. In solchen rundlichen Knochen aber, welche mehrseitigen Druck em])fangen, findet sich ein rundmaschiges starkes Gefge im Innern, welches im Stande ist, den von verschiedensten Seiten herkommenden Druck aufzunehmen. Diesen wichtigen Teil der Substantia spongiosa, auf dessen Vor- handensein sich die ganze Widerstandsfhigkeit solcher Knochen grndet, welche ganz aus schwammigem Gefge aufgebaut sind, habe ich als intermedire Spongiosa" unterschieden. Durch die Kenntniss dieser Verhltnisse war es mir denn auch mglich, Klarheit in die bis jetzt noch keineswegs gengend erkannte Anordnung der Lamellen in den Gelenkenden langer Knochen, na- mentlich den kopffrmigen zu bringen. Die Mehrzahl dieser Gelenk- enden zeigt einen besondern Kuochenkern in ihrer Entstehung (Epi- Hensen, Physiologie der Zeugung. 27 physe), welclier nach vollendeter Ausbildung- mit dem aus seinem eignen Knoelienkerne entstehenden rhrenfrmigen ]Mittelsteke (Dia- physe) verschmilzt. So lange diese Verschmelzung- noch nicht zu Stande g-ekonmien ist, schliet sich jedes dieser beiden Stcke gegen den noch verknchert dazwischenliegenden Knorpel mit einer kom- pakten Platte ab. Ich tinde nun, dass die strahlenfrmig im Innern der Diaphysen- rhre sich ablsenden, das Gelenkende sttzenden Lamellen nur bis zu der Endplatte der Diaphyse gehen und mit dieser aufhren, dass sie also keine direkte Fortsetzung in die auf den Gelenkflchen stehenden Lamellen zeigen, sondern die Epiphyse als Ganzes sttzen. In der Epii)hyse selbst aber ist der innere Bau der rundlichen Kno- chen mit einer innern intermediren Spongiosa zu erkennen, so dass sie im Stande sind in gleicher Weise von der Gelenkflche, wie von der Diaphyse her den Druck in sich aufzunehmen. Nach geschehener Verschmelzung der Epiphyse mit der Diaphyse verwischt sich zwar diese Trennung ihres innern Gefges mehr oder weniger, ist aber immer noch deutlich zu erkennen. Auerdem fand ich, dass in verschiedeneu Gelenkenden eine Kom- plikation ihres innern Gefges dadurch entstellt, dass den nach den vorher aufgestellten Gesetzen notwendig vorhandenen Lamellen noch andere sich beimengen, welche als Fortsetzungen von Sehnen oder Bndern anzusehen sind, welche sich an das Gelenkende ansetzen. Durch das Erkennen dieses Verhaltens der Epiphysen erhalten wir auch Belehrung darber, wie es mglich ist, dass lange Knochen, deren Gelenkflche wegen unvollendeter Entwicklung noch nicht in kncherner Kontinuitt mit der Rhre des Mittelsteks steht, doch schon die gleiche Leistungsfhigkeit zeigen, Avie Knochen, deren Aus- bildung ganz vollendet ist. Auch wird dadurch die Frage ber das Wachstum der Spongiosa sehr vereinfacht, weil die Auffassung von einheitlichen Lamellenzgen von dem Mittelstcke bis an die Gelenk- flche wegfllt, welche Auffassung der Beantwortung dieser Frage bisher bedeutende Schwierigkeiten entgegengestellt hat. Herniaiiii v. Meyer (Zrich). V. Hensen, Physiologie der Zeugung. Handbuch der Pliysioh)gie herausgegeben von L. Hermann. Leipzig, F. C. W. Vogel, 1881. 304 Seiten. Hensen's Werk, ein Teil des von Prof. Hermann herausge- gebenen Handbuchs der Physiologie", legt ein beredtes Zeugniss ab, nicht nur von der auerordentlichen Flle der Beobachtungen, welche die Forschung der letzten Decennien auf dem Gebiet der Zeugungs- lehre angesammelt hat, sondern leider auch davon, wie wenig zu-- 28 Heiisen, Physiologie der Zeiigung. giiglich fliese Erselieiiiiing:en bis jetzt einer physiologischen Betrach- tung-sweise sind. Auf dem siehern Boden der Tatsachen steht der Verf. fast nur in denjenigen Abschnitten, welche der Scliilderung der im Dienste der Zengung stehenden Organe und Gewebe gewidmet sind, also auf morphologischem Gebiete. Es sei ferne von uns, dem Verf. aus dieser Eigenschnft seines Werks einen Vorwurf zu machen; dieselbe entspricht und entspringt eben dem geg( nwrtigen Stand un- sers Wissens, dessen zusammenfassende Darstellung Hensen's Auf- gabe war. Aber durch den Zwang, den physiologischen Gesichtspunkt in den Vordergrund zu schieben, ist dem Verf. eir.e Beschrnkung in der Behandlung des reichen Stoffs auferlegt worden, die der zum Handbuch der Physiologie" greifende Mediciner vielleicht nicht be- dauern wird, die der Biologe aber sclimerzlich emptinden muss. Hensen hat uns kein Handbuch der Zeugungslehre" geben knnen, sondern nur ein Handbuch der Physiologie der Zeugung" und zwar was wiederum zu bedauerlichen Beschrnkungen Veranlassung ge- geben hat vorwiegend der Physiologie des Menschen. Die Auf- gnbe wurde dadurch einerseits vielleicht nur scheinbar ! erleich- tert, andrerseits aber gewiss sehr erschwert, so dass wir der Weise, wie dieselbe hier gelst ist, vollste Anerkennung nicht versagen kn- nen. Es ist natrlich nicht mglich , in diesem Blatt den ganzen In- halt des Buches im Auszuge wiederzugeben; wir knnen nur einen summarischen Ueberblick zu geben versuchen. Nach einer kurzen historischen Einleitung beginnt Hensen mit der Darstellung des Eies, das als ein selbststndig gewordener, in den weiblichen Geschlechtsorganen gebildeter Krperbestandteil, in welchem sich unter gnstigen Umstnden ein neues Individuum an- legt", physiologisch definirt wird. Ueber die quantitativen Verhlt- nisse der Eier erhalten wir zahlreiche Angaben, welche die absolute Gre derselben und das Verhltniss der Zahl und des Gewichts der Eier zum Gewicht der sie erzeugenden Tiere bercksichtigen, ebenso ber die Chemie des Eies. Dann folgt eine gedrngte Schilderung des Baues und der Entstehung des Eies bei Wirbellosen, hauptsch- lich in Anschluss an H. Ludwig's Abhandlung (Arb. d. Wrzburger zool. zoot. Inst. Bd. 1), und bei Wirbeltieren. Was oben ber die Beschrnkung des Gegenstands gesagt wurde, gilt in hervorragendem Grade vom 2. Kapitel, das die weiblichen Geschlechtsorgane fast ausschlielich des Menschen behandelt (den Eierstock, das Paren- chym desselben, die Graafschen Follikel, das Corpus luteum, die Ausstoung des Eies und seine Aufnahme in die Tuben, endlich die Menstruation). Aus einer eingehenden Darstellung aller Beobachtungen ber die Bedeutung der Menstruation ergeben sich dem Verf. folgende Schlsse: 1) es ist kein vllig fester Zusammenhang zwischen ge- schlechtlicher Erregung, Menstruation und Ovulation vorhanden; 2) die menstruale Blutung ist die Folge einer von langer Hand sich ent- Hensen, Physiologie der Zeugung, 29 wickelnden Vernderung' der Uterinschleimliaut und kann daher nicht den pltzlichen Vernderungen im Eierstock, welche mit der Entleer- ung eines Follikels verknli})ft sind, genau folgen; 3) eine Beschleuni- gung, resp. Verzgerung der Ertiimng des Follikels (Empfngniss vor oder nach der Menstruation) je nach dem geschlechtlichen Um- gang erscheint vorlufig nicht unmglich; 4) die bisher vorliegenden Tatsachen sprechen zu Gunsten der altern Ansicht, dass nmlich die Follikel in der Regel gegen Ende der Menstruation platzen, aber es ist der Nachweis des Eies in der Tube fr die befriedigende Ent- scheidung u n e n t b e h r 1 i ch". In hnlicher Weise wie die beiden ersten Kapitel das Ei, behan- delt das 3. den Samen und den Hoden; nur sind hier die wirbel- losen Tiere noch weniger bercksichtigt. Das folgende Kapitel ist dem Ap})arat zur Ueberfhrung des Samens auf das Ei gewidmet und enthlt auer einem kurzen Ueberblick ber die bei Wirbellosen vorkommenden S})eciellen Einrichtungen wie Parasitismus der Mnn- chen, Bildung von Spermatophoren u.s. w. eine ausfhrliche Schilderung der Drsensekrete der mnnlichen Geschlechtsteile und der Funktionen der mnnlichen und weiblichen Leitungswege bei den Wirbeltieren. Der interessanteste Gegenstand, die Befruchtung, wird etwas kurz im 5. Kapitel abgehandelt. Als Hauptergebniss der Forschung der letzten 50 Jahre steht der Satz fest, dass eine materielle Vereini- gung der Geschlechtsstofife dem Vorgang der Befruchtung zu Grunde liegt." Die Belege dafr liefern Beobachtungen ber den Eintritt der Samenkrperchen in das Ei vom Kaninchen, Frosch, Neunauge, Spul- wurm und Seestern, aus denen Verf. dann Hertwig's Befruchtungs- theorie" entwickelt, welche besagt, dass sich der Best des Keimblschens mit dem Kopf des Samenkrperchens zu einem neuen Kern conjugiren und dass diese Neubildung eines Furchungskerns" in dem sich entwickeln- den Ei das Wesentliche der Befruchtung ist." Indem Ei und Samen- krperchen zusammentreten, wird ein nenes Individuum geschahen. Dies ist der einzige Fall der Erschaffung eines Individuums, der wis- senschaftlich festgestellt ist, alle andern Flle sind Zellteilungen. Der Akt muss wol sehr wichtig sein, denn es macht den Eindruck, als wenn alles Lebende auf der Erde unmittelbar nur dazu da sei, um zur Vorbereitung zur Zeugung, zu dieser selbst und zur Brutpflege zu dienen." Um diesen Vorgang genau kennen zu lernen, stellt Verf. dann noch einen Ueberblick ber die Befruchtung im Pflanzenreich (bei Phanerogamen, Florideen, Characeen) und bei Protisten an und gelangt zu folgender Charakterisirung der morphologischen Seite des Vorgangs : Die Befruchtung ist eine durch uere Krfte (Proto- plasmabewegung, Flimmerung oder Strmung) hervorgebrachte Ver- schmelzung zweier (selten mehrerer) Zellen, die nur selten (Infusorien, Ehizopoden) sich wieder lost. Die Zellen knnen der ganze Inhalt einzelliger Bionten sein, bei hher organisirten Bionten sind sie aus 30 Hensen, Phj^siologie der Zeugung. einer Reihenfolge von Zellenwandlung'en liervorg-egang-en. Die Ver- sclimelziing kann erfolgen, indem der eine Teil in den andern ein- dringt und dann verschmilzt, wahrscheinlich Kern mit Kern, Proto- plasma mit Protoplasma, oder sie erfolgt durch Neheneinanderlegen beider Krper, oder endlich durch trennende feste Substanzen hin- durch, also mittels gelster, in der Nahrung sonst nicht eirculirender Stoffe Nach Vollendung des Vorgangs treten in dem Produkt mor- phologische Sonderungen ein, welche dasselbe gegen Aufnahme neuer Geschlechtsstofte schtzen." Um aber zum Verstndniss des physiologischen Processes der Zeugung zu gelangen, betrachtet Hensen zunchst die andern Arten der Erzeugung neuer Individuen. Urzeugung kommt in der Gegenwart nicht vor ; die Methoden, solche herbeizufhren, sind durch- aus unzureichend. Dennoch muss eine Urzeugung angenommen wer- den, die Verf. sich nach Analogie der geschlechtlichen Zeugung durch Einsprengung eines Stoffes A in eine flssige, sich nicht mit A misch- ende, nicht durch freien Sauerstoff reducirbare Substanz B" herbei- gefhrt denkt. Das Kapitel ber ungeschlechtliche Zeugung oder Zeugung ohne Pefruchiung" erffnet Hensen mit einer ausfhr- lichen Besprechung von Trembley's berhmten Versuchen an Hij(h-a, die sogar durch einen Holzschnitt erlutert werden; Engelmann's Beobachtungen, welche diesen durchaus widersprechen (Zoolog. An- zeiger, L 1879, S. 77), scheinen Verf. unbekannt geblieben zu sein. Darauf werden knstliche Teilung, Pegeneration verlorener Krper- teile und Verwachsung, Pfropfung u. s. w. kurz besprochen und sodann die Erscheinungen der Zeugung durch Teilung, Sprossung, Knospung imd Sporenbildung, unter welcher Kategorie der Generationswechsel, die Ent\\icklung mit Larvenstadien und die Pdogenesis mit behan- delt werden. Daran schliet sich eine Darstellung der Zeugung aus unbefruchteten Eiern" oder Parthenogenesis" nebst deren Wechsel mit geschlechtlicher Zeugung. Der Versuch einer theoretischen Wr- digung der Parthenogenesis" fhrt zu aussclilielich negativen Resul- taten. Das 8. Kapitel handelt von den Einrichtungen, durch welche eine Selbstbefruchtung ermglicht, in einigen Fllen sogar ntig ge- macht wird, sowie von der Inzucht oder Verbindung zwischen Bluts- verwandten und deren im Allgemeinen schdlichen Folgen, ferner von den im Tier- und namentlich im Pflanzenreich bestehenden Einrich- tungen zur Verhtung der Inzucht, wobei die Beobachtungen von Darwin, H. Mller u. A. ber die Vermittlung der Bltenbefruch- tung durch Insekten kurze Besprechung finden. Dann folgt ein Kapitel ber Bastardbildung in der Natur und in der Zucht, die Beschaffenheit der Bastarde, ihre hufige bald relative, bald absolute Unfruchtbarkeit U.S.W. Bei der Betrachtung der Vererbung, welcher das 10. Kapitel gewidmet ist, will Hensen die Vererbung durch geschlechtliche Zeu- gung von derjenigen bei der ungeschlechtlichen Zeugung oder Partheno- Henseu, Physiologie der Zeiigiiug. 31 g-enesis vllig- abtrennen; ja sogar alles, was in der geschlecbtliclien Zeugung letztern Fllen homolog ist, kurz alle rein entwicklungs- gescliiclitlichen Verhltnisse , fernhalten'' und stellt einer Typus- Vererbung" die individuelle Vererbung-" gegenber. Fr diese ge- langt er zu dem Satz: Die individuelle Vererbung ist, sobald Samen und Ei sich vereint haben, virtuell vollendet; alle Einflsse, welche spter den Bionten treffen, knnen nur in Kombination mit den vererbten Eigentmlichkeiten in Wirkung treten. Die individuelle Vererbung ist daher mit vollendeter Befruchtung- nicht minder fest vorausbestimmt als die Typus- Vererbung. Durch die embryonale und nachembryonale Entwicklung- wird die virtuelle zur reellen Vererbung." Die Hauptsttze dafr liefert die Beobachtung- der vollstndigen Aehn- lichkeit der von einem Chorion umschlossenen menschlichen Zwillinge, Avelche beweist, dass die Formvererbung- vollendet war, ehe sie ent- standen; es sind also keine Vererbungskeimchen im Sinne der Darwin'schen Pangenesis" (Ref.) vorhanden, die spter je nach Zuflligkeiten zur Verwendung oder nicht zur Verwendung kommen knnen, denn wren sie vorhanden, so wre die Chance fr eine so groe Aehnlichkeit der beiden Formen, w'ie dieselbe fast stets oder doch sehr oft beobachtet ward, uerst gering." In das Gebiet der individuellen Vererbung fllt auch das Geschlecht, da bei dessen Bildung eine gewisse Freiheit der Wahl zu w^alten scheint. Hinsicht- lich des Zahlenverhltnisses der Geschlechter beim Menschen wird mit aller Reserve, als gleichsam historische Angabe, das Hofacker- Sadler'sche Gesetz angefhrt, wonach 1) wenn der Mann lter ist als die Frau mehr Knaben als Mdchen, 2) wenn beide gleich alt etwas weniger Knaben als Mdchen und 3) wenn der Mann jnger ist als die Frau noch mehr Mdchen erzeugt werden. Sicher ist der Mensch", fgt Hensen mit Recht hinzu, fr eine derartige Statistik ein hchst ungnstiges Material." Auch der Thury'schen Hypothese, wonach das Geschlecht von dem Zeitpunkt der Befruchtung nach der Loslsung des Eies aus dem Ovarium abhngen soll, erweist sich als unhaltbar. Doch glaubt Verf. aus allen Beobachtungen den Schluss ziehen zu knnen, dass ein sehr gnstiger Zustand von Ei und S})erma znr Weibchenbildung fhre." Erfahrungen in individueller Vererbung sind hauptschlich von Zchtern gemacht; dieselben lassen sich zu dem Satz zusammenfassen: Ungleiches mit Ungleichem gepaart gibt Ausgleichung und Aelmliches mit Aelmlichem gepaart gibt Aehnliches." Fr die Einzelflle ergibt sich eine Reihe von praktischen Regeln. Dass bei solcher Lage der Dinge die Diskussion ber eine Theorie der Vererbung" nicht sehr greifbare Resultate liefern konnte, ist einleuchtend. Hensen geht von Darwin's Pangenesis- Hypothese aus und sucht diese, die ihm fr Ei und Sperma die einzig- denkbare Erklrung scheint, fr die weitern Erscheinungen mglichst zu be- schrnken, indem er die correlative Vererbung" in das Gebiet der 32 Hensen, Physiologie der Zeugung. Entwicklimgsgescliiclite verweist, den Atcavismus" nicht eigeutlicli als Vererbung ansielit, sondern als Ausfall der Vererbung gewisser mehr oder weniger individueller Eigentmlichkeiten" und die Not- wendigkeit betont, das Auftreten individueller Eigenschaften auf frhere Entwicklungsstadien zurckzuverfolgen. Vererbung von Ge- wohnheiten, Talenten u.s, w. lassen sich auf Vererbung formaler Ein- richtungen zurckthren ; Vererbung von Erinnerungen ist sehr zweifel- haft. Aus den bekannt gewordenen Tatsachen abstrahirt Hensen 9 Vererbungsregeln; im Anschluss daran teilt er Hckel's bekannte Vererbungsgesetze" mit, denen er jedoch nicht beistimmen kann. So kommt Verf. endlich im' 11. Kapitel, das die Grundlagen der geschlechtlichen Zeugung" berschrieben ist, zur Formulirung der physiologischen Bedeutung des Befruchtungsprocesses. Der Grund- vorgang der Befruchtung ist die Verschmelzung zweier bis dahin ge- trennter Komplexe organischer Substanzen, welche Bestandteile von Zellen sind. Sind diese Substanzen aus sehr vollkommen hnlichen oder auch aus sehr verschiedenen Sften entstanden, so fhrt der Vorgang nur unvollkommen oder gar nicht zur Zeugung, durch nor- male Befruchtung dagegen wird ein neues lebenskrftiges Indivi- duum erschaffen. Der allgemeine Erfolg ist die Erhaltung der Spe- cies, welche durch die geschlechtlich erzeugten Individuen sowol vor zu betrchtlicher Variation als auch vor dem Absterben geschtzt wird. Der specielle und nchste Erfolg ist die Fernhaltung des Todes vom Keim und dessen Produkten. Die Befruchtung hngt nicht unmittelbar, sondern nur indirekt mit der Entwicklung zusammen, jedoch wird der Entwicklungsgang des vor dem Absterben be- wahrten Eies durch sie den Gesetzen der Vererbung gem regirt." Das letzte Kapitel enthlt eine Flle an statistischem Material in Be- zug auf Fruchtbarkeit und Wachstum. Als 13. Kapitel ist eine knappe Darstellung der Physiologie der Geburt des Menschen von Dr. Werth angehngt. J. W. Speiigel (Bremen). Verlag von August Hirscliwald in Berlin. Centralblatt fr die medicinischen "Wissensciiaften. Redigirt von Prof. Dr. H. Kronecker und Prof. Dr. H. Senator. Wchentlich 1 2 Bogen, gr. 8. Preis des Jahrgangs 20 Mark. Abonnements hei allen Buchhandlungen und Fostanstaltcn. Einsendungen fr das Biologische Centralblatt" bittet man an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut'* zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Druck von Junge & Sohn in Erlangen. Biologisches Ceiitralblatt unter Mitwirkung von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummern von je 2 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. IL Band. 15. Mrz 1882. Nr. 2. Inhalt: Danviu Die Bildung der Ackererde durch die Ttigkeit der Regenwrmer. Auutsehin, Ueber einige Anomalien am menschlichen Schdel mit besonderer Bercksichtigung des Vorkommens der Anomalien bei verschiedenen Rassen. Schlllidt-3llhcim, lieber Analyse und Synthese von Gangarten des Pfer- des. Goltz, Ueber die Verrichtungen des Grohirns. KSter, Die Ge- rinnung des Case'ins durch Lab. Liudvall, Zur Kenntniss des Keratins. Low imd Bokorny, Ueber die Lebensbeweguug im Protoplasma. Hof- MieiSter, Zur Frage nach der Resorption des Peptons. Charles Darwin, The formation of vegetable mould through the action of worms, with observations on their habits. 8" VII u. 326 S,, mit Holzschnitten, London, 1881, John Murray. So verschieden aueli die Werke Ch. Dar w in 's ihrem Gegenstande nach sind, sie mgen die Umbildung der Arten und den Ursprung des Menschen behandeln oder sich beziehen auf die Befruchtung und die Bewegungserscheinungeu der Pflanzen, den Ausdruck der Gefhle bei den Tieren, den Bau und die Entstehung der Koralleurifte und der vulkanischen Inseln einen gemeinschaftlichen Zug kann man im- mer in ihnen entdecken, einen Grundgedanken, der sie alle verbindet : die Wrdigung der sehr kleinen Vernderungen und ihre Summation zu den tiefgreifenden Wirkungen, die sie im Laufe der groen Zeit- rume hervorbringen mssen. Wenn es gestattet ist einen mathe- matischen Vergleich hier anzuwenden, so darf man wol behaupten, dass Darwin es versteht, wie vielleicht kein anderer Forscher die Differentiale der organischen Welt zu integriren. Dafr ist uns das vorliegende interessante Buch ein neuer Be- weis. Im Jahre 1837 hatte der Verf. gezeigt (Transactious Geolog. Soc, vol. V. p. 505), dass wenn man beliebige Gegenstnde, Asche, u. dergl. auf eine Wiese streut, man dieselben gewhnlich nach Avenigen Jahren von einer Erdschicht, einige Zoll dick, gleichmig bedeckt findet; sie arbeiten sich hinunter", wie die englischen Bauern sagen. Damals hatte Darwin schon nachgemesen, dass dies schein- 3 34 Darwin, Bildung der Ackererde di;rch die Wrmer. bare Sinken dadurch hervorgerufen wird, dass die Kegenwrmer fort- whrend ihre Exkremente, die wesentlich aus feinen Erdpartikelcheu bestehen, auf der Oberflche des Bodens ablagern und so die Gegen- stnde mit Erde berziehen. Er schloss aus seinen Beobachtungen, dass die Pflanzenerde, diese dunkle Schichte, die in allen nicht gar zu drren Gegenden die Erdoberflche bekleidet aber- und abermals durch den Darmkanal der Wrmer geht und dass sie also, in einer gewissen Hinsicht, wol richtiger als Tiererde" bezeichnet werden drfte. Diese Arbeit Darwin 's wurde besonders von DArchiac ange- fochten, der jedoch dabei von gewissen allgemeinen Gesichtspunkten ausging und nicht etwa eigene Untersuchungen angestellt hatte. Dar- win setzte deshalb seine Beobachtungen fort und teilt uns deren Ke- sultate im vorliegenden Werke mit. Die beiden ersten Kapitel sind der Lebensweise, den Sinnesempfin- dungen und den Handlungen der Regenwrmer gCAvidmet. Die Fa- milie der Lumbriciden ist durch die ganze Welt verbreitet; sie be- steht aus wenigen nahe verwandten Arten, die meistens in der Erde wohnen. In unsern Gegenden sind die EegenwUrmer auerordentlich hufig; sie verweilen whrend des Tags in den Lchern, die sie sich ausgraben, kriechen aber in der Nacht heraus. Zur Zeit der Begat- tung ragt auch, in den ersten Morgenstunden, der grte Teil ihres Leibes aus ihren Gruben hervor. Obwol sie keine Augen besitzen, ist doch ihr Kopfteil gegen Licht etwas empfindlich, wie schon Hoff- meister angibt. Koncentrirt man z.B. das Licht einer Kerze mit Hilfe einer Linse auf das vordere Ende des Wurms, so zieht er sich fast immer in sein Loch zurck. Wenn das Tier aber mit dem Fressen von Blttern beschftigt oder seine Aufmerksamkeit auf irgend eine Weise in Anspruch genommen ist, so lsst es sich durch das Licht nicht stren. Aus letzterm Umstnde und aus der Tatsache, dass sich erhebliche Verschiedenheiten im Verhalten der Wrmer gegen Licht zeigen, schliet Darwin, dass wir es hier nicht einfach mit einer Reflexbewegung zu tun haben, sondern dass Wille und Bewusstsein bis zu einem gewissen Grade mit ins Spiel kommen. Strahlende Wrme scheint weniger wirksam zu sein als Licht. Die Wrmer sind ganz taub. Ihre ganze Oberflche ist gegen taktile Reize sehr empfindlich: sie ziehen sich, selbst bei leiser Be- rhrung oder bei geringen Vibrationen des Bodens, rasch in ihre Gruben zurck. Ihr G eruchsiun ist schwach, ihr Geschmacksinn ziem- lich ausgebildet. Sie fressen die verschiedensten Stoffe : groe Mengen von Erde, Bltter, Fleisch, Fett, ja selbst tote Wrmer; sie sind also, wie sich Darwin ausdrckt, Kannibalen. Ihre Verdauungsflssigkeit ist, nach den Untersuchungen von Fredericq, dem Pankreassaft der hhe- ren Tiere sehr hnlich. Mit dieser Flssigkeit benetzen sie die Blt- Darwin, Bildimg der Ackererde durch die Wrmer. 35 ter bevor sie sie verzehren ein interessantes Beispiel von extra- stomachaler ^) Verdauung , das der Verf. niclit ohne Recht mit den Erscheinungen an insektenfressenden Pflanzen vergleicht. Die Funktion der sechs Kalkdrsen, die an der Speiserhre sitzen, bespricht der Verf. ausfhrlich, und kommt zu dem Resultat, dass sie als Exkretionsorgane dienen, um die Kalksalze, die aus den ab- gefallenen, von den Wrmern gefressenen Blttern, stammen, zu eli- miniren. Nebenbei wird der kohlensaure Kalk der Drsen auch dazu helfen, die Humussuren der Bltter zu neutralisiren , da wahrschein- lich die Verdauungsflssigkeit der Wrmer alkalisch sein muss um gut zu wirken. Nicht allein als Nahrung, sondern auch um den obern Teil ihrer Gruben damit zuzustopfen und auszukleiden, erfassen die Wrmer Bltter, Blattstiele und sonstige Gegenstnde, wie Stckchen Papier, Wolle, Rosshaar oder kleine Steinchen. Um festzustellen ob sie dabei rein instinktiv oder mit einer gewissen Ueberlegung handeln, hat Dar- win ebenso einfache als sinnreiche Versuche angestellt. Wenn vdr ein kleines cylindrisches Loch mit gewhnlichen Dicotylen-Blttern Lindenblttern z. B. zuzupfropfen htten, wre es viel zweckmi- ger dieselben mit der Spitze als mit dem Stiel hineinzubringen, da in letzterm Fall die breite Basis der Bltter bald die Bewegung hemmen wrde. Nun fand der Verf., dass die Wrmer solche Bltter in der Tat fast immer bei der Spitze (79 o/^, der beobachteten Flle), selten bei der Mitte (17 ^Jq), fast nie bei der Basis (4 ^Iq) in ihre Gruben ziehen. Aehnliche Resultate lieferten kleine dreieckige Papierstck- chen, die der Verf. auf den Boden streute; auch diese wurden vor- wiegend mit der Spitze voran in die Lcher gezogen und aus ihrem Aussehen lie sich folgern, dass die Wrmer es nicht zuerst versucht hatten, sie an der Basis zu packen, denn dann wre die Basis vieler Dreiecke zerknittert gewesen, was nur hchst selten der Fall war. Diese und viele analoge Beobachtungen fhren den Verf. zu dem wichtigen Schluss, dass die Regenwrmer trotz der niedern Entwick- lungsstufe, auf der sie stehen, einen gewissen Grad von Verstand be- sitzen." Zwei Mittel haben die Wrmer, um ihre Gruben zu bilden: sie knnen mit ihrem vordem Ende ein Loch in die Erde bohren oder Erde verschlucken und sich so das Loch gleichsam ausfressen. Bei- des kommt bei derselben Species vor. Wie schon oben angedeutet, verschlucken die Wrmer aber auch enorme Mengen von Erde, um die organischen Bestandteile derselben auszuziehen und als Nahrung zu bentzen. 1) Vielleicht passender als uere Verdauung zu bezeichnen, da ja auch z. B. der Speichel bei den Wirbeltieren extra-stomachal" auf die Nah- rung wirkt (Ref.). 3* 36 Darwin, Bildung der Ackererde durch die Wrmer. Hat nun ein Wurm zu diesem oder jenem Zwecke Erde ver- schluckt, so begibt er sicli bald an die Oberflche des Bodens, um sie in Form von Exkrementen auszuwerfen. Sie ist dann von seinen DarmflUssigkeiten durchtrnkt und bildet eine unregelmig cylindrische Masse. Solche Auswrfe von Eegenwrmern sind in allen Teilen der Welt beraus hufig; sie sind in unsern Gegenden verhltnissmig klein, aber der Verf. bildet einige aus Nizza und Indien ab, wo sie sich zu Massen ansammeln, deren Lnge 15 cm. und deren Trocken- gewicht 123 Gramm erreichen kann. In dem dritten Kapitel wird untersucht, wie gro die Quantitt Erde ist, die die Wrmer von unterhalb der Oberflche jhrlich auf dieser ausbreiten. Von zwei Seiten her lie sich das Problem angrei- fen; nmlich erstens, indem mau die Geschwindigkeit feststellt, mit welcher Gegenstnde begraben werden, die auf dem Boden liegen, und zweitens durch Wgung derjenigen Erdmenge, welche in einer bestimmten Zeit heraufgebracht wird. Aus der ersten Methode ergab sich im Durchschnitt eine jhrliche Schicht von 4,5 bis 5 mm.; aus der zweiten eine solche von etwas ber 3 mm. Dicke. Was das Gewicht betrifft, so findet D ar win, dass die Wrmer, Jahr fr Jahr, in vielen Teilen Englands ber 2^2 Million Kilogramm Erde (Trocken- gewicht) pro Quadratkilometer, oder 2^2 Kilo pro Quadratmeter ver- schlucken und wieder auswerfen ganz respektable Mengen, wie man sieht. Dass die Wrmer auch beim Sinken von alten Bauten und bei deren Bedecken mit Erde krftig mitgewirkt haben, geht aus dem vierten Kapitel hervor. Besonders Avurden die in England befindlichen rmischen Ueberreste in dieser Hinsicht untersucht. In manchen Fl- len haben die Gruben der Wrmer das Zusammenstrzen von alten Mauern und das Einsinken von Estrichen verursacht; dagegen ver- danken ihnen die Archologen die gute Erhaltung vieler Altertmer, die sie rasch von einer schtzenden Erdschicht berdeckt und so den Atmosphrilien entzogen hatten. Der Rolle, welche die Wrmer bei dem hochwichtigen Process der Denudation spielen, sind die Kapitel V und VI gewidmet. Be- kanntlich besteht die Denudation darin, dass fortwhrend Substanz von einem hhern zu einem tiefern Niveau der Erdoberflche durch Wind und Wasser hinuntergetrieben wird, um allmhlich das Meer zu erreichen und sich darin abzulagern. Je mehr die Gesteine ver- wittern, je feiner die Erde zerrieben wird, um so ausgiebiger wird die Denudation natrlich sein knnen. Dazu tragen nun die Wrmer in nicht unbetrchtlichem Mae bei. In ihrem muskulsen Magen runden sich selbst kleine Steinchen etwas ab, eine Tatsache, die in geologischer Hinsicht volle Beachtung verdient, da Sorby gezeigt hat, dass die gewhnlichen Desagregationsmittel, nmlich strmendes Wasser und Meereswellen, die Felsenfragmente um so weniger anzu- Darwin, Bildung der Ackererde durch die Wrmer. 37 greifen im Stande sind, je kleiner diese sind. Ferner schleppen die Wrmer bis zu einer gewissen Tiefe abgestorbene Bltter mit sich, welche sich dann zersetzen und Humussuren bilden; letztere werden aber lsend auf viele Felsmassen wirken, wenn sich solche nahe un- ter den Gruben finden. Die Erde kommt aus dem Darmkanal der Wrmer in einem fast schleimigen, fein zerriebenen, teigigen Zustande heraus und kann um so leichter vom nchsten Eegen teilweise weggewaschen werden oder auf jeder geneigten Oberflche etwas herunter gleiten. Dass dieses stattfindet, weist der Verf. durch Messungen und Wgungen nach. Auch der Wind vermag die Wrmerexkremeute mehr oder weniger in seiner Eichtung mitzubewegen. Durch diese schnen Beobachtungen und Errterungen Darwin's ist also der Regenwurm von seiner niedern Stellung emporgehoben, und wir haben in ihm einen nicht zu verachtenden Faktor der Geo- logie und der Agrikultur nher kennen gelernt. Denn der Satz : ohne Wrmer keine Pflanzenerde, ohne Pflanzenerde kein Ackerbau ist wol kaum bertrieben. Die Wrmer sind es, welche die oberflchliche Erdschicht bereiten und sie durch ihren Darmkanal sieben, wodurch sie von allen grbern Steinen befreit wird und immer frische Flchen mit der Atmosphre und mit den Pflanzenwurzeln in Berhrung kommen. Bekanntlich keimen viele Samen weit besser, wenn sie mit etwas Erde bedeckt sind als wenn sie frei an der Luft liegen. Manche bohren sich selbst in den Boden ein; den meisten fehlt aber diese Fhigkeit. Kein Zweifel, dass diese, nachdem sie im Herbst ausge- streut worden sind, bald von Wrmerexkrementen berzogen und ge- schtzt werden und so bis zum nchsten Frhjahr ruhen. Auf diese Eolle der Wrmer wre Eef. geneigt, mehr Gewicht zu legen als es der Verf. getan zu haben scheint. Im letzten Kapitel des Buchs werden die wichtigsten Eesultate der Untersuchungen zusammengefasst. Es mge gestattet sein, daraus folgende Betrachtung zum Schluss zu reproduciren : Wenn wir eine weite, grasbedeckte Strecke betrachten, sollten wir uns vergegenwrtigen, dass die Gltte ihrer Oberflche, von wel- cher ihre Schnheit zum grten Teil abhngt, wesentlich dadurch bedingt ist, dass die Wrmer langsam alle Unebenheiten ausgeglichen haben. Es ist wunderbar zu bedenken, dass die ganze oberflchliche Erdschicht dieser Strecke schon durch den Leib der Wrmer gegangen ist und im Lauf von w^enig Jahren immer wieder durch denselben gehen wird. Der Pflug ist eine der ltesten und wertvollsten Erfin- dungen des Menschen; aber lange bevor der Mensch existirte, war das Land schon von den Wrmern regelmig umgepflgt und sie fahren noch immer fort, es weiter umzupflgen." L. Errera (Brssel). 38 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Dimitrij Anutschin, lieber einige Anomalien am menschlichen Schdel mit besonderer Bercksichtigung des Vorkommens der Anomalien bei verschiedenen Rassen. Mit 104 Figuren im Text. 120 S. 4". Moskau 1880. (Nachrichten der k. Ge- sellschaft der Freunde der Naturforschung, Anthropologie und Ethnographie in Moskau. Band XXXVIII. Lief. 3; oder: Arbeiten der Anthropologischen Sektion Band VI). In Russischer Sprache. Die beraus fleiige und. grndliche Abhandlung bespricht : 1) die Anouaalien des Pterion, 2) des Os Incae und 3) die Stirn- naht beim Erwachsenen. I. Die Anomalien des Pterion. Die verschiedenen For- men des Pterion beim Menschen und den hheren Tieren. (S. 1 59.) L Kapitel. Historische Uebersicht. Nach einer Erklrung des von Broca eingefhrten Terminus Pterion", womit die H-fr- mige Nahtverbindung zwischen dem Scheitelbein, dem groen Flgel des Keilbeins, der Schuppe des Schlfenbeins und dem Stirnbein be- zeichnet wird, geht der Autor in sorgfltiger und bersichtlicher Weise die bisher ber das Pterion verifentlichten Arbeiten anderer Autoren durch. Er bespricht die Abhandlungen von Chizeau, Merkel, Henle, Hyrtl, Barkow, Gruber, Allen, Calori, Virchow, Stieda, Meyer, Mantegazza, Ranke, Lucae und Seh lock er (S. 120). Im IL Kapitel wendet sich der Autor zur Darlegung seiner eig- nen Untersuchungen und Forschungen. Er stellt sich die Aufgabe zu ermitteln, wie es mit der am meisten untersuchten Anomalie des Pterion, mit der Hufigkeit des Stirnfortsatzes der Schlfen- bein s c h u p p e bei verschiedenen Rassen sich verhlt. Hat jener Fortsatz wirklich die Bedeutung eines Rassekennzeichens? kommt er wirklich bei einigen Rassen hufiger vor als bei andern? Die bisherigen Forscher wie Virchow und Ranke machten das hufige Vorkommen bei niederstehenden Rassen wahrscheinlich; aber wie in der lite- rarischen Einleitung gezeigt wurde, sind jene 'Beobachtungen an sehr beschrnktem Material gemacht worden und einzelne Autoren, wie Hyrtl, Gruber, Calori, Stieda haben jener Behauptung wider- sprochen. Es schien daher zur Lsung der Frage geboten, eine mg- lichst groe Menge von Schdeln zu untersuchen. Anutschin hat nun infolge gnstiger Umstnde fast alle groen Schdelsammlungen Europas untersuchen knnen, so dass er mehr als 4000 Schdel pr- fen und auerdem die Beobachtungen anderer Autoren an ca. 10,000 Schdeln damit vergleichen konnte. Anutschin teilt in der vor- liegenden Abhandlung seine Zhlungen, Berechnungen in genauer und Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 39 eingehender Weise mit. Wir knnen hier unmglich alle Zahlen wie- dergeben und mssen uns mit den Hauptzahlen begngen. An Schdeln der schwarzen Rasse Afrikas (Neger und Kaf- fer) untersuchte Anutschin 459. Davon besaen einen Stirnfortsatz der Schlfenschuppe 60 und zwar 37 beiderseitig, 23 einseitig (13 "^/o oder 130,7 auf 1000). Vergleicht mau dieses Verhltniss mit dem, wie es andre Autoren fr europische Schdel festgestellt haben, so springt ein lebhafter Unterschied in die Augen. 8951 europische Schdel mit 141 Stirnfortstzen macht 1,6 /o oder nur 15,7 auf 1000; demnach ist das Vorkommen der Fortstze bei Negern um 8mal hufiger als bei Europern. Eine Zusammenstellung der Beobachtungen andrer Autoren an Negerschdeln ergibt auf 425 Schdel 50 Fortstze; oder 12*^/o oder 11,7 auf 1000. Vereinigt man die Zahl der von Anutschin beobachteten Schdel mit dieser, so erhlt man eine Gesammtzahl von 884 Schdeln und darunter 110 mit vollstndigem Stirnfortsatz oder 12^/0 oder 124 auf 1000. Darnach ist diese Anomalie des Pte- rion bei Negern 8mal hufiger als bei Europern. Unter den 459 Negerschdeln fand Anutschin unvollstn- dige Stirnfortstze 34mal, d. i. 7,47(,; also seltener als die voll- stndigen Fortstze. Bei Europern ist das Verhltniss nach Ranke umgekehrt. Schaltknochen finden sich bei Negern nur 46mal, sonach 10,2*^/0 oder 102 auf 1000; bei Europern nach Ranke eben- soviel: 103 auf 1000. Werden alle Anomalien summirt, nmlich 60 Schdel mit vollstndigem Stirnfortsatz, 34 mit unvollstndigem, 46 mit Schaltkuochen , so gibt das 140 Schdel mit Anomalien auf 459 d.h. 30 /o oder 305 auf 1000 N e ger seh del, whrend Ranke nur 184 auf 1000 europische Schdel fand. Schlielich lenkte der Autor seine Aufmerksamkeit auch auf die Flle der Verkrzung des Pterion ^). Die Sutura spheno-parie- talis hat an den Schdeln der Neger im Allgemeinen eine betrcht- liche Ausdehnung ber 18 mm. ; an vllig normalen Schdeln schwankte die Lnge der Naht von 8 18 mm., an 87 Schdeln waren das Pte- rion deutlich verkrzt bis zu 8 10 mm. Unter diesen Schdeln zeigten 19 den hchsten Grad der Verkrzung, nmlich bei dreien war eine Berhrung der Schlfenschuppe mit dem Stirnbein zu bemerken (die Naht ma 1 mm.); bei 10 war eine deutliche Verkrzung zu sehen (1 3 mm.). Darnach ist diese Anomalie nicht zu hufig 189 : 1000; immerhin ist bemerkenswert, dass Ranke an bayrischen 1) Anutschin gebraucht im Russischen den Ausdruck Verengerung"; es scheint dem Referenten dieser Terminus nicht dem tatschhchen Befund zu entsprechen. Es handelt sich hier gar nicht um eine Verengerung" oder ein Engerwerden", sondern darum, dass der Verbindungsstrich in der H- frmigen Naht der Sutura spheuo- parietalis krzer wird, whrend der Flgel des Keil- beins , sowie der Winkel des Scheitelbeins an der Berhrungsstelle schmler geworden sind. Der Ausdruck Verengerung knnte leicht missverstanden werden. 40 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Schdeln die Anomalie wie 96 : 1000 fand. Zhlt man die hier gefundenen 19 Prozent mit den oben berechneten 30 Prozent zusammen, so erhlt man 49 Prozent, oder mit andern Worten 497 : 1000, d. h. mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Ano- malien oder eine Verkrzung des Pterion sind in der Hlfte aller untersuchten Flle anzutreffen. Wenden wir uns nun zum Verhalten des Pterion bei andern Rassen und vergleichen wir diese mit den Negern. Vor allem sind hier die Australier zu bercksichtigen, bei denen schon andere Forscher hufige Vernderungen des Pterion angetroffen haben. Anutschin konnte selbst 76 Schdel von Australiern untersuchen und fand darunter 6 mit Stirnfortstzen ; dazu rechnet er nun 25 Schdel aus der Sammlung von Davis, darunter ein Stirnfortsatz; demnach in Summa 101 Schdel mit 10 Fortstzen, also 99 : 1000. Eine Zu- sammenstellung der Befunde, welche andre Autoren mitteilen, gibt (S. 26) unter 166 Australier -Schdeln 26 mit vollstndigen Stirnfort- stzen, d. i. 15,6 "^/o oder 156,6 auf 1000. Vereinigt man hiermit die Resultate von 44 Schdeln von Tasmaniern (Van Diemensland), so gibt es in Summa 210 Schdel mit 27 vollstndigen Stirnfortstzen oder 128,6 auf 1000; also fast dasselbe Verhltniss wie bei Negern. Schaltknochen im Pterion sind bei Australiern hufig; unter 61 Australierschdeln fanden sich 14 mit Schaltknochen, d. h. also 22,9 "/o; unter 41 Tasmaniern 15, d. i. 36,6 ^/q. Noch hufiger ist die Verkrzung des Pterion: unter 61 Schdeln von Australiern bei 16, d. i. 29,5%, unter 41 Tasmaniern bei 9, d. i. 21,9 /q. Eine Zusammenstellung der Befunde an den Schdeln der Papuas und Melanesier ergibt unter 205 Schdeln (Anutschin) bei 16, d. i. 78 : 1000 492 (andre Beobachter) bei 44, d. i. 89 : 1000 in Summa bei 697 Schdeln ein vollstndiger Stirnfortsatz bei 60, d. i. 8,6 ''/o, also um 5 mal hufiger als bei Europern. Ein unvollstndiger Stirnfortsatz wurde unter 205 Schdeln von Anutschin 25mal gefunden; unter 130 Papuas von Meyer 12mal, demnach unter 335 Schdeln 37 mal oder 11 "/o, d. i. 110 auf 1000. Schdel mit Schaltknochen fanden sich (Anutschin und andre Be^ obachter) 152 mal unter 587 oder 259 auf 1000. Schdel mit deut- licher Verkrzung des Pterions fanden sich 29 unter 205, d. i. 14,1*^/0. Hieraus darf man gewiss schlieen, dass die Anomalien des Pte- rion auch bei den Melanesiern sehr hufig, jedenfalls nicht seltener als bei Australiern vorkommen. Die Polynesier, speciell die Malaien anlangend, lsst sich Folgen- des ber dieselben sagen. Es findet sich ein Stirnfortsatz bei: 178 (Anutschin) 6 462 Schdel 22 218 Polynesier Seh. (Anutschin) 6 266 (andre Forscher) 7 484 Schdel 13 946 Schdel in Summa 35 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 41 284 Malaien-Schdeln (andre Forscher) 16 Mal = 56,3 auf 1000 33.7 26.8 27,5 26,3 - 26.8 - 36.9 Hiernach stehen die Malaien den Papuas nher als die Polynesier. Ein unvollstndiger Stirnfortsatz wurde unter 224 Schdeln von Malaien beobachtet an 14 oder 6,25% unter 218 von Polynesiern an 12 5,5 %. Schaltknochen wurden gefunden: unter 328 Malaien 84 Mal oder 103,6 auf 1000 unter 388 Polynesiern 36 92,7 auf 1000 in Summa 716 Schdel 70 97,7 auf 1000. In Bezug auf die Verkrzung des Pteriou fhrt Anutschin nur die Resultate seiner eignen Untersuchungen an; er fand eine Ver- krzung unter 178 Malaien 17 Mal d. i. 9,5% unter 218 Polynesiern 20 9,1 % in Summa unter 396 Schdeln 37 9,3"/". Hiernach finden sich Anomalien des Pterion bei Malaien viel seltener als bei Papuas. Im Allgemeinen aber kommen Anomalien des Pterion hier in gleichem Procentsatz vor, wie bei Europern (nach Ranke). Die amerikanischen Schdel anlangend, so konnte Anutschin vor allem Peruanerschdel untersuchen: An 531 Schdeln fand er einen vollstndigen Stirnfortsatz bei 10, d. h. bei 1,88 ^/q. Von sonstigen amerikanischen Stmmen untersuchte er 244 Schdel, darunter 67 Mexikaner und ca. 40 Eskimos; er fand einen vollstndigen Fort- satz bei 5 (1 Mexikaner, 1 Botokude, 1 Karaibe, 1 Columbianeger, 1 von den Ufern des Paget- Sund), d. i. 2o/o oder 20,5 auf 1000. Alle amerikanischen Schdel zusammen 775 gaben 15 Flle oder 1,9^/0- Hiernach ist der Stirnfortsatz bei Amerikanern selten und zwar nicht hufiger als bei Europern. Andre Beobachter z. B. Allen fanden die Anomalie unter ca. 530 Schdeln bei 5, d. h. bei 0,9% oder 9,4 auf 1000. Die andern Anomalien anlangend wurde unter 531 Peruanersch- deln gefunden: ein unvollstndiger Stirnfortsatz bei 12 Schaltknochen bei 32 eine deutliche Verkrzung des Pterion bei 18. Zur mongolischen Rasse zhlt Anutschin folgende Stmme: 1) die eigentlichen Mongolen, Burten und Kalmken; 2) die Chinesen, Koreaner, Japaner, Tibetaner, Indo - Chinesen und andere mongoloide Vlker des sdstlichen Asiens; 3) die mongoloiden Vlker des nrdlichen Asiens: Samojeden, 2. 302 15 3. - 162 - 3 Summa 596 22 tiirk.-finnisch 476') 6 (stl. finn.) westlich-finn. 266 9 42 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Ostjaken, Wogulen, Jakuten, Tungusen, Mandschuren, Giljken, ferner die Buruten und Nogaier. Alle brigen trkisch-finnischen Stmme Ost-Europas, sowie Nord- Asiens und Central-Asiens mssen nach Anutschin zu einer besondern zwischen der kaukasischen und mongolischen Rasse stehenden Gruppe gerechnet werden. In Betreff der Schdel dieser verschiedenen Gruppen sammelte Anutschin eigene und fremde Beobachtungen, welche in folgender Weise zusammengestellt werden : 1. Gruppe 132 Schdel darunter 4 vollst, Stirnfortsatz 3''/o 30,3 auf 1000 - 5% - 49,4 - - - - l,8"/o - 18,0 - - ~ - 3,7 - 36,9 - - l,2/o - 12,6 - - - - 3,40/0 - 34,0 - - Vereinigt man die 266 Schdel der westlichen Finnen mit den 308 Schdeln der stlichen Finnen (in der Zahl 476 enthalten) und mit 33 TUrkenschdeln, so ergibt sich trkisch-finnisch 6 17 Schdel darunter 15 vollst. Stirnf. auf 2,40/,, _ 24 auf 1000. In Betreff der andern Anomalien des Pterion geben wir auf Grund- lage der von Anutschin angefhrten Zahlen folgende Uebersicht: Volksstamm Zahl der Schdel unvollst. Stirn- Schaltknoch. Verkrzung fortsatz Zur mongo- Mal Proc. lischen Gruppe 431 17 3,9 trkisch-finnisch 308 32 10,0 aus Turkestan 168 20 12,0 In Bezug auf den vollstndigen Stirnfortsatz zeigen demnach die 3 Gruppen der mongolischen Rasse dasselbe Verhltniss wie die malaiische Rasse, 3,7*^/o oder 36,9 auf 1000. Die Verkrzung des Pte- rion ist bei den Mongolen hufiger, als bei den trkisch-finnischen Stm- men, und noch hufiger als bei den turkestanischen. Die europischen Volksstmme der kaukasischen Rasse: 195 Schdel aus Kaukasien (fremde und eigene Beobachtungen) zeigten einen vollstndigen Stirnfortsatz 4 mal, das ist 2,0^01 Schaltknochen 36 mal, d.i. 18,9%. Unter 169 Schdeln aus dem Kaukasus fand Anutschin einen unvollstndigen Fortsatz 20 mal d. i. 11,8%? ei^^ deutliche Ver- krzung des Pterion 19mal d. i. 11,2%. (Anutschin fhrt dann eigene Untersuchungen an 91 Schdeln aus Bulgarien an; aber da er hier 39 Trken, 31 Bulgaren, 17 Juden und 6 Armenier zusammenfasst, so haben die angegebenen Zahlen keinen Wert.) Bemerkenswert sind aber die Erhebungen an russischen Sch- des Pterion Mal Proc. Mal Proc 71 2) 16,0 66 15,3 44 14,3 28 9,1 39 23,2 5 2,9 1) Darunter 168 Schdel aus Turkestan. 2) Anutschin bezieht diese Zahl auf 443 Schdel. Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 4:3 dein, welche 916 an der Zahl aus Begrbnisssttten und Kurganen her- stammen. Auf eine Ermittelung der Rasse, ob die Schdel slavischen und finnischen Stmmen einst angehrt haben, lsst sich Anutschin hier nicht ein. Die 916 Schdel verteilen sich wie folgt: Aus Kurganen der Gouv. Jaroslaw und Twer 114 _ _ _ _ Moskau 190 Aus alten Begrbnissen in Moskau 270 Aus Kurgauen und Grbern des Gouv. Nowgorod 114 Tschernigow, Kiew, Kursk, Poltawa 175 Aus Grbern der Gouv. Archangel und Wologda 29 Schdel d Gouv. Kasan und Simbirsk 24 Summa 916 916 Schdel vollst. Stirnfortsatz 16 Mal 1,7 "/o unvollst. 68 7,4 Schaltknochen 154 16,8 Verkrzung des Pterion 79 8,6 317 34,5 Ein Vergleich dieser Zahlen mit denen von Ranke an bayrischen Grberschdeln ermittelten, ergibt sich aus folgender Tabelle: ;. Stirn- unvollst. Schalt- Verkrzung Summa tsatz Stirnfort- knochen des Pterion d. Ano- satz malien 1,7 7,4 16,8 8,6 34,5 1,7 6,0 12,7 9,6 30,0 Russische Schdel 916 Bayrische 2421 Turkestani- sche u. tr- kisch-finn. - 785 1,9 10,3 17,7 7,4 37,3 Die drei Reihen zeigen eine gewisse Aehnlichkeit unter einander; die russischen Schdel nehmen gleichsam zwischen den beiden an- dern Reihen die Mitte ein ; vollstndiger und unvollstndiger Stirnfort- satz finden sich bei russischen Schdeln, wie bei bayrischen in nahezu gleichem Verhltnisse; durch das Vorkommen der Schaltknochen und die Verkrzung des Pterion nhern sich die Russen den Turko- Fin- nen mehr als den Bayern. Zum Schlsse stellt Anutschin alle Resultate zusammen; wir geben seine Tabelle aber in anderer Form wieder. Zahl d. vollst. Schdel Stirn- fortsatz Weie Rasse. Europer: Deutsche,] Franzosen, Italiener,! 9867 157 Mal 1,6 /o 15,9 auf 1000 Russen, Oesterreicher) Asiaten: Kaukasier 195, Indier ^^^(ll94 Turkestaner 1681 Turko-Finnen617 Amerik. Rasse nach Anutschin 775 nach fremden Untersuch. 1560 Mongolische Rasse 596 23 - 1,9 19,2 auf 1000 15 1,9 19,4 auf 1000 23 - 1,5 15 auf 1000 22 - 3,7 44 Anutscliin, Anomalien am menschlichen Schdel. Zahl d. vollst. Schdel Stirn- fortsatz 946 35 - 3,7 697 60 8,6 844 110 12,4 210 27 15,7 Malaiische Rasse Papuas Neger Australier und Tasmanier in Summa 15^169 449^ 2,96 Aus dieser Tabelle muss unzweifelhaft gefolgert werden (S. 34), dass der vollstndige Stirnfortsatz, obwol er bei allen Ras- sen vorkommt, doch keineswegs bei allen in gleichemVer- hltniss gefunden wird. Am seltensten bei Europern, et- was hufiger bei den asiatischen Volksstmmen der weien Rasse und bei Amerikanern (?), dagegen betrchtlich oft bei allen brigen Rassen. Bei Mongolen und Malaien ist der Fortsatz 24 mal so oft als bei Europern; bei den eigentlichen Malaien 3 mal so oft, bei den Papuas 5mal so oft, bei den Negern 8mal, bei den Austra- liern im engern Sinne fast lOmal so oft als bei Europern. Was die asiatischen Stmme weier Rasse sowie die zwi- schen der weien und mongolischen Rasse in der Mitte stehenden Stmme betrifft, so ist das Verhltniss des Vorkommens des Stirnfort- satzes, wie es scheint, grer als bei Europern. Es existirt offenbar eine betrchtliche Differenz zwischen den einzelnen Stmmen. Die Turkestaner (wol meist Iranier) zeigen einen geringern Procentsatz als die trkischen und finnischen Stmme, und diese wieder einen gerin- gern als die kaukasischen und astrachanischen Tataren und die West- finnen. Das von Anutschin fr Europer angegebene Verhltniss fr das Vorkommen des Stirnfortsatzes 1,59 % stimmt recht gut mit der von Virchow ermittelten Zahl 1,6 (3500 Deutsche) und mit Gruber 1,5 (3960 Schdel aus Petersburgs Umgebung). Calori fand unter 1013 Italie- nern nur 8 mal oder 0,8 ^/o; doch haben andere Beobachter bei Italie- nern ein hufiges Vorkommen angegeben. Mit Hinzurechnung der Zah- len anderer Beobachter (Virchow, Davis, Flower) zu den 1013 Ca- lori's erhlt man 1194 Schdel mit 15 Stirnfortstzen oder 1,25 "/o- Man kann ferner schlieen , dass die anomale Vereinigung der Schlfenschuppe mit dem Stirnbein durch einen Stirnfortsatz bei der schwarzen dolichocephalen Rasse des tropischen Afrikas und Austra- liens besonders verbreitet ist. In geringem Mae findet sich der Stirn- fortsatz unter den angrenzenden Malaien und Mongolen, noch geringer bei den brigen Mongolen und Finnen. Den geringsten Procentsatz zeigten die Amerikaner und Europer; unter diesen aber zeigten den hchsten die Westfinnen und Tataren , dann die Gebirgsbevlke- rung Bayerns und die Bevlkerung des nordstlichen und sdlichen Russlands. Ganz im Allgemeinen kann man sagen, dass der Stirafortsatz der Amitscliiii, Anomalien am menschlichen Schdel. 45 Sclilfenscliuppe hufiger bei den niedrig stehenden Rassen ist, als bei den hher stehenden. Doch scheinen die Stammver- wandschaft und die geograpliische Verbreitung, d. h. die grere oder geringere Nhe zum Centrum der Anomalie eine grere Be- deutung zu haben als die Kulturstufe der Rasse oder des Stammes. So zeigen die Malaien und die Chinesen ein greres Procent der Anomalie als die der Kultur nach weit weniger entwickelten Polynesier, oder die amerikanischen Indianer, die Eskimos oder die mongoloiden Vlker Central-Asiens. Das Vorkommen eines unvollstndigen Stirnfortsatzes variirt in folgender Weise: Melanesier-Schdel 335 lljO^/o Kaukasustinme J Turkestaner [ 682 10,7 Trk. -finnische Stmme) Neger 459 7,4 Europ. Eussland 916 7,4 Malaien 224 6,2 Bayern (Ranke) 2421 6,0 Australier ) Tasmanier j 102 5,9 Polynesier 218 5,5 Mongolen 431 3,9 Peruaner 531 2,2 Die meisten Volkstmme halten sich hiernach zwischen 4 7"/o; bei den Melanesiern, sowie den trkisch - finnischen Stmmen, er- reicht die Prozentzahl 11 , whrend sie bei den Peruanern bis auf 2 sinkt. Bemerkenswert ist, dass die Europer in dieser Tabelle nach den Malaien stehen. Bei den asiatischen Vlkern weier Rasse, bei den Europern, den Malaien und Polynesiern wird der unvollstndige Stirnfortsatz hufiger angetroffen als der vollstndige 6, 47-2; 1^/^ 1^/2 Mal ; bei den Mongolen, Amerikanern, Melanesiern sind beide fast gleichmig verbreitet; bei den Negern und Australiern dagegen ist der vollstndige Stirnfortsatz hufiger als der unvollstndige. Die Schaltknochen im Pterion verteilen sich wie folgt: Australier und Tasmanier 102 Schdel 28,4/o Melanesier 587 25,9 Europ. Russland 916 16,8 Kaukasische V., Turkest, \ trk. -finnische Vlker ( 708 16,5 Mongolen 443 16,0 Bayern (Ranke) 2421 12,7 Neger 459 10,9 Malaien 328 10,3 Polynesier 388 9,3 Peruaner 531 6,0 Verbinden wir das Vorkommen des Stirnfortsatzes und der Schalt- knochen, so erhalten wir folgende Proceutstze : 46 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Australier und Tasmanier 41,3% Melanesier 34,5 Neger 23,3 Mongolen 19,7 Europ. Rassen 18,5 * Kaukasier, Turkestanen Turko-Finnen 18,0 Malaien 15,3 Bayern 14,8 Polynesier 12,0 Peruaner 8,0 Eine deutli che Verkrzung des Pterion (8 Mal) findet sicli in fol- gender procentischer Verbreitung: Australier und Tasmanier 24,6"/o Neger 18,9 Mongolen 15,3 Melanesier 14,1 Bayern 9,6 Malaien 9,5 Polynesier 9,1 Russ. Bevlkerung 8,7 Asiat. Stmme wei. Rasse 6,9 Peruaner 3,4 Australier; Tasmanier und Neger nehmen in beiden Tabellen die erste, der Amerikaner die letzte Stelle ein. Die uersten Grade der Verkrzung des Pterion (von 3 mm. bis zur Berhrung) zeigen sich verteilt wie folgt: 78 Chinesen 8,2"/o 120 Mongolen 5,8 102 Australier 5,9 205 Melanesier 3,9 162 Mongol. Vlker Nord-Asiens 3,0 916 Russ. Bevlkerung 3,1 445 Turko-Finnen 2,9 459 Neger 2,8 169 Kaukas. Stmme 1,8 178 Malaien 1,1 218 Polynesier 0,9 l Eine besondere Erklrung dieser Tabelle ist nicht ntig. Alle Anomalien des Pterion zusammengenommen sind bei Austra- : liern und Melauesiern fast ber 2/3 aller Schdel zerstreut, bei den i Negern auf die Hlfte, bei den Mongolen auf 40/o; bei der weien i Easse auf '/g (36 SO^/o); bei den Malaien auf 31 26o/o; bei den j Amerikanern (Peruaner) nur auf Ib^lo- >j Kap. III. Die verschiedenen Formen des Pterion bei den hhern Tieren. Die meisten Autoren bezeichnen den Stirnfort- J satz der Schlfenschuppe als eine T h e r m r p h i e ; V i r c h w als eine pithekoide Bildung. Die dieser Behauptung zu Grunde liegenden s i Anutscliiii, Anomalien am menschlichen Schdel. 47 Beobachtimgen an Tieren, speciell Affenschdeln sind leider nicht sehr zahlreich. Anutschin untersuchte selbst 537 Schdel von Affen der alten Welt (219 anthropomorphe und 318 niedere). Davon konnten zur Beobachtung- der aufgeworfenen Frage 71 nicht bentzt werden, weil an ihnen in der Schlfeng-egend alle Nhte verschwun- den waren; es blieben deshalb nur 466. Davon zeigten eine Ver- bindung der Schlfenschuppe mit dem Stirnbein 299 (642 auf 1000) und zwar 265 beiderseitig und 34 einseitig (570 und 73 auf 1000). Unter den letzten 34 war auf der entgegengesetzten Schlfenseite ein Schaltknochen bei 3 eine unmittelbare Verbindung bei 3 unvollstndiger Stirnfortsatz bei 4 eine bedeutende Verkrzung der Sutura spheno-parietalis bei 24. Unter den 166 Schdeln ohne Verbindung der Schlfeuschuppe mit dem Stirnbein, waren bei dreien auf beiden Seiten die Spuren von verwachsenen Schaltknochen bemerkbar, bei einigen auf einer Seite; ebenso bei einigen eine betrchtliche Verkrzung des Pterion oder ein starkes Eingedrcktsein". Hieraus geht hervor, dass die Verbindung des Stirnbeins mit der Schlfenschuppe bei den Affen der alten Welt viel hufiger ist, als beim Menschen. Im Einzelnen variirt aber das Zahlenverhltniss der betreffenden Anomalie je nach den verschiedenen Species sehr betrchtlich. Gorilla 32 Schdel. Bei 29 eine Verbindung des Stirnbeins mit den Schlfenschuppen auf beiden Seiten, bei 3 auf einer Seite. Chim pause (Trogiodytes) 68 Schdel, darunter 54 mit vollstn- digem Stirnfortsatz. Orang-Utan (Pithecus) 65 Schdel, darunter 18 mit einer Ver- bindung, wobei 11 Mal auf beiden Seiten, 7 Mal auf einer Seite. Gribbon (Hylobates) 27 Schdel, darunter 3 mit Stirufortstzen der Schlfenschuppe, 2 beiderseitig, 1 einseitig. Pavian (Cynocephalus) 81 Schdel; darunter 66 mit einem Proc. frontal., nmlich 63 beiderseitig, 3 einseitig. Makak (Macacus, Inuus) 78 Schdel, darunter 67 mit Proc. front, wovon 9 auf einer Seite und 69 auf beiden. Meerkatze (Cercopithecus, Cercocebus) 63 Schdel, worunter 36 mit Stirnfortstzen, wovon 5 einseitig, 29 beiderseitig. Semnopithecus, Ehinopithecus, Presbytes, Colobus 69 Schdel, darunter 27 mit Proc. front., wovon 6 einseitig. Um die verschiedenen Gruppen mit einander vergleichen zu kn- nen, stellt der Verfasser folgende Tabelle auf: 1. Gorilla 1000 2. Chimpanse 889 3. Macacus 859 4. Paviane 815 48 Anutscilin, Anomalien am menschlichen Schdel. 5. Meerkatze 571 6. Semnopithecus 391 7. Orang-Utan 292 8. Gibbon 125. Hieraus g-elit hervor : 1) die Vereinig-nng der ScWfenschuppe mit dem Stirnbein findet sich nicht in demselben Verhltniss bei den ver- schiedenen Species der Afifen der alten Welt. 2) Bei 5 Species: Gorilla, Chimpanse, Macacus, Pavian und Meerkatze, ist die Vereinigung so hufig; dass sie als normal bezeichnet werden muss; bei den brigen 3 Species: Semnopithecus, Orang und Gibbon findet sich jene Ver- einigung nur in ^j^, V4 oder gar nur ^g aller Schdel, ist demnach als Anomalie anzusehen. 3) Die anthropomorphen Aifen zerfallen mit Bercksichtigung der Form ihres Pterion in zwei Gruppen, von denen die eine, die afrikanische (Gorilla und Chimpanse) sich mehr vom Men- schen entfernt, whrend die andere, die asiatische (Orang und Gibbon) sich dem Menschen nhert ; die brigen Affen der alten Welt stehen zwischen beiden Gruppen. Schaltknochen im Pterion finden sich unter 466 Schdeln nur bei 29, also bei weitem seltener als beim Menschen. Im Gegensatz zu den eben besprochenen Affen der alten Welt (Katarhinen Geoffr.) verhalten sich die Affen der neuen Welt (Platyrhinen Geoffr.). Es haben dieselben in ihrem Pterion einen ganz besondern Typus, wodurch sie sich bedeutend vom Menschen unterscheiden. Diese Eigentmlichkeit besteht, wie schon Joseph 1874 nachwies, darin, dass sich nicht 4 Knochen sondern 5, nmlich ausser den bekannten, noch das Jochbein an der Bildung des Pterion betheiligen. Es existirt eine besondere Naht Sutura parieto-jugalis und durch die bestehende Vereinigung wird der groe Flgel des Keilbeins vom Stirnbein getrennt, so dass derselbe nun mit dem Scheitelbein, Jochbein und Schlfenbein sich vereinigt. Die beschriebene Form des Pterions findet sich bei folgenden Species: Cebus, Lagothrix, Pithe- cia, Brachyurus, Callithrix, Chrysothrix, Hapale, Nyctipithecus, Ateles und Mycetes. Doch kommen hierbei noch gewisse Abweichungen vor, von denen der Verfasser 6 anfhrt. Bei den brigen Sugetieren wird im Allgemeinen eine Ver- einigung des Stirnbeins und der Schlfenschuppe nicht angetroffen, insofern als der groe Keilbeinflgel und der Ang. sphenoidal. des Scheitelbeins trennend dazwischen treten. So wenigstens bei denPro- simiae, Carnivora, Insectivora, Pinnipedia, Cetacea, Ruminantia und wol auch bei den Chiroptera. Eine Vereinigung des Stirnbeins mit der Schlfenschuppe kommt nur als individuelle Anomalie vor. An Raub - tier-Species konnte Anutschin untersuchen: Ursus 65, Felis 86, Canis 76, andere Species 64. Die Vereinigung der Nhte des Pterion ist normal, nur ist die Ausdehnung der Naht sehr verschieden. Eine Berhrung des Stirnbeins mit der Schlfenschuppe wurde angetroffen Auntschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 49 bei einem Bren- und bei 7 Felis- Schdeln. Nach Blasius soll sich der Schdel der Wildkatze dadurch vom Schdel der Hauskatze unterscheiden 7 dass bei der Wildkatze das Stirnbein und Schlfen- schuppe einander berhren, bei der Hauskatze nicht. Anutschin fand unter 5 Schdeln an Wildkatzen nur bei zweien eine Vereinigung des Stirnbeins mit der Schlfeuschuppe. Die Einzelheiten in Betreff der brigen Sugetiere (S. 43 u. 44) lassen wir bei- Seite. Das IV. (und letzte) Kapitel beschreibt die Entstehung und die Bedeutung der Anomalien des Pterion, insonderheit des Stirn- fortsatzes der Schlfenschuppe (S. 45 59). Nachdem der Verfasser die Ansichten der andern Autoren ber die Entstehung des Stirnfortsatzes in Krze mitgeteilt (Grub er, VirchoW; Ranke, Stieda, Schiocker) imd kritisirt hat, wendet er sieh zur Darlegung seiner eigenen Meinung in der fraglichen An- gelegenheit. Zum Schlsse fasst er seine eigenen Ansichten folgen- dermaen zusammen : 1) Die anomale Verbindung der Schlfenschuppe mit dem Stirn- bein ist beim Menschen im Allgemeinen als eine Theromorphie auf- zufassen uud zwar ist die Verbindung durch Vermittlung eines Stirn- fortsatzes der Schlfenschuppe als eine pithekoide zu bezeichnen, weil sie in normaler Weise nur bei einigen Species der Primaten (An- thropomorpha und Katarbina) vorkommt. 2) Die verschiedeneu menschlichen Rassen neigen nicht in glei- cher Weise zu dieser Anomalie. Bei den niedrig stehenden dunkel- hutigen und wollhaarigen Rassen (Australier, Papuas und Neger) ist der vollstndige Stirnfortsatz am meisten verbreitet; weniger bei den Vertretern der malaiischen und mongolischen Rasse; am wenigsten bei der amerikanischen und weien, meist um 5 8 mal seltner, als bei den dunkeln Rassen. 3) Die verschiedenen Species der Primaten unterscheiden sich in Hinsicht ihres Pterion noch mehr von einander als die verschiedenen Men- schen-Rassen. Bei den Gibbon, Oraug, und den Semnopithekeu er- scheint der vollstndige Stirnfortsatz der Schlfenschuppe als Anoma- lie, dabei aber bertrifft die Procentzahl des Vorkommens der Anoma- lie beim Gibbon nicht die fr Australier und Neger festgestellte Zahl. Bei den brigen Species der Katar hinen gewinnt die Anomalie im- mermehr den Charakter der Norm, insbesondre bei den Makaken, Chim- panse, Gorilla, whrend hingegen bei den Platyrhinen die Anomalie sehr selten ist und die normale Beschaffenheit des Pterion als eine be- sondere charakteristische Eigenschaft dieser Gruppe angesehen wer- den kann. 4) Der Processus frontalis entsteht bisweilen im Gegensatz zu Gruber's Ansicht aus Scbaltknochen, welche mit der Schlfen- schuppe verschmelzen. Die von Grub er und Virehow gegen diese 4 50 Anutscliin, Anomalien am menschlichen Schdel, Bildungsweise angefhrten Einwnde sind unzureichend und nicht ber- zeugend, weil es wol konstatirte Flle gibt, in welchen die Schaltkno- chen mehr oder weniger, d. h. teil weise mit der Schlfenschuppe ver- schmolzen. Der Hinweis auf die Primaten hat hiebei keine Gltig- keit, weil auch bei ihnen Schaltknochen vorkommen und weil diese in gleicher Weise wie beim Menschen mit den benachbarten Knochen ver- wachsen. 5) Andrerseits unterliegt es keinem Zweifel, dass die Bildung eines Wo rm 'sehen Knochens in der Keilbeinfontanelle keineswegs die Norm ist und dass der Process. front, squamae ossis temp. auch als Fortsatz (Auswuchs") der Schuppe entstehen kann, welcher gegen Ende des Uterinlebens oder bald nach der Geburt in den zwischen Angulus pa- rietalis und dem Keilbeinflgel frei bleibenden Raum hineinwchst. In diesem Fall wird bei Grerwerden jenes Auswuchses eine Verschmel- zung mit dem Verkncherungspunkt im Bindegewebe der Fontanelle leicht erfolgen. 6) Was die nchsten Ursachen betrifft, welche die Bildung der Ano- malien des Pterion begnstigen, so liegen noch zu wenig Tatsachen vor, um eine bestimmte Vorstellung darber zu gewinnen. In Betreff des Stirnfortsatzes der Schuppe , der Schaltknochen und der Verkr- zung des Pterion kann man nur sagen , dass die Bildung mglich ist infolge des verlangsamten Wachstums des Angulus parietalis des Scheitelbeins und des Keilbeinflgels. Was aber die Verlangsamung des Wachstums betrifft, so knnen wir uns darber gar keine Vorstel- lung machen. Vielleicht, dass derartige Anomalien unter dem Einfluss der Erblichkeit als atavistisch erscheien. 7) Unvollstndige Fortstze oder Schaltknochen sind nicht fr Theromorphien zu erklren, weil sie bei den Primaten seltner erscheinen, als beim Menschen. Eine bedeutende Verkrzung des Pterion ist schon eher ein bestimmtes Zeichen eines niedrigen Typus; das unmit- telbare Zusammenstoen (Verbindung) der Schlfenschuppe mit dem Stirnbein ist entschieden eine brigens sehr selten auftretende Thero- morphie. Diese Anomalie unterscheidet sich durch ihre charakte- ristische Form sehr bedeutend von dem vollstndigen Stirnfortsatz, in- sofern als die betreffenden Winkel des Scheitelbeins sowie der groe Keilbeinflgel nicht entwickelt und dadurch das Pterion bis aufs Aeu- erste verkrzt ist. Dessen ungeachtet existiren vielfache ebergangs- formen zwischen beiden Anomalien, so dass es mitunter schwierig wird eine Entscheidung darber zu treffen , ob ein bestimmter Fall zu der einen oder der andern Kategorie gerechnet werden soll. Wie dem auch sei, alle jene Bildungen sind Anomalien; ein sehr zahlreiches Vorkommen der Anomalie ist charakteristisch fr die Australier, Mela- nesier, Neger und Mongolen, nicht aber fr hoch stehende Kulturrassen, wie die weie. 8) Die Frage nach dem Einfluss der Anomalien des Pterion Schmidt-Mlheim, Gangarten des Pferdes. 51 auf das Hirn erfordert zai ihrer BeantwortuDg noch weitere Unter- suchuDgeD. Wie es scheint ist der Einfluss der Anomalie des Pterion (ausgenommen vielleicht der Fall mit eingedrcktem Pterion) sehr be- schrnkt. Jedenfalls sind Flle eines vollstndigen Stirnfortsatzes be- kannt, bei Vielehen in der Gestalt der entsprechenden Hirnlappen kei- nerlei Abweichungen von der Norm zu bemerken waren. Auerdem wissen wir, dass bei einigen Species der Primaten zwei verschiedene Formen des Pterion vorkommen, ohne dass dadurch am Hirn zwei verschiedene Formen nachweisbar wren. Der Einfluss der Ano- malien auf die allgemeine Konfiguration des Schdels ist auch, wie es scheint, unbedeutend. Im Allgemeinen bieten uns alle Anoma- lien des Pterion, besonders aber der Stirnfortsatz der Schlfenschuppe, ein gewisses Interesse in morphologischer und vergleichend- anatomischer, aber nicht in physiologischer oder pathologischer Hin- sicht dar. Sie sind interessant, weil sie uns ein neues Zeichen geben, das zur Charakteristik der Rassen bestimmt werden kann und uns er- kennen lsst , in wie weit die eine oder die andere asse zu thero- morphen Bildungen hinneigt. L. Stieda (Dorpat). Schniidt-Mlheim , eber Analyse und Synthese von Gang- arten des Pferdes. Journal fr Landwirtschaft. Jahrg. 1881. Bd. XXIX. Bis vor Kurzem sttzten sich unsere Kenntnisse von den Gang- arten des Pferdes ausschlielich auf Beobachtung an sich bewegenden Tieren. Bei der sehr bedeutenden Trgheit des menschlichen Gesichts- sinns konnte es deshalb nicht befremden, dass eine genaue Schilde- rung der uern Erscheinung der schnellem Gangarten auf unber- windliche Hindernisse stie, so dass beispielsweise die sehr umfang- reiche Literatur ber den Galop ein buntes Chaos darstellt, reich an den heterogensten Meinungen, uerst arm hingegen an sichergestell- ten Tatsachen. Gengte das Auge des Beobachters doch nicht einmal zur Lsung der Fnndamentalfrage, in welcher Reihenfolge die Glied- maen den Boden verlassen und wieder berhren. Jede denkbare Ansicht hatte hier ihre Vertreter und es war vllig dem individuellen Geschmack berlassen, welcher Auflassung man sich anschlieen wollte, da ein vollgiltiger experimenteller Beweis fr die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der einen oder andern Anschauung nicht zu er- bringen war. Und dieses auch dann nicht, als man es unternahm, das weit prompter reagirende Gehrorgan als weiteres Hilfsmittel heranzuziehen und zu dem Zwecke abgestimmte Glocken an den Glied- maen der Versuchstiere befestigte. Denn wie wenig frei auch diese 4* 52 Schmidt-Mlheim, Gangarten des Pferdes. brigens schon vor langer Zeit in Anwendung gewesene Versuchs- anordniing von den individuellen Eigenschaften der Beobachter ist, erhellt zur Genge aus zwei im Archiv fr Tierheilkunde zu findenden Angaben der letzten Zeit: nach der einen (Braun) verlsst beim Galop der vorgreifende Vorderfu zuerst, nach der andern (Elleu- berg) zuletzt den Erdboden. Marey hat uns bereits vor acht Jahren ein graphisches Unter- suchungsverfahren gebracht, welches selbst die schnellsten Gangarten exakt und unabhngig von der Individualitt des Beobachters zu ver- folgen gestattet. Die Einrichtung des graphischen Apparats darf wol als bekannt vorausgesetzt werden, da sie erst auf Seite 408 u. 431 Bd. I dieser Zeitschrift eine Schilderung erfuhr. Bei seinen Untersuchungen ber die Ortsbewegungeu des Pferdes lie Marey einen Reiter die mit vier Schreibstiften versehene rotirende Trommel tragen, whrend sich unter jedem Huf des Pferdes eine mit je einem Tambour kommu- nicirende Gummikapsel befand. Beim Auftreten der Gliedmaen wurde also die Spannung der Kautschukmembran am Tambour erhht, wh- rend sie beim Verlassen des Bodens auf ihren alten Wert sank. Diese Exkursionen zeichneten dann die Schreibstifte auf den rotirenden Pa- piermautel und aus den so gewonnenen Kurven lie sich nunmehr leicht der zeitliche Verlauf der Bewegung feststellen. Marey hat auf diese Weise hchst beachtenswerte Resultate erzielt; so hat er z. B. die erste exakte Schilderung des Galops gegeben, und hinsicht- lich des Trabs ermittelte er, dass beim gewhnlichen Trab die Dauer des Auftretens durchschnittlich doppelt so lange whrt wie die Zeit, whrend welcher der Krper in der Luft schwebt. Noch ehe es der eben beschriebenen graphischen Methode ver- gnnt war, sich in weitere Kreise einzubrgern, wurde sie in den Hintergrund gedrngt durch einen Erfolg des Amerikaners Muybridge. Dieser konstruirte einen elektrophotographischen Apparat, welcher nach den Angaben des Erfinders noch Bilder zu fixiren im Stande ist, die nur 0,0005 Sekunden bestanden haben und mit welchem es ihm im vollsten Sinn des Worts gelungen ist. Unsichtbares sichtbar zu machen. Bei seinen Arbeiten verfuhr er mit so viel Geschicklichkeit, dass seine Leistungen gleich groes Aufsehen in wissenschaftlichen wie in technischen Kreisen erregen mssen, und darber kann keinen Augenblick Zweifel aufkommen, dass die von ihm in Anwendung ge- brachte Uutersuchungsmethode den Ausgangspunkt zu einer vlligen Reform auf dem Gebiete der Lehre von den Ortsbewegungen abgeben wird, denn sie ermglicht es, die Lagevernderung eines jeden Punk- tes der Krperoberflche whrend der Bewegung genau zu verfolgen. Hiermit soll freilich keineswegs gesagt sein, dass die bisherigen Lei- stungen, so hervorragend sie immer sind, dieses Ziel bereits erreicht htten; vielmehr sei betont, dass wir uns erst auf dem Anfangswege dahin befinden. Besonders fehlt es bis zur Stunde noch ganz an Sclimiclt-Mlheim, Gangarten des Pferdes. 53 zeitlich genau korrespondirenclen Darstellmig'en auf zwei sich recht- winklig- schneidenden Projektionsebenen, vermittels welcher man doch allein im Stande wre, jeden Punkt der Krperoherflche whrend der Bewegung rumlich genau zu verfolgen. Die bisherigen Leistun- gen des photographischen Verfahrens knnen wir demnach nur als Anfnge zu einem strengern Studium der Gangarten betrachten. Einem Aveitern Studium der Lehre von den Ortsbewegungen knnte es nur frderlich sein, wenn das neue Untersuchungsverfahren aus den Hnden der reinen Technik in die der Wissenschaft gelangte. Muybridge bediente sich nun einer Camera mit einem elektri- schen Verschluss, der ein blitzartig schnelles Oeffnen und Schlieen gestattete. Eine grere Anzahl dieser Apparate befand sich in einer Keihe dicht neben einander aufgestellt und zwar in regelmigen Ab- stnden. In einer bestimmten Entfernung von diesen Apparaten be- wegte sich ein Pferd mit mglichst gleichmiger Geschwindigkeit durch das Gesichtsfeld. Es wurde nun von diesem Tier eine ununter- brochene Keihenfolge von Aufnahmen dergestalt angefertigt, dass nach dem Fortrcken des Krpers um wenige Zoll eine neue Aufnahme erfolgte. Da die Abstnde der Apparate gleich gro waren und da weiterhin der Pferdekrper eine mglichst gleichmige Geschwindig- keit besa, so war der Knstler im Stande, die einzelnen Aufnahmen durch annhernd gleiche Intervalle zu trennen. Zur Vermeidung von Missverstndnissen sei ausdrcklich hervor- gehoben, dass bei 'der Herstellung einer derartigen Serie das erste Bild keineswegs einer genau bestimmbaren Haltung des Pferdes ent- spricht oder gar die Einleitung zur Bewegung darstellt ; die Bilder geben uns \delmehr nur verschiedene aufeinanderfolgende Phasen von einem bereits in gleichmiger Bewegung befindlichen Tiere. Dass aber die andern Punkte dem photographischen Verfahren unerreich- bar seien, soll hiermit keineswegs zugestanden werden; im Gegenteil scheint mir gerade diese Methode vorzglich geeignet, festzustellen, auf welche Weise die Bewegung eingeleitet wird. Unzweifelhaft die bedeutendsten Leistungen Muybridge's be- ziehen sich auf den Galop. Sie rechtfertigen die Anschauungen Ma- rey's; sie ermglichen aber auch eine Analyse der genannten Gang- art, wie diese bei frhern Verfahren auch nicht annhernd erreichbar war. Whrend eines einzigen Galopsprungs konnte man fnf aufein- anderfolgende und durch gleiche Intervalle getrennte Aufnahmen er- halten. Das Pferd bewegte sich im kurzen Galop rechts. Nach einer jedesmaligen Vorwrtsbewegung von 21 Zoll oder nach Ablauf von 0,04 Sek. fand eine neue Aufnahme statt. Jede einzelne Platte blieb 0,0005 Sek. exponirt. Hervorragend bemerkenswert ist nun Folgendes : Schwebt ein rechts galopirendes Pferd in der Luft, so ist sein Oberkrper ziemlich horizontal gerichtet ; wird alsdann der Boden be- rhrt, so kommt zunchst die linke Hintergliedmae nieder. Kurze 54 Sclimidt-MUlheim, Gangarten des Pferdes. Zeit spter kommen linkes Vorder- nnd rechtes Hinterbein gleichzeitig nieder, die rechte Vordergliedmae allein hat den Boden noch nicht erreicht und ist weit nach vorn gerichtet. Der Oberkrper hat bis jetzt immer noch die horizontale Richtung beibehalten. Hat aber wenige Momente spter die linke Hintergliedmae wieder den Boden verlassen, so liegt die Hinterhand hher als die Vorderhand; gleich- zeitig ist jetzt auch das rechte Vorderbein niedergekommen und weit nach vorn gesetzt; das rechte Hinterbein und das linke Vorderbein befinden sich im Zustande extremster Streckung. Im nchsten Mo- ment verlassen auch diese Gliedmaen den Boden und die Hinterhand bekundet hierbei ein solches Uebergewicht ber die Vorderhand, dass sie weit hher als diese zu liegen kommt. Der Krper schiet also nach vorn und unten bis das rechte Vorderbein, welches allein noch den Boden berhrt, aktiv eingreift und den Krper krftig vom Bo- den abstt. Ist dieses erreicht, so schwebt das Tier wieder in der Luft und der Oberkrper ist horizontal gerichtet. Wir ersehen aus dieser Darstellung, dass das vorgreifende Vorderbein hnlich der Springstange eines Turners fuuktionirt. Weit nach vorn gerichtet, trgt es jn einem gegebenen Augenblick allein noch die Last des in der Bichtung nach vorn und unten schieenden Krpers und schleu- dert diesen durch heftigen Absto nach oben. Je krftiger letzteres geschehen wird, desto grer wird unter sonst gleichen Umstnden der Raum sein, den der Krper in der Luft durchschwebt. Im Uebri- gen kommen also die Gliedmaen in derselben Reihenfolge nieder, in der sie den Boden verlieen; beim Galop rechts also zunchst das linke Hinterbein, zuletzt das rechte Vorderbein. Hinsichtlich einer den gestreckten Galop darstellenden Serie von zehn Aufnahmen sei nur kurz bemerkt, dass diese Gangart sich nicht unwesentlich vom Schulgalop unterscheidet. So kommen z. B. rech- tes Hinter- und linkes Vorderbein nicht gleichzeitig zu Boden, son- dern ersteres nennenswert frher als letzteres. Sehr bemerkenswert ist auch der Umstand, dass bei dieser Gangart weit grere Anfor- derungen an die Vordergliedmaen gestellt werden als beim Schul- galop. Durch die Momentbilder wird nmlich der Nachweis gefhrt, dass diese Extremitten sich nicht allein am Abstoen des Krpers vom Boden, sondern bis zu einem gewissen Grad auch direkt an der Vorwrtsbewegung beteiligen, denn unmittelbar vor dem Verlassen des Bodens ist der Sttzpunkt dieser Gliedmaen weit hinter dem Schwerpunkt des Pferdekrpers gelegen. Nicht minder lehrreich sind zehn den gestreckten Trab darstel- lende Aufnahmen. Wir erfahren aus ihnen, dass die diagonal gestell- ten Vorder- und Hintergliedmaen nicht genau korrespondirend ar- beiten, sondern dass die erstem etwas frher den Boden verlassen, als die letztern. So erheblich ist diese Differenz, dass wir in zwei Bildern das Pferd erblicken, wie es nur noch ein Hinterbein auf dem Schmidt-MlheiiB, Gangarten des Pferdes. 55 Boden hat. Weiter erfahren wir aus dieser Serie, dass beim gestreck- ten Trab der Krper lnger ber als auf dem Boden weilt, whrend wie wir durch Marey wissen beim gewhnlichen Trab das Umgekehrte der Fall ist. Ich habe wol in Deutschland zuerst die allgemeine Aufmerksam- keit auf den hohen wissenschaftlichen Wert der Momentbilder hinge- lenkt; jedenfalls habe ich in meinem Grundriss der Physiologie der Haustiere" (Leipzig 1879) zuerst eine Schilderung der Gangarten des Pferdes an der Hand des neuen Untersuchungsverfahrens gebracht. Bei dem gewaltigen Abstand der neuern Errungenschaften von den Anschauungen einer altern Zeit konnte es mich nicht befremden, wenn meine Darstellung nicht in allen Kreisen Zustimmung fand. Um so mehr hielt ich es fr geboten, nach einem Beweismittel fr die Richtigkeit der von mir vertretenen Anschauungen zu suchen, welches selbst den Zweifler zu beruhigen im Stande ist, der ohne besondere physiologi- sche Vorbildung an die Bilder herantritt, und ich glaube in der S}ti- these der Gangarten tatschlich ein solches gefunden zu haben. Sind, so sagte ich mir, die entwickelten Anschauungen richtig, so muss es gelingen, die Gangarten synthetisch zu erzeugen, sobald man die strenge Reihenfolge der Bilder im schnellen Wechsel dem Auge dar- bietet. Zu dem Ende konstruirte ich eine stroboskopische Scheibe, verteilte auf dieser die Bilder in ihrer Reihenfolge von rechts nach links und versah die Scheibe mit so viel peripheren Lchern als Bil- der vorhanden waren. Nunmehr befestigte ich die Scheibe auf einem Rotationsmechanismus und brachte ihre gut beleuchtete Vorderflche vor einen Spiegel. Blickte ich jetzt in miger Entfernung von der Rckflche der Scheibe durch eins der peripheren Lcher in den Spie- gel und fixirte das Bild eines Pferdes, so gewahrte ich bei einer mig schnellen Rotation von links nach rechts, whrend welcher das Auge unverweilt in den Spiegel schaute, Bewegungen, welche voll- stndig an die von lebenden Pferden ausgefhrten erinnerten. Durch zweckentsprechende Rotation der Scheibe gelang es, die Bewegungen des Pferdes nach Belieben zu beschleunigen oder zu verlangsamen, letzteres bis zu einem Grad, dass ich jetzt Verhltnissen zu folgen im Stande war, deren Beobachtung am lebenden Tiere nicht mehr gelingen wollte. Die Synthese glckte sowol mit Bildern, welche den Trab, als auch mit solchen, welche den Galop und den Rennlauf darstellten. Die Synthese der Gangarten liefert wol den schlagendsten Be- weis fr die Richtigkeit der von mir vertretenen Anschauungen. So barock auch einzelne der Abbildungen erscheinen mgen, sie entsprechen wirklichen Haltungen, Haltungen, die allerdings nur so kurze Zeit be- stehen, dass sie mit Hilfe des Auges nicht mehr wahrgenommen wer- den knnen. Hervorgehoben sei noch, dass man durch Rotation der Scheibe von rechts nach links Bewegungen erhlt, die in Wirklichkeit nicht ausfuhrbar sind, z. B. Trab rckwrts und Galop rckwrts. 56 Goltz, Verrichtungen des Grohirns. Ich bemerke schlielicli noch, dass ich die Synthese der Gang- arten bereits im vorigen Jahre auf einer Generalversammhmg des tierrztlichen Vereins zn Hannover demonstrirt habe und dass die stroboskopischen Scheiben durch die photog-raphische Anstalt von Otto Wunder in Hannover zu beziehen sind. Schmidt-Mlheim (Proskau). F. Goltz, lieber die Verrichtungen des Grosshirns. Gesammelte Abhandlungen. Bonn, 1881. Emil Strauss. 173 S. mit 3 Tafeln in Farbendruck. Verfasser gab die vier in den Bnden XIH, XIV, XX und XXVI des Archivs fr die gesamte Physiologie erschienenen Abhandlungen gleichen Titels nun in Buchform heraus. Sie stammen aus den Jah- ren 1876 1881 und beruhen auf Versuchen, die unter Mitwirkung teils von E. Gergens, teils von J. v. Mering, teils von E,. Ewald ausgefhrt wurden. Es mag das Erscheinen dieses Buches als Veranlassung dienen, die Leser des Biol. Centralblatts auch mit den Forschungen dieses Autors bekannt zu machen, da andere einschlgige Arbeiten schon besprochen wurden. Es ist fr den genannten Zweck nicht ntig, ausfhrlich auf die Untersuchungen frherer Jahre zurckzugreifen, es gengt hauptschlich die letzte der vier Abhandlungen, die erst in jngster Zeit erschienen ist, ins Auge zu fassen, um den Standpunkt klar zu legen, den Goltz in der Frage der Funktionen der Gro- hirnrinde einnimmt. Verfasser zerstrt in einer "Weise, die hier unerrtert bleiben mag, an Hunden grere Anteile der konvexen Rinde des Grohirns, lsst dann das Tier genesen und beobachtet, wodurch es sich nun von einem normalen unterscheidet. Hufig folgt der ersten Operation nach Wochen oder Monaten eine zweite, durch welche ein anderer Teil der Rinde entfernt wird, ja es werden an einem Tier drei und vier Ope- rationen ausgefhrt. In neuester Zeit verfuhr Goltz so, dass er einen Quadranten der konvexen Oberflche bei je einer Operation entfernte. Unter Quadrant ist hierbei jeder der vier Teile verstanden, in welche die Rinde zerfllt, wenn man sie durch einen Sagittalschnitt (entsprech- end den aneinanderstoenden Rndern der beiden Hemisphren) einer- seits und durch einen Frontalschnitt, der ungefhr durch die Mitte der Hemisphren giuge, andrerseits geteilt denkt. Die vier Quadran- ten sind also die beiden vordem und die beiden hintern Hlften der konvexen Riudenflche. Goltz, Verrichiugen des Grohirns. 57 Es ist kaum einem Zweifel unterworfen , dass es niemals vor- dem gelungen ist, einen Hund in so ausgiebiger Weise seiner Hirn- rinde zu berauben und dauernd am Leben zu erhalten , wie dieses Goltz mit einem Hunde gelang, der unser Interesse zunchst zu be- anspruchen hat. Demselben waren in den Intervallen 2. Juli 1879 7. Oktober 1879 2. December 1879 10. Februar 1880 die vier Quadranten entfernt worden, worauf er bis zum 21. Februar 1881 lebte und in dieser Zeit sich, abgesehen von den durch den Hirndefekt bedingten Strungen voller Gesundheit erfreute. An diesem Tage, also mehr als ein Jahr nach der letzten Operation, wurde er getdtet. Bei der Sektion zeigte sich, dass in der Tat nur ein geringer Teil der von oben sichtbaren Hirnrinde dem Operationsmesser entgangen war. Ferner fiel die Kleinheit des Gehirns auf. Es war viel kleiner als ein normales Gehirn auch abgesehen von den weggenommenen Rinden- anteilen wre, d. h. es ist infolge derExstirpation der Rinde eine Atrophie der unter derselben liegenden Gehirnorgane eingetreten. Das heraus- genommene und gehrtete Gehirn wog 13 g., whrend unter denselben Bedingungen das Gehirn eines nahezu gleich groen gesunden Hundes 93 g. wog. Wie verhielt sich nun dieses Tier im Leben? Es war vollkommen teilnamslos in Bezug auf andere Hunde, ebenso fr Katzen, Kaninchen und den Menschen. Der Hund ging, wenn er Hunger hatte, im Kfig schnuppernd umher, eine Gasflamme, die man pltz- lich vor ihm auflodern lie, brachte ihn zu keinerlei Reaktion, ja er wrde sich die Nase verbrannt haben, wenn man die Flamme nicht abgedreht htte. Drohungen mit der Peitsche u. dgl. lieen ihn auch gnzlich unberhrt. Und doch war das Tier nicht blind, wie ander- weitige Versuche ergaben. Auch taub war es nicht, es lie sich durch Rufe aus dem Schlaf erwecken, doch, ob ein Ruf drohend oder schmei- chelnd war, er lie ihn kalt. Die Bewegungen des Hundes waren unbehilflich und plump, auf glattem Boden glitt er leicht aus. Ge- legentlich fuhren Vorder- und Hinterpfoten gleichzeitig auseinander, so dass er mit gespreizten Gliedmaen auf den Bauch zu liegen kam. Die Hautsensibilitt erschien herabgesetzt, d. h. man musste z. B. eine Pfote strker drcken um ihn zu bewegen sie zurckzuziehen, als das bei einem normalen Tier der Fall ist. Trat er zufllig mit einem Bein in seinen Wassernapf, so blieb er darin lange stehen, an- scheinend ohne es zu bemerken. War der Futternapf an der gewohn- ten Stelle seines Kfigs, so fand er ihn gewhnlich. Bot man ihm aber denselben Napf dar, whrend er hungrig im Zimmer herum- schlenderte, so fand er ihn nie von selbst, selbst dann nicht, wenn er zufllig m denselben hineintrat. Das Tier war also tief bldsinnig. Die Erscheinungen, die es bot, lassen sich am besten dadurch charakterisiren , dass man sagt es habe die Fhigkeit verloren die sensorischen Eindrcke geistig zu verwerten. Verf. hatte schon frher auf Grund von Rindenexstir- 58 Goltz, Verrichtungen des Grohirns. pationeii, die nur eine Hemisplire betrafen, gezeigt, dass man ana- loge Erscheinungen fr die Sinnesorgane der rechten Krperhlfte durch Exstirpationen an der linken Einde hervorrufen kann^ und um- gekehrt. Wenden wir uns zu einem Tier, dem die beiden hintern Rinden- quadranten exstirpirt sind. Dieses Tier war nur in migem Grad bldsinnig. Es sprang im Zimmer lustig umher und zeigte die Nei- gung, sich auf den Hinterpfoten aufzurichten. Es fixirte Niemand mit den AugeUj sah aber ganz gut, stie nirgends an, ja sprang so- gar ber eine vorgehaltene Leiste, Es folgte mit den Augen den Handbewegungen, wich jener Gasflamme aus, erkannte aber nicht die Peitsche. Auch zeigte es eine gewisse Zerfahrenheit in seinen Bewegungen. Dieser Hund fasste Knochen mit den beiden Vor- derfen, um sie zu benagen, was der erst besprochene Hund nicht konnte. Auf glattem Boden glitt er niemals aus, auch war eine be- merkenswerte Abstumpfung der Hautempfindungen nicht nachzuweisen. Ein Tier, dem die beiden vordem Quadranten des Gehirns zerstrt Waren (an dem aber auerdem an der einen Hemisphre noch eine anderweitige Operation vorgenommen wurde, wodurch das Resultat an Uebersichtlichkeit verliert), war sehr hastig in den Bewegungen. Es konnte, wenn auch nur plump, Sprnge ausfhren. Das Festhal- ten von Knochen mit den Vorderpfoten gelang ihm nur schlecht. Die Hautempfindung war herabgesetzt. Es sah verhltnissmig gut, und erkannte die Peitsche. Die Vergleichung der beiden letztgenannten Hunde ergibt also: Ein der beiden hintern Quadranten der obern Grohirnrinde be- raubter Hund ist bldsinniger als ein vorn operirtes Tier. Gesicht, Gehr, Geruch und Geschmack sind bei ihm stumpfer. Bei einem Hunde, der beide vordere Quadranten verloren hat, sind die hhern Sinne weniger stumpf, dagegen ist seine Hautempfindung stumpfer. Mit letztem! Umstnde hngt es wol zusammen, dass seine Bewegun- gen plumper sind, als die des hinten operirten Tiers." Es schliet sich hieran die Beschreibung eines Hundes, dem die beiden Quadranten der linken Seite exstirpirt waren. Dieses Tier zeigte fast keinerlei asymmetrische Strungen, war intelligent, gehorchte aufs Wort. Es hielt die Knochen mit der rechten Pfote, wie es schien, nur mangelhaft, ganz gut aber mit der linken. Das linke Auge sah entschieden besser, doch war das Tier auch, wenn es auf das rechte allein angewiesen war (nach Verklebung des linken), nicht so unbehilflich wie nach frhern Versuchen erwartet werden konnte. Endlich hat Verf. Beobachtungen an Hunden angestellt, die bers Kreuz" operirt waren, d. h. an denen der vordere Quadrant der einen und der hintere der andern Seite exstirpirt worden waren. Ein sol- ches Tier sieht noch insoweit, dass es zugeworfene Fleischstcke auf- fangen kann, hingegen uerte es keine Furcht vor der drohenden Kster, Gerinnimg des Caseins diirch Lab. 59 Faust; die Pfote der Seite, auf welcher der hintere Quadrant exstir- pirt war, war unempfindlicher und wurde weniger beim Benagen der Knochen bentzt als die andere. Diese Tiere erscheinen versimpelt" und zeigen mige Sehstrung beider Augen. Ein Hund, dem nach drei Operationen nur ein Quadrant geblieben war, nmlich der rechte hintere, zeigte einen ziemlich hohen Grad von Bldsinn. Er ging sicher und glitt nur selten auf schlpfrigem Boden aus. Wurde ihm das linke Auge verschlossen, so ging er vorsichtiger, vermied aber mit Zuverlssigkeit grere Hindernisse. Auf freundliches Anrufen wedelte er mit dem Schwanz, Uebergriffen andrer Hunde setzte er ein Knurren entgegen. Endlich fand Goltz, dass Hunde, welchen nur ein Quadrant ex- stirpirt war, fast gar keine dauernden Erscheinungen darboten, durch welche sie sich von normalen unterschieden. Und zwar gilt dies ob der exstirpirte Quadrant ein vorderer oder hinterer war. Fr Tiere die nur ein Viertel der von oben her sichtbaren Grohirnrinde einge- bt haben, gilt der alte Flourens'sche Satz. Der Rest des Gehirns scheint die Funktionen des zerstrten Abschnitts durch erhhte Energie seiner Ttigkeit zu bernehmen, in so vollstndiger Stellvertretung, dass wir bisher nicht im Stande sind, den doch wol vorhandenen Be- stand an Ausfallserscheinungen festzustellen." Verf. kommt oftmals auf die Frage zu sprechen, ob wir ein Recht haben, nach dem jetzigen Stand unsrer Kenntnisse umschriebene Rindenanteile als Centren" fr verschiedene Funktionen aufzufassen. Er strubt sich auf das entschiedenste gegen die modernen Hirn- karten" und findet die Lehren von den kleinen umschriebenen Centren mit den von ihm gefundenen Tatsachen unvereinbar. Die Mglich- keit einer Lokalisatiou der Grohirnfunktionen" aber will er durch- aus nicht lugnen, ja ist durch eigene Versuche in dieser Richtung geleitet worden. Denn wie wir oben sahen, fand Verf. Exstirpation des vordem Quadranten von etwas andern Erscheinungen begleitet als Exstirpation des hintern Quadranten. Dies der Standpunkt des Autors. Auf die polemische Verfech- tung derselben gegen die Lokalisatoren" kann hier nicht eingegan- gen werden. Sigra. Exner (Wien). Hugo Kster, Nagra bidrag tili kaennedomen om Caseinet och dess Coagulation med loepe. Upsala Laekarefoerenings Foerhandlingar Bd. 16. 1881. Frhere Untersuchungen des Ref. hatten gezeigt, dass bei der Gerinnung des Caseins mit Lab eine derartige Spaltung stattfindet, 60 Kster, Gerinnung des Caseins durch Lab. dass einerseits eine schwerlsliche Substanz mit Calciumphosphat ver- mengt als Kse sich ausscheidet, und andrerseits eine leichtlsliche, peptonhnliche Substanz in sehr geringer Menge in Lsung bleibt. Es hatte sich auch gezeigt, dass die durch Lab bewirkte chemische Um- wandlung des Caseins auch bei Abwesenheit von Kalksalzen sich voll- zieht; die Bedeutung der Kalksalze fr die Casemgerinnung mit Lab liegt also nur darin, dass sie die Ausfllung des Kses er- mglichen. Kster hat diesen Gegenstand weiter verfolgt und sein Augen- merk vor Allem darauf gerichtet, das lsliche, peptonhnliche Spalt- ungsprodukt in so groer Menge darzustellen, dass die Eigenschaften und Elementar-Zusammensetzung desselben ermittelt werden knnten. Des Vergleichs halber hat er dabei das fragliche Spaltungsprodukt nicht nur aus den, wie gewhnlich, mit Lab gerinnenden, Calcium- phosphat haltigen Casemlsungen, sondern auch aus solchen Casem- lsungen dargestellt, welche ganz frei von Kalksalzen waren und in denen folglich keine Ausscheidung von Kse stattfand, whrend doch die chemische Umwandlung des Caseins in der vom Ref. frher an- gegebenen Weise nachgewiesen werden konnte. Es zeigte sich nun, dass das lsliche Spaltungsprodukt in allen Fllen dasselbe war und dieselbe Elementar-Zusammensetzung hatte, und es liegt hierin also ein neuer Beweis fr die Ansicht, dass die chemische Umwandlung des Caseins durch Lal) unter allen Umstnden dieselbe ist, gleichgil- tig ob dabei eine sichtbare Gerinnung bei Gegenwart von Calcium- phosphat stattfindet oder bei Abwesenheit von diesem Salze aus- bleibt. Auch der unter diesen ungleichen Versuchsbedingungen er- zeugte Kse hat dieselbe Elementar-Zusammensetzung. Die teils von Kster und teils vom Ref. ausgefhrten Elemen- taranalysen der drei, bei der Gerinnung des Caseins mit Lab in Be- tracht kommenden Eiweistoffe lieferten folgende Mittelzahlen: C if N Casem 53,00o/o 7,13% 15,68o/o Kse 52,790/0 6,930/0 15,84/o Molkeneiwei 50,29% 6,920/ i3,24o/o Aus diesen Untersuchungen geht also die Tatsache hervor, dass das Casein durch Labeinwirkung gleichgltig ob dabei Kalksalze an- oder abwesend sind in zwei Eiweistoffe sich spaltet. Der eine Eiweistoff, der Kse, welcher die Hauptmasse ausmacht, hat fast dieselbe Zusammensetzung wie das Casein; vielleicht enthlt er ein wenig mehr Stickstoff. Der andere, das Molkeneiwei, welches nur in sehr kleiner Menge auftritt, steht bezglich seiner qualitativen Eigenschaften dem Pepton sehr nahe und zeichnet sich durch einen niedrigem Kohlenstoff- und vor Allem Stickstoflfgehalt aus. 0. Hammarsten (Upsala). Lindvall, Zur Keniitniss des Keratins. 61 V. Lindvall, Nagra bidrag tili kaennedomen om keratinet. Upsala Laekarefoerenings Foerhandlingar Bd. 16. 1881. Nach einer Angabe von Seh er er wrde die Schalenhaut des Hhnereies ans einer dem Ossein nahestehenden Substanz bestehen. Die Unvernderlichkeit der genannten Haut bei anhaltendem Sieden mit Wasser oder verdnnten Suren widerspricht jedoch einer solchen Annahme durchaus, und wenn man sich erinnert, dass Hilger aus der Schale von Schlangeneiern einen dem Elastin hnlichen Krper isoliren konnte, so liegt jedenfalls die Vermutung nher, dass auch die Schalenhaut des Hhnereies aus Elastin bestehe. Die von Lind- vall ber diesen Gegenstand auf Anregung des Eef. und unter sei- ner Leitung ausgefhrten Untersuchungen besttigten indess diese Vermutung nicht. Es zeigte sich vielmehr, dass die fragliche Haut, wenn nicht ausschlielich, so doch wenigstens zum allergrten Teil aus Hornstoff, Keratin, besteht. Dieses Verhalten ging schon aus den qualitativen Vorversuchen hervor, welche neben den bekannten Eigenschaften des Keratins auch einen ungewhnlich hohen Sehwefelgehalt der gereinigten Substanz zeigten, und es wurde durch die vom Ref. ausgefhrten Elementarana- lysen zur vollen Evidenz bewiesen. Diese Analysen ergaben nmlich als Mittel fr das Schalenhautkeratin folgende Zusammensetzung: C 49,78 o/o ;_ H 6,64 o/ ; ^ 16,43 o/o ; S 4,25 o/o ; 22,9 o/. Die Leichtigkeit, mit welcher das Keratin der Schalenhaut in reinem Zustand gewonnen werden kann, macht dasselbe zu weitern Untersuchungen ber diese Substanz sehr geeignet. Vor Allem ist es von Interesse, die nchsten Spaltungsprodukte dieses Stoffs kennen zu lernen, und aus diesem Grunde studirte Lindvall zunchst die beim Auflsen des Keratins in Kalilauge entstehenden Produkte. Er machte dabei die interessante Beobachtung, dass das Keratin, wenn man es durch Digestion im Wasserbad mit Natronlauge von 12 o/^, auflst, neben einer Abspaltung von Schwefel noch als Hauptprodukte Alkalialb uminat und Pepton liefert. Das bei Neutralisation der alkalischen Lsung ausfallende Alkali- albuminat verhielt sich qualitativ in allen Beziehungen wie das aus Eiwei dargestellte. Die vom Ref. ausgefhrten Elementaranalysen ergaben fr dieses Albuminat die Zusammensetzung C 53,44; E 6,68; N 16,11; S 2,14; 22,63 und so unterscheidet sich also dieses Albu- minat von andern Eiweistoffen nur durch einen etwas hhern Sehwe- felgehalt. (Das wirklich reine Serumalbumin vom Menschen, nicht von Tieren, enthlt jedoch nach den vom Ref. ausgefhrten Analysen etwa 2;3 o/o Schwefel.) Das von ausgeflltem Albuminat getrennte Filtrat gab eine inten- sive Biuretreaktion und aus diesem Filtrat konnte, durch starkes Koncentriren und darauf folgende Dialyse, eine leichtlsliche und nicht 92 Low und Bokorny, Lebensbewegung im Protoplasma. gerinnbare, leicht diffundirende Eiwei Substanz erhalten werden, die zwar nicht in einem fr die Elementaranalyse gengend reinem Zu- stande isolirt werden konnte, die aber in allen qualitativen Beziehun- gen als achtes typisches Pepton sich erwies. Die Zerlegung des Keratins durch Alkalieinwirkung in Alkalial- buminat und Pepton unter gleichzeitiger Abspaltung von Schwefel lsst der Ansicht Raum, dass das Keratin vielleicht ein unter Eintritt von Schwefel entstandenes Kondensationsprodukt des Eiweies sei. 0. Hanimarsten (Upsala). lieber die Lebensbewegiiiig im Protoplasma. Von O. Low und Th. Bokorny. In einer im Biologischen Centralblatt erschienenen Abhandlung von Georg Klebs ber Form und Wesen der pflanzlichen Protoplasmabe- wegung" ist ein unsere Anschauung ber die Ursache der Lebensbewegung betreifendes Missverstndniss (Biol. Centralbl. I S. 589) ausgesprochen worden. Verfasser schreibt: Low und Bokorny wollen diirch sehr verdnnte Silber- lsungen im Protoplasma Aldehydgruppen nachgewiesen haben, auf deren be- stndiger Zerstrung und Wiederherstellung die Beweglichkeit und Verschieb- barkeit, alle die so wunderbar in einander greifenden Lebensprocesse des Protoplasmas beruhen. Wird das in der Tat sicherer als bisher nachgewiesen so wre das ein erster kleiner Schritt zur tiefern Erkenntniss der Lebensvor- gnge." Wie Klebs dazu kommt, von einer bestndigen Zerstrung und Wiederherstellung der Aldehydgruppen zu sprechen, ist uns unklar. Wir haben nicht entfernt eine derartige Vorstellung in unserer Schrift ausgedrckt. Vielleicht ist aber eine irrige Aufifassung des Wortes Spannkraft an diesem Missverstndniss schuld. Wir gebrauchten dieses Wort lediglich im Sinn einer intensiven Atombewegung, hnlich wie man unter Spannkraft des Wasser- dampfes die Bewegung der Wassergasmolekle versteht, und nicht in dem Sinn eines bloen Spannungszustandes in einem Molekl. Jene heftige Atom- bewegung ist in den lebenden Protoplasmamoleklen immerwhrend vor- handen und wird nicht abwechselnd vernichtet und wieder hergestellt. Eine Wiederherstellung der Aldehydgruppen ist nur bei einem einzigen Vorgang denkbar, nmlich, wenn totes Eiwei durch die Zellenttigkeit ein iutegriren- der Bestandteil des lebenden Protoplasmas wird. Die lebendige Bewegung selbst im Protoplasma beruht ausschlielich auf koutinuirlichen Atomsten in den Aldehydgruppen, die stetig fortwirken, so lauge die Aldehydgruppe als solche noch erhalten ist. Dass eine groe Beweglichkeit in der Aldehydgruppe angenommen werden muss, geht aus der den Chemikern lngst bekannten groen Vernderlichkeit der Aldehyde hervor; ihr Bestreben, Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen, ihre Reagirfhigkeit mit andern Krpern, ihre Neigung zu Polymerisationen und Kondensationen lsst darber keinen Zweifel. Wir, wissen, dass bei Steigerung der Atombewegungen (Wrmezufuhr) stets die chemischen Zersetzungen und Oxydationen befrdert werden. Wir drfen also auch umgekehrt aus groer Reagirfhigkeit eines Krpers auf eine bedeutende Atombeweguug schlieen. Fragen wir uns: Wie kommt wol diese Atombewe- gung in der Aldehydgruppe zustande, so knnen wir sie zunchst auf die elek- trische Differenz zwischen Sauerstoff und Wasserstoff, welche beide an ein und dasselbe Kohlenstoffatom gebunden sind, zurckfhren. Dem Drngen des Hofmeister, Resorption des Peptons. 63 Sauerstoffs und Wasserstoffs, sich mit einander zu verbinden, wirkt entgegen die Affinitt des Kohlenstoffs zu jedem von diesen, und so entsteht durch die beiden nach entgegengesetzten Richtungen ziehenden Krfte eine heftige Atom- bewegung. Im aktiven Eiwei nun wird diese Bewegung im Verhltniss zu den gewlmlichen Aldeliyden betrchtlich gesteigert und zwar dadurch, dass an einem benachbarten Kohlenstoffatom noch eine Amidgruppe sitzt, deren Wasserstoff' ebenfalls eine Anziehung auf den Sauerstoff der Aldehydgruppe ausbt. Im organisirten Protoplasma vollends, in welchem die Eiweimole- kle wahrscheinlich durch Polymerisation in die grte Nhe zu einander ge- bracht werden, muss diese Beweglichkeit und infolge dessen die Labilitt noch weiter gesteigert werden. Fr weitere rein chemische Errterungen mssen wir auf unsere Schrift *) verweisen. Zur Frage nach der Resorption des Peptons. In Bd. I Nr. 18 dieses Centralblatts gibt S c h m i d t - M 1 h e i m anlsslich einer ausfhrlichen Mitteilung seiner Untersuclumgen ber die Resorption des Pep- tons eine Darstellung einiger einschlgiger von mir herrhrender Versuche, welche einer Richtigstellung bedarf. Schmidt-Mlheim fasst das Ergebniss meiner Versuche in nachstehendem Satz zusammen : H o f m e i s t e r hat unlngst behauptet, dass bei direkter Einfhrung von Pepton in die Blutbahn der grte Teil desselben unverndert durch die Niere den Krper verlsst und dass die- ser Uebertritt in den Harn keineswegs alsbald erfolge, sondern noch einige Stunden nach der Injektion von Statten gehe." Schmidt-Mlheim ist wei- terhin bemht, zu zeigen, ich htte diese Behauptung nicht gengend bewiesen. Nun habe ich aber eine Behauptung so allgemeiner Natur nirgends ausge- sprochen, habe also auch keinen Grund gehabt, sie zu beweisen. Was ich behauptet, und auch jetzt zurckzunehmen durchaus keinen Anlass habe, ist, dass bei Hunden die Injektion kleiner ungiftiger Peptomnengen in das Unterhautzellgewebe das Auftreten dieses Stoffs im Harn und zwar in rela- tiv betrchtlicher Menge (zu 5672 Procent der injicirten Quantitt) zur Folge hat, dass sonach die von Schmidt-Mlheim vertretene Ansicht, dass das Pepton fast gleichzeitig mit seinem Eintritt in die Blutbalm um seine chemi- schen Reaktionen gebracht wird", nicht zutrift't. Bei der von Schmidt-Ml- heim eingehaltenen Versuchsanordnuug, der direkten Einverleibung groer toxisch wirkender Mengen von Pepton ins Blut, erfolgt ein Uebergang in den Harn nicht, aus dem einfachen Grunde, weil in der ersten Zeit nach der Vergiftung berhaupt kein Harn zur Ausscheidung kommt. Dass aber auch fr diese Verhltnisse die von Schmidt-Mlheim verteidigte Anschauung nicht zur Erklrung ausreicht, geht aus einigen weitern von mir angestellten Versuchen hervor, welche Schmidt- Mlheim mit Stillschweigen bergeht. Ttet man nmlich die Tiere in diesem Stadium, so findet man trotz des Se- kretionsstillstauds erhebliche Mengen Pepton in der Niere angesammelt ; ls&t man die Tiere sich erholen, so wird mit den ersten nach der Operation ent- leerten Harnportionen, auch wenn die Entleerung erst nach Stunden erfolgt, ein betrchtlicher Teil des eingespritzten Peptons unverndert ausgeschieden. Der Grund, dass ich bei meinen Experimenten zu andern Schlussfolgerungen gelangt bin, als Schmidt- Mlhe im , liegt sonach an der wesentlich ver- schiedenen Versuchsauordnung. Welche Versuchsanordnung aber den physio- 1) Die chemische Ursache des Lebens theoretisch und experimentell nach- gewiesen von 0. Low und Th. Bokorny, Mnchen, Verlag von Jos. Ant, Finsterlin. 64 Hofmeister, Resorption des Peptons. logischen Verhltnissen besser entspricht, ob jene Schmidt-Mlheim's mit direkter Einverleibung giftiger Dosen in das Blut, oder aber die von mir ge- whlte mit Einspritzung kleiner ungiftiger Mengen in das Unterhautzellgewebe und allmhlich erfolgender Resorption, darf fglich dem Urteil des Lesers an- heim gestellt bleiben. Wenn sich ferner in Schmidt-Mlheim's Bericht auf S. 368 folgender Passus findet : Wenn das im Darm gebildete Pepton in die Schleimhaut hinein diflfundirt", so handelt es sich dabei nur um ein Missverstndniss seitens Schmidt-Mlheim's, denn an der citirten Stelle heit es in gesperrter Schrift: die Resorption des Peptons im Darm ist sonach kein einfacher mec hanischer Diflfusions- oder Filtratiousvorgang", weil dabei eben noch andere Momente eine wesentliche Rolle spielen. So viel zur Berichtigung der von S chmidt-Mlh eim gegebenen Dar- stellung. Die gleichzeitig geuerten, gegen meine Versuchsergebnisse gerich- teten Bedenken lassen eine Widerlegung kaum erforderlich erscheinen, da sie eingestandenermaen nicht auf experimenteller Nachprfung meiner Angaben, sondern nur auf Vermutungen" beruhen, wie: ich htte mit imreinem Pepton gearbeitet, die untersuchten Harne nicht auf Abwesenheit andrer Eiweikr- per geprft imd dergleichen mehr, Voraussetzungen, die um so schwerer ver- stndlich sind, als ja gerade ich Methoden kennen gelehrt habe , welche die Trennung des Peptons von andern Eiweikrpern ermglichen. Der Po- lemik schlielich, welche Schmidt- Mlheim gegen meine Ansicht von der Beteiligung der Lymphzellen an der Resorption erffnet, kann ich unmg- lich Gewicht beilegen. Lag doch S chmi dt -Mlheim nur eine ganz knapp gehaltene, ausdrcklich als vorlufig" bezeichnete Mitteilung vor, in der die nhere Begrndung fr spter in Aussicht gestellt wird. Daher ist es denn auch begreiflich, dass seine Argumente wie auch die angefhrten zwei ein- schlgigen Versuche ihr Ziel vllig verfehlen, wie aus einer ausfhrlichem in den nchsten Monaten erscheinenden Arbeit sattsam hervorgehen wird, Strassburg, im Januar 1882. Franz Hofmeister. Verlag- von August Hirschwald in Berlin. Soeben erschien: ^Kurzes Ijehrbiich der PHTSIOLOaiE von Prof. Dr. L. Hernianu. Siebente gnzlich neu verfasste Auflage. 1882. Mit 95 Holzschn. 12 Mark. Die vorliegende Auflage ist eine ganz neu verfasste Bearbeitung, in welche nur wenige Fragmente des bisherigen Textes Aufnahme gefunden haben. Die schematisirende Behandlungsweise der frhern Auflagen wurde aufgegeben, imi in einer natrlichem Darstellungsweise das tatschliche Material zu ver- mehren, zugleich aber das Verstndniss durch schrfere Gliederung des Inhalts zu erleichtern. Einsendungen fr das Biologische Centralblatt" bittet man an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut" zu richten, Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Druck von Junge & Sohn in Erlangen. Biologisches Centralblatt unter Mitwirkung von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Niunmern von je 2 Bogen Zu beziehen durch bilden einen Band, alle Buchhandlungen Preis des Bandes und Postanstalten. 16 Mark. IL Band. 1. April 1882. Nr. 3. Inhalt: Godlewski, Stildien ber die Atmung der Pflanzen. KoUuiaun, lieber tierisches Protoplasma. I. Spcugel, Beobachtungen ber das Leben des Ajolotl in Mexiko. 3Ie Cook, Die Honigameisen. Auutschill, Ueber einige Anomalien am menschlichen Schdel mit besondrer Bercksichtigung des Vorkommens der Anomalien bei verschiedenen Rassen. Uardclcbcu, Muskel und Fascie. E. Godlewski, Studien ber die Atmung der Pflanzen. Sep.-Abdruck aus : Denkwrdigkeiten der Krakauer Akademie der Wissensch." Mathem.-naturwiss. Sektion. 4. 40 S. Krakau 1881. (Polnisch). Seitdem man angefangen hat, die Assimilation oder Koblensure- zersetzung von der Atmung oder Koblensureerzeugung in der Pflanze zu unterscheiden, haben sich auch unsere Ansichten ber das Wesen des Pflanzenlebens principiell gendert. Der althergebrachte; noch von Paracelsus herbergekommene Satz, welcher in der Pflanze, in ihren Form- und Organisationsverhltnissen sowie in ihren Lebens- erscheinungen nur eine Antithese des Tiers, so zu sagen ein ver- kehrtes Tier sah, musste einer bessern Einsicht Platz rumen. Man erkannte, dass die Pflanze ebenso wie das Tier zu ihrem Fortkommen des Sauerstoft's der Luft bedrfe und dass dieser Sauerstoff es sei, welcher durch sein Eingreifen ihr die ntige Betriebskraft fr alle die Lebensuerungen zufhrt, die mit einem Verbrauch von Kraft verbunden sind. Allein die Art und Weise, wie der Sauerstoff" der Luft an dieser Betriebskraftproduktion beteiligt ist, die chemischen Umsetzungen, welche dem Eingreifen des Sauerstoffs in der Pflanzenzelle voraus- gehen, ihm parallel verlaufen oder nachfolgen, das Verhltuiss zwi- schen der Menge des eingeatmeten Sauerstoffs und der ausgehauchten Kohlensure, diese und hnliche Fragen, durch deren Beantwortung die Atmung der Pflanzen in ihrem wahren Wesen und in ihrer Be- 5 66 Grodlewski, Atmung der Pflaiize. deutimg fr das Leben erst recht erkannt werden knnte, sind vor- erst fast unaufgeklrt geblieben. Nicht minder unaufgeklrt war auch die Abhngigkeit der Atmung von den uern Bedingungen, nament- lich in wie weit dieselbe durch Licht, Temperatur, sowie durch die Steigerung oder Verndnderung des partiren Sauerstoflfdrucks in der umgebenden Atmosphre beeinflusst wird. Zu diesen wichtigen Problemen gesellten sich noch zahlreiche andere, als durch die Un- tersuchungen von Pasteur, Lechartier u. A. die schon frher bei zahlreichen niedern Pilzen (Spalt- und Hefepilzen, Mucorineen) beobachtete intramolekulare Atmung" ein Vorgang, bei dem die Pflanze noch dann Kohlensure ausscheidet, wenn ihr der Zutritt des atmosphrischen Sauerstoffs abgeschnitten wird, auch fr hhere Pflanzen nachgewiesen wurde, und nun das Verhltniss dieser beiden Atmungsweisen, ihre gegenseitige Abhngigkeit oder vollstndige Un- abhngigkeit von einander festzustellen war. Wo wichtige Fragen zu lsen sind, da fehlt es nie an arbeitslusti- gen Forschern und so wurde auch auf dem Gebiet der Atmung bald eine rege Ttigkeit entwickelt, wovon die Arbeiten von Boussingault, Deherain, Pasteur, Gavreau in Frankreich und von Sachsse, Detmer, A. Mayer, Wiesner in Deutschland, um nur die bedeu- tendsten zu erwhnen, Zeuguiss ablegen. Allein ungeachtet dessen, dass so hervorragende Forscher diese Untersuchungen in Angrift' ge- nommen haben, sind unsere Kenntnisse ber die Atmung der Pflanzen nur sehr wenig fortgeschritten. Man mchte fast sagen, dass auf keines von den Problemen, die wir oben kurz angedeutet haben, eine ausreichende Antwort heutzutage gegeben werden kann. Die chemi- schen Vorgnge z. B., die sich bei der Atmung abspielen, sind uns fast gnzlich unbekannt ; wir kennen nur (nicht immer !) die Anfangs- und Endprodukte der Atmung; ber die ganze Skala der Umsetz- ungen, durch welche die organische Substanz schlielich zu Kohlen- sure und Wasser verbrannt wird, knnen wir nur Vermutungen aufstellen, die aber zum grten Teil jeder experimentellen Grund- lage entbehren. Genauere Kenntnisse haben wir schon ber den bei der Atmung stattfindenden Gasaustausch ; so wissen wir, dass bei der Keimung strkehaltiger Samen die Volumina des eingeatmeten Sauer- stoffs und der ausgeschiedenen Kohlensure nahezu gleich sind, wh- rend keimende lhaltige Samen mehr Sauerstoff verbrauchen, als Kohlensure ausscheiden; ob aber dieses Verhltniss fr die ganze Keimungsperiode das nmliche bleibt und wie sich in dieser Hinsicht andere Pflanzenorgane in ihren verschiedenen Alters- und Entwick- lungszustnden verhalten, darber finden wir in der Literatur keinen Aufschluss. Von den uern Einflssen ist noch am meisten der Ein- fluss der Temperatur studirt worden und es wurde fr zahlreiche Pflanzen das Minimum und Optimum der Temperatur fr die Atmung bestimmt und gefunden, dass die Energie der Atmung in den Grenzen Grodlewski, Atmung der Pflanzen. 67 zwischen Minimum und Optimum dem Steigen und Fallen der Tem- peratur nahezu proportional ist. Dagegen liegen ber den Einfluss des gesteigerten oder verminderten Sauerstoffdrucks auf die Atmung zum Teil noch widersprechende Angaben vor. Was schlielich das Verhltniss der intramolekularen Atmung zu der Sauerstoffatmuug anlangt, so gehen die Ansichten ber diesen Punkt sehr weit ausein- ander; whrend Einige (wie z.B. Pfeffer, Wortmann) einen kau- salen Zusammenhang zwischen beiden Processen vermuten, der Art, dass die Sauerstoftatmuug eine notwendige und indirekte Folge der intramolekularen Spaltungen in der Zelle selbst ist und letztere mit den analogen Grungserscheinungen mancher Pilze fr identisch hal- ten, wollen andere von einer solchen Abhngigkeit nichts wissen und betrachten die intramolekulare Atmung blos als einen bei Abschluss des Sauerstoffs vorbergehend die normale Atmung ersetzenden Vor- gang. In Anbetracht dieser Widersprche und Meinungsverschiedenheiten sowie der unzureichenden Kenntnisse ber die Atmung der Pflanzen berhaupt, stellte sich Godlewski die Aufgabe, auf Grund einer neuen Untersuchungsmethode, auf deren Beschreibung wir hier nicht eingehen knnen, eine bessere Einsicht in den Modus und den Verlauf des Atmungsprocesses zu erstreben. In der oben angefhrten Ab- handlung beschrnkte er sich vorerst vorw^iegend auf die Lsung nach- stehender zweier Fragen: 1) Wie verhalten sich die Mengen des in einer gewissen Zeit eingeatmeten Sauerstoffs und der in derselben Zeit ausgehauchten Kohlensure zu einander? 2) Welchen Einfluss hat der partire Sauerstoft'druck in der umgebenden Atmosphre auf die Atmung der Pflanzen? ^ Die Untersuchungen wurden vorwiegend an keimenden fett- sowie strkehaltigen Samen ausgefhrt, auerdem an Bltenknospen von Fapaver somniferum und an reifenden Frchten dieser letztern Pflanze und von Ricinus communis. Bei keimenden fetthaltigen Samen fand Godlewski berein- stimmend mit den Eesultaten lterer Forschungen, dass whrend der Keimung ein greres Volumen von Sauerstoff eingeatmet, als Kohlen- sure ausgeschieden wird. Allein das Verhltniss beider Gasvolu- mina ist nicht im ganzen Verlauf der Keimung das gleiche, sondern ndert sich sehr betrchtlich und zwar knnen drei Perioden, die jedoch nicht scharf abgegrenzt sind, vielmehr allmhlich in einan- der bergehen, unterschieden werden. In der ersten, der Quellungs- periode der Samen, sind die Mengen des eingeatmeten Sauerstoffs und der ausgeschiedenen Kohlensure nahezu gleich. In der zweiten, welche mit dem Hervortreten des Wrzelchens beginnt, werden auf je 100 Teile des eingeatmeten Sauerstoffs ungefhr 60 Teile Kohlen- sure ausgeschieden, und dieses Verhltniss erhlt sich auch dann, wenn die Samen statt in der gewhnlichen Luft in reiner Sauerstoff- 5* g Godlewski, Atmung der Pflanzen. atmosplire verbleiben. In der dritten Periode ndert sich wieder das Verliltniss, indem auf ein gewisses Quantum des eingeatmeten Sauerstoffs immer mehr Kohlensure ausgeschieden wird, bis gegen Ende der Keimung, ungefhr am zehnten Tage vom Anfang des Ver- suchs an gerechnet, die Volumina beider Gase sich wieder nahezu ausgleichen. Aus diesen Verhltnissen schliet Godlewski, dass in der Periode der Quellung von fetthaltigen Samen, das Fett derselben noch nicht zur Eespiration verwendet wird, sondern ein anderer Kr- per von der chemischen Zusammensetzung der Kohlehydrate, und erst nachdem dieser Krper vollstndig verbraucht worden ist, das Fett der Oxydation anheimfllt. Dann kommt die zweite Periode, whrend welcher das fette Oel teils direkt zu Kohlensure und Was- ser verbrannt wird, teils aber durch unvollstndige Oxydation in Kohle- hydrate namentlich Strke umgewandelt wird. Ist schon der grte Teil des fetten Oels in Strke umgewandelt, dann geht auch die Re- spiration vorwiegend auf Unkosten der Strke vor sich und dann werden auch die Sauerstoff- und Kohleusurevolumina immer mehr sich einander nhern bis mit dem vollstndigen Verschwinden des fetten Oels die Keimlinge dem Volumen nach ebensoviel Kohlensure ausscheiden, wie sie Sauerstoff eingeatmet haben. Aus dem angegebenen Verhltniss, dass whrend der zweiten Periode auf je 100 Vol. eingeatmeten Sauerstoffs im Mittel etwa 60 Vol. Kohlensure ausgeschieden werden, und aus der Tatsache, dass das in den Pflanzen am meisten verbreitete Triolein zu seiner voll- stndigen Verbrennung zu Kohlensure und Wasser 80 Vol. Sauerstoff erheischt, was einem Verhltniss von 71,2 Kohlensure auf je 100 T. Sauerstoff entspricht, berechnet nun Godlewski (angenommen, dass in den untersuchten Samen das fette Oel aus Triolein besteht), dass bei der Keimung von fetthaltigen Samen zur Zeit des schnellsten Verbrauchs von fettem Oel von je 100 T. eingeatmetem Sauerstoff ungefhr 84 T. zur Atmung (direkten Verbrennung zu Kohlensure und Wasser), die brigen 16 T. zur Umwandlung des Fetts in Kohle- hydrate verwendet werden. Indem weiter Godlewski mit Mlintz annimmt, dass die Fette vor ihrer Umwandlung in Kohlehydrate sich in Fettsuren und Gly- cerin spalten und seine eigenen Zahlenergebnisse mit Detmer's^) Ele- mentaranalysen der Hanfsamen und der aus diesen gewachsenen, in Dunkelheit gezogenen 7 lOtgigen Pflnzchen vergleicht, stellt er auf Grund dieses Vergleichs den Umwandlungsprocess der Fette bei der Keimung von fetthaltigen Samen durch folgende Formel dar: 1) Detmer, Vergleichende Physiologie des Keimungsprocesses. 1880. S. 337. Godlewski, Atmung der Pflanzen. G9 (C,3H330 . 0) 3 C3H5 -1- 3 H2O = 3 C,3H3,02 -f- C3H3O3 C18H3A -f- 17 O2 = CeHi.O^ -f C2H3O (| - 1) H- 10 CO2 H,0. ^2 24 X 2 Darnach wrde also die Umwandlung der Fette in Kohlehy- drate in der Weise vor sich gehen, dass jedes Fettmolekl sich unter Aufnahme von Wasser zuerst in Fettsuren und Glycerin spaltet; wh- rend dann ersteres durch weitere Umsetzungen in nicht nher zu he- stimmende Verbindungen tibergeht, werden letztere unter Einfluss von atmosphrischem Sauerstoff zu Strke, Kohlensure und Wasser und einem Rest von nicht nher bekannter chemischer Zusammensetzung oxydirt. Wendet man diese Formeln auf Detmer's analytische Be- funde an, so ergibt die Berechnung, dass von den 15,56 g Fett, welche bei seinen Experimenten whrend Ttgiger Vegetationsdauer verbraucht werden, sich 9,07 g Strke bilden sollten, whrend Det- m e r in Wirklichkeit 8,64 g fand, also nur um 0,43 g weniger, als obige Formel verlangt. Fr keimende strkehaltige Samen und Bltenknospen von Fapaver somniferum fand Godlewski die Mengen des eingeatmeten Sauer- stoffs und der ausgeschiedenen Kohlensure nahezu gleich. Nur in einem Versuch mit Erbsen, zu welchem schon vorher 48 Stunden lang unter Wasser gequollene Samen verwendet wurden, war in den zwei CO folgenden Tagen das Verhltniss -nicht = 1, sondern bedeutend grer, und zwar am ersten Tage wie 2:1, am zweiten schon wie 1,3 : 1. Dieses Uebei*wiegen der Kohlensureproduktiou ber die Sauerstoif- einnahme in dem in Rede stehenden Versuch erklrt Glodlewski dadurch, dass infolge erschwerten Sauerstoflfzutritts whrend der Quellungsperiode der Samen, dieselben zur intramolekularen Atmung angeregt wurden, welche noch spter eine Zeit lang fortdauerte, nach- dem die Samen schon dem Einfluss der Luft ausgesetzt waren. Hingegen schieden reifende Frchte von Papaver somniferum und Ricinus communis whrend der ganzen Versuchsdauer bedeutend mehr Kohlensure aus, als sie Sauerstoff eingeatmet hatten, was sich ganz einfach dadurch erklrt, dass in den Samen dieser Frchte whrend der Reife ein Reduktionsprocess von Statten geht, infolge dessen die Strke der Samen in Fett umgewandelt wird. Der Einfluss des partiren Sauerstoffdrucks auf die Atmung der Pflanzen gibt sich nach den diesbezglichen Versuchen Glodlewskis in verschiedener Weise kund und ist abhngig sowol von der Natur des atmenden Organs als auch von dem Material, durch welches die Atmung unterhalten wird. So wird bei keimenden fetthaltigen Samen die Energie der Atmung bald gesteigert, bald herabgesetzt, je nach- dem man dieselben in reiner Sauerstoffatmosphre, oder in einer At- 70 Kollmann, Tierisches Protoplasma. mosphre keimen lsst, deren procentischer Gehalt an Sauerstoff ge- ringer ist, als in der gewlinliclien Luft. Hingegen wird bei keimen- den strkehaltigen Samen, sowie bei Bltenknospen und reifenden Frchten von Papaver^ somniferum und Ricinus communis eine solche Abhngigkeit der Atmung von der Gre des Sauerstoffdrucks nicht oder nicht in solchem Grad beobachtet: dieselben atmen in reinem Sauerstoff und in gewhnlicher Luft mit der nmlichen oder nahezu mit der nmlichen Energie. Aber selbst in den Fllen, in welchen ein entschiedener Einfluss des gesteigerten oder verminderten Sauerstoffdrucks beobachtet wird, bleibt das Verhltniss des eingeatmeten Sauerstoffs zu der ausge- schiedenen Kohlensure unverndert, so dass, wenn die Sauerstoff- absorption gesteigert oder herabgesetzt ist, auch die Kohlensurepro- duktion proportional wchst oder fllt. Nur wenn der Sauerstoff- druck so sehr herabgesetzt wird, dass infolge dessen die Absorption dieses Gases durch die Pflanzen erschwert ist, wird neben der nor- malen Atmung auch unabhngig vom Sauerstoff Kohlensure produ- cirt und dann wird auch das Verhltniss beider Gase alterirt. Aus diesen Beobachtungen schliet mm Godlewski, dass die normale oder Sauerstoffatmung in keinem direkten Verhltniss zur intramole- kularen Atmung steht, mit andern Worten, dass sie kein Bestandteil der intramolekularen Atmung sei, sondern dass beide Processe unab- hngig je nach den uern Bedingungen bald nebeneinander bald nach- einander verlaufen. Denn wrde die Kohlensureproduktion bei der normalen Atmung nicht direkt von der Sauerstoffabsorption abhngig sein, so msste mit der Verminderung der letztern das Verhltniss des eingeatmeten Sauerstoffs und der ausgeschiedenen Kohlensure sich ndern und zwar mehr Kohlensure producirt werden, als die eingeatmete Sauerstoffmenge deren liefern knnte. Da dies aber nicht der Fall ist, so kann bei freiem Sauerstoffzutritt von einer intramole- kularen Atmung nicht die Kede sein, und der Behauptung, dass sie ununterbrochen whrend des ganzen Lebens der Pflanze ttig und die bedingende Ursache der normalen Atmung sei, wird jeder Grund entzogen. Nur wenn Reduktionsprocesse in den Pflanzen oder deren Organen stattfinden, wie dies bei reifenden Frchten mit fetthaltigen Samen wirklich der Fall ist (Umwandlung der Strke in Fett), wird auch bei ungehindertem Sauerstoffzutritt die Kohlensureproduktion ber die Sauerstoffeinnahme prvaliren und dann knnte man auch von einer die normale Atmung begleitenden intramolekularen Atmung reden. Prazmowski (Dublany). Ueber tierisches Protoplasma. I. Das Protoplasma ist lebendige Materie. Wo immer Lebens- erscheinungen sich vollziehen, sind sie an Protoplasma gebunden. Kollmann, Tierisches Protoplasma. 71 Als eine durclisichtige, nahezu farblose, etwas zhflssige Masse tritt sie auch selbststndig auf und kommt im Wasser, in Form von mikro- skopischen Gallertklmpchen vor. So stellt sie Wesen dar, die auf der niedersten Stufe tierischer Gestaltung- stehen. Keine Organisa- tion ist an ihnen wahrnehmbar, nur eins ist sicher, die Plasmamasse lebt. Sie besitzt in dieser einfachsten Form schon die Eigenschaft der Kontraktilitt und der Reizbarkeit und zeigt einen Wechsel von lngst bekannten Bewegungen und eine groe Reihe verschiedener Zustnde. Seit Du j ardin vor 40 Jahren das Vorkommen dieser ungeformten "kontraktilen Substanz, der Sarkode", wie er sie nannte, bei vielen niedern Tieren nachgewiesen hat, ist dieselbe unausgesetzt studirt worden. Als dann die Entdeckungen von Schwann und Schieiden den wichtigen Aufschluss brachten, dass alle organisir- ten Wesen aus Zellen aufgebaut sind, und dass die physiologischen und pathologischen, die tierischen wie die pflanzlichen Lebens- vorgnge ihren vSitz in der Zelle haben, war die neue Bahn der For- schung betreten, welche jetzt zu der weitern Erkenntniss gefhrt hat, dass in der Zelle das Protoplasma es ist, dem der Hauptanteil an deii Vorgngen zukommt. Die Zellentheorie erfhrt durch diese Entdeckung eine wesentliche Erweiterung, welche zunchst darin liegt, dass der innerhalb der Zellen wirkende Bestandteil unserer Vorstellung nher rckt. Jetzt wird das Protoplasma der Mittelpunkt der biolo- gischen Theorien, denn jeder Vorgang innerhalb der lebendigen Wesen steht mit ihm in direktem Zusammenhang. Es ist nicht die Absicht hier vollstndig die groen Resultate zu schildern, welche im Laufe der letzten vier Jahrzehnte durch die Erforschung des Protoplasmas erreicht worden sind, sondern nur einige Erscheinungsformen des- selben ins Auge zu fassen und mit Rcksicht auf die Phnomene der Bewegung zu besprechen. Gerade die Bewegung ist die ergiebigste Quelle fr das Verstudniss der physiologischen Eigenschaften dieser lebendigen Substanz geworden. Aber auch hierin werden die Er- rterungen mehr fragmentarisch sein, indem wir fr eingehendere Studien auf den Artikel von Th. W. Engelmann: Physiologie des Protoplasmas und der Flimmerbewegung (Handbuch der Physiologie von L. Hermann 1. Bd. 1879) verweisen. Unter den zahlreichen Erscheinungsformen tierischen Protoplasmas gibt es eine, die ohne Hlle nackt, also frei lebend im S- und und Seewasser vorkommt, und die seit langer Zeit als klassisches Paradigma dieser Substanz gilt. Im Innern ohne irgend welche Dif- ferenzirung, bildet sie doch den Leib einer groen Reihe von Proto- zoen, deren Leben in den verschiedenen Phasen der Ausdehnung, Zusammenziehung, der Nahrungsaufnahme, der Nahrungsabgabe und der Vermehrung noch immer zahlreiche Probleme in sich schliet. Der ganze Krper mancher Amoeben besteht aus einem flachen, kuchen- artigen Brei von mikroskopischen Dimensionen, in welchem weder 72 Kollmann, Tierisches Protoplasma. ein Kern, noch irgend ein anderes bestimmtes Gebilde zu sehen ist. Eine besondere Berhmtheit hat die Amoeba difuens aus dem S- wasser erlangt, deren physiologische Eigenschaften von vielen Seiten geprft wurden, dann die A.porrecta, A.globularis u.s.w. (M. Schultz e) und die Prof amoeba pnmitiva (Haeckel). Trotz der Abwesenheit jeder Innern Diff'erenzirung ist dennoch diese Substanz der Sitz aktiver Formvernderungen. Fortstze, sog. Pseudopodien drngen sich aus der Substanz hervor und werden wieder zurckgezogen. Oder in einen keulenfrmigen Fortsatz strmt mehr und mehr Krpersubstanz nach, und zuletzt hat die Amoebe ihren Ort im Kaum verndert. Diese Be- wegungen erfolgen spontan, aus dem Innern heraus, also ohne uern Ansto. Wichtig ist dabei die Tatsache, dass bei diesen niedern Or- ganismen, gerade wie bei den Zellen der Pflanzen und Tiere ber- haupt, die Bewegungen durch die verschiedensten Reize ausgelst werden knnen, durch Wrme, Elektrizitt, chemische Substanzen u. s. w. (M. Schnitze, Khne, Engel mann U.A.). Die Reizbarkeit ist also eine fundamentale Eigenschaft alles lebendigen tierischen Protoplasmas. Sie ist eine dieser Substanz inhrente Fhigkeit. Kontraktilitt und Reizbarkeit gehren zusammen, wie Licht und Auge oder Wrme und Elektrizitt. Ohne diese beiden Eigenschaften ist keine Zelle und kein Zellenstaat denkbar, also kein Organismus, selbst nicht derjenige der allereinfachsteu Wesen. Durch diese Qua- litten werden die Amoeben gleichsam Mastab und Vergleich fr die physiologischen Vorgnge im Protoplasma auch der hochorganisirten Wesen. Setzen sie doch alle Bewegungsphnomene in und an den Zellen, die der Muskeln nicht ausgenommen, erst in das rechte Licht. Alle diese Formelemente werden als selbststndige Elementarorga- nismen" aufgefasst und mit diesem Ausdruck auch dann bezeich- net, wenn sie Teile eines komplicirten Organismus sind. Kontrak- tilitt und Reizbarkeit des Protoplasmas ist an Allen in hherm und geringerm Grade nachzuweisen; so sind es z. B. die weien Blutkrperchen gewesen, welche als ein vorzgliches Objekt der Be- obachtung die Tragweite dieser beiden Grundphnomene des Protoplas- mas fr den gesunden und kranken Organismus am meisten verstehen halfen. In der individuellen Selbststndigkeit des frei in der Natur lebenden Protoplasmas spiegelt sich die Selbststndigkeit der Ele- mentarorganismen oder Zellen". Die Amoebe bleibt trotz der primi- tiven Lebensstufe, selbst dann, wenn sie sich in die feinsten Fden auszieht, selbststndig, individualisirt. Sie leistet dem Vordringen des umgebenden Wassers siegreichen Widerstand, so lange sie lebt, obwol keine Membran, keine festere Grenzschicht als schtzende Hlle ihr dabei zu Hilfe kommt. Das Fehlen der Grenzschicht bei vielen Protozoen ist zweifellos, und die ebenerwhnte Kraft des Protoplas- mas dadurch nur aus dem Wesen des Organismus erklrbar. Dieses individualisirte Eiweiklmpchen wahrt sich des Weitern seine Selbst- Kolliiiann, Tierisches Protoplasma. 73 stndigkeit auch dann, wenn sich Individvien derselben Art be- rhren. Die Pseudopodien verschmelzen niemals mit einander. Es existirt also nicht mir ein Unterschied zwischen der Krpermasse ver- schiedener Arten, selbst die Leiber derselben Species, bei denen man doch die grte Gleichheit in der Ziisammensetzmig voraussetzen muss, sind bis in die feinsten flieenden Fden hinein individualisirt. Bei den komplicirten Organismen knnen wir mit freiem Ange die individualisirende Fhigkeit der Natur innerhalb derselben Species direkt wahrnehmen, bei den hier in Betracht kommenden Protozoen gestattet nur die Beobachtung whrend der Bewegung diese gesicherte Folgerung ^). Zunchst sollte man das Gegenteil erwarten. Die Vorstellung von der absoluten Identitt solcher Wesen hat notwendig die Vermutung mangelhafter Individualisirung im Gefolge. Sie steht gleichsam wie ein Postulat der Descendenztheorie in dem Vordergrund. Hatte doch beim Auffinden des Bathybius der Gedanke durchaus nichts ungeheuerliches, dass wir einem geologischen Stratum von lebendigem Protoplasma gegenberstehen, in welchem die Natur den ersten Versuch macht, zur Individualisirung des Stoffes empor- zusteigen. Allein so weit die feststehenden Ergebnisse der Beobach- tung Aufschluss geben, treten uns nur scharf geprgte Individuen entgegen. Die Individuen derselben Art aus den hier in Betracht kommenden Protozoen flieen also unter einfachen Verhltnissen nicht ineinander. Die Erklrung, dass eine trennende Hlle allerfeinster Art eine solche Vermengung des lebendigen Eiweies unmglich mache, ist hinfllig gegenber der Wahrnehmung, dass die Fortstze des- selben Individuums sich leicht vereinigen. Die Kraft der Individua- litt ist also bei den Amoeben wie bei den Polythalamien eine sehr groe obwol sie fr jetzt unerklrbar ist und wie die Kontraktilitt und die Keizbarkeit ein Geheimniss der Natur, hier des Protoplasmas, wol noch lange bleiben wird. Dieselbe Fhigkeit erscheint bei den zusammengesetzten Organismen nur wenig verkmmert wieder in der Individualisirung der Zelle. Nicht allein derjenigen, die mit einer Membran versehen sind, bei denen ein hoher Grad von Selbststndigkeit natrlich erscheint, sondern gerade der nackten Protoplasmamassen, fr welche der Ausdruck Elementarorganismen oder Bionten (Haeckel) im Hinblick auf die Amoeben besonders passend erscheint. In dieser Hinsicht sind wieder die farblosen Blutkrperchen am genauesten ge- kannt. Ihr nacktes Protoplasma zeigt unter normalen Verhltnissen einen ausgeprgten individuellen Charakter. So begegnen sie sich 1) In der That fehlt es nicht an Fllen dieser Art, aber sie gehren ent- weder unter die Rubrik der Konjugation, oder das Zusammenflieen der Pseudo- podien ist ein Stadium aus einem Formenkreis, der durch verschiedene Ent- wicklungsstufen hindurchgeht (bei Myxodictyum) [Haeckel.] 74 Kollmann, Tierisches Protoplasma. hufig im Strom der eirknlirenden Sfte, aber selbst nach lngerm innigem Kontakt verschmelzen ihre Leiber nicht, sie trennen sich wieder, um ihre Funktionen getrennt zu erfllen. Im Furchungs- process erfolgt die Individualisirung einer grern Protoplasmamasse in selbststndige kleinere in sehr kurzer Zeit und unter den Augen des Beobachters. Ohne Membran bleiben auch die Furchungskugeln trotz der dichtesten Gruppirung dennoch selbststndig. Die Trennung des Protoplasmas in kleine selbststndige Lebensformen erscheint als allgemeine Regel ^). Bis zu welchem Grade die Selbststndigkeit der Zellen im Tierkrper anwachsen knne, zeigen namentlich auch pa- thologische Elementarorganismen, welche in fremde Gebiete desselben oder eines andern Organismus verpflanzt, durch "Weiterentwicklung oft einen beklagenswerten Beweis von der Dauerbarkeit der indivi- dualisirten lebendigen Materie zu geben vermgen (Krebszellen). Virchow hat wol am frhesten und am vollstndigsten den in- dividuellen Charakter der aus dem Protoplasma gebornen Zelle aus- gesprochen, als er sie wirklich als das letzte Formelement aller lebendigen Erscheinung hinstellte und die eigentliche Aktion in die- selbe verlegte. Seit jener Zeit liegt eine reiche Periode unausge- setzter fruchtbringender Arbeit vor uns. Ihr Ergebniss lsst das im Innern der Zelle liegende aktiv" ttige deutlicher erkennen: kon- traktiles, reizbares, und individualisirtes Protoplasma. Bei einer groen Zahl von Protozoen sind diese hervorragenden Eigenschaften der lebendigen Substanz vollkommen nachweisbar, ohne da SS im Innern irgend ein andrer Krper, ein Kern" enthalten wre. Auch das ist eine bedeutungsvolle Erfahrung geworden, und war ein willkommenes Argument in jenem langen Streit was man eine Zelle zu nennen habe". Nach unsern heutigen Erfahrungen ber die groe Rolle, welche dem Kern bei hherer Diiiferenzirung des Protoplasmas zukommt, muss man wol notgedrungen verschiedene Zellenformen unterscheiden, solche nur aus lebendiger Materie ohne Kern, solche mit Kern und solche mit Kern und Membran. Mir scheint Haeckel's Versuch einer hnlichen Klassifikation (Generelle Morpho- logie) beachtenswert, und man wird sich einer eingehenden Diskussion auf die Dauer wol kaum entziehen knnen. Wie auch der endgiltige Entscheid ausfalle, die Protozoen wie die elementaren Einheiten der hher organisirten Wesen fordern dringend eine Entscheidung. Hux- ley (Grundzge der Anatomie der wirbellosen Tiere) sieht sich ver- anlasst, die Protozoen in eine niedere und eine hhere Gruppe zu teilen. In der erstem derjenigen der Moneren ist kein beson- deres Gebilde im Protoplasma des Krpers zu unterscheiden; in der letztern derjenigen der Endoplastica ist ein bestimmter Teil 1) Die Eiesenzellen sind wol als Uebergangsformen aufzufassen. Zweifellos ist dies z. B, bei bestimmten Hotlenepitlielieu zur Zeit der Sameubildung. Kollmann, Tierisches Protoplasma. 75 der Substanz (der sog. Nucleus) von der iibrig-en Masse zu trennen. Es ist zunchst g-leiclig-iltig-, ob dieser Endoplast mit dem bekannten Kern der Zelle identisch ist, der Schwerpunkt liegt in der Dif- ferenzirung des Protoplasmas. Bei den Protozoen lsst sich deutlich erkennen, wie zahlreich die lieber gnge sind bis zur endlichen Gestaltung eines Kerns, der, soviel wir jetzt wissen, bei den komplicirten Wesen sofort mit be- stimmten Qualitten geprgt ist. Dass er eine hchst bedeutende Rolle spielt, berall wo er vorhanden ist, zeigen die neuesten Untersuchun- gen in unverkennbarer Weise. Mit seinem Auftreten wird zweifellos ein Teil der Qualitten des ungeformten" Protoplasmas auf ihn ber- tragen, er scheint das Centrum zu sein, von dem aus die Vermehrung der Elementarorganismen nach einem bestimmten Modus beherrscht wird. Die Schpfmig des Nucleus, welche allmhlich von der Stufe festerer Protoplasmaballen (bei den Protozoen) weitergerckt ist, ist nach dem Entstehen der ungeformten lebendigen Materie, vielleicht der nchste groe Gewinn in der Organisation gewesen. In dem Protoplasma der kernlosen Amoeben erfolgt die Vermehrung durch einfache Teilung. Die kontraktile Substanz spaltet sich und jeder Teil enthlt die gleichen Eigenschaften. Bezglich der mit diflferenzirtem Protoplasma versehenen Protozoen ist der Vorgang der Vermehrung und die Beteiligung des Kerns mannigfaltig^), whrend eine groe Gleichmigkeit des Vorgangs dafr bei den^aus der Eientwicklung entstandenen Elementarorganismen nachgewiesen ist. Bei den letz- tern ist die Rolle des Kerns eine so hervorragende, dass man in der jngsten Zeit mit gutem Grund den Ausspruch wagen konnte, omnis nucleus e nucleo" (Flemming); das weite Gebiet des Pflan- zenreichs gibt eine wesentliche Sttze fr einen solch allgemeinen Satz. Eine groe Reihe genauerer Untersuchungen hat bereinstim- mend dargetan, dass die Vorgnge der Zellbildung und Zellteilung sich in nahezu gleicher Weise hier ^vie dort abspielen. Aber man darf niemals vergessen, dass die Natur von dem ungeformten Proto- plasma kernloser Amoeben zu der Diffcrenzirung des Kerns sich er- heben musste, dass sie uns noch heute im Bereich der Protozoen lebendiges Protoplasma ohne Kern vorfhrt mit allen Flligkeiten zu unendlicher Vermehrung, zu Bewegung und Stoffwechsel ausgerstet, dass es also eine Stufe gibt, auf welcher dasselbe neben der Kon- traktilitt und der Reizbarkeit die Individualisirung des neuen aus der Ernhrung zugefhrten Protoplasmas ohne Beteiligung eines Kerns 1) Ein kurzer Einblick in die Arbeiten von R. Hertwig (Jenaisclie Zeit- schrift Bd. XI, 1877 ; F 1 (Mem. de la Soc. de Phys. etc. de Geneve T. XXVI, 1879; F. E. Schnitze (Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. XXX) u. A. zeigt, dass die Natur auf manche Weise die Beteiligung des differenzirten Protoplasmas (des Nucleus) an der Vermehrung der Zellen abndert. 76 Kollmann, Tierisches Protoplasma. vermittelt. Es bleibt also trotz alledem die Mglichkeit nicht ausge- schlossen ^ dass sich auch bei hher organisirten Wesen Kerne aus dem Protoplasma bilden, wie dies ja doch einmal geschehen musste und auch geschehen ist. Das ist ein Grund mehr gerade auch dem elementaren Proto- plasma, das den Kern umgibt, noch weitere Aufmerksamkeit zu- zulenken. Es liegt schon eine groe Menge von Beobachtungen vor, welche sich auf normale und pathologische Substanzen beziehen, auf Fette, FarbstoflFe aller Art, welche in ihm vorkommen. Obwol der Wert dieser Tatsachen keineswegs zu unterschtzen ist, so verdienen doch alle jene Erscheinungen hier vorzugsweise Bercksichtigung, welche als Fortstze und als Verdichtungen eine feinere anatomische Struktur ^) im Protoplasma andeuten. Bei den Pflanzenzellen ist das Protoplasma in weitaus den mei- sten Fllen getrennt von dem Zellsaft". Wo immer in den Zellen der Tiere eine solche Trennung mikroskopisch nachweisbar ist, muss sie verfolgt werden, weil die Kenntniss des Protoplasmabreies da- durch gewinnt. Ein Fachwerk von Protoplasmastrngen in Fden geschieden, festere Zge, Fasern sind schon wiederholt beschrieben worden, sowol in dem Inhalt der Zelle als in dem Kern. So sind z. B. die Schleimzellen der Fische und Amphibien nach dieser Rich- tung hin ausgezeichnet (Leydig). Zwischen Protoplasmafden findet sich ein Zellsaft. An den Knorpelzellen ist sehr hufig ein solcher Unterschied nachzuweisen. In ihrem Krper sind abwechselnd hellere und dunklere Partien, also festere und weniger feste lebende Substanz wol erkennbar. An den Nervenzellen sind Verdichtungen des Proto- plasmas nachweisbar, ebenso wie im Innern ihrer Kerne. Namentlich ist bei ihnen die Trennung in Kernprotoplasma und Kernsaft seit lange anerkannt. Ich erinnere ferner an die Beschreibungen unreifer Eier z. B. von Toxopneiistes lividus. Ein Netzwerk erstreckt sich von den Keimflecken nach der das Ganze umhllenden Membran hin. In den Maschen befindet sich selbstverstndlich eine Substanz von ge- ringerm Kohsionsgrade und einem andern Lichtbrechungsvermgen. In vielen Fllen zeigt sowol bei den Medusen als bei den Siphono- phoren und Ctenophoren das reife Ei einen Gegensatz zwischen zwei Bestandteilen. Der uere Teil setzt sich aus einem dichten Proto- plasma zusammen, whrend der innere aus einer schwammigen Proto- plasmamasse besteht, welche in ihre Maschen eine mehr flssige Sub- stanz aufnimmt. 1) G. Klebs hat in dem Artikel: Form und Wesen der pflanzlichen Proto- plasmabewegung (Centralbl. I. Nr. 16, 17 u. 19) sich bezglich dieses Punktes auf einen mehr negativen Standpunkt gestellt, den ich nicht theile, obwol ich mit ihm darin bereinstimme, dass die Angaben ber Struktur noch keine Klar- heit bringen werden ber das Wesen der Bewegung. Wenn aber auch das Ende nicht abzusehen ist, verdient der Anfang wenigstens einige Beachtung. Kollmann, Tierisches Protoplasma. 77 Gesichert ist ferner die Angabe ber streifenartige Verdickung des Protoplasmas im Innern vieler Flimmerzellen, wenn auch die Bewegung der Flimmerhaare damit wol in keinem Zusammenhang steht; ferner die Existenz von Fadennetzen in den roten Blutkrperchen der Wir- beltiere. Diese Beispiele lieen sich noch mehren, aber sie gengen zunchst fr den Nachweis verschiedenartiger Organisation des Proto- plasmas, Avenn auch diese erwhnten Zeichen einfachster Art sind. Im Ganzen fangen sie erst in der jngsten Zeit an, die Aufmerksam- keit auf sich zu ziehen, welche bis dahin zu einem groen Teil von den Bewegungs vor gangen an lebenden Elementarorganismen in Anspruch genommen wurde. Seit v. Siebold auf die Rotationen der Planarieneier hingewiesen hat, sind dieselben Bewegungen von Hydra und Halimrca an, bis hinauf zu den Sugetieren beobachtet worden mit den verschiedensten Modifikationen. Es ist dabei wol zu beachten, dass nicht allein der ganze Dotter Rotationen ausfhrt, ehe noch die Furchung beginnt, er zieht sich auch zusammen, im Ganzen und in einzelnen Teilen, es erfolgt also eine Reihe von Kontraktionen, welche auf sehr betrchtliche Verschiebungen im Innern schlieen las- sen (Freiwerden von Spannkrften). Hchst auffallend sind die pseudopodienartigen Fortstze am Ei von Hydra (Kleinenberg) und Toxopneustes variegatus (Selenka). Von der peripheren Lage des Protoplasmas strecken sich durch die Zona radiata Auslufer, um von auen her vielleicht Nahrung aufzunehmen. Diese Fortstze sind anfnglich gro und unregelmig, werden aber bald feiner und erlangen eine strahlenfrmige Anordnung. Sie wer- den spter zurckgezogen. Hier lsst also das in die Eimembran eingeschlossene Protoplasma etwas von jenem physiologischen Vorgang direkt beobachten, den wir von jedem Ei und jeder Zelle voraus- setzen mssen trotz der Existenz einer festern Grenzschichte, nmlich bestimmte Beziehungen zu der Nahruugssubstanzen enthaltenden Um- gebung. Protoplasmafortstze strecken sich vor wie Organe, um nach vollendeter Funktion wieder zurckgezogen zu werden. Der sogenannte Attraktionskegel" ist eine verwandte Erscheinung. So- bald die Spermatozoen durch die Eihaut in die Nhe des Dotters ge- langen, treffen sie auf Verlngerungen des Eiprotoplasmas. Ist dies der Fall gewesen, dann sinkt der Kegel zurck und zieht den be- fruchtenden Faden in das Innere. An der betreffenden Stelle tritt dann vorbergehend eine kleine Grube auf. Wol kann als nchste Ursache fr diese Vorgnge eine Fernewirkung der Spermatozoen gelten. Allein diese naheliegende Erklrung nimmt der Bewegung des Protoplasmas nichts von ihrer seltsamen, fast mchte man sagen vernnftigen, Energie, sondern zeigt nur aufs Neue den hohen Grad von Reizbarkeit, welcher ihm innewohnt. Jetzt, wo eine Reihe von Beobachtern noch mit dem Studium dieser Vorgnge beschftigt ist, mgen vielleicht schon die nchsten Wochen uns Modifikationen des 78 Kollmann, Tierisches Protoplasma. Verhaltens kennen lehren, wie denn in der Tat nach Aug. Mller, Calberla, Kupfer und Benecke, Fol, Butschli, 0. Hert- wig u. A. manche Verschiedenheiten bestehen; immerhin steht soviel fest, dass dem Spermafaden durch das Verhalten des Protoplasmas und zwar durch eine Reihe von Bewegungen das Eindringen erleich- tert wird, dass sich bis zu dessen erfolgter Aufnahme der Proto- plasmabrei hchst eigenartig verndert und weitgehende innere Vor- gnge andeutet. Es ereignet sich dasselbe mutatis mutandis, wie bei der Ambe, die sich eine Navicelle mit ihrem ungeformten" Protoplasma ein- fngt, oder deren lebendiger Brei um Paramcien und Colpoden sich herumgiet. Hier bt die Nahrung einen Reiz und die ausgelsten Bewegungen lassen nichts an Zweckmigkeit zu wnschen brig. Nach allem, was bei den beschlten Rhizopoden vorgeht, Avissen wir, dass selbst die aus dem Krper hervorgestreckten feinen Fden die Nahrung ergreifen knnen. Also selbst den dnnsten Pseudopodien ist der hohe Grad von Reizbarkeit eigen: die Nahrung lst eine Reihe von Kontraktionen des Protoplasmas aus, die Fden ergreifen und ziehen an sich, und nehmen in sieh auf, wie dort der Protoplasma- ballen des Eies. Ist von Bewegungen des Protoplasmas die Rede, dann verdient auch jene mit so groem Erfolg beobachtete Reihe von Vorgngen eine Bercksichtigung, welche mit der Reife des Eies beginnt und mit der Anlage des Embryo endigt. Nicht ihre Bedeutung fr die Ent- wicklungsgeschichte kommt hier in Betracht, sondern das Gemein- same jener physiologischen Umlagerungen und sichtbaren Vern- derungen innerhalb tierischen Protoplasmas. Seit einige homologe Phasen bei den mit Kern versehenen Zellen des Tier- und Pflanzen- krpers nachgewiesen sind, zeigt sich erst recht evident, dass jede Zelle einen Teil der dem Ei innewohnenden Krfte besitzt. Der Tei- lungsmodus in Form der sog. Karyokinese ist so, als ob er jedesmal nach dem Vorgang bei der Teilung des Eies kopirt wrde. Jede neue Zelle muss durch hnliche Stadien hindurch. Jede wird wieder nach demselben lngst erworbenen und sehr komplicirten Verfahren erst umgestaltet, ehe sie fr die Trennung in zwei Hlften reif ist. Die junge Zelle erhlt dieselben weit in ihre Herkunft zurckgreifen- den Merkmale vorbergehend aufgeprgt, die ihre Ahnen whrend der Furchung besaen. Mit den uern Merkmalen muss doch wol auch ein Teil der damit einst verbundeneu Krfte wiederkehren. Wenn es gestattet wre von einer Erinnerung zu sprechen, so knnte man sagen, die Zelle wird sich whrend der Teilung ihrer ganzen Ver- gangenheit bewusst, ja noch mehr, ihr Protoplasma erhlt mit der Erinnerung auch wieder die alten Krfte und kann sich unter Um- stnden wieder ebenso vielseitig umgestalten, wie in den allerersten Tagen der Entstehung des Individuums. Damit lsst sich die ber- Kollmami, Tierisches Protoplasma. 79 rascliende Tatsache von dem Wiederersatz verlorner Teile oder die Entstellung eines neuen Tiers aus einem abg-esclinittenen Stcke we- nigstens etwas verstehen. Die alten Experimente von Trembley an dem braunen Wasserpolypen, der in beliebig viele Stcke getrennt, ebenso viele neue Individuen aus den vorhandenen Zellencomplexen aufbaut, sind in dieser Beziehung doppelt bedeutungsvoll. Eine neue Untersuchung dieser Erscheinung wre erwnscht, um zu sehen, wie viele Zellenreihen gengen, um diese groartige Leistung auszufhren. Nicht allein neue Zellenreihen sind zu bilden, sondern auch Mund und Fangarme. Jede Zelle des Organismus muss noch im Vollbesitz einer reichen Flle von Krften sein, die wir sonst nur dem Ei zuer- kennen. Ihre physiologische Vielseitigkeit springt noch besonders nach dem Umstlpen des Tiers in die Augen. Ist das Entoderm zur Auenflche, das frhere Ektoderm zur Innenflche geworden, so leben die Tiere fort, die Ernhrung dauert fort, obwol die Bionten pltzlich gezwungen sind ihre Bollen zu tauschen. Die Krfte, welche in dem Zellprotoplasma schlummernd sich erhalten, auch bei hher differenzirten Organismen, bei denen die Teilung der Arbeit sehr hoch gediehen ist, sind sehr vielseitig und bertreffen die khnsten Er- wartungen. Ein Beispiel dieser Art ist die Erneuerung des abge- trennten Augentrgers mit Auge bei den Landpulmonaten. Zunchst beginnt die Begeneration des Epithels. Die Epithelzellen rings am Rande der Wunde beginnen sich zu verflachen. Auf diese Weise dehnen sie sich ber die Wundflche hin aus, bis diese von einer Schicht ungemein dnner Plattenzellen bedeckt ist. Demnchst wachsen die letztern in die Dicke, die abgeplatteten Kerne werden rund und so entstehen nach einiger Zeit groe, kubische Zellen. Ihre Umbil- dung zu normalen Cylinderzellen geschieht auf dem Wege der Zell- teilung, wobei in groer Zahl Kernfiguren beobachtet werden. Diese betrchtlichen Vernderungen steigern sich noch. An derselben Stelle, an welcher das Auge in dem unverletzten Fhler liegt, beginnt in dem regenerirten Epithel des andern eine Wucherung, welche eine birnfrmige Blase, die neu entstehende Augenblase, ausfllt. Diese schnrt sich endlich ab und nun beginnen weitere Umwandlungen. Ein Teil verndert sich zu Corneazellen, der vorher lngliche Kern wird kugelrund, rckt dicht an die Peripherie, whrend der Zell- krper sich nach dem Centrum der Blase um etwas verlngert und homogen wird. Die brigen Zellen wandeln sich in andrer Weise um, sie werden um das Doppelte lnger, es treten Pigmentkrnchen in ihnen auf, welche mehr und mehr unter der Zellmembran sich aus- breiten, whrend der sonst granulirte Inhalt ein fast glasiges Geprge annimmt. Whrend dieser Vorgnge ist gleichzeitig die Bildung der Linse eingeleitet, wieder von den regenerirten Epithelzellen aus. Sie entsteht kurz nach der Einstlpung der Augenblase als eine Cuticu- larabscheidung und wchst mit dem Auge. (Vgl. J. CarrierC; Be- 80 Spengel, Leben des Ajolotl in Mexiko. .rieht ber die Naturforscherversammlimg in Baden-Baden, Sektion fr Zoologie und vergl. Auat., 1878). Zum Schluss treten die Fasern des Optikus mit den Stbchenzellen in Verbindung und das wiederherge- stellte Auge ist nicht mehr von dem normalen Auge unterschieden. Die angefhrten Tatsachen ber die zahlreichen Modifikationen der Epithelzellen, die Uebernahme neuer physiologischer Funktionen, zeigen hinreichend, welch groe Summe von Eigenschaften das Pro- toplasma einer bestimmten Zellenart noch im erwachsenen Tier be- sitzt. Trotz der wiederholten Teilung haben die Nachkommen der- selben Zellenspecies, welche von der Oberflche des Krpers stammt und in erster Linie von dem Ektoderm, noch ihre volle ju- gendliche Zeugungskraft, die in ihrer lebendigen Substanz schlum- mert, und die unter bestimmten Umstnden in der reichsten Form sich wiederentfaltet. Die Regeneration des uern Integuments kommt dem ganzen Tierreich zu. Frais se hat darber (an dersel- ben Stelle) Ausfhrliches berichtet. Es ist bekannt, dass beim Men- schen diese Eigenschaft fr den Ersatz zerstrter Partien des Integu- ments (Zellensaat zur Regeneration der Epidermis) selbst praktische Anwendung gefunden hat. Hier treten dieselben Krfte des Proto- plasmas in ihre Ttigkeit, wenn sie auch um Vieles eingeschrnkt sind durch die Difterenzirung der physiologischen Funktionen. Ganz anders die Ektodermzelleu der Hydra. Sie besitzen in dem leben- digen Inhalt ihrer Zellen den grten Teil jener molekularen Krfte, welche bei den hhern Wirbeltieren nur noch in dieser Vollendung in dem Ei und dem Samenfaden bis ins Ungemessene freilich vor- handen sind. Die Analogie zwischen beiden ist nicht im Stande, das Rtsel der Vererbung aufzuklren, aber sie ntzt doch, wie mir scheint, soviel, um die groen und verschiedenen Rollen des Proto- plasmas der Vorstellung nher zu bringen, die Vielseitigkeit seiner physiologischen Fhigkeiten anzudeuten. Von diesem Gesichtspunkt aus wird es stets wertvoll sein, die Vorgnge im Protoplasma des Eies und der Protozoen im Auge zu behalten. J. KoIImanu (Basel). Beobachtungen ber das Leben des Ajolotl in Mexiko. Mitteiluugen ans einem Anfsiitz von Jos6 M. Velasco. Der naturwissenschaftliche Verein in Bremen erhielt krzlich die bisher erschienenen Bnde einer naturwissenschaftlichen Zeitschrift Mexikos, die in Europa sehr wenig bekannt sein drfte. Sie fhrt den Titel : La Naturaleza. Peridico cientifico de la sociedad mexicana de historia natural." Der fnfte Band (1880) enthlt u. A. eine Ueber- setzuug von Weismanu's Abhandlung Ueber die Verwandlung des SiDengel, Leben des Ajolotl in Mexiko. 8i mexikanischen Ajolotl iu ein Amblystoraa" (Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. 25 Siippl.) und au diese knpft Jose M. Velasco (S. 5884) eine Reihe von Betrachtuug-en; welche geeignet sind, unsere bisherigen Anschauungen ber das Wesen dieses viel besprochenen Umwand- lungsvorgangs erheblich zu modificiren. Der Verf. ist zwar ber den Stand der Frage augenscheinlich nicht vllig unterrichtet und spinnt daher manche Gedanken sehr weit aus, welche mit der Sache nur in sehr lockerm Zusammenhang stehen. Auch hat er Weismann an manchen Stellen in verhngnissvoller Weise missverstanden und ge- langt dadurch dazu, Ansichten zu bekmpfen, die W. gar nicht aus- gesprochen hat. Es verlohnt sich daher nicht, die Auotaciones y observaciones" von Velasco in wrtlicher Uebersetzung wiederzu- geben, sondern es gengt, die wichtigsten Tatsachen in Krze mitzu- teilen. Unter diesen steht obenan die Widerlegung der Annahme dass Siredon mexicanus in seiner Heimat, so viel wir Avissen, nie- mals die Metamorphose eingeht. Man kennt ihn von dort nur in der Siredonform" (Weismann a. a. 0. S. 303). Velasco teilt da- gegen Folgendes mit: 1878 beobachtete er selbst die Verwandlung von Siredo?i tigrina Velasco aus dem See von Santa Isabel, etwa 1^2 Leguas nrdlich von der Hauptstadt Mexico in Amblystoma. Verwandelte Exemplare von Siredon Humholdti aus den Seen von Xochimilco und Chalco sowie von Zumpango (16 Leguas nrdlich von der Hauptstadt), sind der mexikanischen Gesellschaft vorgelegt. Dem ist hinzuzufgen, dass solche in den um die Seen gelegenen Ortschaf- ten bekannt sind und zwar bei Santa Isabel unter dem Namen Ajolotl pelones (d. h nackte A.) oder mochos (d. h. beschnittene A.) oder sin arietes (ohne Ohrringe), weil sie keine Kiemen besitzen; an den Seen von Chalco und Xochimilco unter dem Namen Tlalaxolotl, der der alten Benennung im mexikanischen Idiom, die besagt Landajo- lotl"; Manche geben ihnen auch den Namen Bergajolotl" (axolotl de cerro), weil man sie in den Bergen, welche das Tal von Mexico vom Sden her umgeben und nahe an diese beiden Seen herantreten, unter Steinen und an feuchten Orten findet. Bei Lerma nennt man sie taube Ajolotl". Aus Velasco's eigenen speciellern Beobach- tungen sei folgendes erwhnt : Die Ajolotln im See von Santa Isabel verwandeln sich, sobald das Wasser anfngt zu schwinden, und wenn es vollkommen ausgetrocknet ist, so findet man kein Exemplar tot, sondern alle sind ans Land gekrochen. Und auch wenn die Aus- trocknung des Sees knstlich beschleunigt wird, sieht man nicht ein einziges Exemplar durch den Abfluss fortschwimmen, ber den man zu diesem Zweck ein die ganze Oeifnung bedeckendes Netz spannt. In den letzten Tagen des Februars, d. h. wenn der See von Santa Isabel fast abgelaufen war, lie ich mir mit dem Netz einige Ajolotln fangen: alle 40, welche ich erhielt, waren verwandelt. Eigentmlich dabei war, dass die meisten nur 810 Ceutimeter lang waren, einige 6 2 Spengel, Leben des Ajolotl iu Mexiko. 1820, whrend die normale Gre dieser Art 2225 Centimeter be- trgt." Diese Aiistrocknuug des Sees von Santa Isabel erfolgt all- jhrlich. Der See von Zumpango trocknet nur bisweilen aus, wenn wenig Regen fllt, die Seen von Xochimilco und Chalco dagegen nie- mals. Demnach verwandeln sich auch in diesen Seen die Ajolotln, obwol das "Wasser denselben die gnstigsten Bedingungen fr ihre Erhaltung im Larvenzustande zu bieten scheint. Das Wasser ist von ausgezeichneter Beschaffenheit, fast in der ganzen Ausdehnung mit einer ziemlich reichen schwimmenden Vegetation bedeckt, und ebenso der Boden, der gleichfalls Pflanzen trgt, in denen die Ajolotln sich vollstndig verkriechen und Nahrung im Ueberfluss finden knnen," Im Gegensatz zu der bisher in Europa geltenden Meinung formulirt also Velasco das Eesultat der in Mexiko angestellten Beobachtungen dahin, dass alle Siredon-Avten fiich in ibli/sto)na \ei'vfixiLi.e\n, mgen die Bedingungen, unter denen sie im Wasser leben, ungnstige oder gnstige fr die Erhaltimg der Ajolotlform sein. Weismann's An- gaben ber den Salzgehalt der Seen (a. a. 0. S. 324) knnen sich nach Velasco nur auf den See von Texcoco beziehen (vergl. W e i s - mann, a. a. 0. S. 333): in diesem aber kommen nach unserm mexikanischen Gewhrsmann keine Ajolotln vor; es wer- den mithin die Vermutungen Weismann's ber die Rolle, welche der Salzgehalt gespielt haben knne, bedeutungslos. Leider hat Verf. keine eigenen Beobachtungen ber die Fortpflanzung des mexikani- schen Amblystoma mitzuteilen. Allein nach dem, was wir jetzt ber die Fortpflanzung sowol der in Europa aus Ajolotln gezogenen Am- blystomen als auch der nordamerikanischen Arten wissen, wird man nicht mehr ernstlich daran denken knnen, dass die mexikanischen Amblystomen steril seien. Blicken wir auf diese Tatsachen zurck, so ist nicht zu verkennen, dass die Ajolotlfrage dadurch in ein ganz anderes Licht gesetzt wird. Nach den in Europa angestellten Beobachtungen war man der Ansicht gewesen, der Ajolotl pflanze sich normaler Weise in seiner Larven- gestalt fort. Dasselbe nahm mau auf Grund der Versicherungen de Saussure's (Verh. Schweiz. Naturf. Ges. Einsiedeln 1868) und Andrer fr die in Mexiko lebenden Ajolotln an, und es ist daraus um so we- niger ein Vorwurf herzuleiten als bis 1878 selbst in Mexiko den Ge- lehrten die Verwandlung in Amblystoma nicht bekannt war (Velasco, a. a. 0. S. 65). Ist es aber nach dem oben Mitgeteilten eine unbe- zweifelbare Tatsache, dass in Mexiko die Ajolotln sich verwandeln, so bleibt es doch auf der andern Seite nicht minder unleugbar, dass die in Europa in Gefangenschaft gehaltenen Ajolotln 1) in der Regel sich nicht verwandeln und 2) sich durch eine Reihe von Generationen hindurch im Ajolotlzustand fortpflanzen. Ja wir kennen jetzt durch Gasco's Beobachtungen sowol ihr charakteristisches Liebesspiel als auch die Ablage und den Bau ihrer Samentrger (Spermatophoren), Mc Cook, Die Honigameisen. 83 und es scheint mcht sehr wahrscheinlich, dass diese Vorgnge sich in gleicher Weise bei den auf der Erde lebenden und zAim andauern- den Schwimmen im Wasser durchaus ungeeigneten Amblystomen wie- derfinden sollten. Velasco scheint von diesem Stand der Dinge keine richtige Kenntniss zu haben, sondern anzunehmen, man habe in Eu- ropa nur gelegentlich eine Fortpflanzung des Ajolotl beobachtet, die er sich dann zu erklren bemht (S. 79). Tatschlich aber dreht sicli die ganze Ajolotlfrage ja gerade um die Fortpflanzung. Solange die Eiablage des Ajolotl nicht beobachtet war, konnte nicht nur Cuvier denselben fr die Larve eines groen Salamanders erklren, sondern er musste es. Spter aber musste der Ajolotl so lange fr einen Perennibranchiaten nach Art von Menobranchus gehalten wer- den , bis durch D u m e r i 1 die Verwandlung in Amblystoma nachge- wiesen wurde. Tritt diese Verwandlung regelmig ein, so wird die Bezeichnung Ajolotl entbehrlich, oder wir werden sie ausschlielich verwenden fr solche Amblystoraalarven, die in Larveuform geschlechts- reif werden, die sich pdogenetisch fortpflanzen. Die Tendenz dazu wohnt den Schwanzlurchen auch in einigen andern Fllen (Triton] vergl. z.B. Weismann, a. a. 0.) inne, in besonders hervorragendem Mae aber der Gattung Amhlystoma (z. B. Slredon lichenoides). Wie aber wurde sie bei den in Paris und andern europischen Orten ge- zogenen Individuen der mexikanischen Art in solchem Grad zur Regel, dass man den normalen Vorgang unter gewhnlichen Umstnden gar nicht beobachtete? Die von Velasco aufgedeckten Tatsachen nti- gen uns, wie man sieht, dazu, die Frage nach dem Wesen der Ajolotl- Verwandlung geradezu umzukehren. Wir haben jetzt nicht mehr zu fragen: unter welchen Umstnden kann die Verwandlung erfolgen, sondern die prcise Frage wrde lauten : welche Umstnde verhindern die Verwandlung des Ajolotl in Amblystoma? Wir sehen uns, mit andern Worten, vor genau dasselbe Problem gestellt, das uns das gelegentliche Vorkommen geschlechtsreifer Tritonlarven darbietet, und es ist dabei natrlich nur von untergeordneter Bedeutung, dass die Zucht geschlechtsreifer Ajolotln sehr leicht gelingt, diejenige ge- schlechtsreifer Tritonlarven dagegen durch knstliche Mittel bisher nicht zu erreichen gewesen ist. Die Bedingungen, unter denen Pdo- genesis bei Triton und Amblystoma eintritt, sind also offenbar sehr verschieden, in ihrem Wesen aber unbestreitbar in beiden Fllen noch vllig unerkannt. J. W. Spengel (Bremen). Mc Cook, The Honey Ants of the Garden of the Gods and the Occident Ants of the American Plains. Philadelphia 1882. Seit 1832 hatte Dr. Pablo de Llave in Mexico einen Bericht verffentlicht ber die sonderbare daselbst lebende Honigameise, die 6* 8-4 Mc Cook, Die Honigameisen. er Formica melligera nauiite {Myrmecocystus meUiger). Ohne selbst die Saclie beobachtet zu habeii; beschrieb er die Kammern des Nestes in welchem die honigtragenden Arbeiter mit kolossal geschwollenem kiigligen Bauch vom Gewlbe herabhngen; auch kannte er die nicht geschwollenen groen und kleinen Arbeiter. Mc Cook hat im Colorado eine eigentmliche Variett der Houig- ameise entdeckt imd deren Lebensweise sehr eingehend untersucht. Aus der Baukunst der Ameise ist hervorzuheben, dass whrend die Innenflche der Gnge und Kume des Nestes berhaupt so glatt als mglich gehalten sind, die Wnde und das Dach der Honigrume, von welchen die geschwollenen Arbeiter herabhngen eine rauhe Be- schaffenheit bieten, wodurch das Anheften mit den Klauen wesentlich erleichtert wird. Die honigtragenden Arbeiter bilden keineswegs eine besondere Kaste unter der Bevlkerung. Es sind vielmehr gewhn- liche grere Arbeiter, deren Abdomen durch massenhafte Einfhrung von zuckerhaltigen Sften allmhlich zu einer erbsengroen durchsichtigen Kugel gewachsen ist ; selbst im anatomischen Bau lsst sich zwischen gewhnlichen und honigtragenden Ameisen kein wesentlicher Unter- schied nachweisen. Die Verdauungsorgane sind normal, nur ist der Kropf enorm gefllt; die weiche durchsichtige Chitinhaut, welche die Tergal- und Sternalplatten des Abdomen verbindet, bildet fr sich allein fast die ganze Bedeckung des Hinterleibs und die Platten selbst erscheinen darauf als getrennte dunklere Schilder. Man findet Ar- beiter auf allen mglichen Stufen der Anschwellung des Abdomens. Die geschwollenen Arbeiter sind faktisch lebende Vorratstpfe, welche in ihrem Kropf die heimgetragenen Zuckersfte aufspeichern und den hungrigen Mitameisen tropfenweise wieder auswrgen. Der Honigsaft selbst wird von den Ameisen auf besondern Eichengallen gesammelt; auerhalb des Nestes ist die Honigameise nur whrend der Nacht ttig, was die Beobachtung nicht unbedeutend erschwert. Merkwr- dig genug ist die Bemerkung, dass die Leichen gestorbener Honig- trger wie jede andere tote Ameise vom Nest entfernt wurden, ohne dass versucht wurde die in deren Leib vergrabenen Schtze zu ver- werten; dagegen wurde der Saft zufllig verletzter Honigtrger von ihren Gefhrtinnen gierig geleckt. Der zweite Teil des Buchs behandelt den Pogonomyrmex occi- dentalis, einen nahen Verwandten der texaner Ackerbauameise (P. barhatus) deren Stelle er im Westen einnimmt. Die Vergleichung der drei Arten, P. crudelis (aus Florida), P. harhafus und P. occiden- talls in Bezug auf den Nestbau ist nicht ohne Interesse. Betrachtet man als Urform P. crudelis, dessen Nest einen nicht sehr regelmigen Hgel bietet, mit centraler Eingangsffnung und kaum angelegtem kahlen Feld um denselben, so kann man beide andere Nestformen davon ableiten. Bei P. barhatus behlt der Hgel die primre Form, kann aber auch ganz fehlen ; um denselben wird aber der Boden von Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 85 jedem Gewchs frei gehalten , so dass ein kahles kreisfrmig-es Feld gebildet wird, auf welchem mir einzelne Bschel einer besondern Anstida-urt geduldet werden, deren Samen (sowie die Samen vieler andrer Pflanzen) die Ameisen auflesen und heimtragen. Die Arisda- BUschel finden sich aber nicht auf allen Nestern; der erste Beobachter des P. barbatus, Lincecum glaubte, dass jenes Gras von den Amei- sen frmlich gest und geerntet wrde imd deshalb wurde das Tier von ihm Ackerbauameise genannt; nach Mc Cook's vor drei Jahren verffentlichten ausgedehnten Beobachtungen ist zwar die Ernte eine Tatsache, die Saat aber mindestens zweifelhaft. Vom kahlen Feld erS'trecken sich nach allen Richtungen strahlende Wege, welche gleich- falls von jeder Vegetation frei gehalten werden und zum Verkehr der kornsammelnden Arbeiter dienen. P. occidentalis baut keine Straen und das kahle Feld um sein Nest ist bei weitem nicht so umfang- reich und regelmig wie bei der Ackerbauameise; auch wird darauf keine besondere Grassorte gehalten ; aber der centrale Hgel hat eine sehr regelmige konische Form erhalten und wird von einem Pflaster von kleinen Steinen bedeckt. Der Eingang (oder die Eingnge) des Nestes liegt nicht am Gipfel des Hgels, sondern nahe an dessen Basis und wird abends sorgfltig mit Steinen zugemauert (bei P. crudeUs und barbatus bleibt der Eingang stets offen); es ist dann nicht leicht die geschlossene Tr auf der gepflasterten Flche des Hgels zu erkennen. Es hat sich also bei P. barbatus die Baukunst besonders in der Bildung des kahlen Feldes und der Verkehrsstraen im hchsten Grad vervollkommnet ; dabei ist noch der merkwrdige Ackerbau entstanden. Bei P. occidentalis hat sich die Architektur vielmehr am Hgel ausgebildet, wahrscheinlich infolge des eingetrete- nen Gebrauchs die Eingnge bei Nacht zu schlieen. P. occidentaUsi^iynQ A\q verwandten Arten eine krnersammelnde Ameise, verschmht aber auch animalische Kost nicht (hnlich verhlt sich in Sardinien die groe Form von Aphaenogaster testaceo- pilosa gegenber ausschlielich krnerfressenden Arten derselben Gat- tung. Ref.). Nach Mc C. sollen in Amerika noch Pheidole pensylvanica und megacephala Krner sammeln. C. Emery (Bologna). Dimitrij Anutschin, lieber einige Anomalien am menschlichen Schdel mit besondrer Bercksichtigung des Vorkommens der Anomalien bei verschiedenen Rassen. IL Das Os Incae und die damit verwandten Bildungen. lieber abnorme Nhte und Knochen in der Nackengegend des Schdels. (S. 60108. Mit Fig. 51100.) Kap. I. Historische Uebersicht. Die Entwicklung der Hinter- hauptschuppe. Einteilung der Ossa epactalia (60 82). Mit dem Namen Os Incae" wird seit Tschudi (1844) der g Amitschin, Anomalien am menschlichen Schdel. obere durch eine quere Naht vom untern Teil getrennte Abschnitt der Hinterhauptschuppe bezeichnet. Tschudi meinte, dass dies Vor- kommen eine specielle Eigentmlichkeit der peruanischen Schdel sei. Man hat das eine Zeit lang geglaubt, dann aber in Frage gezogen. Der von Tschudi beschriebene Zustand der Occipitalschuppe war bereits den altern Anatomen bekannt. Es werden uns vom Verfasser in chronologischer Reihenfolge die Abhandlungen von Meckel, G. Saint-Hilaire, Otto, Gosse, Jacquard, Broca, Hyrtl, Luschka citirt imd darauf hingewiesen, dass vielfach Verwechs- lungen der verschiedenen Anomalien der Hinterhauptschuppe vorge- kommen sind. Einzelne Autoren haben deshalb Versuche gemacht jene Bildungen zu klassificiren , so Otto 1839, Virchow 1875 (Os interparietale s. sagittale; Os quadratum s. fonticulare poste- rius; Os apicis squamae occ. s. triquetrum; Os Incae tripartitum; Os epactale proprium s. Incae) Ranke 1878. Die beiden letztge- nannten Autoren unterlegen ihrer Einteilung die Theorie Meckel's ber die Entwicklung der Hinterhauptschuppe von 4 Paaren Verkn- cherungspunkten aus; das Os Incae entspricht darnach dem zwei- ten, dritten und vierten Paare der Verkncherungspunkte ; das Os apicis entspricht nur dem vierten Paar. Dann wendet sich der Verfasser zur Besprechung der Linea nuchae suprema und ihrer Beziehung zur Hinterhauptschuppe. Er citirt Meckel, Joseph, Ecker, Meyer, Bessel-Hagen und verweilt lnger bei den in- teressanten Auseinandersetzungen Bessel-Hagen's in Betreff des Verhltnisses der Linea nuchae suprema zum Os Incae. Weiter er- whnt er des Ossiculum tricuspidale Kerkringii zAvischen den bei- den Hlften der untern Schuppenteile des Hinterhaupts. Schlielich stellt Anutschin ein eignes System zu einer Einteilung aller frag- lichen Bildungen der Hinterhauptschuppe auf (S. 75). A. Die von den einzelnen Verkncherungspunkten der Hinter- hauptschuppe gebildeten KnochenstUcke bleiben gesondert. I. Das dritte und vierte Paar der Ossitikationspunkte bleiben von dem brigen Teil der Schuppe durch eine Quernaht getrennt: Os Incae. Dasselbe kann vorkommen als 1. Einfaches Os Incae, dessen einzelne Teilstcke zu einem Ganzen verschmelzen. 2. Zusammengesetztes Os Incae, dessen einzelne Teilstcke mehr oder weniger gesondert bleiben. a. Zweigeteiltes Os Incae bipartitum aus zweien gleich oder ungleich groen Teilstcken. b. Dreigeteiltes Os Incae tripartitum Virch.; die beiden la- teralen Teilstcke bleiben von den beiden medialen, zu einem verschmolzenen, getrennt. c. Viergeteiltes Os Incae, dessen vier Teilstcke alle von einander gesondert bleiben. Aniitscliin, Anomalien am menschlichen Schdel. 87 IL Die einzelnen aus dem dritten und vierten Paar der Verkn- clierungspunkte gebildeten Teilstcke der Schuppe bleiben gesondert, ohne jedoch ein vollstndiges Os Incae zu bilden. 1. Der abnorme Knochen entspricht einem Drei viertel Os In- cae: von den 4 Teilstcken sind drei (oder vier) mit einander ver- einigt ^). a) Der Knochen setzt sich zusammen aus den beiden media- len und einem lateralen Teilstck; welche mehr oder weniger unter einander verschmolzen sind. b. Es bilden sich zwei -Knochen, indem an einer Seite sich ein laterales und ein mediales TeilstUck mit einander vereinigt haben, wh- rend an der andern Seite das laterale Teilstck isolirt geblieben ist. (Fig. 58). 2. Der abnorme Knochen entspricht einem halben Os Incae, d. h. besteht aus der Vereinigung zweier Teilstcke des dritten und vierten Paars. a. Die medialen Teilstcke sind unter einander verwachsen. b. Die lateralen Teilstcke sind isolirt geblieben. c. ein laterales und ein mediales Teilstck sind mit einan- der verschmolzen. 3. Der abnorme Knochen entspricht einem viertel Os Incae, d. h. nur einem der Teilstcke beider (3. und 4.) Paare. a. Ein laterales Teilstck bleibt isolirt. b) Eines der beiden medialen Teilstcke bleibt isolirt. III. Der (seitliche) Anfang und die Spuren der embryonalen Quernaht der Hiuterhauptschuppe bleiben erhalten. a. Spuren der Naht zwischen dem zweiten (untern) Paar und den beiden dritten imd vierten (obern) Paaren blieben in der Richtung der Linea suprema nuchae stehn. b. Spuren der Naht zwischen dem ersten und zweiten Paare, der Richtung der Linea nuchae superior entsprechend. c. Spuren der Naht zwischen den einzelnen Teilen der (medialen) dritten und zweiten Paare, eine Fortsetzung der Sagittaluaht dar- stellend ^). B. Schaltknochen der Hinterhauptfontanelle. a. Der Knochen hat eine rhomboidale Form (Os quadratum Virchow). b. Der Knochen hat eine mehr dreieckige Form (Os apicis und triquetrum Virchow). Hierher mssen dann auch die brigen hufig vorkommenden Schaltknochen von unregelmiger Form und Gestalt gerechnet werden. 1) Die Benennung ^j^, V2 ^^^^^ Vi Os Incae scheint nicht zutreffend ge- whlt. Ref. 2) Diese Anomalie ist sehr selten. Anutschin hat sie nur einmal an einem peruanischen Schdel getroffen. 88 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Im Anhang wird darnach das Os inte r parietale s. sagit- tale Virchow's beschrieben, ein Schaltknochen, welcher an dem Winkel der Lambdanaht in der Sa gittalnaht selbst liegt. Anutschin ist geneigt die Entstehung dieses Knochens auf die hie und da vor- kommende in der Pfeilnaht liegende Sagittalfontanelle zurckzu- fhren. Anutschin gibt eine genaue Uebersicht der einschlgigen Literatur und eigne Untersuchungen an Schdeln von Neugebornen in Paris und Moskau. Schlielich wird eines sagittalen Fortsatzes der Hinter- haupt schuppe gedacht, der sich zwischen den beiden Scheitel- beinen in die Pfeilnaht hinein erstreckt; derselbe ist in seiner Ent- wicklung wol auch auf die ebengenannte Sagittalfontanelle zurck- zufhren. Kap. II. Die Resultate eigner Untersuchungen in Betreff des Vorkommens der Anomalien der Hinterhauptschuppe bei verschiedenen Menschenrassen (S. 82 96). Der Verfasser konnte selbst 531 Peruanerschdel und gegen 4000 anderweitige Rassenschdel prfen und zugleich seine eignen Beobachtungen mit denen der andern Autoren, welche 5000 Schdel betreffen, in Beziehung setzen. Ist die Ansicht Tschudi's gerechtfertigt, wonach das Os Incae bei den Peruanern hufiger vorkommt, als bei andern Vlkern? fragt der Verfasser. Es geht der Verfasser nun die Einzeluntersuchungen der altern Autoren der Reihe nach durch und vergleicht dieselben mit seinen eignen Resultaten. Wir geben hier eine Tabelle als Uebersicht in Betreff des Vorkommens des Os Incae an europischen Schdeln. Welcker 857 (Halle) 5 Mal 1) 0,6 o/o Ranke 2489 (Baiern) 5 - 0,2 - Lucae 86 (Frankfurt a/M.) 3 3,5 - Schaafliausen 270 (Bonn) 1 0,4 - Kupifer 442 (Knigsberg) 4 0,9 - B. Davis 425 (Grobrit.) 2 - 0,47 - riower 316 4 - 1,26 - Anutschin 887 (Russland) 3 - 0,3 - 91 (Balkanhalb- insel, Serbien Polen) - In Summa 5896 Schdel 27 0,4"/oalso 4,5 auf 1000. Demnach ist ein Os Incae etAva an ^/2''/o der europischen Sch- del (0,4*^/0), wahrscheinlich noch seltner vorhanden, weil das Material aus anatomischen Museen stammt, in welchen mit Vorliebe abnorme Schdel gesammelt werden. An Schdeln der weien Rasse in Asien prft Anutschin 1) Ein ganzes (vollstndiges) Os Incae ist gemeint. Amitschill, Anomalien am menschlichen Schdel. 89 selbst 660 (169 kauk., 168 tnrkest. und 323 ttirk.-finnisch) und fgt dazu 314 Schdelbcobachtung-en andrer Autoren, in Summa 974 Sch- del, darunter zeigten ein Os Incae 5 Sclidel, demnach etwa 0,5 /o, 5,1 auf 1000. Aus der Vereinigung aller die weie Rasse in Asien und Europa betreffenden Schdel erhlt man 6870 als Summe, da- runter 32mal ein Os Incae, d. i. 0,46 7o oder 4,65 auf 1000. Wir knnen dem Verfasser nicht in alle Einzeluheiten seiner Beobachtungen folgen, sondern mssen uns begngen einige Tabellen zum Teil direkt seiner Abhandlung zu entnehmen, zum Teil in etwas vernderter Form und Anordnung zu geben. Es ist berhaupt zu bedauern, dass der Verfasser nicht eine Generaltabelle ber alle von ihm und Andern untersuchten Schdel und der fraglichen Anomalien gegeben hat. Die einzelnen Tabellen enthalten ungleiche Zahlen in Betreff des Materials und es bleibt unerklrt, warum z. B. ein Mal die weie Rasse mit 6871, das andere Mal mit 5610 Schdeln dasteht; ferner ist einmal die Zahl der Einzelflle der Anomalien angeben, das andre Mal nicht, sondern nur das Procentverhltniss. Es er- schwert dies das eingehende Studium der sonst so beraus fleiigen und verdienstvollen Arbeit ungemein. Die erste Tabelle betrifft das Vorkommen eines vollstndigen Incaknochens bei verschiedenen Rassen (S. 85). Zahl der Procentverhltniss Rasse. geprften Schdel. der Schdel mit vollst. Os Incae. Peruaner 664 5,46 /o Amerikaner im Allgemeinen 1054 3,89 Amerikaner (ohne Peruaner) 390 1,30 Neger 572 1,53 Malaio - Polynesier 918 1,09 Mongolen 530 0,56 Papuas 351 0,57 Weie Rasse 6871 0,46 Asiat. Stmme der weien Rasse 970 0,51 Europer 5896 0,45 Australier und Tasmanier 157 0,00 (?) Hiernach findet sich ein vollstndiges Os Incae bei den Vertretern der amerikanischen Rasse um 8V2 Mal hufiger, als bei der weien Rasse; um 7 Mal hufiger als bei Mongolen und Papuas, um 3V2 Mal hufiger als bei Malaien, und um 2^/2 Mal hufiger als bei Negern. In Betreff des unvollstndigen Os Incae gibt der Verfasser keine Uebersichtstabelle, sondern nur eine groe Menge Einzelmitteilungen nach eignen und fremden Beobachtungen. Dann bringt er aber (S. 87) eine Tabelle ber das Procentverhltniss aller Flle von Incakuochen, der vollstndigen und unvollstndigen. Diese Tabelle reproduciren wir. 90 Anutscliin, Anomalien am menschlichen Schdel. Zahl der Procentverhltniss Rasse. unters. Schdel. d. Flle von vollst, u. unvollst. Os Incae. l Peruaner 664 6,08 Amerikau. Rasse < im Allgemeinen 1054 5,31 ( ohne d. Peruaner 390 3,86 Neger 752 2,65 Mongolen 530 2,26 Melanesier(m.Einschluss d. von Meyer beschriebenen 315 Seh.) 486 1,65 Malaio-Polynesier 918 1,42 ! Asiatische Stmme 927 1,70 im Allgemeinen 5610 1,19 Europer 4683 1,09 Australier und Tasmanier 157 0,64 Hieraus geht deutlich hervor, dass die amerikanische Rasse, speciell der peruanische Stamm, alle andern Stmme in Betreff der Anomalien des Os Incae bertrifft, wenngleich das Ueberwiegen nicht so bedeutend ist, wie bei vollstndigem Os Incae allein. Was speciell die Peruaner angeht, so sind bei ihnen jene Anoma- lien um 2 6 Mal hufiger, als beim grten Teil aller andern Stmme, und zwar um 6 Mal hufiger als bei Europern. In Betreff der Flle, in welchen an den Schdeln einzelne Teile der Quernaht der Hinterhauptschuppe erhalten sind, gibt der Verfasser folgende Tabelle: Ans iahl der Mal. Procentverhltniss Schdel. der Flle mit teilweise erhaltener Quernaht. Bayern (Ranke) 289 18 7,2 Asiat. Stmme weier Rasse 660 71 10,8 Bevlkerung Russlands 1013 16 11,4 (? Ref.) Weie Rasse im Allgem. 4162 367 8,8 Mongolische Rasse 355 41 11,5 Amerikanische Rasse 689 98 14,4 Peruaner 531 84 15,8 Amerikaner (ohne Peruaner) 158 14 9,5 Malaio - Polynesier 478 71 14,8 Melanesier 205 30 14,6 Neger 477 11 2,3 (?) Australier und Tasmanier 56 11 19,6 (?) In Betreff der Zusammenfassung aller bisher einzeln aufgefhrten Anomalien (vollstndiges, unvollstndiges Os Incae, teilweises Erhalten der Quernaht, gibt der Verfasser keine Tabelle, doch bemerkt er darber folgendes: Das allgemeine Procentverhltniss aller Ano- malien schwankt von 22^/0 (Peruaner) bis 10 /o (weie Rasse) sogar bis ^'/o (Meyer). Die allergrte Zahl nchst den Peruanern zeigen die Malaio-Polynesier 16,2''/o, die Melanesier 16,2 <>/o, Australier (?) 20 "/o, Mongolen 13,7 "/o- Dabei ist darauf hinzu- Aniitschin, Anomalien ara menschlichen Schdel. 91 weisen, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen sich nicht so bedeutend darstellen, Avie beim Os Incae. In Betreff der Schaltknochen der Hinterhaiiptsfonta- nelle bespricht der Antor die oben ihrer Form nach bereits charak- terisirten Knochen einzeln und zwar zuerst das sog. Os quadratum Virchow's. Rasse. Neger Peruaner Andere amerik. Stmme Amerikaner im Allgemeinen Malaio -Polynesier Australier und Tasmanier Melanesier Mongolen Asiat. Stmme weier Rasse Europer Bevlkerung Russlands Weie Rasse im Allgemeinen Das Os apicis s. triquetrum Virchow's, der dreieckige Schalt- knochen der Hinterhauptsfontanelle, ist viel hufiger; am hem er folgende ziemlich dogmatisch klingende Stze aufstellte. 1) Alle Tiere sehen dieselben Spektral- farben, die wir sehen; 2) sie sehen keine jener Strahlen, die wir nicht sehen und 3) im Bereich des sichtbaren Spektrumteils sind die Helligkeitsunterschiede zwischen den verschiedenfarbigen Strahlen bei den Tieren genau dieselben wie bei uns. Im Zusammenhang mit diesen Thesen sprach dann ferner Bert die Vermutung aus, dass das Sehen berhaupt in erster Linie nicht eine Funktion der Augen, son- dern des Nervensystems sei (que le role des milieux de l'oeil est tout fait secondaire, et que la visibilite tient rimpressionabilite de Tappareil nerveux lui-meme). Wie haltlos diese Anschauungen sind, zeigen auf das Schlagendste die vorerwhnten Versuche mit den Ameisen. Lubbock begngte sich aber nicht mit diesen Gegenargumenten, sondern stellte bezg- lich der Daphniden selbst, auf welche Bert bekanntlich seine weit- gehenden Schlsse basirte, eine eingehende Nachprfung an, ber welche nun, zumal soweit es die angewandte Methode betrifft, etwas ausfhrlicher als ber die erste Arbeit berichtet werden soll. 1) Archiv f. Physiologie 1869 S. 547. Lubbock, Beobachtungen an Ameisen, Bienen und Wespen. Hl Zu den Versuchen diente ein hlzerner (mit Wasser g-eflillter) Trog (von 14 und 4"), auf welchen von oben, mittels einer Spiegel- vorrichtung-, ein Spektrum (wie es scheint von einem starken elek- trischen Licht?) projicirt wurde. Der Trog ging* beiderseits etwas ber die Enden des (uns) sichtbaren Spektrums hinaus. Das Gef konnte ferner durch eingeschobene Glaswnde in verschiedene den einzelnen Spektrumzonen entsprechende Abteilungen oder Kammern geteilt werden. Behufs einer ersten Orientirung wurden nun zunchst; bei aufge- zogenen Schiebern ; 50 St. DapJmla pulex in den Trog gegeben, und dieselben, nachdem sie vorher gleichmig- durch den ganzen Raum verteilt worden waren, durch 10 Minuten der Einwirkung des Spek- trumlichts ausgesetzt. Hierauf wurden in der nachstehenden Ordnung zwischen den [leider nicht durch die Fraunhofer'schen Linien nher markirten] Hauptzonen des Spektrums die Querwnde eingesetzt und schlielich die in den betreffenden Kammern enthaltenen Ver- suchstiere abgezhlt. Ich fhre nun eine der einschlgigen Versuchsreihen ausfhr- lich an. Dunkel Violett Blau Grn Gelb Rot Exp. 1 4 30 6 10 . 2 1 3 25 8 13 n 3 2 24 9 15 n 4 1 3 25 8 13 5 1 2 24 7 16 Summe : 1 2 14 128 38 67 Aus diesen Daten ersieht man vor Allem, dass die Frequenzziffer der einzelnen Spektralzonen eine sehr verschiedene, zugleich aber auch im Ganzen, bei allen den 5 Versuchsreihen, eine auffallend kon- stante war, insofern stets in der Dunkel-, Violett- und Blau-Kammer im Vergleich zur stark besuchten Grn-, Gelb- und Rot- Abteilung verhltnissmig nur sehr wenige Daphnien sich vorfanden. Unter solchen Umstnden kann es nun wol keinem Zweifel un- terliegen, dass die in Rede stehenden Tiere gegen Lichtstrahlen von ungleicher Wellenlnge in der Tat sehr verschieden reagiren oder dass sie mit andern Worten ein Unterscheidungsvermgen fr die ein- zelnen Spektralzonen besitzen, [wobei es zunchst freilich noch frag- lich bleibt, ob sich dieses Verschieden -Reagiren auf die Farben- oder auf die Helligkeitsdifferenzen bezieht]. Speciell mit Rcksicht auf P. Bert's Behauptung, dass die Daphniden stets von dem uns am hellsten erscheinenden Spektrumteil, d. i. vornehmlich vom Gelb, am strksten angezogen wrden, geben dann ferner die obigen Zahlen den schlagenden Beweis, dass dies durchaus nicht richtig ist, indem bei Lubbock's Versuchen das Anziehungsmaximum in das Grn fllt, welches letztere, auch wenn man seiner grern Breite wegen 112 Liibbock, Beobaehtuugeu an Ameisen, Bienen und Wespen. nur die Hlfte der gesammten Besnclierzalil (128) d. i. 64 in Rech- nung bringt, immer noch eine weit grere Frequenz als das Gelb (mit nur 38) aufweist. Die weitern Experimente beziehen sich dann auf die genauere Bestimmung der Sichtbarkeits - [richtiger wol der Wirksamkeits - !] Grenzen an den beiden Enden des Spektrums und wurde zunchst das Kot resp. das Ultrarot ins Auge gefasst. In dieser Beziehung sei von den einschlgigen betreffs ihrer Er- gebnisse auf das vollkommenste miteinander bereinstimmenden Ver- suchen nur der letzte angefhrt; da dieser besonders zweckentspre- chend erscheint. Derselbe bestand darin, dass 60 Stck Daphnien in die ultrarote Abteilung eingesetzt und denselben auerdem nur noch die rote und dann, jenseits der letztem, eine durch Abbiendung der brigen Zonen (also Gelb, Grn u. s. w.) hergestellte vllig finstre Kammer erffnet wurde. Nach einer 5 Minuten langen Einwirkung der betreffenden Strahlen wurde einerseits zwischen dem Bot und Ultrarot und an- drerseits zwischen dem Bot und dem ganz finstern Raum eine Schei- dewand eingeschoben und hierauf folgende Zhlung vorgenommen. Dunkel Rot Ultrarot Exp. 1 4 43 3 2 3 45 2 Aus diesen, wie man sieht, wieder in berraschender Weise ber- einstimmenden Zahlen ergibt sich zur Evidenz 1) dass nahezu alle die Daphnien aus dem (uns fr gewhnlich) dunkel erscheinenden Ultrarot (in welchem sie sich zu allererst befanden) in die benach- barte Rotabteilung berwanderten und 2) dass sie, gleich uns selbst, zwischen dem Ultrarot und dem vlligen Dunkel keinen Unterschied machen, [und dass also auch, wie ich beifgen ^vill, die Wrmewir- kung des erstem fr sie im Allgemeinen nicht in Betracht kommt]. Wahrscheinlich ist dann ferner, dass die Sichtbarkeitsgrenze des roten Spektrumendes bei den Daphnien im Ganzen und Groen mit jener bei uns bereinstimmt. Mit ganz besondrer Sorgfalt wurde, aus nach dem Frhern von selbst einleuchtenden Grnden, das Verhalten der Daplmiden gegen- ber den ultravioletten Strahlen geprft; ich erwhne zunchst fol- genden Fundamental versuch. Der ganze (uns) sichtbare Teil des Spektrums wurde vom Rot her abgeschnitten und den in den Trog eingesetzten 60 Stck Daph- nien nur die Wahl zwischen diesem ganz dunklen Rume und der angrenzenden Ultraviolettabteilung gelassen. Nach einiger Zeit wurden dann die Schieber eingesetzt und zwar einer zwischen dem ganz dunklen Raum und dem Ultraviolett imd ferner zwei im letztern selbst [etwa den Absorptionsstreifen und G entsprechend], so dass das Ultraviolett in 3 Abteilungen (von je 2" Breite = Violett) zerfiel, Lubbock, Beobaclituugen an Ameisen, Bienen nnd Wespen. 113 die ich nach dem Grade ilircr Entfernung vom Violett kurz mit 1 (ultraviolet) 2 (further ultrav.) und 3 (still further ultrav.) be- zeichnen will. Das Zhlung-sresultat war dann dies: Dunkel Ultrav. 1 Ultrav. 2 Ultrav Exp. 1 2 52 6 2 3 52 5 3 4 50 6 4 3 53 4 . 5 2 54 "isT" 4 Summe : 14 Diese abermals eine frappirende Uebereinstimnmng- darbietenden Versuchsreihen zeigen vor Alleni; dass das Ultraviolett, entgegen den Bert'schen Behauptungen, auf die Daphniden entschieden eine ganz andre Wirkung als auf uns resp. als das eigentliche Dunkel ausbt, indem erstere Abteilung ca. 20mal (286 : 14) strker als die letztere besucht war. Erwgen wir dann ferner, dass, wie die brigen Versuche dar- tun, die Daphniden im Allgemeinen den heilern Teilen des Spektrums zustreben (das Violett wird im Ganzen fnfmal strker als das Ultra- violett frequentirt) , so darf es wol als hchst wahrscheinlich ange- nommen werden, dass die Vorliebe der Daphnien fr das Ultraviolett (gegenber dem eigentlichen Dunkel) eben davon herrhrt, dass ihnen ersteres relativ weit heller als das Dunkel resp. als uns erscheint. Speciell die Vergleichung der drei Abteilungen des Ultraviolett lehrt dann ferner, dass die Wirksamkeits- resp. die Sichtbarkeits - oder Helligkeitskurve desselben (fr die Daphnien) mit der Entfernung vom Violett hnlich wie die Kurve der chemischen Wirksamkeit ab- nimmt, und dass die uerste Zone jedenfalls auch den in Rede stehenden Tieren ganz dunkel erscheint. Von wxitern Koutrolver- suchen sei dann noch nachstehender hervorgehoben. Von zwei gleich groen Abteilungen des die Daphniden enthal- tenden Troges, die (was durch eine entsprechende Drehung desselben ermglicht wurde) ultraviolette Strahlen von gleicher Wellenlnge erhielten, lie L. die eine (wie in den frhern Versuchen) unbedeckt, whrend er auf die andre eine Glaszelle stellte, die eine 1" tiefe 5^/o Lsung von doppelt chromsaurem Kali enthielt, welches letztere bekanntlich die ultravioletten Strahlen vollkommen absorbirt, ohne dieselben aber, wie gewisse fluorescirende Lsungen, in fr uns sicht- bare Strahlen (von kleinerer Schwinguugszahl) umzuwandeln. Das Ergebniss war, dass von den 60 Versuchsindividuen in der unbe- deckten Abteilung 55 57, in der bedeckten hingegen nur 3 bis 5 Exemplare vorhanden waren. Die Daphniden ziehen aber nicht nur berhaupt das 114 Lubbock, Beobachtungen au Ameisen, Bienen nucl Wespen. Ultraviolett dem vlligen Dunkel vor, sie sind auch, wie weitere Experimente lehren, gegen ein geringes Mehr oder Weniger des erstem auerordentlich empfindlich, indem beispielsweise hei einer Reducirung der eingeschalteten Lsung der obgenannten, das Ultraviolett abschwchenden resp. ganz aufhebenden Substanz von 1" auf Vs"? ^^^ Durchschnittszahl der in der betreffen- den Abteilung befindlichen Tiere von ca. 4 auf ca. 7 stieg, Nr. 3 endlich enthlt eine Reihe hchst interessanter neuer Ver- suche ber die relative Anziehungskraft, welche die verschiedenen Farben speciell auf die Bienen ausben. Dieselben richten sich zu- nchst gegen G. Bonnier's bekannte Anschauung, dass die Insekten, welche Blumen besuchen, in keiner Weise durch die Farben derselben angezogen oder in ihrer Wahl bestimmt werden. (Vgl. Cbl. I. Nr. 5.) Lubbock zeigt nun vor Allem, dass Bonnier's Experimente durchaus nicht beweiskrftig sind, indem, abgesehen von der fixen Aufstellung seiner groen prismatischen Honigtrger und der vlligen Weglassung einer blauen Unterlage, gleichzeitig so viele Bienen die betreffenden Behlter umschwrmten, dass hier die Wirkung der ver- schiedenen Farben der letztern unmglich zur entsprechenden Geltung kommen konnte. Dagegen lassen Lubbock's eigne einschlgige Versuche an Fin- digkeit des Entwurfs und au Sorgfalt der Durchfhrung wol kaum etwas zu wnschen brig. Als Honigtrger bediente er sich 7 kleiner Glasstreifeu , wie wir sie als Objekttrger benutzen. Davon wurde einer mit blauem, ein 2. mit grnem, ein 3. mit orange - farbnem, ein 4. mit gelbem, ein 5. mit rotem und ein 6. mit weiem Papier berklebt, whrend der 7. ganz leer gelassen wurde. Diese (verschiedenfarbigen) Glser legte er in gleichen Abstnden (von 1') nebeneinander auf einen Rasenboden, wobei, wie man beachten wolle, die Ansicht des nicht berklebten Glases genau mit jener der Umgebung bereinstinmite (whrend Bonnier zu dem Zweck einen mit grnem Papier berzogenen und daher von der Pflanzendecke stark abstechenden Wrfel bentzt hatte). Im Folgenden wird das leere Glas mit Gras" bezeichnet werden. Jedes der 7 bezeichneten Glser bedeckte er dann mit einem zweiten gleichen, aber nicht beklebten (also ganz durchsichtigen) Glas, auf das als Lockmittel fr die Bienen ein Tropfen Honig gegeben wurde. Dieses ebenso einfache als sinnreiche Arrangement ermglichte es, die ber den verschiedenfarbigen Unterlagen befindlichen Honigglser untereinander zu vertauschen und dadurch den allflligen Einfluss, den die relative Lage, Form und Gre des Honigtropfens auf die Bienen ausben kann, zu eliminiren. Auerdem wurde auch von Zeit zu Zeit die Position der gefrbten Unterlagen gewechselt. Lubbock's Verfahren unterschied sich dann vom Bon nie r'schen hauptschlich noch dadurch, dass gleichzeitig nicht mit vielen Bienen, Lubbock, Beobachtungen an Ameisen, Bienen und Wespen. 115 sondern nur mit einer experimentirt wurde, und zwar in der Weise, dass, wenn die betreffende Biene an einem Honigbeblter einige Mi- nuten genascht hatte, das obere (eigentliche) Honigglas von der Un- terlage weggenommen und sie dadurch gezwungen wurde alle die verschiedenfarbigen Houiglager (aber jedes nur einmal) aufzusuchen. Die Reihenfolge, in der diese Visiten bei Blau, Grn, Gelb u. s. w. stattfanden, wurden dann durch die fortlaufenden Zahlen 1, 2, 3 u. s. w. bis incl. 7 ausgedrckt ; diese Zahlen stehen offenbar im umgekehrten Verhltniss zur Anziehungskraft der betreffenden Farben [resp. deren Helligkeit], indem vorausgesetzt wird, dass die Bienen (im Allge- meinen!) zuerst jene Honigtrger aufsuchen, deren Frbung ihnen am meisten zusagt, whrend sie sich den Besuch der ihnen minder zusagend gedeckten Tische auf zuletzt aufsparen. Die Verhltnisse der ersten zwei Gnge waren nun folgende : Gras Blau Grn Gelb Orange Rot Wei 1. Gang 6 13 5 4 7 2 2. 7 5 4 3 6 12 Beim ersten Gang wurde demnach zuerst das Blau (1), dann das Wei (2), hierauf das Grn (3) u. s. w. imd zuletzt das Rot (7) auf- gesucht. Das Ergebniss des 2. Ganges ist dagegen, wie man sieht, ein ganz anderes, indem hier das Blau erst an 5. Stelle an die Reihe kam und diesmal der erste Besuch dem Rot galt. Daraus folgt aber selbstverstndlich noch nicht, dass die Frbung [resp. der Grad der Helligkeit] der Honiglager den Bienen ganz gleichgiltig ist, denn aus zwei derartigen Versuchen kann offenbar gar kein sichrer Schluss gezogen werden. In der Tat zeigt sich aber eine entschie- dene Constanz in der Reihenfolge der Besuche bei den verschiedenfarbigen Glsern, wenn man die betreffenden Zahlen einer grern Reihe (etwa von 10) Gngen in den einzelnen Vertikal- kolumnen zusammenzhlt. Lubbock notirte die Ergebnisse von nicht weniger als 100 solchen Gngen und die Summen der betreffenden Zahlen sind nach- folgende : Gras Blau Grn Gelb Orange Rot Weiss 491 275 427 405 440 413 349 Beachtet man nun, dass die Zahl des Blau (275) um 125 kleiner ist als das Mittel [(1 + 2 -f- 3 . . . -h 7) . 100 : 7 = 400] und ca. um 200 kleiner als die Zahlen der meisten brigen Farben (das Wei ausgenommen), so kann es wol nicht zweifelhaft sein, dass das Blau von den Bienen in der Tat den brigen Farben bei weitem vorgezogen wird, und die Frage, welche aber Lub- bock nicht berhrt, knnte nur die sein, ob es gerade der bestimmte (blaue) Farbenton ist, der die Bienen besonders anlockt oder etwa der besondre Grad von Helligkeit, der dem Blau gegenber den an- dern Farben eigen ist. Es wre jedenfalls das obige Experi- 8* 116 Liibbock, Beobachtnilgen an Ameisen, Bienen und Wespen. ment noch durch einen Kontrolversucli mit verschieden- farbigen, aber gleich hellen Glsern zu ergnzen. Beachtenswert ist ferner, dass auf das unbedeckte oder das die Ansicht der grnen Pflanzendecke bietende Glas, welches, wie zu erwarten, auf die Bienen die geringste Anziehung ausbt, in der Tat auch Aveitaus die hchste Zahl (491) entfllt, die bekanntlich, wie ich noch einmal erwhnen will, andeutet, dass die betreffende Stelle im Allgemeinen zu allerletzt Ijcsucht wird. Auf die im Zusammenhang mit diesen Experimenten entwickelte Hypothese Lubbock's zur Erklrung der relativ geringen Hufigkeit der Blaufrbung der Blumen glaube ich hier um so weniger eingehen zu sollen, als sich dagegen mehrere sehr schwer wiegende Einwrfe machen lassen. Ich mchte diesfalls nur kurz dem Gedanken Aus- druck geben, dass bei der Frbung resp. Farbenzchtung der Blumen ja wol nicht die, wie es nach dem Obigen scheint, in der Tat fr das Blau schwrmenden Bienen allein und vorwie- gend magebend sind. Zum Schlsse des gegebenen Referats, in welchem ich im We- sentlichen dem Gedankengange des Verf. gefolgt bin, sei es mir ge- stattet noch einmal auf die beiden ersten Versuche zurckzukommen. Es drngt sich mir nmlich die wol sehr naheliegende Frage auf, ol) denn die, wie wir gesehen haben, in der Tat relativ sehr intensive Reaktion der Ameisen auf das Ultraviolett auch wirklich, wie Lub- bock ohne Weiteres annehmen zu drfen glaubt, auf einer Seh- resp. auf einer Helligkeitsempfindung beruht. Indem ich diesfalls zugebe, dass unter den obwaltenden Verhltnissen diese Annahme viel Wahr- scheinlichkeit an sich hat, scheint mir andrerseits mit Rcksicht auf gewisse Tatsachen doch die Mglichkeit, dass es sich hier z. T., even- tuell vorwiegend, nur um rein chemische Wirkungen auf ge- wisse leicht zersetzliche Stoffverbindungen (z. B. von Pigmenten) in der Haut (resp. auch in andern Teilen des Krpers) der betreffenden Tiere handelt, keineswegs vllig ausgeschlossen, und wre diese Eventualitt namentlich auch betreffs der mit einer relativ sehr durch- sichtigen Leibesdecke versehenen Daphniden in Betracht zu ziehen. Jedenfalls scheint es mir, ehe man aus dem angeblichen Ultraviolett- Sehen weitere Konsequenzen zieht, notwendig, einen leicht auszufhren- den Kontroiversuch mit geblendeten Tieren (etwa durch Ueberklebung der Augen) zu machen. Sollte sich dabei herausstellen, dass sich auch diese, gleich den sehenden, vom Ueberviolett in die (uns) sicht- baren Spektrumzonen flchten, dass sie sich also in ersterm relativ unbehaglicher als in den letztern fhlen, so wre damit offenbar der exakte Beweis erbracht, dass die Wirkung der genannten dunkeln Strahlen zum Teil wenigstens eine rein chemische ist. Ich sage aus- drcklich zum Teil", weil ja auch in diesem Fall neben der allgemeinen Antitschin, Anomalien am menschlichen Schdel. 117 chemischen Wirkung* auf die Haut resp. auf den Krper noch eine Einwirkung- auf die Augen resp. eine Lichtempfindung stattfinden kann, genau so, wie die (uns) sichtbaren Strahlen bekanntlich auer den optischen auch thermische und eventuell chemische Keizungeu veranlassen knnen. V. (xraber (Czernowitz). Dimitrij Anutschin, Ueber einige Anomalien am menschlichen Schdel mit besondrer Bercksichtigung des Vorkommens der Anomalien bei verschiedenen Rassen. III. Ueber die Stirnnaht beim erwachsenen Menschen. Die letzte Abhandlung (S. 109 117) bespricht die Verbreitung des Metopismus bei verschiedenen Rassen. Es ist lngst bekannt, dass die beim Embryo und Neugebornen beide Hlften des Stirnbeins trennende Naht (Sutura mediofron- talis, Suture metopique Broca) in einzelnen Fllen sich zeitlebens erhlt. Der Verfasser gibt eine sehr genaue Uebersicht der ein- schlgigen Literatur, welche wir natrlich nicht wiederholen knnen; dann aber gibt er eine 16,000 Schdel umfassende Tabelle, welche wir reproduciren : Volksstamm oder Rasse Zahl der Proc. woher? geprften Schdel metopisch. Schdel Balkan-Halbiusel-Bevlkerung Auvergnaten Grber d. Gouv. Jaroslaw und Twer Deutsche (Welcker) Hollnder, Schweden, Deiitsche Deutsche (Welcker) Alt-Aegypter (Davis, Flower) Mong.Stmme, Nepal, Assam u.s.w.(Davis) 83 Kaukas. Rasse (Welcker) Italiener (Flower, Davis) Pariser (Topinard) Bretonen (Calmettes) Negritos (Davis u. A.) Englnder und Irlnder Italiener Sd-Russen, Kurgan-Bevlkerung Chinesen (verschiedene Autoren) Englnder (Flower) Deutsche (Simon) Pariser (Leach) Grber in Nowgorod Pariser (Pommerolles) 145 23 15,8 223 31 13,9 114 15 13,2 567 70 12,3 69 8 11,6 130 15 11,5 36 4 11,1 s)83 9 10,8 143 14 9,8 132 13 9,8 611 58 9,5 137 13 9,5 32 3 9,4 386 35 9,1 1545 141 9,1 175 16 9,1 144 13 9,1 111 10 9,0 809 76 8,5 ? ? 8,3 114 9 7,9 510 37 7,3 118 Anutschin, Anomalien am menschlichen Schdel. Volksstamm oder Kasse Zahl der Proc. woher ? geprften Schdel metopisch. Schdel Bayern (Ranke) Italiener (Calori) Deutsche (Giessen, Leuckart) Chinesen (verschiedene Autoren) Trkisch-finnischeStmme(Versch.Aut.) 372 Trkisch-finnische Stmme (Welcker) Bevlkerung Petersburgs (Gruber) Bevlkerung Turkestans Moskauer Kurgan-Bevlk. Basken (Calmettes) Araber, Kabylen (versch. Autoren) Moskauer alter Begrbnissplatz Alt-Rmer (verschiedene Autoren) Altgriechen (verschiedene Autoren) Gouvernement Simbirsk Kaukas. Bergvlker Peruaner (verschiedene Autoren) Papuas (verschiedene Aiitoren) Papuas lind Melanesier Malaien (verschiedene Autoren) Hottentotten, Buschmnner Indier (verschiedene Autoren) Mongolen, Kalmken, Burten Tasmanier (Flower, Davis) Malaien (Anutschin) Neger (verschiedene Autoren) Mongol. Stmme Nord-Asiens Amerikaner (ausg. Peruaner) Polynesier (Flower, Davis) Polynesier (Anutschin) Neger (Anutschin) Australier (verschiedene Autoren) Die Tabelle zeigt deutlich, dass die Stiniuaht bei Europern hutiger ist als bei allen brigen Rassen. Whrend der Meto- pismus bei verschiedenen Serien Europischer Schdel zwischen 16 5 /o schwankt, so finden sich bei bei niedrigem Rassen nur 3,5 0,6 ^/q. Eine Ausnahmestellung nehmen in gcAvissem Sinn einige mongolische Stmme ein , z. B. die Chinesen , dann die Bevlkerung von Turkestan, die Negritos, insofern als bei ihnen die Stirnnaht sehr verbreitet ist. Sehr auffallend ist namentlich die hufige Existenz der Stirnnaht an den Schdeln der Negritos. Im Uebrigen kann auf die Tabelle ver- Aviesen werden. Die Tatsache, dass der Metopismus bei niedrigstehenden Rassen eine bei weitem seltenere Erscheinung ist, als bei den hher- stehenden weien Rassen, und dass die Europer die weitaus grte Zahl an metopischen Schdeln aufweisen, ist noch deutlicher aus fol- gender nach den 5 Rassen geordneten Tabelle ersichtlich. 2535 190 7,3 100 7 7,0 290 20 6,9 73 5 6,8 )372 25 6,7 78 5 6,4 1093 70 6,4 168 10 6,0 195 10 5,5 134 7 5,2 96 5 5,2 294 15 5,1 60 3 5,0 20 1 5,0 24 1 4,2 169 7 4,1 565 20 3,5 465 15 3,2 201 6 3,0 246 7 2,8 40 1 2,5 383 9 2,3 132 3 2,3 46 1 o 178 5 2,1 460 8 1,7 189 3 1,6 426 5 1,2 252 3 1,2 218 2 0,9 459 3 0,8 153 1 0,6 1J05 109 9,9 1777 161 9,1 497 45 9,0 4400 379 8,6 7924 717 9,0 2009 36 6,8 450 30 6,7 2604 189 7,3 817 31 . 3,8 300 26 8,7 1 321 6 1,9 698 24 3,4 422 12 2,8 470 5 1,1 565 20 3,5 426 5 1,2 959 12 1,2 199 2 1,0 Anutscliin, Anomalien am meusclilichen Schdel. 119 Zahl der Proc. geprften Schdel metop. Schdel Franzosen und Basken Italiener * Englnder ^ I Deutsche (Hollnder, Schweden) ^ ^ West-Europer im Allgemeinen 'S 1 Russen /nns lit- y 130 Schulze und Barbieri, Zur Keiiiitnif^s der Cholesterine. teils einen nicht unbetrclitliclien Gehalt an Cholesterin besitzen, und zwar konnten zwei Arten desselben unterschieden werden, von denen die eine, vorwiegend in den Cotyledonen enthaltene, vielleicht mit dem vom Ref. und Rodewald unterschiedenen Para Cholesterin identisch ist, whrend die andere, aus dem hvpocotylen Stengelgliede und der Wurzel gewonnen, wegen ihrer erheblichen Abweichungen im Schmelzpunkt und im Drehungsvermgen mit dem Namen Oaulo- sterin belegt wird. Fr die Pflanzenphysiologie wird es von groem \Yerte sein, wenn es gelingt, die Stellung des Cholesterins im Stoffwechsel fest- zustellen, die Bedingungen seiner Bildung und seines Verschwindens zu ermitteln. Bislang war in dieser Richtung nur vom Ref. und Rodewald festgestellt, dass, whrend die jungen, aus homogenem Protoplasma bestehenden Fruchtkrper von efhalium sepf/cuiii einen relativ bedeutenden Cholesteringehalt besitzen, sich aus den daraus hervorgegangenen reifen Sporen nur sehr geringe Quantitten von Cho- lesterin extrahiren lassen. Es ist daher in hohem Mae dankenswert, wenn die Verff. in dieser Richtung an der Lupine Untersuchungen aus- gefhrt haben, und bei den Schwierigkeiten, welche der definitiven Lsung der Frage nach der physiologischen Bedeutung des Chole- sterins entgegenstehen, verdienen die gewonnenen Ergebnisse unsre besondere Beachtung. Seh. und B. erhielten beim Vergleich der Trockensubstanz von reifen Samen und von 12 14 Tage alten etiolirten Keimlingen zweier verschiedener Lupiuenernten folgende Werte fr den Cholesteringehalt : A. Ungekeimte Samen 0,152 *'/o Cholesterin Ganze Keimlinge 0,306 '^j^ Cotyledonen 0,392 \ Axenorgane 0,227 ^/o B. Ungekeimte Samen 0,135 ^/^ Ganze Keimlinge 0,324 % Cotyledonen 0,391 /o Axenorgane 0,258 <^/o Obgleich diese Zahlen bei der Schwierigkeit der quantitativen Bestimmung der Ausbeute an Cholesterin keinen Anspruch auf abso- lute Genauigkeit erheben knnen, so zeigen sie doch schlagend, dass die Cholesterine bei der Keimung unter Lichtabschluss nicht verbraucht werden, wie es mit den als Reservestofte funk- tionirenden Fetten und Kohlehydraten der Fall ist, welche whrend der gleichen Keimungsdauer der Lupinen fast vollstndig aufgezehrt werden. Ebenso machen es die mitgeteilten Zahlen sehr wahrschein- lich, dass der absolute Cholesteringehalt der Keimpflanzen eine Vermehrung erfahren hat, weil nach den Untersuchungen Schulze und Barbieri, Zur Kemitniss der Cholesterine. 131 der Verff. die Al)iiahme des Trockengewichts derartig-er Lupinenkeim- ling-e keine so bedeutende ist, dass daraus allein die beobaclitete Steigerung- des procentischen Cliolestering-elialts erklrt werden knnte ; denn da 14tg-ige Finsterkeinilinge der Lupine etwa 20 ^/o Trocken- substanz verlieren, so knnte sich der Cholesteringehalt nur im Ver- hltniss von 4:5 vermehren, whrend die Ausbeute aus Keimlingen doppelt so hoch war, als aus ungekeimteu Samen. Ganz anders gestaltete sich das Ergebniss, als 5 6 Wochen alte im Licht erzogene Keimlinge, welche whrend dieser Zeit durch As- similation ihren Gehalt an Kohlenstolfverbiudungen ungestrt hatten vermehren knnen, auf ihren Cholesteringehalt geprft wurden; sie enthielten Cholesterin nur in so winziger Menge, dass selbst aus einer groen Portion von Pflnzchen die Quantitt desselben sich nicht genauer bestimmen lie, Avhrend die Lupinenpflnzchen in glei- cher Zeit nach frhern Untersuchungen der Verft'. ihr Trockengewicht nur um das drei- bis vierfache vermehren. Es scheint daher nach diesem Versuch die Folgerung unabweislich, dass in den im Lichte sich entwickelnden Pflnzchen ein betrchtlicher Teil des bei Beginn der Keimung vorhandenen Vorrats an Cholesterin wfeder verbraucht wird. Nach den an etiolirten, also im Zustande der Inanition befind- lichen Keimlingen gemachten Beobachtungen schlieen sich Seh. und B. der zuerst von Hoppe-Seyler geuerten Vorstellung an, wo- nach es am nchsten liegt, das Cholesterin fr ein im Lebensprocess der Zellen auftretendes Spaltungsprodukt anzusehen. Dass der- artige Spaltungsprodukte nur bei der Inanition, nicht aber bei nor- maler Ernhrung zu dauernder Anhufung gelangen, ist ja eine Tat- sache von sehr allgemeiner Geltung. Fasst man das Cholesterin in seiner Stellung im Stotfwechsel als ein Spaltungsprodukt auf, so ist die nchstliegende Frage, durch Spaltung welcher Substanzen dasselbe entstanden sein knnte und bei der Molekulargre des Cholesterins wird man mit Maly zunchst an die Eiweikrper denken. Allein dem Referenten erscheint es nicht notwendig, dass das Cholesterinmolekl als solches direkt und fertig aus einem komplexeren Molekl abgespalten sein msse, es knnte auch durch Synthese kleinerer, in der regressiven Stoffmeta- morphose abgespaltener Atomgruppen sich aufbauen. Wissen wir doch aus den Untersuchungen von Hoppe-Seyler^), dass bei G- rungen von Substanzen mit relativ niedrigem Molekulargewicht, sowie bei ihrer Erhitzung mit Aetzalkalien, sich sehr komplexe Molekle durch Synthese aufljauen knnen. So erhielt dieser Forscher beim Er- hitzen von Calciumlactat mit Natronkalk u. A. Buttersure, Caprou- sure und feste Fettsuren von hohem Molekulargewicht, whrend 1) Zeitschrift fr pliysiologische Chemie III S. 351 ff. 132 Engler, Entwickliiiigsgescliichte der Pflauzenwelt. bei der Fiilniss des Glycerins das Auftreten von Hexylalkoliol und Capronsure beobachtet wurde. Indem die kleinen Molekle der Milch- sure gespalten werden, knnen sich ihre Reste zu fetten Suren von viel hherer Kohlcnstott'atonizahl im Molekl an einander fgen. Unter Bercksichtigung dieser Tatsachen scheint dem Ref. mit dem Ergeb- nisse der Untersuchungen von Seh. und R. die folgende Hypothese sehr wol in Einklang zu stehen: 1) Einmal gebildetes Cholesterin wird ganz allgemein im Stoffwechsel wieder verbraucht. 2) Chole- sterinmolekle vermgen sich im Zustande der Inanition einer Pflanze bei Abschluss des Lichts aus kleinern, durch Si)altung entstandenen Atomgruppen aufzubauen; welche bei normaler Ernhrung der Pflanze im Licht ausschlielich oder doch ganz berwiegend fr anderweitige Synthesen Verwendung finden. 3) Die ifl'erenz im Cholesteringehalt etiolirter und normaler Pflanzen erklrt sich daraus, dass in den erstem die Bildung den Verbrauch berwiegt, in den letztern die Pro- duktion von Cholesterin gegenber dem Verbrauch so sehr herabge- drckt wird, dass die Substanz kaum zur Anhufung gelangen kann. Ob diese oder eine andere Deutung die richtige sei, kann nur durch fernere Untersuchungen entschieden werden, die aber wol kaum an der Pflanze sich werden ausfhren lassen und eher von dem rein chemischen Studium des Cholesterins, den Bedingungen seiner Bil- dung und seiner Zersetzungen erwartet werden knnen. J. Reiuke (Gttingen). A. Engler, Versuch einer Entwickliingsgeschichle der Pflanzen- welt, insbesondere der Florengebiete seit der Tertirzeit. II. Teil: Die extratropisclien Gebiete der sdlichen Hciuisplire und die tropi- schen Gebiete. Leipzig (Engelmann) 1882. Der erste im Jahre 1879 erschienene Teil dieses Werks hatte die Gesichtspunkte gebracht, welche dem Verf. bei der Bearbeitung seiner umfangreichen und schwierigen Aufgabe als magebend er- schienen waren, und es hatte die Behandlung des Stos nach diesen leitenden Ideen das ungeteilte Interesse der Botaniker und Freunde der Wissenschaft erregt, so dass dem zweiten Teil, der die tropischen und sdlichen Gebiete enthalten sollte, mit Ungeduld entgegen ge- sehen wurde. Das mit Recht so groe Aufsehen, welches des Verf. Werk erregt hat, erklrt sich nicht allein aus der objektiven Dar- stellungsweise des wichtigen Gegenstands: hauptschlich ist es der Standpunkt, aus welchem die im einzelnen festgestellten Tatsachen der Pflanzenverbreitung beleuchtet und zusammengefasst werden, der historische Boden, auf dem das Gebude der Pflanzengeographie er- richtet ist. Wenn die bisherigen umfassenden Werke ber die Ver- Engler, Entwickltiiigsgescliichto der Pflanzenwelt. 133 teiliiiig- der Pflanzen auf dem Erdball aus der Anordnung der Klimate, aus der Verteilung- von Land und Wasser, aus der Verbindung und Trennung der Lndermassen und andern in der Jetztzeit bestehenden Ursachen die heutigen pflanzengeographischen Verhltnisse zu erklren suchten, wenn namentlich Grisebach in gewiss geistreicher, aber der neuern Forschung keine volle Befriedigung mehr gewhrender Weise in seiner Vegetation der Erde" fast ausschlielich Boden und Klima als magebende Faktoren durchzufhren trachtete, so fut Engler in ausgedehnter Weise auf den Errungenschaften der Phyto- palontologie und sucht dieselben so weit als mglich zur Erklrung der geographischen Verbreitung der Pflanzen zu verwerten. Es mag Manchem, der sonst mit dieser Richtung einverstanden sich erklren kann, ungengend erscheinen, dass der Verf. nur bis zur Tertirzeit zurckgeht und die frhern geologischen Perioden unbercksichtigt lsst. Der erste Teil des Buches lie es auch allenfalls mglich er- scheinen, noch weiter in die Vorzeit zurckzugreifen und manche der heute stattfindenden Verbreitungsverhltnisse aus Tatsachen der Se- kundrzeit verstndlich zu machen; der zweite Teil aber bringt den Beweis dafr, dass ein solches Zurckgreifen im allgemeinen noch durchaus undurchfhrbar bleiben msste. Im ersten Kapitel dessel- ben weist Verf. nach, welches Material von palontologischer Seite vorliegt, um botanische Fragen, die sich auf die hier besprochenen Gebiete beziehen, beantworten zu helfen, und es zeigt sich, wie ge- ring die Summe des bis jetzt l)ekannten ist, und wie ungleich grer die Wnsche, welche noch zu befriedigen bleiben. Hier war nichts andres mglich, als die Errungenschaften der Floristik und Systema- tik bezglich der einzelnen Gebiete in Vergleich zu ziehen und aus der gegenwrtigen Verteilung der Pflanzen und ihren Verwandtschafts- verhltnissen Kckschlsse auf ihre Wanderungen und ihre ehemalige Zusammengehrigkeit zu gewinnen. Wer die erstaunliche Arbeits- kraft, die zeitraubenden Nachforschungen in Literatur und Herbarien, die mhevolle Herstellung solcher umfangreichen Tabellen zu wrdi- gen versteht, wie sie uns aus jeder Seite des Engler'schen Werkes entgegentreten, wird es mit hoher Befriedigung empfinden, dass eine so vielfach erprobte Kraft die Reihe der neuern, auf historischem Grund sich aufrichtenden pflanzengeographischen Forschungen er- ifnet hat. Ohne auf Einzelheiten nher eingehen zu knnen, sei hier nur auf die Gliederung des Stoffs hingewiesen, welche in bersichtlicher Weise und unter steten Ausblicken und Vergleichen mit dem voraus- gehend besprochenen nach einander die Floren Australiens und Neu- seelands mit ihren Beziehungen bringt, die eigentmliche Entwicklung der Pflanzenwelt in diesen Gebieten zu erklren versucht, eine ver- gleichende Betrachtung der grern Inseln des Stillen Oceans anstellt und in den folgenden Kapiteln die einzelnen tropischen Florengebiete 134 Engler, Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt. Amerikas und der alten Welt in gleicher Weise behandelt. Als sehr dankenswerte Beigabe sind diesen Ausfhrungen Verzeichnisse aller bisher bekannten Gefpflanzen der Sandwich-Inseln, Neuseelands und des andinen Hochg-ebirgs eiugeflochten. Wir mssen nur noch auf den 6. Abschnitt des Buchs etwas nher eintreten, welcher ber einige allgemeine pflanzengeographische Probleme sich verbreitet und von hervorragendstem Interesse ist. Es sind hauptschlich zwei Fra- gen: nach den Beweisen fr die Entwicklung der Pflanzen, und nach der Einheit der Entstehungscentren. W^enn es auch sicher ist, dass Entwicklung und Formvernderung stattgefunden haben, dass Varia- tion innerhalb einer Gattung, Anpassung und Fixirung einzelner For- men, Verarmung und Bereicherung einzelner Typen, Ortsvernderungen existiren, so fehlen doch vorlufig noch die Beweise fr die Entwick- lung der Typen auseinander; diese Beweise konnte bisher die Pflan- zengeographie nicht bringen, und auch die Phytopalontologie ruht noch auf zu wenig umfangreichen Untersuchungen, um gengende Materialien zur Beantwortung dieser Frage liefern zu knnen. So ist namentlich das fast pltzliche Auftreten zahlreicher Dikotylen in der Kreideformation noch vllig unerklrt. Bezglich der Frage nach der Einheit der Entstehungscentren fhrt Verf. aus, wie man sich auf Grund der zu koustatirenden nahe verwandten Formen in verschie- denen pflanzengeographischen Gebieten das Variiren der Arten und die weitere Trennung der Formen zu denken hat, und bekennt sich als Anhnger der Lehre von der Einheit des Ausgangspunkts fr jede natrliche Gattung nicht aber der polyphyletischen. Es folgt schlielich eine Untersuchung der Momente, Avelche fr die Verbrei- tung der Pflanzen in Betracht kommen. Diese sind zunchst die Be- schaffenheit des von denselben bewohnten Landes l)ezglich Boden, Feuchtigkeit, hydrographischer und orographischer Konfiguration, so- wie die Natur der Pflanze selbst mit ihren Bedrfnissen an Wrme und Feuchtigkeit, und ferner die Verbreitungsmittel, die Lebensfhig- keit und das Vermgen, vernderliche Nachkonnnen zu erzeugen, die sich den uern Einflssen unterwerfen knnen. Das Schlusskapitel enthlt eine Uebersicht der pflanzengeographischen Gebiete der Erde, welcher vier, den schon in der Tertirperiode unterscheidbaren Elemen- ten entsprechende, Florenreiche zu Grunde gelegt werden. So ent- sprechen das arkto-tertire, das palotropische, neotropische und alt- oceanische Element des Tertir dem nrdlichen extratropischen, dem palotropischen, dem sdamerikanischen und altoceanischen Floren- reich, innerhalb deren weitere Gliederungen in Gebiete, Provinzen, Zonen und Bezirke durchgefhrt werden. Peter (Mnchen). Kern, Nene Bakterienforni. X35 Dispora Caucasica nov. g. et nov. sp., eine neue Bakterienforni. Von Eduard Kern aus Moskau. Die Bewoliner der Hoclig-ebirge des Kaukasus bereiten sich aus der Kuhuiik'li durch Gruug- ein Getrnk, welches sie hephir'-'' oder ^^hypp'-'- nennen. Der ^^hephir^'' wird von den Gebirg-shewolmern nicht nur als Nahrung'smittel g-ebraucht, sondern auch als Heilmittel gegen verschiedenartige Magen- und Brustleiden angewandt. Als Ferment bei der Bereitung dieses Getrnks dienen eigeu- tndichc; weie, elastische Klmpchen, die eine sphrische oder ellip- tische Form besitzen und eine Gre von 1 mm bis 5 cm erreichen. Unter dem ]\Iikroskop sind in solchen Klmpchen stets zweierlei morphologische Gebilde zu unterscheiden, nmlich: Hefezellen und Bakterien, Die Hefezellen knnen als gewhnliche Kulturform des Saccharo- myces cereviskie Meyer betrachtet werden, und da es eben eine Kul- turhefe^) ist, wollte es mir auch nicht gelingen, dieselbe zur Spo- renbildung zu bringen, obwol ich die Angaben von Max Reess^) und Emil Schumscher^) streng befolgt habe. Die Hefezellen sind gruppenweise in der Hauptmasse der Bak- terien eingebettet. Die Bakterien befinden sich in den Klmpchen im Z g 1 e a z u s t a n d e ; ihre vegetativen Zellen sind 3,2 ,(* bis 8 n, *) lang und 0,8 ju- breit. An Prparaten durch Eintrocknen hergestellt, gelang es mir, an den vegetativen Zellen eine deutliche Zell- membran zu erkennen. Nach den Angaben Koch's^) behandelt, lassen die vegetativen Zellen an dem einen Ende ein Bewegungsorgan, eine fadenfrmige Geiel erblicken. Der Wirkung von Suren, hoher Temperatur, Austrocknung ausgesetzt, wachsen die vegetativen Zellen, wahrscheinlich durch successive Zellteilung, in lange Leptothrix-Y'^^Qw aus, was gewhnlich der S p o r e n b i 1 d u n g voranzugehen pflegt. Die Sporen sind rund, bilden sich in jeder vegetativen Zelle stets zu zwei und sind immer endstndig gelegen. Selbst mit Hart- nack's Imm. X. ist keine Scheidewand zwischen den beiden Spo- ren zu bemerken. In den Leptothrixfden sind Reihen von Sporen zu beobachten, die aber stets so gelagert sind, dass einer jeden Zelle immer zwei Sporen zukommen. Die noch in den 1) Oskar Brefelcl, Botanische Zoitnng. 1875. S. 401. 2) Max Reess, Botanische Untersuchnngen ber die Alkoholg-rnngs- pilze. Leipzig. 1870. S. 13. 3) Emil Schnmscher, Beitrge znr Morpiiologie nncl Biologie der Hefe. (vSitzmigsberichte der Wiener Akademie. Bd. XX. Juniheft. S. 3, 6 und f.). 4) Koch, Untersuchungen ber Bakterien VI. (Beitrge zur Biologie der Pflanzen von Ferdinand Cohn. Bd. II, Heft 3 S. 402). 5) Koch, Ibidem S. 419. \'.]Q Kern, Neue Bakterienfonn. Zellen befindliehen Sporen sind 0,8 fj, gro, die freiliegenden erreichen eine Gre von 1 fi, die keimenden schwellen his 1;6 -fjb an. Die Keimling der Sporen geht gewhnlich so vor sich, dass man an den- selben immer ein Exosporium und ein Endosporium zu erkennen im Stande ist. Die Entwicklnngsgeschichte vermittels der Sporenbildung wurde von einer vegetativen Zelle ausgehend, bis zur Bildung einer neuen solchen Zelle verfolgt. Diese nenbeschriebene Bakterienform, den Desmobakterien Cohn's unzweifelhaft angehrig, ist im vegetativen Zustande dem Bacillus mhtilis Cohn^) nicht unhnlich, unterscheidet sich aber scharf nicht nur von diesem, sondern auch von allen bis jetzt be- schriebenen Bakterienarten durch ihre Sporenbildung, indem sie stets zwei runde endstndige Sporen in jeder Zelle bildet, wo- gegen bei den bis jetzt beschriebenen Bakterienarten nur eine ein- zige Spore in jeder Zelle beobachtet wurde. Auf diesem scharf markirten Merkmale fuend , schlage ich vor die soeben beschriebene Bakterienform als eine neue Gattung neben der Gattung Bacillus Cohn aufzustellen und sie als Dispora Caucasicu nov. g. et nov. sp. zu bezeichnen. Die Widerstandsfhigkeit der Dispora gegen ungnstige uere Einflsse ist eine sehr bedeutende. Was die Wirkung der Siedehitze anbelangt, so verlieren die Spo- ren der Dispora ihre Keimungsfhigkeit sogar nach einem einstndigen Kochen in der Nhrflssigkeit nicht. Ebenso setzen sie dem Aus- trocknen einen groen Widerstand entgegen. In ausgetrockneten Klmp- chen, die vier Jahre lang im lufttrocknen Znstande gelegen, in denen die Hefezellen gnzlich abgestorben, erwiesen sich noch viele Sporen der Dispora als keimungsfhig. Nach Koch's^) Beobach- tungen sollen die Sporen des Bacillus Anfhracis sogar ein fnf- jhriges Austrocknen ertragen, ohne ihre Keimungsflligkeit ein- zuben. Nach einem zweimonatelangen Verweilen in concen- trirter Pikrinsurelsung behielten die vegetativen Zellen der Dispora noch ihre aktive BcAvegung bei. Die Chrom sure wirkt auf die vegetativen Zellen und die Sporen der Dispora erst in einer Lsung von 5 : 100 absolut ttend. Ausfhrlichere Angaben ber die Morphologie dieser Bakterien- fonn und der Hefezellen sind in meiner Arbeit: lieber ein neues Milchferment aus dem Kaukasus" im Bulletin de la Societe Imperiale des Naturalistes de Moscou. 1881. Nr. 3 zu finden. 1) Ferd. Cohn, Untersuchungen ber Bakterien I. (Beitrge zur Bio- logie der Pflanzen. I, 2. S. 175). F. Colin, Untersuchungen ber Bak- terien IV. (B. z. B. rt. Pflanzen. II, 2. S. 2()3 und 264). Oskar Bre feld. Botanische Untersuchungen ber Schimmelpilze. IV. Leipzig. 1881. S. 40 u. 46. 2) Koch, Untersuchungen ber Bakterien VI. (B. z. B. d. Pfl. II, 3. S. 427). Kloin, Grenzgebiet zwischen Tier- nnd Pflaiizoiirelch. 137 Vampyrella und das Grenzgebiet zwischen Tier- n. Pflanzenreich. Von Julius Klein. Professor der Botanik in Bndapest. Aus einer demnclist ersclieinenden grern Arbeit ber Vampyrella und nach in der nngar. Akademie geniacliten Mitteilungen. An der untersten Grenze organischen Lebens begegnen wir oft solchen Wesen, welche sowol tierische als pflanzliche Eigenschaften zeigen und bei denen deshalb die Entscheidung: ob Tier oder Pflanze, nicht immer leicht ist. Zu diesen Wesen gehrt auch Vampyrella, die bisher besonders von Zoologen untersucht wurde und auch meist als Tier angesehen wird. Im verflossenen Jahre hatte ich nun Gelegenheit, die Entwicklung mehrerer Vampyrella -Arten zu untersuchen und gelangte dabei zu dem Resultat, dass die Hauptmomente in der Entwicklung der Vampyrella mehr pflanzlicher Natur sind, und dass dieser Organismus folglich mit grerm Recht als Pflanze, denn als Tier anzusehen ist. Von den vier von mir untersuchten Vampyr eilen, darunter drei neue Arten, will ich die Entwicklung einer Art, der von mir entdeckten Vampyrella variabilis, hier kurz mitteilen, um daran meine weitern Errterungen anschlieen zu knnen. Die Vampyr eilen sind Organismen einfachster Art, die meist im Swasser, jedoch auch im leere vorkommen und an verschiedenen Algen (besonders an Fadenalgen und Diatomeen) leben, an denen sie gestielte oder ungestielte, mit rotem Inhalt erfllte Cysten bilden. Diese Cysten waren schon frher beol>achtet und beschrieben worden, jedoch erst Cienkowski (1865) erkannte dieselben als Ruhezustnde eigentmlicher, von ihm zu den Monaden gerechneter Organismen, die er in die Gattung Vampyrella vereinigte und ber deren Ent- wicklung er die ersten Mitteilungen machte^). So sah er, dass der rote Cysteninhalt in Form actinophrysartiger Schwrmer austritt, dass diese spter Nahrung aufnehmen und damit wieder in den Cy- stenzustand bergehen. Seine Monaden", zu denen er, wie gesagt, auch die Vampyrella rechnet, erklrt er weiter fr Tiere, die durch zoosporenbildende Zellen den Ucbergang in das Pflanzenreich vermitteln" ; zugleich hebt er jedoch auch die groe Aehidichkeit her- vor, die zwischen seinen Monaden" und den ^lyxomyceten be- steht. Meine Beobachtungen erweitern die Mitteilungen Ci e nk o w ski's wesentlich und erlauben zugleich eine genauere Bestimmung der syste- matischen Stellung von Vampyrella. Es diene als Beispiel dafr die Entwicklung von Vampyrella iKtrlabilis. Dieselbe fand ich an einer nicht nher bestimmbaren Fadenalge, an 1) Siehe: M. Schultze's Archiv f. nnkrosk. Anat. I. S. 203232. 138 Klein, (iioiizgebiet zwischen Tier- und Pflanzenreich. der sie meist zahlreiche, migestieltc Cysten, von gewhnlich kugliger oder ellipsoidischer Form bildete (Fig-, 1). Im reifen Zustand ist ^ .x\ 6. Vampyrella variahiUs Klein, 1. Eine reife Cysto an einer leeren Zelle eines ConferA'eufadens haftend, 2. Dieselbe Cyste den Beginn des luhaltsaustritts an vier bers Kreuz gestellten Punkten zeigend. 3. Dieselbe Cyste ; Inhalt in Form von vier Scliwriuern gnzlich ausgetreten ; in der Cyste der unver- daute Nahrungsrckstand. 4. 6. Verschiedene Stadien der Paarung zweier Schwrmer, 7. Ein aus der Verschmelzung dreier Schwrmer hervorgegange- nes Plasmodiimi. 8. Ein Schwrmer im Momente der Nahrungsaufnahme. Vergrerung 3r)0. der rote Cysteninhalt fein punktirt und zeigt in der Mitte einen dunk- len Fleck. Das ist der Zeitpunkt, in welchem der Austritt des roten Inhalts erfolgt; derselbe verlsst meist in 24 Teilen die Cyste und zwar gleichzeitig an so vielen Stellen als Teile aus dem Inhalt wer- den sollen (Fig. 2). Die ausgetretenen Teile stellen kleine, mit feinen Pseudopodien versehene, aus Protoplasma bestehende Krper, die Schwrmer, dar (Fig. 3), die langsame Bewegungen ausfhren und dabei oft wechselnde Gestaltvernderungen aufweisen. In der entleer- ten Cyste ist eine, dem vorhin erwhnten dunklen Fleck entsprechende Masse zu finden, die den unverdauten Nahrungsrckstand darstellt (Fig. 3). Begegnen sich zwei Schwrmer und berhren sie sieh dabei mit ihren Pseudopodien, so verschmelzen dieselben (Fig. 4) und leiten so eine vollstndige Vereinigung der beiden Schwrmer ein (Fig. 5 u. 6). Es findet hier also eine Kopulation der Schwrmer statt und zwar knnen dabei ZAvei oder mehrere Schwrmer mit einander zu grern Protoplasmakrpern verschmelzen ^Fig. 7). Dieselben be- sitzen gleichfalls Pseudopodien und zeigen whrend ihrer Fortbewe- gung oft recht auffallende Gestaltvernderungen; sie erinnern dabei so sehr an die Plasmodien der Myxomyceten, dass sie hier auch als solche bezeichnet werden sollen. Die aus der Verschmelzung mehrerer Schwrmer entstandenen Plasmodien (meist auch die nicht kopulirten Schwrmer) schreiten Klein, Grenzgebiet zwischen Tier- und Pflanzenreich. 139 min zur Nahrung-saufiialime. Sie lassen sich dabei an der Nclirpflanze nieder, durelileliern deren Zellwand und saugen dann den Zellinhalt aus, d. h. sie verschlingen ihn gleichsam, denn der grte Teil des- selben schljift meist auf einmal in den sich dabei etwas aufblhenden Krper des Schwrmers (Fig. 8). Ein Plasmodium kann dabei oft den Inhalt mehrerer Zellen gleichzeitig aussaugen. Nach der Nahrungsaufnahme geht der einzelne Schwrmer, sowie das Plasmodium meist unmittelbar in den Cystenzustand ber. An- fangs ist der Inhalt der jungen Cysten fast ganz grn, wird dann aber rotbraun, um schlielich die dem Reifezustand entsprechende rote Frbung anzunehmen und im Innern den dunklen Fleck zu zei- gen. Der rote Inhalt tritt nun wieder aus und damit wiederholt sich die eben beschriebene Entwicklung. Spter wird dann noch eine zweite fr einen lngern Ruhezustand bestimmte Art von Cysten ge- bildet, die ich Dauercysten nenne und die aus den gewhnlichen Cysten derart entstehen, dass der rote Inhalt nicht austritt, sondern sich von dem unverdauten Nahrungsrckstand absondert und dann mit einer neuen, strkern Membran umgibt. Eine im Wesenlichen ganz gleiche Entwicklung konnte ich auch fr die schon von Cienkowski beobachtete VampyreUa pendula, sowie fr die zwei weitern von mir entdeckten Vampyrellaarten (F. inermis und F. pedata) feststellen. Ja bei den drei letzten Arten konnte ich auch noch die nicht uninteressante Beobachtung machen, dass hier die Schwrmer bei Vanqjyrella pendida auch die Plasmodien ohne vorherige Nahrungsaufnahme einen vorbergehenden Ruhezustand anzunehmen im Stande sind^). Die Hauptmomente der Entwicklung von Vampyrella in Be- tracht gezogen, kommt man, glaube ich, zu dem Schluss, dass die- selbe mehr als Pflanze, denn als Tier angesehen Averden knne, in- dem sie einerseits an die Chy tri dien erinnert, andrerseits aber mit den Myxo myc et e n Uebereinstimmung zeigt. Das Vorkommen und die Form der Cysten, einigermaen auch die Nahrungsaufnahme, so- wie der in den entleerten Cysten zurckbleibende Nahrungsrckstand u. s. w. sind alles Momente, die hnlich auch bei den Chytridien zu finden sind. Die Bildung amboider Schwrmer dagegen, sowie vor Allem deren Paarung und die daraus hervorgehende Plasmodien- bildung, ja selbst die vorbergehenden Ruhezustnde der Schwrmer erinnern durchaus an die gleichen Entwicklungsphasen der Myxo- myceten, sodass man die Vampyrellen direkt als niedrigorgani- sirte, wasserbewolmende Myxomyceten auffassen knnte. Zieht man jedoch die Form und Bewegung der Schwrmer, sowie die Nah- rungsaufnahme der Vampyrellen in Betracht, so findet man darin 1) Weitere Mitteilungen ber die Entwicklung der hier genannten vier Vam- pyrellaarten sind in der Bot. Zeitg. 1882 Nr. 12 u. 13 erschienen. 140 Klein, Grenzgebiet zwischen Tier- und Pflanzenreich. auch Anklnge an g:ewisse niedre Tieren, besonders an Amben und andre niederste 11 li i z o p o d e n , zu denen ja die V a m p y r eil a jetzt aucli g-ercehnet wird. AVenn also auch die Hau})tmomente der Entwicklung von Yampyrella fr ilire mehr pflanzliche Natur sprechen, so zeigt sie doch immerhin manche Aehnlichkeiten mit ge- wissen niedersten Tieren und kann somit zugleich als ein Ueber- gangsglied vom Pflanzenreich zum Tierreich betrachtet werden. Da es bei gewissen niedersten Organismen oft schwer fllt zu entscheiden, ob man dieselben als Tiere oder als Pflanzen ansehen soll, so hat man sie in ein eigenes, zwischen Tier- und Pflanzen- reich vermittelndes Reich zusammengefasst, das als Protisten- Reich bezeichnet wird. Da aber ein Teil der Protisten nichtsdesto- weniger mehr an Tiere, ein anderer mehr an Pflanzen erinnert, so werden tierische und i)flanzliche Protisten unterschieden. Die er- stem leiten zu den Tieren hinber, die andern zeigen Uebergnge zu den Pflanzen. Verfolgen wir aber die Formen dieser beiden Grup- pen abwrts, so gelangen wir zu einem gemeinsamen Ausgangs- punkt, wo die Unterscheidung zwischen tierischen und pflanzlichen Protisten nicht melir gut ausfhrbar ist ; dieser gemeinsame Ausgangs- punkt aber ist derselbe, den war auch erhalten, wenn wir nur ein Tier- und Pflanzenreich unterscheiden. In der Natur gibt es keine scharfen Grenzen. So mehtig dies in ent^^^ckIungsgesc]^chtlicher Hinsicht auch ist, so fordert doch die Wissenschaft die Aufstellung solcher Grenzen. Die Unterscheidung zwischen Tier- und Pflanzenreich ging aus der Betrachtung hher organisirter Wesen hervor und hat daher ihre in der Natur begrndete Berechtigung, Avas vom Protistenreich nicht gleichermaen gesagt wer- den kann. Und ist es nicht einfacher und richtiger, wenn wir blos ein Tier- und Pflanzenreich unterscheiden und nur zwischen diesen beiden eine Grenze zu ziehen trachten, als wenn wir ein Protistenreich auf- stellen und nicht nur dieses gegen das Tier- und Pflanzenreich, son- dern auch in ihm sell)st wieder die mehr tierischen gegen die mehr pflanzlichen Formen abzugrenzen gezAVungen sind? imi so mehr als diese Grenze unbedingt zusammenfllt mit derjenigen, die wir even- tuell auch zwischen Tier- und Pflanzenreich feststellen mssten. Ich glaube also, dass die Aufstellung eines Protistenreichs nicht unbedingt ntig ist. Diejenigen Organismen aber, deren tierische oder pflanzliche Natur nicht endgiltig entschieden werden kann, sind vorderhand sowol bei den Tieren, als bei den Pflanzen abzuhandeln, indem zugleich hervorgehoben wird, dass dieselben als Formen an- zusehen sind, die den Uebergang zwischen Tier- und Pflanzenreich vermitteln und gleichsam Zeugniss davon ablegen, dass die Tiere und Pflanzen aus gemeinsamen Ursprung nach zwei divergirenden Richtungen sich entwickelt haben. Denn lassen wir diesen gemein- samen Ursprung wirklicli gelten und das geschieht ja wol allge- Klein, Grenzgebiet zwisclieu Tier- und Pflanzenreich. 141 mein so mnss es g-aiiz iintUrlicli sowol den Zoologen, als den Bo- taniker intercsMren, diejenigen Wesen zn kennen, die dafr spreclien. Wollen wir nnn nach dem Gesagten die systematische, sowie die zwischen Tier- nnd Pflanzenreicli vermittelnde 8tellung von Vampy- rella genauer feststellen, so mssen ^^ir vor Allem die Frage ent- scheiden, welches die allernchsten Verw-andten der Vampy- rella einerseits gegen das Pflanzenreich, andrerseits gegen das Tierreich hin, seien. Als solche wren, neben einem unlng-st von mir aufgefundenen und Monadopsis benannten Organismus, noch zu nennen : Mo)ias aini/liCnk., dann Frotornyxa aurantiaca Hckel und eventuell Mi/xaatrum radians Hckel. Diese Organismen stimmen untereinander und mit Vamp yr eil a durch dieP>ildung ambenartiger Schwrmer und Plasmodien berein und zeigen auerdem solche Eigentmlichkeiten, dass sie als stufenweise Uebergnge zu den Myxomyceten aufgefasst werden knnten. Sie bilden eine Peihe, die in den Myxomyceten ihren Abschluss tindet und der sich durch Vermittlung von Olpidiojjsis Saprolegniae , einer Chytridiacee, die in den Saprolegnia schlauchen die bekannten Stachel- kugeln erzeugt und bei der nach A. Fischer (Bot. Ztg. 1880 S. 705) gleichfalls Plasmodienbildung vorkommt, vielleicht eine andere zu den Chytridien hinberleitende Reihe anschlieen liee, die durch Soro- kin's Tetrachytrium triceps, (bei dem eine Paarung der Schwrmer vorkommt), sowie durch desselben Autors Zygochytrlimi, (bei dem die Kopulation hnlich wie bei den Mucorineen geschieht), vielleicht selbst zu den Zygomyceten hinberleitet. Was nun die mehr tierischen Verw^audten von Vampyrella be- trift't, so ist es fast gewiss, dass wir dieselben unter den sogenann- ten Amben und andern niedern Phizopoden suchen mssen, da die Vampyrellen mit diesen manche Aehnlichkeiten aufweisen. Nher die hier in Betracht kommenden Arten zu bezeichnen ist jedoch vor- derhand noch nicht gut mglich; vielleicht, dass die Nuclearia Cnk. fiowie Aci/'nophrys sol hiehergehrende Organismen sind, nur dass die- selben schon einer hhern Stufe entsprechen, da sie Zellkerne auf- weisen, die bei den Vampyrellen und deren nchsten pflanzlichen Ver- wandten {Monadopsis, Monas und Profowyxa) fehlen^). Zur Veranschaulichung- des eben Gesagten diene folgende Zusam- menstellung : 1) Es sei hier noch erwlmt, dass icli Vampyrella, Monadopsis, Monas amyli und Frotornyxa in eine eigene Familie vereinige, die ich als Hydro- viyxaceae bezeichne. 142 Klein, Grenzgebiet zwischen Tier- nnd Pflanzenreicli. Pflanzenreich Zygomycetes Zygocliytrium Tetrachytrinm Myxomycetes Olpidiopsis Saprolegniae Tierreich R h i z o p tl a Actinophrys Ambidae Nuclearia (Myxastrum) ? Protomyxa .Monas amyli Monadopsis Vampyrella Es gibt jedenfalls noch einfacliere Organismen, als Vampy- rella ist, doch habe ich auf diese meine Untersnclmng'eu bis jetzt noch nicht ausgedehnt. Ebensowenig will ich hier die Frage behandeln, wie im Pflanzenreich der Zusammenhang zwischen den chlorophyll- haltigen und den hier besprochenen chlorophylllosen Organismen zu suchen sei. Fr eine andere Reihe der Pilze hat dies neuestens de Bary^) versucht; fr die hier abgehandelten Organismen muss je- doch, wie ich glaube, jedenfalls ein anderer Anschlusspunkt gesucht werden. Naheliegend ist hier auch die Frage, wie wir uns den aller- ersten Anfang von Tier- und Pflanzenreich berhaupt vorstellen sollen und welches die ersten Organismen waren oder naturgem sein mussten. Dies ist in obiger Zusammenstellung nicht angedeutet, da dieselbe nur einen kleinen Zweig des aus gemeinsamem Ursprung sich ent- wickelnden Stammbaums des Tier- imd Pflanzenreichs zur Anschau- ung bringen soll. 1) Beitrge znr Morph, nnd Physiol. der Pilze. 4. Heihe S. 107136. Beneke, Volumen des Herzens. 143 Alph. Milne Edwards, Compte rendu sommaire d'une explo- ralion zoologique , faile dans la Meditcrranee a bord du na- vire de TEtat ,,le Travailleur". Iii Coiiipt. rendus de l'Acad. d. sc. T. 93, Nr. 22, Paris (28. Nov. 1881). Nach den Untersiicliiiiig-eii, welche E. Forbes im Aegischeii Meere bis 550m. tief aiig-e^tellt hatte, g-huibte man annehmen zu mssen, dass nicht nur im Mittelmeere, sondern auch in andern tiefen Meeren, tiefer als 550 Meter Tiere nicht leben knnten. Dass Kapitn John Ross bereits im J. 1818 im Nrdl. Eismeer 1460 1830 m tief tierisches Leben nachgewiesen hatte, war in Vergessenheit g-erathen. 1870 zogen Carpenter und Jeffreys auf der Porcupine-Expedition nrdlich von Algier aus einer Tiefe von 2587 m eine grere Zahl lebender Mollusken, von denen viele chon im nordatlantischen Ocean und in tertiren Al)lagerungen Siciliens gefunden worden waren ^). Der Bericht, welchen A. Milne Edwards ber die Untersuchungen franzsischer Forscher im Sommer 1881 abstattete, enthlt neue Be- weise, dass die Tiefseefauna des Mittelmeeres viele Arten mit der Tiefseefauna des atlantischen Oceans gemein hat. Im nrdlichen Teile des westlichen Mittelmeerbeckens, sdlich von Frankreich wurde in Tiefen von 455 bis 2660 m gedredscht. Man fand viele Crusta- ceenspecies, Avelche bisher nur aus dem atlantischen Meere bekannt waren, z. B. Lispognathus Thotnsonii ^ Gerijon longipes, Ebalia nux, Munida temimana u. A. Unter den Mollusken sind hervorzuheben: Pholadomya Loveni, Liinopsis aur/ta und Terebrafella septata (pliocn in Sicilien). Besonders interessant ist auch der Nachweis, dass Bri- sinya, eine zuerst in norwegischen Fjorden in groen Tiefen ent- deckte Seesternform, im Mittelmeer lebt und dass dieses Tier auch hier wie im atlantischen Ocean von einer kleinen Ge})liyree, Ocne- soma Sfeenstriqj/i, begleitet wird. Milne Edwards glaubt aus den Ergebnissen der franzsischen Mittelmeeruntersuchungen folgern zu drfen, dass das Mittelmeer von den mittlem Teilen des atlantischen Oceans aus bevlkert worden sei. K. Mbiiis (Kielj. F. W. Beneke, Ueber das Volumen des Herzens und die Um- fange der grossen Arterien des Menschen in den verschiedenen Lebensaltern. Schriften der Marbiirger Gesellschaft zur Befrderimg der gesamten Natur- wissenschaften Bd. XI. Siippl. 24. Marburg 1880. (Besteht aus drei Abhand- lungen : 1) Ueber das Volumen des Herzens und die Weite der Art. pulmonalis ') Report on Deep-sea Researches 1870, In: Proceed. Roy. Soe. London Nr. 125, 1870, p. 173. 144 Beneke, Vhimeu des Herzeu. und Aorta ascendeiis in den verscliiedenen Lebensaltern. 56 S. 4". 3 Kurven- tafeln. 2) Ueber die Weite der Iliacae comnumes, Snbclaviae und Carotides conmumes in den verschiedenen Lebensaltern. 48 S. 4". G Kurventafeln. 3) Ueber die Weite der Aorta thoracica und Aorta abdominalis in den ver- sclnedenen Lebensaltern. G4 S. 4". 2 Kiirventafeln. Diese drei 1880 erschienenen Abhandlungen Beneke's sind eine Fortsetzung- und weitere Ausflirung frherer Untersuchungen des Verfassers, besonders der Anatomisclien Grundlagen der Konstitutions- anomalien" (Marburg 1878). Die damals von B. ausgesprochene Hoffnung, das Buch werde der Ausgangspunkt einer Reihe von For- schungen werden, welche fr die Fortentwicklung der Pathologie ein dringendes Erforderniss sind", scheint sich, hauptschlich Dank dem unermdlichen Flei des Verf. selber, zu erfllen. B. hat damals der Pathologie und sich selbst den Vorwurf gemacht, dass man die nor- malen anatomischoi Grundlagen zu Avenig bercksichtige. Aber auch der normalen Anatomie kann man den Vorwurf nicht ersparen, dass sie den Gren- und Gewichtsverhltnissen des Krpers und seiner Organe und den hier whrend des Wachstums eintretenden absoluten und relativen Vernderungen noch lange nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hat. Entschuldignngsgrnde sind ja vorhanden, besonders bezglich des fr Untersuchungszwecke meist unzureichenden Materials der kleiriern und mittlem Universitten. Um so mehr verdient es Anerkennung und Dank, dass B. mit Herz und Arterien einen guten Anfang gemacht hat. Seine auf Marburger und Wiener Material (615 Leichen) gesttzten Untersuchungen knnen bezglich des Herzens und der grern Arterien avoI als gengend begrndet angesehen werden. Die Resultate, an welche lief, einige Bemerkungen anknpfen AAird, sind in Krze folgende: Das Herz wchst in den ersten Jahren schnell, dann langsamer bis zur Pubertt, avo eine abermalige, manchmal rapide Zunahme er- folgt, an die sich dann eine sehr allmhliche Volumsvergrerung bis zum 50. Jahre anschliet. Die geringe Abnahme bis zum 70. Jahre, auf die dann vielleicht nochmals Zunahme folgt, scheint noch der Be- sttigung durch umfangreicheres Material zu bedrfen. Die EntAvick- lung des Herzens ist bei beiden Geschlechtern bis zum 7. Jahre ber- einstimmend; bis zum 15. Jahre berAAdegt dann, aaic es scheint, das Aveibliche Herz, von da an das mnnliche. Die groen Arterien nehmen smmtlich bis zum Lebensende an Umfang zu und zAvar gleichfalls am auffallendsten in den ersten Jah- ren und um die Puberttsperiode, spter sehr langsam. Sie verhalten sich also im Allgemeinen Avie das Herz, besitzen jedoch noch jede ihre in einzelnen Punkten von diesem und ihren Genossinnen sie un- terscheidende eigene Wachstumsgeschichte. Sehen Avir von Aorta und Pulmonalis ab, so nehmen die Iliacae am strksten zu, etAvas Aveniger die Subclaviac, am Avenigsten die Carotiden. Eine Erklrung fr dies Waelchli, Gefrbte Kugeln in der Retina von Vgeln. 145 auffallende Verhalten gibt B. iiiclit. Kef. mchte hier als letzten Grund die Schwerkraft ans})rcchen;, welche den Blutdruck in den zeit- weise oder fortdauernd ahsteigvnden Gefen verstrkt, die Ausdeh- nung infolg-e elastischer Nachwirkung- erhht. Es wrde sich sonach um anfangs passive rein mechanische Erweiterung, um Nachdehnung handeln, die schlielich eine hlcihcnde wird. Von hohem Interesse ist die Tntsache, dass das Wachstum des Gehirns demjenigen der Carotiden parallel einhergeht Auch hier scheinen einfache mechanische Verhltnisse obzuwalten. Das Wachs- tum des Gehirns wre somit mathematisch betrachtet, eine Funktion des Wachstums seiner Gefe. Vielleicht finden wir, wenn erst das gengende Material vorliegt, das allgemeine Wachstumsgesetz, wie die speciellen fr die pecies Mensch und unsere einzelnen Organe in einer relativ einfachen mathematischen Formel! Von einzelnen Ivesultaten sei noch erwhnt, dass die rechte Subclavia die linke an Umfang berwiegt, whrend sich bei den Ca- rotiden keine deutliche Differenz zwischen rechts und links zeigt. Bekanntlich ist ja die rechte Subclavia nicht der linken, sondern der Aorta morphologisch homolog oder handelt es sich hier um den Ausdruck des durchgehends hufigem oder starkem Gebrauchs der rechten Extremitt was ist hier Ursache und was Folge? Die Zunahme des Arterienumfangs mit dem Alter hat auch Frau Schiele -Wiegan dt (Virchow's Archiv Bd. 82, S. 2739, und Ber- ner Dissertation) konstatirt. Gleichzeitig besttigte letztere die Zu- nahme der Wand dicke, auf die auch lief, schon (Jenaer Sitzungs- berichte 1878, S. 42) hingewiesen hatte. Wenn es sich also um, anfnglich wenigstens, passive Dehnungen der Gefe durch den innern Druck handelt, welche die bleibende Volumsvergrerung her- beifhren, gewissermaen vorbereiten und vielleicht berhau])t ermg- lichen, so wird doch die bei der einfachen Ausdehnung selbstverstnd- lich eintretende passive Verdnnung der Wandung durch das nach- folgende aktive Wachstum mehr als ausgeglichen. Da bekanntlich das Wachstum der Pflanzen auch auf den Turgor der Ernhrungs- flssigkeit zurckzufhren ist, so haben Anr in den eben angefhrten Tatsachen den Ausdruck eines allgemeinen organischen Gesetzes vor uns. K. Bardeleben (Jena). Waelchli, Mikrospektroskopische tlntersuchiingeii der gefrbten Kugeln in der Retina von Vgeln. Areh. f. Oplitlialmologie. Bd. XXVII. Abt. 2. S. 303. Tafel XII. Der Verf. konnte bei Vgeln acht Nuancen in den Farben jeuer Oeltropfen unterscheiden, Avelche die Grenzen zwischen Auenglied 10 146 Waelclili, Gefrbte Kugeln in der Retina von Vgeln. lind Iimeiiglied der Retinazapfen bezeicliiieii. Mit einem Mikrospek- troskop von Zeiss ^viirden bei der Ente, Huhn, Taube und dem Fin- ken die Zapfen unter Zusatz von Glycerin oder 0,5'^/(,iger Kochsalz- lsung im Laboratorium von Eng-elmann in Utrecht untersucht von jenen acht Arten jedoch nur die roten, orangefarbigen, gelben und grnen Oeltropfen benutzt. Die Spektra waren kontinuirlich ohne dunkle Absorptionsbnder. Solche hatte Khne in Lsungen der Farbstoffe jener Oeltropfen erhalten. Verf. schliet daraus, dass diese sog. Chromophane nicht prexistent, sondern erst durch das eingreifende Auflsungsverfahren erhalten seien, etwa wie man Hmatin aus Hmoglobin darstellen kann. Die im Leben vorhandenen Farbstotfe unterscheidet Verf. als Sphaerorhodin, Sphaeroxanthin und Spliaerochlorin, wrtlich: kug-elrot, kug-elgelb, kugelgrn. Die roten Oeltropfen (der Ente) absorl)iren die Spektralfarben in der Art, dass die hinter ihnen gelegenen Auenglieder grnblind und zugleich violettblind sein wr- den. Ebenso wren die orangefarbigen Oelkugeln violettblind u. s.w. Wollte man annehmen (Ref.), dass aus den Auengliedern zurck- kehrendes Licht die wirklichen Nervenenden in der Retina erregt, so wrden natrlich ebenfalls die roten Zapfen fr rotes Licht be- stimmt sein u. s. w. Hieraus resultirt eine nicht unerhebliche Schwierigkeit in Betreff der Farbenempfindung. Seit vielen Jahren schreibt man dieselbe den Zapfen zu und wie eben gezeigt wurde, mssten die Zapfen mit roten Oelkugebi fr rotes Licht bestimmt sein u. s. w. Die Entdeckung des Sehrots in den Stbchen hat aber jener Hypothese den Boden entzogen und Boll hat ferner nachgewiesen, dass das Sehrot durch grne Strahlen am schnellsten zerstrt wird, durch rote hin- gegen sich nicht verndert oder noch intensiver hervortritt. Folglich mssten die roten Stbchen, falls sie Nervenenden sind, fr grnes Licht, die roten Zapfen wie gesagt, fr rotes Licht bestimmt sein. Will man umgekehrt daran festhalten, wie es zuerst am natr- lichsten erscheint, dass die roten Stbchen wie die roten Zapfen die Rotempfindung vermitteln, so msste dann weiter supponirt werden, die Zerstrung des Schrots in den roten Stbchen durch grnes Licht sowie umgekehrt die Zerstrung des Sehgrns in den grnen Stb- chen durch rotes Licht sei nicht unmittelbarer Ausdruck eines Erm- dungszustandes der Retina fr die genannten Farben. Die weitere Annahme, dass die roten Stbchenauenglieder nicht grnes Licht direkt percipiren lassen, sondern rotes Licht auf die wirklichen zur Zeit noch unbekannten Optikusenden reflektiren, wrde hierbei nicht helfen. Denn auch in diesem Falle msste Grnbeleuchtung Ermdung fr Rot hervorrufen, was mit der Erfahrung in Widerspruch steht. Es bliebe also nur die Anschauung zulssig, dass in den roten Stbchen und roten Zapfen ganz verschiedene Mechanismen realisirt Ewald, Graphische Methode. 147 ersclieineii - mit andern AV orten: dass die roten Stbchen fr grline u. s. w. iStralilen eingerichtet sind, die roten Zapfen der Vogelretiua dagegen fr rotes Licht. W. Krause (Gttingen). Die graphisclie Methode. Man spriclit jetzt ganz allgemein von der graj)liischen Methode" in der Medicin, whrend man doch darunter meist nur einen ganz speciellen Teil derselben verstanden wissen will, nmlich die Regi- strirung von Bewegungsvorgngen durch geeignete Instrumente. Wenn man z. B. eine Anzahl Linien konstruirt und nebeneinander abbildet; deren Lngen in demsell)en Verhltniss unter einander stehen, ^^^e die Lngen des Darmkanals gewisser Tiere, so gehrt diese Veran- schaulichung recht eigentlich der graphischen Methode zu. Durch letztere wird in diesem Fall ein Bild entworfen, welches eine Keihe von Zahlen von untereinander unabhngigen und unzusammenhngen- den Einzelbeobachtungen darstellt. Etwas verschieden hievou ist die Darstellung von Vorgngen. Es muss dann das Bild einen zeitlichen Verlauf widergeben und die einzelnen Beobachtungen mssen daher der zeitlichen Reihenfolge nach verzeichnet werden. Whrend nun die erstere Anwendung der graphischen Methode nur in der medicini- schen Statistik eine grere Rolle spielt, wird von der letztern in grtem lae Gebrauch gemacht um physiologische oder klinische Beobachtungen zu veranschaulichen z. B. um Temperatur und Puls- kurven zu entwerfen, welche also ebenso wie die ersterwhnten einen Ersatz fr Tabellen bieten, vor denen sie den Vorteil grerer An- schaulichkeit und Uebersichtlichkeit darbieten. So wichtig aber nun derartige Kurven auch sind, sie geben doch nur ein Bild bereits bekannter in irgend einer Art gewonnener Resul- tate. Die graphische Methode tritt hier immer gewssermaen nur reproduktiv auf. Aber berall da, wo ein Instrument selbst einen Vorgang registrirt, knnen erst aus der Kurve die neuen Resultate herausgelesen werden ; in diesem Falle ist die graphische Methode produktiv. Und diese specielle Anwendung meint man gewhnlich wenn man schlechtweg von der graphischen Methode in der Medicin spricht. Es handelt sich also immer um Instrumente, welche Bewegungen auf bewegten Flchen in Form von Kurven registriren. Der Erste, welcher eine solche Einrichtung anwandte, war James W a 1 1. In die physiologische Technik wurde sie eingefhrt von Ludwig, der sie zur Registrirung der Blutdruckschwankungen benutzte (Kymographion) und von Helmholtz, welcher sie zum Studium der Muskelzusammen- ziehung anwandte (Myographion). Alle andern seitdem beschriebenen Apparate sind nur Modifikationen jener beiden Grundformen. 10 '' 148 Ewald, Grapliische Methode. Bei allen regi.stnreiideii Aijparaten fr physiologiselie oder ver- wandte Zwecke sind drei wesentliche Teile zu nnterscheiden: 1) Die sich bewegende Flche, 2) Das Instrument, welches auf der Flche schreibt, 3) Die Vorrichtungen, welche die Bewegungen des Organs^) auf das schreibende Instrument bertragen. Diese drei Teile sind zum Teil einzeln und zum allgemeinern Ge- brauch ausgearbeitet worden, so dass sie eigentlich selbststndig;e Instrumente geworden sind, und es empfiehlt sich daher sie auch ein- zeln zu besjjrechen, wobei wir nur eine ganz kurze Zusammenstellung der wichtig" gewordenen Apparate g-eben wollen, auf diejenigen aber, welche ganz neuen Datums sind, ausfhrlicher eingehen werden. I. Die sich bewegende Flche. Mit nur sehr wenigen Ausnahmen schreibt man entweder mit Tinte auf weiem Papier oder mit einer einfachen Spitze auf berutem Papier. Die erstere Methode hat den Vorteil, dass man das Papier von einer Rolle abwickeln kann und daher ber einen sehr langen Streifen verfgt, besitzt aber den Nachteil, dass 1) die Feder nur schwer einen feinen Strich schreibt, wodurch genauere Messungen unmglich wer- den 2) die Schnelligkeit, mit der das Papier vorbeigezogen wird, sich nicht ber eine gewisse fr viele Zwecke zu geringe Grenze steigern lsst. Diese Methode ist daher vorzugsweise zur Registrirung der Blutdruckschwankungen oder der AtembcAvegungen in Gebrauch. Die betreffenden Apparate (Kymographien) mit unendlichem Papier haben in neuester Zeit keine wesentlichen Vernderungen erfahren, nur dass man vielfach kleine Wasser- oder Heiluftmotoren anwendet, um sie in Bewegung zu setzen, wodurch man des lstigen Aufziehens des Uhrwerks berhoben wird. Fr alle diejenigen Flle, wo man einer grern Geschwindigkeit der bewegten Flche bedarf, wird meistens das Schreiben auf berutem Papier vorgezogen. Dieses bietet nicht nur den Vorteil, dass der Strich gengend fein sein kann, um selbst sehr kleine Bewegungen der schreibenden Spitze erkennbar aufzu- zeichnen und ein genaues Ausmessen der Kurven zu gestatten, son- dern gestattet auch, durch Anwendung sehr glatten Papiers die Rei- bung an demselben sehr klein zu machen. Das berute Papier ist meistens um einen metallenen Cylinder gespannt, der sich um seine Axe dreht. Um jedoch eine grere Papierflche benutzen zu knnen, hat man auch ein Kymographion konstruirt, welches gewissermaen den Uebergang vom unendlichen weien zum kurzen beruten Papier 1) Zuweilen handelt es sich gar nicht um das Studium von Bewegnmgen, sondern um zeitliche Aenderungen andrer (iren z. B. Spannungen von Fls- sigkeiten. Diese mssen dann erst durch passende Vorkehrungen in lineare BeAvegungen bersetzt werden. Ewald, Giapliische Methode. 149 bildet. Es war 1876 auf clor Londoner Ausstellung der ^visscnschaft- lichen Apparate ausgestellt und stammte aus dem Prager physiologi- schen Institut. Ein 2,5 Meter langer Papierstreifen ist in seiner gan- zen Lnge berut und Anfang und Ende desselben sind zusammen gekl('l)t. Dieser groe Ring wird dann um zwei kleine Cylinder ge- legt, die so weit von einander stehen, dass das Papier gespannt wird. Wenn trotz dieses Vorteils das Listrumeut wenig Verbreitung gefun- den hat, so ist der Grund wol in der Unl)equemliehkeit zu suchen, die stets mit dem Beruen einer so groen Flche verbunden ist, selbst wenn man sich dazu einer eigenen Vorrichtung Avie beim Re- gnaul t'schen Chronoskop bedient. Anstatt die berute Flche zu ver- grern hat man lieber gesucht die vorhandene mglichst auszunutzen. Bei dem gewhnlichen Cylindermyographion geschieht dies nun in mehrfacher Weise. Entweder kann man mit Hilfe einer Schrauben- vorrichtung den Cylinder in der Richtung einer Axe verschieben und so eine Kurve unter resp. ber die andere schreiben ohne das schrei- bende Listrument deshalb in eine andere Lage bringen zu mssen. Oder man wendet eine Vorrichtung an, vermge deren der um seine ver- tikale Axe sich drehende Cylinder gleichzeitig langsam fllt d. h. an seiner feststehenden Axe herabgleitet und zwar mit einer Geschwin- digkeit, welche von dem Gang des Uhrwerks abhngig ist. Man er- hlt auf diese Weise als Abscissenaxe eine regelmige Spirallinie. Natrlich drfen die zu zeichnenden Kurven nicht hher sein, als die Steigung der Spirallinie betrgt; wo dies der Fall ist, bietet diese Schreibweise groe Vorteile. Da man dem Cylinder eine groe Gescln\indigkeit erteilen kann, so ist er auch zur Aufzeichnung schnell ablaufender Vorgnge, z. B. der Muskelzuckung, geeignet. Solche Apparate nennt man in der Physiologie Myographien. Ein solches Instrument, welches erst in diesem Jahre publicirt worden ist^), Avill ich eben deshalb hier etwas genauer beschreiben. Die Verft". haben eine von du Bois-Reymond schon von einer Reihe von Jahren ausgesprochene Idee ausgearbeitet und danach das betreffende Instrument konstruirt. Wie der Name besagt besteht die sich bewegende Flche aus einem Cylinder, der aber abweichend von den gewhnlichen Kymographien und Myogra])hien direkt durch eine gespannte Feder in Bewegung gesetzt wird und nicht erst durch Ver- mittlung eines besondern Uhrwerks. Dadurch kann dem Cylinder die fr Muskelkurven erforderliche Rotationsgesch-windigkeit erteilt wer- den. Es bedarf aber bei diesem Instrument einer speciellen Vorrich- tung um den Cylinder nach Vollendung einer Umdrehung Avieder zum Stillstand zu bringen, denn sonst wrden neue Kurven bei jeder fol- 1) M. V. Vintschgaii und M. Dietl, P^in Cyliiiderfedermyographioii. Pflge r's Archiv Bd. XXV S. 112. 150 Ewald, Giapliisclie Methode. geiidon Umdrehung' die alten stren. Da nun die lebendige Kraft, die dem Cylinder erteilt werden muss, um eine g:engende Geschwin- digkeit zu erreichen, sehr bedeutend ist, so muss auch die Hemm- vorrichtung die ihn nur eine Umdrehung ausfhren lassen soll, eine sehr krftige und sicher arbeitende sein. Es ist zu dem Zweck ein Keil mit dem Cylinder fest verbunden, so dass er, die Sehneide voran, mit letzterm rotirt. Wenn sich nun die erste Umdrehung ihrem Ende nhert, so zAvngt sich der Keil zwischen drei Paar Federn durch, von denen das erste Paar nur schwach, die mittlem schon strker und die letzten sehr krftig sind. Auf diese Weise wird der Cylinder rasch und doch ohne Sto zum Stehen gebracht. Um dann von neuem das Instrument schreibfertig zu machen, muss man die Feder wieder spannen, am Cylinder mit ihrem freien Ende befestigen und diesen durch einen Sperrhaken arretiren. Die brigen zu dem Apparat ge- hrigen Vorrichtungen weichen dem Princip nach nicht von andern demselben Zweck dienenden Anordnungen ab. Es sind dies der schreibende Hebel, die Kontaktvorrichtung' und die chronographische Stimmgabel. Ebene Flchen, die mit gengender Geschwindigkeit bewegt wer- den, sind zu denselben Zwecken gleichfalls in Gebrauch. Obenan steht das du Bois-Reymond'sche Feder- oder Schiemyograpliion. Ein leichter Messingrahmen, der geeignet ist, eine berute Glastafel aufzunehmen, wird durch eine zusammengedrckte und dann pltzlich vermge eines Sperrhakens in Freiheit gesetzte Spiralfeder in der Ebene der Glastafel fortgeschossen. Hierbei hat er durch zwei stark gespannte Metalldrhte Fhrung. Die Hemmung, welche verhindert, dass der Rahmen bei seinem Anschlagen am Ende der Fhrungs- drhte Schaden leidet und zugleich ein Eckprallen unmglich macht besteht aus zwei mit groer Reibung auf den Drhten verschiebbaren Korkstcken. Der Rahmen schlgt nun zuerst gegen die Korkstcke an und indem er diese je nach der Geschwindigkeit, mit der er an- kommt mehr oder weniger verschiebt, wird er von selbst gehemmt. Fick und Helmholtz wandten als bewegende Kraft fr die be- rute Flche die Schwerkraft an und konstruirten Pendelmyographien. Eine berute Glastafel bildet die Vorderflche eines groen und schweren Pendels, das aus seiner Gleichgewichtslage gebracht, hier durch einen Sperrhaken festgehalten wird. Lst man den Haken, so macht das Pendel eine ganze Schwingung und springt am Ende des- selben in eine Arretirungsvorrichtung ein, so dass es nicht zurck- schwingen kann. Die Abscissenaxe ist hier ein Stck eines Kreis- bogens. Fallmyographien, bei denen die berute Glastafel in einem verti- kalen Rahmen wie in einer Atwood'schen Fallmaschine sich abwrts bewegt, haben Jendrssik und L. Hermann angegeben. Marey hat bei seinen Sphygmographen die berute Flche auf eine Zahn- V. Rzsiihegyi, chutzimpfiuig gegen den Milzbrand. 151 Stange befestigt und lsst letztere dureli ein kleines Uhrwerk an der Hebelspitze vorbeiziehen, was freilich fr den vorliegenden Fall nur mit geringer Gesclnvindigkeit zu geschehen braucht. Schlielich hat man auch rotirende Scheiben angewandt. Eine ltere Konstruktion von Valentin hat keine Verbreitung gefunden. Das lioseuthaFsche Kreiselmyographion besteht aus einer beruten Scheibe, welche in schnelle Rotation versetzt Avird. Sobald die er- wnschte Geschwindigkeit erreicht ist, wird sie samt ihrer Axe um ein weniges in der Richtung der letztern vorgeschoben, wodurch die Muskelzuckung ausgelst und die Kurve aufgeschrieben wird. Aber schon bevor eine ganze Umdrehung der Scheibe vollendet ist, wird sie wieder durch eine vorspringende Nase von dem schreibenden Hebel abgerckt. Die Abscissenaxe wird hier durch eine Kreislinie dargestellt. Damit sind die Zeichenflchen der in der Physiologie angewand- ten registrirenden Apparate ziemlich erschpft. Sie sind in der letz- ten Zeit nur durch das Cylinderfedermyographion vermehrt worden. Man kann von ihnen sagen, dass sie allen Anforderungen, die bis jetzt die Physiologie stellt gengend entsprechen; es ist daher die Einfhrung anderer Flchen nicht zu erwarten. Wo es sich um sehr lang dauernde Beobachtungen handelt wie z. B. um tage- und woclien- lange Registrirung der Temperatur, der Feuchtigkeit der Luft etc. kann man nicht gut Tinte zum Schreiben verwenden, Aveil sie ein- trocknen wrde und da schreibt mau aus diesen und andern Grnden auch auf Stanniolpapier in das sich die schreibende Spitze etw^as ein- drckt und so eine Kurve zeichnet. Bei andern Instrumenten besteht die Zeichenflche aus starkem Kartonpapier, auf dem schon die fraglichen Daten, die registrirt Aver- den sollen, vorgedruckt sind, und das Instrument schlgt an der be- tretfenden Stelle ein Loch durch das Papier in der Art wie die Schaff- ner die Billete koupiren. Aber diese und andere Methoden sind noch nicht zu medicinischcn Zwecken verwandt Avorden, da fr diese die oben beschriebenen Flchen viel bequemer sind. Ewald (Strassburg). A. V. Rzsahegyi, Resuilate der Schutzimpfung Pasteurs gegen den Milzbrand. Orvosi Hetilap. Nr. 52. 53 und Tenneszettudomnyi Kzlny. 1882. Budapest. Pasteur's Impfversuche zur Verhtung des epidemisch auftreten- den Milzbrandes haben nicht nur in der Avissenschaftlicheu Welt, son- dern auch bei den materiell interessirten Landwirten gerechtes Auf- sehen erregt. Wir wollen auch jenen Umstand erAvhnen, dass jngst in Budapest zehn menschliche Leichen die unverkennbaren Spuren der Ansteckung durch die Pilze des Milzbrands zeigten. 152 V. Rzsaliegyi, Schutzimpfung gegen den Milzbrand. Das knigl. uiig. Ministerium fr Bodenkultur wandte sich an Pasteur mit der Bitte seine Impfungsmetliode in Ungarn selbst prak- tisch bekannt zu geben. Pasteur sandte zu diesem Zweck seinen Assistenten Thui liier. Die Versuche wurden an zwei verschiedenen Orten ausgefhrt und zwar im knigl. tierrztlichen Institut zu Buda- pest und auf der Domne Kapuvr. Ueber die Resultate dieser Ver- suche und die aus ihnen sich ergel)enden Folgerungen berichtet nun der Verf. auf Grund der Protokolle der zu obigem Zwecke einge- setzten Kommission; zu deren Mitgliedern er zhlt. Bekanntlich liegt der Schwerpunkt der Impfungstheorie Pasteur's darin, dass die Impfung nur dnnn gnstigen Erfolg hat, wenn die einzuimpfenden Milzbrand-Bakterien einen gewissen Grad ihrer Agres- sivitt verloren haben, gleichsam herabgestimmte Lebensenergie zeigen. Dieser Grad sei erreicht bei jenem Impfstoff, der einer 24 Tage lang einer durchschnittlichen Temperatur von 42 43*^ C ausgesetzten Pilz- kultur entnonnnen wird; nach Ablauf des Fiebers sind aber die Tiere neuerdings mit einem nur 12 Tage lang in Kultur gehaltenen Impf- stoffe zu impfen, um gegen jede fernere Ansteckung gefeit zu sein. Dies sind Pasteur's premier vaccin" und second vaccin". Fr die in Ungarn auszufhrenden Versuche brachte T h u i 1 1 i e r die ntigen Stoffe und Instrumente mit sich. In zugeschmolzenen Glasrhrchen war der Sporen enthaltende Impfstoff aufbewahrt, aus welchem dann Thuillier in der hiesigen Tierarzneischule die ntige Quantitt kulti- virte, die zur Zeit der Anwendung glntte und sporenerzeugende Fden enthielt. Der zur Kontrollinticirung bentzte Stoff' wurde aus solchen Milzbrandbakterien kultivirt, die seit beinahe fnf Jahren in Pasteur's Laboratorium aufbewahrt wurden. Wir wollen nun ber die ausgefhrten Versuche kurz referiren. In Budapest wurden 30 Schafe der ersten Impfung unterworfen, von denen eines infolge eines katarrhalischen Leidens einstand. Nach Verlauf von 12 Tagen wurden die brig gebliebenen 29 Tiere mit dem second vaccin" versehen, von denen abermals ein Stck um- tiel, bei welchem sich aber die wirkliche Todesursache mit Sicherheit nicht konstatiren lie. Nach Verlauf von neuen 12 Tagen wurden von den schon zweimal geimpften Tieren 25 und noch andere 25 bisher ungeimpft gebliebene Schafe mit ihre volle Energie besitzen- den Milzbrandbakterien inficirt. Das Pesultat war folgendes: Von den 25 bereits zweimal geimpften Tieren starben zwei ; aber wie der Sektionsbefund klarlegt, nicht an Milzbrand, sondern das eine am Leberegel, das andere an Strongylus tilaria; von den 25 ungeimpft gebliebenen, aber nun inticirten Schafen fanden in rascher Folge 23 ihren Tod an Milzbrand und nur 1 starb infolge von Blutarmut. Ebendort wurden auch fnf Rinder den beiden ersten Im])fungen unterAvorfen, nach welchen sie kaum besonders auffallende krankhafte Erscheinungen zeigten ; selbst auf die Inficirung reagirten sie nicht V. Ezsahegyi, Scliutziinpfimg gpgen den MilzlirMiid. 153 besonders, nur die fiint Kontrolltiere d. li. die ungeimpft gebliebenen, /.eig-ten kurze Zeit andauerndes Fieber. Auf der Kapuvrer Domne wurden folgende Versuche ausgeflirt: Erster Versuch. 50 Schafe wurden in den bekannten Zeitrumen geimpft; nach der zweiten Impfung starben fnf mit den verschiedenen Anzeichen des Milzbrandes: eines an Herzbeutelentzndung; darauf wur- den die am Leben gebliebenen 44 Tiere und 50 Kontrolltiere inticirt. Als Eesultat ergab sich, dass von den 44 geimpften Tieren 1, von den 50 ungeimpft gebliebenen aber 45 an Milzln-and umkamen. Zweiter Versuch. Die Hlfte einer 489 Schafe zhlenden Heerde wurde zweimal geimpft; worauf die ganze Heerde der natrlichen Infektion ausgesetzt wurde, d. h, sie wurde auf die gewohnte Weide getrieben, wo schon frher wchentlich 23 Stck an Milzbrand umkamen. Von der geimpften Hlfte dieser Heerde fielen mehrere Tiere an Milzbrand, aber es mgen solche gewesen sein, die schon vor der Impfung mit den Bakterien inticirt waren; 12 Tiere aber wur- den infolge der an der Impfstelle auftretenden Entzndung hiid^end. Die Zukunft wird nun ber das Schicksal der der Schutzimpfung un- terworfenen und der ungeimpft gebliebenen Tiere Aufschluss geben. Dritter Versuch. 20 Kinder vertrugen alle drei Impfungen ohne besondere Strung der regelmigen Funktionen; ebenso hatten von 6 Kontrolltieren, die der Infektion unterworfen wurden, nur 4 hef- tiges Fieber; eins starb am siebenten Tage am Milzbrand. Das Resultat der Schutzimpfung lsst sich bersichtlich aus der vom Verf. berechneten und zusammengestellten Procenttabelle fr die Schafe ersehen (S. 154). Diese Ziffern (14.53 Proc. der Geimpften und 94 Proc. der Un- geimpften) wrden nun deutlich genug fr den Erfolg der Schutz- impfung sprechen; doch findet sich der Verf. veranlasst, den ganzen Verlauf dieser Versuche einer kritischen Beleuchtung zu unterziehen und hebt folgende Momente hervor: a) 15 Tiere starben unter den verschiedenen Anzeichen des Milzbrandes, dessen Entstehungs- ursache nur in der zweiten Schutzimpfung zu suchen ist. Mglicher- weise mag der Impfstoff" zu stark gewesen sein, mglicherweise wurde was die lahmgewordenen Tiere beweisen und was bei der praktischen Anwendung und Verbreitung der Impfmethode von nicht zu unter- schtzender Bedeutung ist, nicht mit der gehrigen Reinlichkeit han- tirt, so dass auer der Inficirung mit Milzbrand noch die sog. sep- tische Inficirung hinzutrat, b) Es zeigte sich ferner, dass anderwei- tig erkrankte Tiere Distoma, Strongylus etc. nach der Imi)fung ebenfalls ihren Tod fanden und es ist mit Recht anzunehmen, dass die Schutzimpfung andere im Organismus verborgene Krankheiten zu einer ttlichen Entwicklung fhre. Da die Tabelle diesbezglich 14.53 Proc. zeigt, die praktische Erfahrung aber beweist, dass dieser Sterblich- keitsprocentsatz oft genug unter 10 Proc. bleibt, so ist die Befrch- Jl5-i V. Rzsuliegyi, Schutzimpfung gegen den Milzbrand. -v^ o o 1 "^ ue^jdnu^u uap uo^ OS CO C5 1 -r 05 t^ O S pQ a iH 00 c- , CfJ s ^ ^ ua^dmioj^ aap uo^ 1 '^ tH -tH T^ a ua;i8ii:>[nu.ix n.teput; ny O o S r^ '^ ' ^ 1 - S 3 j' piaMqz[ii\r uy O o - _ 4 U 00 CO 1-5 J ^ QO <35 t>- PH i^ CS ^0}I^^p[ul;.I^I u.T9puu uy O o6 O 1 lO ^ '1z CO s .s ^5 put;.iqzt!j\r uy o -^ ^< lO CO 05 g g ua:^jduu8.nf][ iiap uo^ o o -* CO 00 i>- lO 02 c5 ii8;jduii9f) uop no^ o5 CO q -^ c S 1 O ? C .-t^ i "S U8:^i9ilijn\!.xji ujopuu uy ""' ^ 1 ^ ^ i r J3 lg H ^1 . putJ.Tqzjij^ uy o O' ^ 1 H & r 1 u9:H8i[5lu^Mj[ u.iaput; uy o cv o 1 'S IT ;: . c^ 05 , rH ^ O pua;.iqz|ii^ uy o t^ 1 CO CO S r^ < ^ ua:>i9qj[uu.i^I u.iapm? uy o o o 1 s JD ^ u. o es ^ 1 % pu.Tqziij\[ uy o o 3 -1 p rt CO o o 1 D g % u^:^I^q5^^^^t^I u.iapm; uy CO 1 ^ c C r 73 "F* 02 ;> CS J> p. a !h ?i CS CS ;3 M w W Nannyn iiiid Schreiber, Ueber Gehinidriick. 155 tnng gerechtfertigt; dass dieSehutzimpfiiiig gelegentlich groem Schaden anrichten knnte, als die Krankheit selbst, die durch jene verhindert werden soll. Immerhin wren in vielen Gegenden Ungarns auch diese 14.53 Proc, annehmhnr, da die jhrliche Sterblichkeit an Anthrax dort bei den Schafen mitunter 60 Proc. betrgt. Dennoch kann die Schutzimpfung nicht die gengende Sicherheit bieten, da die sep- tische Inficirung selbst bei diesen jMusterversuchen mehrere Tiere ttete und noch mehrere lhmte ; was ist dann von ungebtem, wissenschaftlich nicht gebildeten Hnden zu erwarten? Es ist ferner noch zu erwgen, ob das Fleisch, die Milch u. s. w. dieser so ge- impften Tiere den Milzbrand nicht auch auf den Menschen l)ertragen kann? u. s. w. Man wird aus dem Vorgetragenen zur Genge erkennen, dass die Verallgemeinerung der Schutzimpfung noch sehr der Ueberlegung und der Prfung bedarf, M. Staub (Budapest). B. Naunyn und J, Schreiber, Ueber Gehiriulruck. Leipzig 1881. (Auch Arch. f. exper. Patliol. Bd. XIV). Bestimmend fr den Gehirndruck ist die im Subarachnoidealrauni enthaltene Subarachnoidealtissigkeit ; bisher ist aber in den zahl- reichen Arbeiten, die ber dieses Thema vorliegen, die Drucksteige- rung niemals direkt in den Subarachnoidealrumen hervorgerufen worden: Levden und Dur et erzeugten den knstlichen Hirndruck im Cavum subdurale. Verff. zogen den direkten V\'eg vor. Um die cauda equina herum ist der Snbarachiioidealraum gerumig genug, um die Einfhrung einer Kanle zu gestatten. Dann lsst sich zeigen, wie jede Druckerhhung hier sich sofort bis in die Ventrikel fort- pflanzt und umgekehrt. Nicht so einfach steht es mit den Subara- chnoidealrumen der Grohirnkonvexitt. Drucksteigerung hier pflanzte sich wol prompt bis zur untern Kanle fort, in umgekehrter Piichtung aber blieb der Effekt aus oder war doch schwcher als die unten einwirkende Drucksteigerung. Die Versuchsanordnung war so, dass eine erwrmte Kochsalzlsung unter einem beliebig zu regulirenden Druck in den Arachnoidealraum eingefhrt und zugleich Puls und Kespiration des Versuchstiers notirt werden konnte. Auf diese Weise wurden Versnche mit intrapialem, mit extrapialem (Cavum subdurale des Schdels) und mit kombinirtem Druck angestellt. Als erstes Re- sultat ergab sich, dass kein Unterschied besteht zwischen den Symp- tomen des intra- und extrapialen Hirndrucks. Dieselben sind folgende: 1) Schmerzen, wol durch Zerrung der Dura bewirkt. 2) B e w u s s t s e i u s s t r u n g e n. Bei hohen Kompressionsgraden tritt stets Bewusstlosigkeit ein, was man durch das Aufhren aktiver Eespirationsbewegungen konstatirt. ^56 Naunyn und Sclireiber, lieber (Teliinidruck. 3) Krmpfe. Nach Leydeii sollen dieselben erst bei 120 mm Hg- Druck eintreten, Verff. konstntirten sie schon bei 80 100 mm, wo noch keine Pisverlang-samung- eingetreten ist. Dieselben treten am regelmigsten auf im Moment der Drucksteigerung, cessiren wenn der Druck auf gleicher Hhe bleibt und treten dann bei weiterer Steigerung wieder auf. Kicht selten dauern sie auch unausgesetzt an, bis die Kompression beseitigt ist. Bei hohen Kompressionsgraden folgt auf die Krmpfe oft eine vollkommen totenartige Schlaffheit der gesamten Muskulatur, Hutig treten Krmpfe grade in dem Moment auf, wo ein stark wirksamer Druck auf herabgesetzt wird. Die Krmpfe stellen sich hauptschlich als tonische dar. 4) Symptome von Seiten des Cirkulations- undEespi- rationsapparats. Deren Studium und genaue Darstellung ist der Hauptteil der Arbeit gewidmet. Verft'. besprechen zunchst die Ein- wirkung schnell eintretender energ-is ch wirksamer kurz- dauernder Kompression Bei 100 120 140 mm Hg Druck tritt nach 10 20^ 40 Sekunden deutliche Pulsverlangsamung ein und erreicht schnell, d. h. in hchstens 30 weitern Sekunden ihr Maximum. Bestand vor der Kompression eine Pulsfrequenz von 120^ 180 Schl- gen in der Minute, so sinkt dieselbe nun auf 90^ 18. Dabei zeig-t die Pulskurve ganz das Bild wie bei der Vag-usreizung. Die respira- torischen Wellen verschwinden, und die einzelnen Elevationen und Descensionen werden gewaltig hoch und steil. Dieses Verhalten des Pulses bezeichnen Verff. als Hauptphnomen. AVird nach dem Eintreten des Hauptphnomens der Druck sofort auf herabgesetzt, so dauert dasselbe gewhnlich 20 30 Sek., mitunter viel lnger an, und im Verlauf von weitern 20 40 Sek., manchmal auch viel lang- samer, stellt sich die normale Pulsfrequenz wieder her. Im Allge- meinen tritt das Pulsi)hnomen um so energischer und schneller ein, je hher der Druck ist; doch erleidet auch dieser Satz viele Aus- nahmen. Die Symptome von Seiten des Eespirationsapparats sind flchtiger, w^eniger regelmig und charakteristisch als die am Pulse sich abspielenden. Wenige Sekunden nach dem Einsetzen des Drucks zeigt sich eine schnell vorbergehende Steigerung der Kespirations- frequenz; nach 6^ 10 Sek. tritt Verlangsamung, bei sehr starken Drucken Aussetzen der Respiration ein. Nach Beseitigung des Drucks kehrt entweder sofort die normale Frequenz wieder, oder es besteht noch whrend 15 40 Sek. eine Verlangsamung. Allmhlich eintretende, kurz dauernde, energische Kompressionen zeigen wesentlich dieselben Verhltnisse wie schnell eintretende. Als schwache K o m ]) r e s s i o n e n bezeichnen die Vertf. solche, die keine Vaguspulse hervorrufen, sondern nur eine Verlangsamung der Pulsfrequenz um hchstens Vs- Drucke, die um 10 20 mm Hg niedriger sind als die energisch Avirksamen, sind meistens schon ganz wirksam. Bei Einwirkung schwacher Kompressionen schwankt die Kaunyn mu'l Sclireiber, Ueber Gehinulruck. 157 Pulsfrequenz; es tritt ein periodischer Wechsel von Zu- und Abnahme ein, l)ei dem es sich aber immer nur um wenige Schlge in 10 Sek. handelt; im Ganzen bleibt dabei die Frequenz unter der Ausgangs- frequenz. Solche Schwachwirkung kann lange andauern, kann in Ausnahmefllen auch in eine ^'ollwirkung bergehen. An und fr sich unwirksame Kompressionen sind im Stande im Anschluss an die Einwirkung strkerer Drucke die Dauer derselben zu verlngern. Verft". bezeichnen diese als Nachdrucke. Lang anhaltende, stark wirksame Kompressionen sind stets ttlich, wenn sie lange genug unterhalten werden. Aber selbst nach 20 Minuten des hchsten Hirndrucks knnen Puls und Pespiration beim Aufhren der Kompression wieder normal werden. Selbst recht erhebliche (Irade von Hirndruck mit starker Pulsverlangsamung und Aussetzen der Pespiration knnen sich ausgleichen, obgleich die Kompression in voller Hhe fortbesteht, so lange das Hau])tphuomen noch nicht ein- getreten ist. Der pltzliche Tod bei Hirudruck entsteht durch Aus- setzen der Pespiration; bei Unterhaltung knstlicher Pespiration tritt er daher nie ein. Die Pespiration nimmt unter dem Einfluss starken Hirndrucks einen eigentndich krampfhaften Charakter an. Von dem Verhalten des Blutdrucks handelt der nun folgende Ab- schnitt der Arbeit. Im Beginn der Hirnkompression tritt eine Erhhung des arteriellen Mitteldrucks auf, welche die Verff". als primre Erhe- bung" bezeichnen. Dieselbe beginnt 2 3 Sek. nach dem Einsetzen der Kompression, manchmal, und bei curarisirten Tieren fast immer, spter; sie schwankt von 7 26, bei curarisirten Tieren von 1860 mm Hg, ihre Dauer betrgt 18 36, bei curarisirten Tieren 14^ 55 Sek. Das Eintreten der i)rimren Erhebung ist unabhngig davon, ob die Kompression ihre Wirkung auf Puls und Pespiration entfaltet oder nicht. Ihre Ursache liegt in der Peizung sensibler und der re- flektorischen Erregung vasomotorischer Nerven ; die mechanische Kom- pression der Gehirngefe, die Krmpfe, die vernderte Herzaktion sind durch die einfache Tatsache als Ursachen der Blutdrucksteige- rung auszuschlieen, dass die primre Erhebung frher eintritt, als diese Zustnde. Die primre Erhebung geht nun in weitaus den mei- sten Fllen, nachdem sie die oben angegebene Zeit gedauert hat, bald allmhlich, bald pltzlich, unter bedeutender Verringerung der Puls- frequenz weit unter den Ausgangsmitteldruck der Arterien herunter. Bei kurz dauernden energischen Kompressionen pflegt sie nach circa 8 Sek. zur Norm zurckzukehren, hlt sich dann 1012 Sek. auf normaler Hhe, und sinkt dann meist in 1, hufig in 8 12 Sek. um 52 60, ja manchmal um 100 mm Hg, so dass der mittlere Blut- druck bis auf 20 mm Hg sinken kann. Das bezeichnen die Verft'. als maximale Erniedrigung" des Blutdrucks. Ihre Dauer betrgt, wenn der Puls whrend der Zeit nicht ausgesetzt hat 25 90 Sek., andernfalls hchstens 30 Sek. Bei schwach wirksamen Kompressio- 158 Naunyn und Schreiber, Ueber Geliiindruck. neu dauert der Uebergniig- von der Erhel)iing- zur Erniedrig-iing- lnger, letztere l)ctrg't nianelimal nur wenige mm Hg, ja sie kann sogar aueli ganz fehlen. Wird der Druck sptestens nach dem ersten Sichtbarwerden der Erniedrigung ausgesetzt, so stellt sich nach eini- gen Ausgleichsschwankungen der normale Druck nach 50 100 Sek. wieder her. Dauert die Kompression nur wenige Sekunden lnger, so whrt die Erniedrigung 20 40 Sek. lnger an und die erwhnten Ansgleichsschwaidvungen fehlen. Bei curarisirten Tieren 1)cdarf es zur Hervorrufuiig der geschilderten Symptome sehr starker Drucke (140 mm Hg) bei geringern, sonst aber vollkommen wirksamen Kom- pressionen ist die Erniedrigung von nur momentaner Dauer oder fehlt ganz. Gleichzeitig mit diesen Vernderungen des Blutdrucks be- obachtet man eine bis zur Pulslosigkeit sich steigernde Verlangsam- ung der Herzttigkeit, und eine Verflachung der Respiration bis zum Stillstand derselben. Der Gedanke liegt nahe, dass diese Vernde- riuigen an den Anomalien des Blutdrucks schuldig seien. Das ist nicht der Fall. Die Pulsverlangsamung ist ganz ohne Einfluss auf dieselben, die Respiration beeinflusst sie wol, aber nicht in Ausschlag gebender Weise. Vielmehr muss man zur Erklrung wiederum auf das Nervensystem zurckgehen. Die primre Erhebung verdankt ihre Entstehung der reflektorischen Erregung der vasomotorischen Nerven. Zu dieser gesellt sich, meist spter, eine centrale Erregung des Va- guscentrums hinzu. Damit werden zwei Apparate in Ttigkeit gesetzt, die auf den Blutdruck in entgegengesetztem Sinn einwirken. Je frher die Vaguserregung eintritt, desto weniger wird sie ihre volle Wir- kung auf den Blutdruck entfalten knnen, da dieselbe dann durch die noch bestehende Erregung der Vasomotoren z. T. kompensirt wird. Ist diese schon im Schwinden begrifl'en, so erfolgt eine krftige Ein- wirkung von Seiten des Vaguscentrums, d. h. die maximale Erniedri- gung ist sehr ausgesprochen. Untersttzt wird dieses Absinken des Blutdrucks noch durch das Aussetzen der Respiration. Dieses wirkt andrerseits aber wieder frdernd auf das Zustandekommen einer Aus- gleichung. Denn die im Blut angehufte COg wirkt als ein mchtiger Reiz auf das vasomotorische Centrum, dessen Ttigkeit nun wieder die inzwischen schon etwas verminderte Erregung des Vaguscentrums mehr als kompensirt. Die Errterungen der Verfl". ber die Blut- druckwellen, d. h. mehr oder w^eniger rhythmisch wiederkehrende Blut- druckschwankungen, welche sie beobachtet und eingehend studirt haben, mssen im Original an der Hand der mitgeteilten Kurven nachgelesen Averden. Was die Pupillen anlangt, die nach Leyden in schweren Fl- len beiderseits erweitert gefunden werden, so haben die Verff. kein konstantes Verhalten derselben gefunden. Als Ursache der Symptome des Hirndrucks nehmen alle Autoren seit Althann eine durch Gefkompression bedingte Hirnanmie an. Morochowetz, Gesetze der Verclaiiixng. 159 Um die Richtig-keit dieser Aimalinie zu prfen, haben Vcrff. in drei Versuelien durch Verseliluss der Carotiden und der 8ul)chiviae vor Abgang- der Vertebrales Hirnaninie hervorgerufen und die dadurch bewirkten Symptome beobachtet. Dieselben stimmten genau mit den durch Steigerung des Hirndrucks bewirkten Uberein. Durch diese Versuclie, die allerdings keinen bindenden Beweis fr obige Annahme liefern, noch nicht zufriedengestellt, haben Verft". experimentell l)ewie- sen, dass das Eintreten von Hirndruckerscheinungen direkt abhngig ist von dem in den Gehirnarterien herrschenden Druck. Bei niedri- gem Blutdruck bringen geringe Kompressionsgrade deutliche und z. T. sehr erhebliche Pulsverlangsamung hervor, whrend bei hherm Blut- druck auch hhere Kompressionsgrade erforderlich sind, um Ilirn- druckerscheinungen auszulsen. Was die specielle Entstellungsweise der einzelnen Symptome anbetrifl't, so sind die Schmerzen teils aller- dings durch Zerrung der Dura, teils aber auch durch die Hirnanmie als solche bedingt. Die Krmpfe haben teils einen reflektorischen Ursprung, zum Teil aber werden sie auch direkt durch die Hirnanniie veranlasst, welche auch die Bewusstlosigkeit verursacht. Die Puls- verlangsamung beruht auf centraler Erregung der Vagusursprnge; nach Durchschneidung der Vagi und nach Atropinvergiftung bleibt sie aus. Die Strungen der Respiration sind z. T. als reflektorisch (initialer Stillstand), z. T. als central bedingt aufzufassen (dauernd krampfhafte Respirationen). In einem Schlusskapitel weisen Verflf. die groe Uebereinstimmung der experimentellen Resultate mit den am Krankenbett gewonnenen Erfahrungen nach. Als wichtige therapeutische Folgerung ihrer Ar- beit stellen sie den Satz auf, dass bei Hirndruck Alles zu vermeiden ist, was den Blutdruck herabsetzt, namentlich also Aderlsse, die von Bergmann aut Grund einer irrigen Anschauung empfohlen werden. Schon Traube hat brigens die von den Verft". vertretene Ansicht gehabt und ausgesprochen. Schlielich sei noch bemerkt, dass die Verff. darauf aufmerksam machen, dass in der bekannten Arbeit Leydens (Virchow's Archiv Bd. 37), auf welche sie vielfach Bezug nehmen, alle dort angegebenen Zahlenwerte einer Correktur durch Verdopplung bedrfen. Aber auch die so korrigirten Zahlen stimmen mit den von Verff". gefundenen nicht berein ; den Grund dieser Abweichung haben sie nicht zu er- mitteln vermocht. 0. Kempner (Berlin). L. Morochowetz, Die Gesetze der Verdauung (russisch). St. Petersburg. 1881. 8". 53 S. Diese Schrift enthlt eine systematische Zusammenstellung der teils schon bekannten, teils neuen vom Verf. gefundenen Tatsachen ber die gastrische 100 Morochowetz, Gesetze der Verdauung. und paukreatische Verdauung der Eiweikrper sowie des Collagen und Elastin im Vergleich zu der Wirkung des siedenden Wassers, der Suren und Alkalien auf dieselben. Verf. glaubt nachgewiesen zu haben, dass in den Wirkungen beider ein Parallelisnius existirt. Verf. bearbeitete Elastin mit siedendem Wasser und hat dabei, sowie auch bei der Wirkung der Natronlauge (jder Suren (HjSO^ und HCl), einen neuen Krper Elastose" beknnnnen. Er bildet eine Vorstufe zum Elastopepton und zeigt manche Reaktionen eines gewhnlichen Eiweies, so dass Verf. dieses neue Produkt den Eiweikrpern zuzhlt, whrend bekanntlich Elastin selbst in dieser Beziehung den letztern ferner steht. Unter der Wirkung des Magensafts geht Elastin erst in Elastose und dann in Elastopepton ber, wel- ches wahrscheinlich mit dem gewhnlichen Eiweipepton identisch ist. Das- selbe gilt fr die paukreatische Verdaiuing des Elastins. Was die Eiweiverdauung betriift, so glaubt Verf. gezeigt zu haben, dass Khne's Anti-"gruppe der Eiweikrper (Antialbumat imd Antialbumid) als selbststndiger Krper nicht existirt und dass bei der Magenverdau- ung das Eiwei erst in Syntonin, dann Albumose (Hemialbmnose nach Khne) und schlielich in Pepton bergeht. Ueberhaupt findet Verf. eine groe Aehnlichkeit, fast Identitt in den Wirkxuigen des Magensafts, des Pankreassafts, des siedenden Wassers und der schwachen Lsungen von Alkalien und Suren auf Eiwei, Collagen und Ela- stin. In allen Fllen trift't man folgende Reihen von Produkten: Albumin, Al- bumose, Pepton; Elastin, Elastose, Elastopepton; Collagen, Glutin, Glutopepton. Bei der langdauernden pankreatischen Verdaiumg des Eiweies hat Verf. eine vollstndige Zersetzung des entstandenen Peptons in Leuciu, Tyrosin und andere noch wenig untersuchte Produkte gefunden. Unter den letztern entdeckte Verf. einen neuen snrehnlichen Krper, den er wegen seiner be- sondern Beziehung zum Blutfarbstoff Blutsure nennt, dessen chemische Indi- vidualitt dem Referenten aber keineswegs sichergestellt zu sein scheint. B. Danilewsky (Charkow i. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Wallace. Alfred Rssel. (Verfasser von Der malayisebe Archipel" etc.) Beitrge zur Theorie der natrlichen Zuchtwahl. Eine Reihe von Essays. Autorisirte deutsche Ausgabe von Adolf Bernhard Meyer. 8**. geh. Preis 6 Mark. Meyer, Dr. Adolf Bernhard. Charles Darwin und Alfred Rssel Wallace. Ihre ersten Publikationen ber die Entstehung der Arten" nebst einer Skizze ihres Lebens und einem Ver- zeichniss ihrer Schriften. Mit Autorisation herausgegeben. 8". geheftet. Preis 1 Mark 50 Pf. Einsendungen flir das Biologische Centralblatt" bittet man an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut'* zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Druck von Junge & Sohn in Erlangen. Biologisches Centnilblatt unter Mitwirkung- von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummern Zu von je 2 beziehen Bogen durch bilden einen Band, alle Buchhandlungen Preis des Bandes und Postanstalteu. 16 M: ark. n . Band. 15. Mai 1882. Nr. 6. Inhalt: Charles Darwin. Renault, Vorlesungen ber Phytopalontologie. Biologische Literatur Hollands. Osteu-Sackcu , Die Stellung der Borsten bei den Dipteren. SellUlie^elow , Entwicklung des Hodens und des Nebenhodens. Neueste Arbeiten ber Innervation der Atmung. Soxh- let, "Versuche ber die Fettbildung im Tierkrper. Classeu, Quantitative Analyse auf elektrolytischem Wege. Charles Darwin*). Nur wenige, selbst unter denen, die an der Umwlzung- des Naturerkennens , wie sie eingeleitet und begrndet wurde durcli die Entstellung der Arten", den grten Anteil genommen, und welche staunend den schnellen und vollstndigen Umschlag in dem Verhalten gegen die in jenem groen Werke dargelegten Lehren der Gelehrten und Laien verfolgt haben, werden so auerordentlicher Beweise von Achtung fr den Mann und tiefer Verehrung fr den Forscher ge- wrtig gewesen sein, wie sie die Nachricht von Darwin 's Tode her- vorgerufen hat. Nicht nur in England, wo so viele den Zauber der persnlichen Berhrung mit einem ]\Ianne von unbertroffenem Verstnde, von einem Charakter, noch edler als der Verstand, empfunden haben: in allen Teilen der civilisirten Welt wussten die, deren Aufgabe es ist den Pulsschlag der Nationen zu verfolgen und zu erkennen, was die Mehr- zahl der Menschen interessirt, dass Tausende ihrer Leser die Welt durch Darwin's Tod fr rmer halten und jede Mitteilung ber seine Lebensschicksale mit groem Interesse verfolgen wrden. In Frank- 1) Aus der Nature" 27. April 1882. Einen ausfhrlichen Bericht ber en. 11 Darwin's Leben itnd Forschungen werden wir demnchst bringen. L)ie Hed. 162 Charles Darwin. reich, Deutscland, Oesterreich, Italien, den Vereinigten Staaten haben Schriftsteller aller Schattiriing-en einmtig der Bedeutung unsers groen Landsmanns willigen Tribut gezollt, der im Leben von der officiellen Vertretung des Knigreichs unbeachtet gelassen wurde, als Toter aber nach dem Willen der Nation zu den groen Toten in der Westminster Abtei beigesetzt wurde. Es ziemt uns nicht an den heiligen Schmerz des verwaisten Hauses in Down zu rhren; aber es ist keiu Geheimniss, dass auch auerhalb jenes Hauses der Tod Darwin 's Vielen einen unersetzlichen Verlust geschlagen hat. Nicht nur wegen seiner genialen, einfachen und edel- mtigen Natur, seiner liebenswrdigen, lebhaften Unterhaltung, der unendlichen INIannigfaltigkeit und Exaktheit seines Wissens; sondern weil er, je mehr man ihn kennen lernte, um so mehr das verkrperte Ideal eines Naturforschers zu sein schien. Scharfsinnig in der Ueber- legung, umfassend in seinem Wissen, unbertrefflich in ausdauerndem Flei, von krperlichen Leiden heimgesucht, die neun von zehn Mnnern zu hinflligen Invaliden gemacht haben wrden, waren es doch nicht diese Eigenschaften, so gro sie sein mgen, welche diejenigen mit unwillkrlicher Verehrung erfasste, die zu seinem Bekanntenkreise gehrten : es war seine glhende, fast leidenschaftliche Wahrheitsliebe, von der alle seine Gedanken und Handlungen wie von einer Central- sonne ausstrahlten. Diese seltenste und grte aller Gaben war es, welche seine leb- hafte Phantasie und seine hervorragende spekulative Befhigung in der richtigen Grenze hielt; die ihn zu den wunderbaren Arbeiten von eigenen Untersuchungen und Literaturstudien antrieb, auf die seine Werke sich sttzen; die ihn Einwnde und Vermutungen von all und jedem annehmen lie, nicht nur ohne Ungeduld, sondern mit Dankbarkeitsausdrcken, die bisweilen zu ihrem Werte in ge- radezu komischem Missverhltniss standen ; die ihn nicht durch Redens- arten tuschen und keine Zeit noch Mhe scheuen lie um klare und deutliche Vorstellungen ber jede Frage zu gewinnen, mit der er sich beschftigte. Jeder, der mit Darwin verkehrte, musste an Sokrates erinnert werden. Derselbe Wunsch, einen Menschen zu finden, weiser als er selbst; derselbe Glaube an die Souvernitt der Vernunft; derselbe schlagfertige Humor; dasselbe teilnamvolle Interesse fr alle Ziele imd Bestrebungen der Menschheit. Statt aber von den Problemen der Natur als fr immer unlsbar sich abzukehren, hat unser moderner Philosoph sein ganzes Leben darauf verwandt, sie im Geiste eines Heraklit und Demokrit anzugreifen und was er gefunden bildet den Krper, als dessen voreilender Schatten ihre Spekulationen zu be- trachten sind. Eine Wrdigung oder auch nur Aufzhlung dieser Ergebnisse ist in diesem Augenblick weder tunlich noch wnschenswert. Alles Ding Renault, Vorlesungen ber Phytopalontologie. 163 hat seine Zeit, eine Zeit uns der stetig waelisciiden Siege ber die Natur zu rhmen und eine Zeit ber die Heklen zu trauern, die uns zum Sieg gefhrt haben. Niemand aber hat tapferer gekmpft, niemand ist glcklicher gewesen, als Charles Darwin. Er fand eine mit Fen getretene, von der Bigotterie gechtete, von aller Welt verspottete groe Wahr- heit. Er lebte lange genug um, hau])tschlich durch seine eigenen Be- mhungen, sie unerschtterlich in der Wissenschaft begrndet zu sehen, untrennbar verkrpert mit den gewhnlichen Gedanken der Menschen und nur von denen gehasst und gefrchtet, welche zu feige sind, sie anzugreifen. Was kann ein Mensch mehr wnschen, als dies? Noch einmal steigt das Bild von Sokrates ungerufen herauf und es klingt in unsere Ohren der schne Schluss der x\pologie", als ob es Charles Darwin's Lebewol wre: Die Scheidestunde ist da und wir gehen unsere Wege ich zu sterben, ihr zu leben. Nur Gott wei, w^as das bessere ist." T. H. Hiixley. B. Renault, Cours de Bolaiiique fossile fait au Museum d'histoire naturelle. le amiee. Cycadees, Zamiees, Cycacloxylees, Corclaitees, Poroxylees, Sigillariees, Stigmariees. (Gr. Octav. p. 1176 mit 22 lith. Tafeln. Paris 1881). Das vorliegende AVerk des Pariser Phytopalontologen gehrt in die Kategorie derjenigen Lehrbcher, welche an Stelle einer vollstndigen, aber dafr meist monoton gehaltenen Uebersicht eine in verstndlicher und eleganter Form gehaltene Auswahl des Wich- tigsten und Interessantesten bieten. Der bis jetzt allein vorliegende erste Teil enthlt einmal die fos- silen Cycadeen und Zamieen, ferner aber auch jene wichtigen ausge- storbenen Familien, wie Cordaiteen, Sigillarieen und Andere. Bro- gniart und seine Schule, w^elcher auch Renault angehrt, erblickt in dem Vorhandensein doppelter Gefbndel, sei es allein in den Blt- tern oder auch im Stamme, einen hinreichenden Grund, alle sonst in vielfacher Beziehung abweichenden fossilen Familien*) mit den Cyca- deen zusammen zu der Abteilung der Diploxyleen zu vereinigen, wh- rend die Mehrzahl der Phytopalontologen die Art und Weise der Fruchtbildung als magebend fr die systematische Stellung verwertet und deshalb Formen wie die Sigillarieen eher als Gefkryptogamen mit hoch entwickelter Stammstruktur zu betrachten geneigt ist. Wie wir auch ber diese Fragen denken mgen, so viel steht fest, dass die Renault'sche Einteilung bequem und bersichtlich ist. 1) Nur Calamodenclron wird verniisst. 11 164 Renault, Vorlesnugeu ber Pliytopalontologie. Die noch heute existireiiden Cycadeen und Zaniieen, sowie die auf die palozoische Zeitperiode beschrnkten Cycadoxyleen und Cor- da'iteen enthalten doppelte Gefhndel mit entgegengesetzten Wachs- tum nur in den Blttern, die Poroxyleen und Sigillarieen (incl. Stig- marieen) auch im Stamm. Ein weiteres wichtiges Unterscheidungs- merkmal der einzelnen Familien ist dann im Vorhandensein oder Fehlen der Blattnarben auf dem Stamm gegeben, die bei den Cyca- deen und Zamieen bekanntlich durch die persistirenden Blattbasen selbst hervorgebracht werden. Nach einer kurzen Auseinandersetzung der fr das Verstndniss der fossilen besonders bedeutsamen Charaktere unserer heutigen Cyca- deen werden die wichtigsten fossilen Funde, welche sich daran schlieen, besprochen und mit Hlfe guter Abbildungen erlutert. Wir bergehen die hinreichend bekannten mesozoischen Formen und be- schrnken uns ein freilieh noch etwas problematisches Fossil der Kohlenperiode hervorzuheben, GinkgophyUuni ahellatiim (Lindl. und Hutt.) Sa})., welches mglicherweise sich als eine Zwischenform zwi- schen Salisburieen und Cycadeen entpuppen wird. Die Cycadoxyleen mit den drei carbonisch-permischen Gattungen Cycadoxylon, Medullosa und Colpoxylon sind nur in Stmmen be- kannt, welche der Blattnarben entbehren. Der Holzcylinder ist bei diesen Formen besonders stark entA\dckelt. Wol die beststudirte Abteilung der fossilen Pflanzen sind die Cordai'teen. Man kennt nicht nur die Struktur des Stamms, der Wurzeln und der Bltter bis ins kleinste Detail, sondern man hat in neuerer Zeit auch die Inflorescenzen im verkieselten Zustand und die Frchte mit einer Genauigkeit studiren knnen, die uns ber alle wichtigen Organisationsverhltnisse Klarheit verschafft hat. Dieser zur Kohlenperiode besonders ppig entwickelte Pflanzen- typus erinnert durch sein Wachstum und seine Belaubung am meisten an Yiicca und Dracaena] es w^aren 30 40 m hohe, nur oben ver- zweigte Bume mit (oft bis 1 m) langen Blttern ohne Mitteluerven. Die Blten meist dicisch; die mnnliche besteht aus vereinzelten oder zu 2 3 zusammengruppirten Staubgefen, die mit den hnlich geformten Braktcen zusammen ein etwa 1 cm groes Zpfchen bil- den. Jeder Staubfaden trgt 3 5 an der Basis verwachsene Antheren. An den Pollenkrnern hat man hufig Teilung beobachtet, eine Er- scheinung, die gelegentlich noch bei den heutigen Coniferen und Cycadeen vorkommt. Die weibliche Inflorescenz, welche man im Be- stubungsakte versteinert gefunden hat, besteht aus einer von langen Brakteen und einem Integument umschlossenen Samenknospe, an wel- cher man den mit Pollenkrnern erfllten Mikropylekanal und die Pollenkammer hat studiren knnen. Eine sehr bemerkenswerte Er- scheinung ist, dass alle die Pollenkrner, welche man in der Pollen- kanuner angetroffen hat, noch keine Spur eines Embryosackes zeigen. Renault, Vorlesinigen ber Phytopaloiitologie. 105 Ebensowenig hat man bis jetzt in den ausgebildeten Samen einen Embryo entdecken knnen. Es lsst sich daraus mit grolier Wahr- scheinlichkeit schlieen, dass die Entwicklung desselben erst nach dem Abfallen der Frucht vor sich gegangen ist. Von den lebenden Cycadeen kennt man diese Erscheinung nur bei Ceratozamia. Bei den fossilen Cordaften scheint sie Regel gewesen zu sein. Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Cordaiten stellen sich nach Renault derart, dass diese eigentmliche Pfianzengruppe eine Reihe wichtiger anatomischer Merkmale mit den Cycadeen gemeinsam hat, aber in ihrem Habitus und namentlich in der Art der Inflore- scenzbildung den Taxineen und Gnetaceen sich nhert. Es ist deshalb wol am zweckmigsten, sie als eine den obengenannten Gruppen gleichwertige Familie zu betrachten. Die Poroxyleen mit den Gattungen Sigillariopsis und Poroxijlon sind nur als Stmme mit doppeltem Gefbndel bekannt; sie stehen den Sigillarien am nchsten. Unsre heutige Kenntniss von den letz- tern ist insofern noch als durchaus mangelhaft zu bezeichnen, als man sicher dazu geh()rige Blten und Frchte nicht kennt. Nur die Bltter und die Stmme, letztere mit allen Einzelheiten ihres anatomi- schen Baues sind studirt. Als Wurzelgebilde, Rhizome, sind die Stigmarien aufzufassen; wenigstens ein Teil derselben. Renault, sowie die Brogniart'sche Schule berhaupt stellt die Sigillarien we- gen des sicher konstatirten centrifugalen Wachstums neben dem cen- tripetalen in die Nhe der Cycadeen, whrend die englischen und deutschen Forscher, wie W i 1 1 i a m s o n , Golde n b e r g und Schi m p e r sie als eine den Lepidodendren nahe stehende Abteilung der Gef- kryptogamen betrachten, die in ihrer Stammstruktur den hchsten Grad der Entwicklung erreichten. Die mutmalichen Fruchtstnde sttzen die letztere ^Auffassung. Als eine weitere Sttze fr diese Auffassung ist das eigentmliche Auftreten der Stigmarien verwertet worden. Dass gewisse Stigmarien Wurzelgebde von Sigillarien sind, hat man mit Sicherheit konstatirt. Dagegen finden wir auch Stigmarien in groer Hufigkeit in der altern Abteilung des Carbons, dem sog. Culm, welcher keine Spur von Sigillarien, wol aber reichliche Reste von Lepidodendron beherbergt. Indem man daraus den nicht ganz unberechtigten Schluss zieht, dass die Stigmarien zugleich Wurzel- gebilde der Lepidodendren gewesen seien, werden die Sigillarien enger an die Gefkryptogamen angeknpft. Die Gegner suchen sich mit der Hypothese zu helfen, dass die Sigillarien zur altern Kohlenzeit nur als Stigmarien, d, h. also als Rhizome ohne Stamm vegetirt und erst zur jungen Kohlenzeit jene mchtigen Stmme entwickelt htten ! Erst durch die Auffindung der Fruchtstnde in Verbindung mit dem Stamme kann eine Entscheidung herbeigefhrt werden. Gustav Steinmann (Strassburg i./E.) 1(56 Vosmaer, Biologische Literatur Hollands. Biologische Literatur Hollands. Tijclschrift der Nederl. Dierk. mul Vereeiiigiug Bd. 5. Afl. 3, 4. 1) F. A. J entin k; Arvicola ratticeps. S. 105 llO.Taf.I. Fig.3u.4. Bei einer Re\'ision des Katalog-s der Rodentia ans dem Leydener Reichsmnsenm fand Verf. vier in Holland g-eftmgene Exemplare einer sehr interessanten Arvicola, nmlich A. ratticeps Blas. 1841. Neu fr die Hollndische Fauna; ist der Fund besonders des- halb Avichtig-, weil das Tier bis jetzt nur in Russland und Sibirien, Schweden und Norwegen lebend gefunden ist, whrend in der deutschen Ebene zahlreiche fossile Reste vorkommen. 2) J. W. van Wyhe, Bijdragen tot de kennis van het urogeni- taalsysteem der Reptilien, p. 111120. Taf. I. Fig-. 1, 2. Verf. hatte G elegenheit i???/^ europaea, Chelys mhriata, Trionyx, Sphargis und Chelonia zu untersuchen. Bei ganz jungen Individuen der beiden letzten Arten fand er die Oberflche der Epididymis und des Parovariums stark punktirt. Die Punkte stellten sich als der Ausdruck von Trichterffnungen heraus, welche mit Epithel (Wimperepithel? Ref.) bekleidet waren. Oft hatten diese Trichter einen Stiel, wel- cher in eine Kugel mndete, von der wieder eine zweite Rhre aus- ging. Obwol diese Org-ane wahrscheinlich als Segmentaltrichter aufzufassen sind, will Verf. dies nicht bestimmt behaupten. Wrde sich indess spter die Richtigkeit dieser Annahme herausstellen, so wrde sich die Epididymis der Schildkrten nicht aus dem vordem Teil der Urniere entwickeln, wie man fr die Amnioteli annimmt, sondern aus dem ventralen Teile. Von g-roem Interesse ist Aveiter die Beobachtung" von Rudimenten eines Eileiters bei Mnnchen {Emys, Chelys und Chelonia) und eines Vas deferens bei Weibchen [Trionyx, Emys und Chelonia). Verf. schliet mit einigen Bemerkungen ber den Bau der Niere der Schildkrten, aus denen hervorzuheben wre, dass die Tubuli uriniferi dieselben Hauptabteilungen zeigen wie bei den hohem Vertebraten. 3) R. Horst, Bijdrage tot de kennis der Anneliden van unze kust. pag. 121130 Taf. IL Diese Abhandlung zerfllt in zwei Abteilungen, von denen die erste ber die Entwicklung von renicola piscatorum Lmk. handelt. Verf. beobachtete neben einzelnen von Schnitze (Entwicklung von renicola) beschriebenen Stadien noch andere , wenn er auch nicht den vollstndigen Entwicklungsgang nachzuweisen vermochte. Die hollndischen Ksten sind meist sehr reich an renicola; die Eier findet man im Frhjahr und zwar beobachtete Verf. Eier von 0.284 mm, WTlche zwei Arten von Furchungskugeln zeigten. Die kleinern schei- nen sich lebhafter zu teilen als die grern, bis schlielich ein Embryo entstanden ist mit einer uern Schicht cylindrischer Ektodermzellen, welche eine centrale Masse von unregelmigen polygonalen Zellen Vsmaer, Biologische Literatur Hollands. iG7 einschlieen. Allmhlich werden die obern (am Kopfpol) lnger und schmaler; auch der ganze Embryo wird lnglich. Nun treten Pig- mentflecken (Augen?) und Bewegungsorgane (Cilieu) auf, und der Embryo wird zu einer telotrochen Larve". Schnitte zeigten, dass eine Darmanlage schon vorhanden war. Das Ektoderm ist an der Bauchseite viel hher als an der Kckenseite, weil eine starke Zell- vermehrung stattfindet; aus diesen entsteht nach Verf. der Baucli- nervenstrang. Allmhlich tritt Segmentbildung auf; ein Kopf sondert sich, und die primitiven Bewegimgsorgane , die Cilien, werden durch Borsten ersetzt. Es scheint Max Schnitze entgangen zu sein, dass neben den von ihm beschriebenen Borsten noch kleine gesgte und ge- bogene vorkommen, welche nach Verf. die Vorlufer der andern sind. Wichtig sind besonders die Beobachtungen ber die Entstehung der Kiemen. Wenn sich ungefhr dreizehn Einge gebildet haben, sieht mau auf dem jngsten vor dem Analsegment gelegeneu Ringe zwei kleine Papillen aus wachsen, die ersten Kiemen, in welche bald ein schlingenfrmiges Blutgef eintritt. Whrend bei erwachsenen Individuen von A. piscatorum die Kiemen am siebenten borstentragen- den Segment vorkommen, sitzen sie bei der Larve erst am zehnten. Verf. glaubt hier eine Verwandtschaft mit der von Claparede beschriebenen A. Grubii zu sehen, bei welcher also im erwachsenen Zustand die Larvenzustnde von A. liiscatorum geblieben wren. Gehrblschen hat Verf. nicht gefunden, und er zweifelt an der Richtigkeit von Max Schultz e's Angabe. In der zweiten Abteilung gibt Verf. einige Notizen ber Larven von Phyllodoce. Zwischen den Eierklumpen von Arenicola fanden sich mehrere grere grnlich gefrbte Krper. Die Eier selbst waren da- gegen bedeutend kleiner. Hieraus entstanden mesotroche Larven, welche Verf. als von einer FhijUodoce herrhrend erkannte. Leider ent- wickelte die Larve sich nur bis zur Entstehung des Darms und dem Auftreten von Augenflecken. 4. A. A. W. Hub recht, Het peripherisch zenuwstelsel der Ne- mertinen. pag. 131^ 137. 1880 hat Verf. in den Abhandlungen der Niederlndischen kn. Akademie eine Arbeit ber das Nervensystem der Nemertinen ver- ffentlicht, der in der Oktobernummer des Quart. Journ. of Micr. Sc. eine zweite folgte. Auf wenigen Seiten gibt er nun einen Ueberblick die- ser beiden Arbeiten, aus der ich die Hauptstze mit Hinweis auf die citirten Arbeiten anfhren will: Bei allen Sclnzonemertinen und vielen Palaeoneniertinen befindet sich entweder unmittelbar unter der Haut, oder zwischen der uern Lngsmuskelschicht und der Kreismuskel- scliicht eine, das Hirn scheideuartig umgebende Schicht von Nerven- elementeu. Von da aus gehen sehr feine Faserl)ndel nach Haut und Muskeln. Diese allerdings .merkwrdige Entdeckung gibt zugleich die Erklrung dafr, dass die Tiere so usserst empfindlich auf Reize J68 Vusmaer, Biologische Litenitur Hollands. sind; und dass ahgeschnrte Teile wieder zu vollstndigen Tieren auswachsen knnen. Bei Hoploneniertinen existirt eine derartige Ner- vensclieide nicht; brigens ist bei diesen noch niemals eine so aus- gesprochene Kegencration beobachtet. Schlielich vergleicht Verf. die von ihm beschriebene Nervenscheide mit dem Plexus der Actinien; Avelchen die Brder Hertwig beschrieben haben. 5) G. C. J. Vosmaer^ Ueber Leucandra aspera H., nebst all- gemeinen Bemerkungen ber das Kanalsystem der Spongien. pag. 144166 mit 2 Taf. Die Abhandlung zerfllt in drei Teile. 1. Anatomie. Das Kanalsystem von L. aspera H. stimmt mit dem von Aplysilla, Spon- gelia u. a. berein. Die Geielkammern sind in Reihen um die Ab- fhrungsrhren angeordnet und mnden in diese mit weiter Oeffnung. Von der dermalen Seite aus schiebt sich nun das System von zu- fhrenden Kanlen und Lakuuen, und legt sich gegen die Geielkam- mer, mit welcher es mittels Poren (Kammerporen") in Kommunikation steht. Verf. ist in dieser Hinsicht also in direktem Widerspruch zu Hckel, whrend er in Betreff der Skelettverhltnisse hauptschlich auf Hckel verweist. 2. Histologie. Obwohl Verf. glaubt, dass man die Spongien als dreibltterig anzusehen hat, so will er doch die Ausdrcke Ektoderm etc. nicht bentzen, damit keine Verwirrung entstehe. Histologisch sind immer zu unterscheiden : erstens das Plat- tenepithel, das die Auenflche und die Kanle bekleidet, zweitens das Geielepithel (Kragenzellen\ das die Geielkammerwand darstellt und drittens die brige Masse, Bindegewebe und seine Produkte. Verschiedene Beweise werden fr die Behauptung vorgebracht, dass die Grundmasse bindegewebiger Natur ist und es wird die Vermutung ausgesprochen, dass beide Geschlechtsprodukte aus dem mittlem Keimblatt stammen. 3. Verwandtschaft der Leuconen mit den brigen Kalk schwmmen. Es wird hier betont, dass Stj- cones, Lencones und Ascones drei zusammenhngende Typen sind, und dass nicht, wie Hckel behauptet, die Syconen ganz abgesondert stehen. Schlielich versucht Verf. die verschiedenen Kanalsysteme der Spongien berhaupt in vier distinkte Typen zu bringen. Verf. darf aber nicht unterlassen, ausdrcklich zu erwhnen, dass er nicht nur durch F. E. Schultze's zahlreiche Schriften, sondern auch durch wiederholte persnliche Besprechung mit demselben zu den erwhnten Schlssen gelangt ist. 6) Max AVeber, Ueber einige neue Isopoden der Niederlndi- schen Fauna. (Ein Beitrag zur Dunkelfauna), pag. 167- 196. Taf. V. Verf. will mit seiner Mitteilung einen doppelten Zweck erreichen. Erstens sollen neue Arten beschrieben, zweitens soll aber in die- sen neuen Arten die Aufmerksamkeit auf einige beachtenswerte biologische Vorkommnisse gelenkt werden, die in der Regel nur in den Hhlen der Gebirge oder in unterirdischen Gewssern beobach- Vsniaer, Biologische Literatur Hollands. 100 tet sind'' Anatoniisehe Aiig-aben sollen demnchst im Arcli. f. mikr. Anat. folgen. Es hat sich zunchst herausgestellt, dass viele Tiere^ die als echte S- oder Seewasserbewohner bezeichnet werden, im Brack- wasser ganz gut leben und sich gedeihlich entwikeln knnen". Verf. fand im Y bei Amsterdam, zu gleicher Zeit Crangon vulgaris, Pnlaemon squilla, PUtimnus tridenUdus, Gammams locusfa und marinus, welche Seewasserformen sind, und Eanatra linearis, Nofonecta, Dgfiscus^ Cy- prinus natator u. a. Swasserbewohner. In der Zuidersee fand er sogar mehrmals Bana ftiscal Indess darf man nicht vergessen, dass andre Tiere, z. B. Actinien, Medusen, sehr empfindlich gegen eine Abnahme des Salzgehalts sind (Ref.). Ferner beschreibt Verf. eine neue Trichonisciis-Art: Tr. Leydigii, welches Tier sich durch Mangel der Hautfrbung, durch die langsame Bewegung und das fort- whrende Tasten mit den uern Antennen als ein achtes Hhlentier zu erkennen gab. Das Tier ist sehr nahe verwandt mit Tr. pusillus vaY.batavtlS^YeheY, \t aber auer durch die genannten Merkmale noch durch Mangel an Augen charakterisirt. Wichtig ist nun allerdings der Fund von Uebergangsformen ZA^^schen Tr. Leydigii und bafavus. Weber fand pigmentlose mit Augen, wie auch solche, bei denen die Cornea bereits verschwunden war, bei denen aber ,,als letztes Rudi- ment des Auges ein verwaschener Pigmentfleck" nachzuweisen war. Statt des Auges treten andere Sinnesorgane in Gestalt eigentmlicher Sinneshcker" auf. Verf. glaubt nachweisen zu knnen, dass Tr. batavus die Stammform des Tr. Leydigii ist, imd dass sich jetzt noch Formen von ersterm abzweigen. Als neu fr die Niederlndische Fauna nennt er \\. A. Plartyarfhnis Boffmanmeggii Brandt. Bekannt- lich lebt diese Art in Deutschland in Ameisenkolonien; in Holland fand Verf. dieselben Tiere am Strande fern von Ameisen; die Art scheint also nicht au das Zusammenleben mit Ameisen gebunden zu sein. 7) G. C. J. Vosmaer, Versuch einer spongiologischen Steno- graphie, pag. 197206. Taf. VI. Oefters beschftigt mit systematischen Arbeiten ber Spongien, ist es Verf. klar geworden, dass man fast immer nur die smmtlichen Skelettelemente bersichtlich darzustellen braucht, um verschiedene Species oder Genera miteinander vergleichen zu knnen. Verf. hat zu diesem Zweck Zeichen erdacht, welche zu Formeln zusammenge- fgt, wie er hofft, leicht praktisch angewendet werden knnen. 8) M. A. Brants, Het spijsverteeringskanaal by zoogdieren en vogels. 8. Utrecht. 1881. 119 pag. u. 1 Taf. (Inauguraldissertation). Bekanntlich hat man schon lngst einen Zusammenhang zwischen der Darmlnge und der Art der von den Tieren am meisten verzehrten Speisen zu finden geglaubt. Der Cuvier'sche Satz, dass Herbivoren 17U Vosinaer, Biologische Literatur Hollands. lngere Drme haben als Carnivoren scheint aber nicht so ganz sicher zu sein und ebensowenig kann man bis jetzt konstante Verhltnisse zwischen Darm- und Krperlnge angeben. Verf. weist vor Allem auf die bedeutenden Schwankungen innerhalb der Individuen hin. Man soll deshalb immer Mittelwerte nehmen; da dies aber bis jetzt zu wenig bercksichtigt ist; haben die vorhandenen Tal)ellen nur einen geringen AVert. Whrend Custor u. A. den Darm einfach aufblhten und durch Triangulation die innere Oberflche berechneten, hat Verf. wol mit Kecht gemeint, dass diese Methode zu ungenau sei, und ist darum auf folgende Weise verfahren. Er legte den mit Oel gefllten Darm in ein Bechergef mit Wasser; hierdurch wurde erstens das Aus- trocknen verhindert, und zweitens bt das Wasser einen Gegendruck auf das Oel aus, whrend umgekehrt der innere Druck durch passende Vorkehrungen regulirt werden konnte. Dann wurde das Gewicht der Oelmasse berechnet und aus diesem das Volum, resp. die innere Ober- flche des Darms. Auch wurden zahlreiche Messungen ausgefhrt und ein Verhltniss gesucht zwischen Darndnge und Krperlnge; ein hierfr geeigneter Apparat, das Somameter" hat Verf. in den Stand gesetzt, sehr genau zu arbeiten. Die Resultate sind in zahl- reichen Tabellen bersichtlich zusammen gestellt. Wie schon bemerkt, ist Verf. zu dem Schluss gekommen, dass die Lnge des Ernhrungs- apparats nicht nur bei allen Vertebraten groe Unterschiede zeigt, sondern dass auch innerhalb der Species die Lnge wechselt. Ja er hat gelegentlich ein Verhltniss von 1:2 bei zwei Lidividuen gefun- den! Merkwrdigerweise ist die Lnge des Verdauungskanals bei Vgeln viel konstanter. Sobald aber das Flugvermgen in den Hin- tergrund tritt, treten auch bedeutende Schwankungen ein ; bei den am schnellsten fliegenden Vgeln scheint die Darmlnge nur von diesem Faktor abhngig. Konstante Verhltnisse zwischen den einzelnen Abteilungen des Darmes existiren nicht. Wenn durch Aenderung der Nahrung oder durch andre Ursachen Lngsdift'erenzen auftreten, so ist fast immer keine Abteilung des Verdauungskanals liievon ausgeschlossen, nur sind die Unterschiede am Dnndarm am deutlichsten ausgeprgt. Fr Vgel sind mit wenig Ausnahmen kurze Drme charakteristisch. 9) C. C. Delprat, Over suikervorming in de lever. Inaug.-Diss. 105 p. [Ueber die Zuckerbildung in der Leber.J. Nachdem Verf. einen historischeu Ueberblick der Literatur ge- geben, unterAvirft er die Versuche von Seegen und Kratschmer einer genauen Kritik. Im dritten Kapitel beschreibt Verf. dann seine eigenen Untersuchungen an Hund, Kaninchen und Kalb, deren Leber krzere oder lngere Zeit nach dem Tode auf ihren Zuckergehalt und Glycogen (direkte und indirekte Methode) untersucht wurde. Die gewonnenen Kesultate sind folgende: Vosmaer, Biologische Literatur Hollaud. 171 1. Nach dem Tode nimmt die Zuckermeiige zu. 2. er Glycogengehalt nimmt ab, und zwar um so mehr, je lnger nach dem Tode die Leber untersucht wurde. Ob aber, wie Seegen und K rat Schmer angeben, der Gewinn an Zucker dem Verlust an Glycogen gleichkommt, oder der Zuckergewnn den Glycogenverlust berwiegt (Hund, Kalb, Katze und Fuchs) oder umgekehrt (Kaninchen) konnte nicht mit voller Bestinnntheit entschieden werden. 3. Die Angabe von S. und K., dass bei Hund, Katze und Kalb der Gesamtzucker" besonders stark zunimmt, der Glycogengehalt dagegen Avhrend der ersten Stunden nach dem Tode konstant bleibt, konnte Verf. ebenfalls nicht besttigen. 4. Da eine genaue Nachprfung von S. und K.'s Untersuchungen Verf. zu Resultaten gefhrt hat, die mit denen jener Forscher sehr wenig bereinstimmen, so glaubt er, dass bis jetzt noch kein Grund da ist, die alte Vorstellung aufzugeben und neben Glycogen oder an der Stelle dieses, einen andern Ursprung fr den Leberzucker anzu- nehmen. 10) P. P. C. H e k , Report on the Pijcnogonida, dregded by H. M. S. Challenger [Separat aus : Report on the scientif. results of the Voyage of H. M. S. Challenger. Zoology. Vol. IIL 1881. 4o.] 167 pag. mit 21 Taf.i). Diese schon lngst erAvartete Arbeit Hoek's zerfllt in zwei Ab- teilungen. Erstens wird eine genaue Beschreibung der Challenger- Pycnogoniden gegeben, und zweitens die interessante Gruppe mehr allgemein studirt. Leider ist es Verf. an dem brigens gut konser- virten Material noch nicht gelungen, die ganze Anatomie durchzu- gehen. Seine Beobachtungen sind hauptschlich am Tntegumente, am Nervensysteme und an den Geschlechtsorganen gemacht. Die wich- tigsten Resultate sind folgende : 1. Diejenigen Genera, welche sich geographisch am weitesten ausbreiten, kommen auch in den verschiedensten Tiefen vor. 2. Es gibt Tiefseespecies, aber keine wahren Tiefseegenera, 3. Die Pycnogoniden bilden eine gut umschriebene, sehr natr- liche Gruppe (Klasse) der Arthropoden. Der gemeinschaftliche Stamm- vater (common progenitor, ty])ical form") soll eine hypothetische Pycnogonide gewesen sein mit dreigliedrigen Mandibeln, vielgliedri- gen Palpen und eiertragenden Fen mit zahlreichen Reihen von ge- zahnten Dornen. 4. Die Lcher im Litegumcnte vermitteln die Atmung. 5. Das Nervensystem besteht typisch aus einem supraoesophagalen und fnf thorakalen Ganglien. Das Schlundganglion innervirt die 1) Obwol man A'ielleicht eimA'eiulen kanu, dass diese Untersuchung nicht zu der in Holland erschienenen Literatur gehrt, glaube ich doch sie hier aufnehmen zu mssen, weil sie in Holland und von einem Hollnder ausgefhrt ist. 172 Vosmaer, Biologische Literatur Hollands. Mandibel, das Integ-uraeiit , die Proboscis, und wahrsclieinlich auch die Eingeweide (sympatliisclie Nerven). Vom ersten Thorakalganglion gehen vier Nervenpaare aus; zwei zu der ProhosciS; ein Paar zu den Palpen und eins zu den eiertragenden Fen. Die brigen Ganglien geben Nerven fr die hintern Fe und das Al)donien ab. Auerdem findet man in der Probosds noch drei starke Nervenbndel und Gang- lien, verbunden durch sekundre Schlundringe (?). (). Bei einigen Genera ist die innere Seite des Integuments be- deckt mit einem Geflecht von Nerven und Ganglien, die in Verbindung stehen mit den vom Schhmdganglion abgegebenen Nerven. 7. Das Auge ist ursprnglich nur ein abgerundeter transparenter Teil des Integuments. Im Innern findet man einige kleine Ganglien und Nerven, welche von den Nerven des Integuments stammen. Bei hhern Formen konnte Verf. deutliche Stbchen unterscheiden ; auch fand er oft eine Linse. 8. Der in der Proboscis gelegene Teil des Oesophagus dient als Kauapparat. Beim Eintritt vom Oesophagus in den Magen sind kleine Drsen (pancreatic glands" Verf.) vorhanden. 9. Die Genitaldrse hat ursprnglich die Gestalt eines U, von dessen beiden Schenkeln Zweige abgehen, welche in die Fe ein- dringen. Es scheint, dass bei den Mnnchen die ursprngliche Form bleibt, bei Weibchen dagegen nur die lateralen Partien sich entwickeln. 10. Deutliche Vasa efferentia sind immer vorhanden, wahre Ei- leiter finden sich jedoch nicht regelmig. 11. Nicht immer tragen die Mnnchen die Eier: bei NympJion brevicdudatum z. B. tun es auch die AV eibchen. 12. In welcher Beziehung die Pycnogoniden zu den Crustaceen und den Arachniden stehen, vermag Verf. ebensowenig zu entscheiden, als er angeben kann, wie diese beiden sich zu einander verhalten. [Schlielich sei hier noch bemerkt, dass in dieser Monographie unter Pycnogoniden s am mt liehe Geschpfe verstanden sind, welche Dohrn (nach Haeckel) Pantopoden genannt hat. Bekanntlich hat Dohrn in seiner jngst erschienenen Monographie die Pantopoden in vier Gruppen geteilt. Fr eine Gruppe behlt er leider den Na- men Pycnogonidae" bei, so dass eine Verwirrung also mglich ist]. 11) C. K. Hoff mann. Zur Ontogenie der Knochenfische. In: Verhandl. kon. Akad. v. Wetensch. XXI (1881). 168 pg. und 7 Taf. Wir glauben, es unterlassen zu mssen, von dieser Arbeit ein Re- ferat zu geben, weil der Verf. selbst die wichtigsten Schlsse als vor- lufige Mitteilung im Zool. Anzeiger (III. S. 607) zusammengestellt hat. (x. . J. Vosmaer (Haag, Holland). 12) W. J. Vigelius, Vergleichend-anatomische Untersuchungen ber das sogenannte Pankreas der Cephalopoden. Verh. kon. Akad. Wetensch. Amsterdam Deel XXII 1881. 4 Taf. Vosmaer, Biologische Literatur HoUaiuls. 173 Als Pankreas bezeichnet man bei den dibranehiaten Ceplialopoden bekanntlieh jene verzweigten teils mehr aeinsen (Sepia) teils mehr tubulsen {Sepiola , Bossia) rschen, mit welchen die Gallengnge besetzt sind. Dieselben finden sieh bei allen Dekapoden mit Aus- nahme von Lol/go, sollten aber den Oktopoden vollstndig mangeln. Das ist aber nicht richtig: als vornehmstes Resultat der Vigelius'- schen Untersuchungen ergibt sich, dass allen Dekapoden ohne Aus- nahme ein Pankreas zukommt; weim auch bei den Oktoi)oden in ganz andrer Gestalt und Lage, als bei den Dekapoden. Da die brigen anatomischen und histologischen Ergebnisse der V. 'sehen Arbeit, eine so schtzenswerte Bereicherung unserer Kenntnisse sie auch bilden, doch den Kreis des Fachinteresses nicht berschreiten, so sei uns gestattet, gleich auf diesen Punkt etwas nher einzugehen. Obgleich die Gallengnge bei den Oktopoden, wie gesagt, keine uerlich sichtbaren Pankreasanhnge tragen, so hatte Eef. doch ver- mutungsweise ein anders gefrbtes Leberterritorium, welches den Austritt der Gallengnge umgibt, als das Homologon der Pankreas- anhnge der Dekapoden angesprochen. (Versuch einer Physiolog. d. dibranch. Cephalop. Morphol. Jahrb. VL 1880). Diese Vermutung ist durch die Vigelius'schen Untersuchungen zur Gewissheit erhoben worden. Das im Centrum von den Gallengngen durchsetzte, mit denselben vielfach kommunicirende Drsenterritorium, das sich .ver- schieden tief in die Leber hinein erstreckt, hat nndich auch nach seinem histologischen Bau nichts mit der Leber zu tun, zeigt dagegen eine vollstndige Uebereinstimmung mit den Pankreasanfngen der Dekapoden. Eine merkwrdige Zwischenstufe zwischen den Oktopoden und den brigen Dekapoden bildet Lolicjo, bei dem die Pankreasdrsen- masse sich zwar schon von der Leber gesondert hat, aber noch keine freie Drsenmasse an der uern Oberflche der Gallengnge bildet: das Pankreas beschrnkt sich hier noch auf eine drsige Verdickung der Gallengangswnde. Das Hauptinteresse dieser drei verschiedenen Entwicklungsstufen sieht aber Ref. darin, dass hier eine neue Drse sozusagen vor unsern Augen gebildet wird. Aus irgend einem Grunde macht sich das Be- drfniss einer neuen Anhangsdrse des Darmkanals geltend: es wird der (in Bezug auf den Weg der Galle) distale Leberabschnitt in be- stimmter Weise umgebildet, und bildet gegenber der brigen Leber- masse ein histologisch und physiologisch, aber noch nicht morpho- logisch selbststndiges Ganze (Oktopoden). Bei Loligo hat sich dann die Pankreasdrsenzone auch morphologisch von der Leber getrennt und ist auf den Gallengang bergetreten; wir finden drsig verdickte Gallengangswnde, aber noch keine selbststndige gegliederte Drse, welche Stufe erst von Sepia und den Sepioladeu erstiegen wird. Wenn V. in der Oktopodenleber die eigentmlichen mit kalkigen Konkrementen gefllten Zellen wiederfindet, die Barfurth bei den 174 Dohrn, Pantopodeii des Golfs von Neapel. Pulmoiiaten entdeckt liat, so ist das Ref. wieder ein Beleg melir fr die aiierordentliclie Uebereinstimmung;, verbunden mit vollkommen abg-esclilossenen cliarakteristischem Geprge, Avelclie der ganze Mol- luskentypus in Bezug auf seinen histologischen Bau zeigt. Die Epi- thelien mit gezhnelter Basis, das zelligblasige Bindegewebe, die ko- lossalen unipolaren Ganglienzellen u.s.w. sind ebenso charakteristisch fr alle Klassen der Mollusken, als sie andern Pliylen fremd sind und sprechen keineswegs zu Gunsten einer polyphyletischen Abstam- mung der erstem. Schlielich sei noch bemerkt, dass die Abwesenheit von Gallen- farbstoifen in dem Lebersekret der Cephalopoden (Fredericq und Be Herme) besttigt werden konnte, dagegen lieen sich zwei Enzyme nachweisen, von denen das eine peptischer, das andere tryptischer Natur war. J. lrock (Gttingen). A. Dohrn, Die Pantopoden des Golfs von Neapel. Fauna und Flora des (lolfs von Neapel. III. Monographie. Die Pantopoden, sonst auch Pycnogoniden genannt, bilden eine sehr homogene und scharf begrenzte Arthropodengruppe, deren eigen- tmliche Strakturverhltnisse zu verschiedenen Deutungen Anlass ge- geben haben. Seit der alten Diskussion zwischen Savigny und Latreille ber ihre Stellung zu den Crustaceen oder zu den Arachniden, wurden sie von den Zoologen bald der einen, bald der andern groen Klasse untergeordnet, indem sich ein Jeder bemhte die Homologien der Gliedmaen und des Muudgersts mit ent- sprechenden Teilen andrer Tiere festzustellen. D. beseitigt die ganze Streitfrage dadurch, dass er ein derartiges Homologisiren aufgibt. Es ist berhaupt nicht tunlich, die einzelnen Extremitten der Pantopoden mit denjenigen andrer Gliedertiere zu vergleichen ; die gesamte Organisation der Gruppe ist eine so ab- weichende, dass man gentigt ist, dieselbe in eine besondere Klasse zu stellen. Werfen wir zuerst einen Blick auf den Gesamtbau der Pantopo- den. Der im Vergleich zu den auerordentlich entwickelten Beinen schmchtige Rumpf der nicht in Hauptabschnitte geteilt werden kann, wird aus vier Segmenten zusammengesetzt. Das vorderste Segment hat vier Extremittenpaare, deren drei erste oft rckgebildet sind und beim AVeibchen auch gnzlich fehlen knnen: die Oberseite trgt auf einem medianen Hgel die vier kleinen Augen ; von der Unterseite ragt der weiter zu besprechende Schnabel vor, an dessen Spitze die Mundffnung. Die drei hintern Rumpfsegmente tragen je ein Bein- paar. Hinter dem letzten Segment findet sich noch ein einpaariges An- Dohni, Pantopoclen tles Golfs von Neapel. 175 hiigsel; welches gewhnlich als rudimentres Abdomen betrachtet wird. Von den vier Extremittenpaaren des ersten Segments ist Extr. I, wenn vorhanden, immer scheerenfrmig- und dient ebenso wie die oft mangelnde tasterfrmige Extr. II offenbar zur Nahrungsauf- nahme. Extr. III kann beim erwachsenen Weibchen fehlen oder ist sonst stark reducirt; beim ]\Innchen ist sie aber stets da, wird auf der Unterseite des Leibes gebogen gehalten und dient zum Festhalten der befruchteten Eier, welche daselbst ihre Entwicklung durchlaufen. Extr. IV, sowie die den folgenden Segmenten zugehrigen Extr. V, VI und VII sind die eigentlichen Gangbeine der Tycnogoniden, deren Achtzahl sie iliren spinncnhnlichen Habitus verdanken. Das Nervensystem besteht aus einem unpaaren Gehirnganglion und paarigen Bauchganglien; ersteres versorgt die Augen und gibt ferner dem Schnabel einen obern, unpaaren, dem ersten Gliedmaen- paar einen paarigen Nerven ab. Das untere Schlundganglion versorgt mit paarigen Nerven die untern Abschnitte des Schnabels sowie Extr. II und III; vier Ganglienpaare besorgen die Gangbeine; hinter dem letzten Bauchganglion, fter mit ihm verschmolzen, tinden sich noch rudimentre Ganglien, welche wol auf eine ursprnglich grere Zahl der Metameren hindeuten. Am Verdauungsapparat zeigt der sog. Schnabel sehr merkwr- dige Einrichtungen, wie sie sonst bei andern Arthropoden nicht vorkommen. Das Organ ist in drei vollkommen gleiche Antimeren zerlegbar; ein dorsales und zw^i ventrallaterale; dem entsprechend finden sich um die endstndige Mundffnung drei bewegliche Lippen. Der innere Bau des Schnabels ist gleichfalls dreiteilig; sein Lumen ist ungefhr dreieckig, und dessen Wandungen tragen einen sehr kom- plicirten Apparat von Chitinborsten, den sog. lieusenapparat, welcher wahrscheinlich zur feinsten Zerkleinerung der Nahrung dient, wol auch als Sieb grbere Partikel nicht durchlsst. Das innere Gerst des Schnabels wird durch krftige Muskeln bewegt. Die drei Nerven des Schnabels, der unpaare Gehirnnerv und das Paar aus dem untern Schlundganglion sind einander vollkommen gleich; sie entsprechen den drei Antimeren des Organs, sind untereinander durch ringfrmige Kommissuren verbunden und besitzen bedeutende Ganglienknoten. Wollen wir den Pantopodenschnabel mit Organen andrer Gliedertiere vergleichen, so mssen wir seinen Innern Raum als dem gesamten Vorderdarm, d. i. Oesophagus und Kaumagen der Crustaceen entsprech- end betrachten; speciellere Vergleiche sind nicht zulssig; auch ist es nicht einmal tunlich, ein so einheitliches Organ sich aus der Ver- schmelzung von Mundgliedmaen entstanden zu denken, wie von man- chen versucht wurde. Der eigentliche Darm verluft gerade zum Afterdarm, schiebt aber lange Blindscke in die Gangbeine und oft auch in die scheerenfrmige Extr. I sowie manchmal noch zwei Paar iu die untern Antimeren des Schnabels. Die Wnde des Darms sind 176 Dolini, Pantopoden des Golfs von Neapel. zart und dureli Muskeln sehr kontraktil; durch die Zusammenziehun- gen letzterer wird der Darminhalt bestndig hin und her beweg-t und durch derartige Kontraktionen wird auch die Cirkulation w^esentlich untersttzt. Die Aftertthung besitzt eine besondere Schliemuskula- tur; doch sah D. niemals Ausleerung des Darminhalts durch den After; er meint eine solche fnde nicht statt und vermutet der End- darm mge als Atemorgan fungiren. Nicht minder rtselhaft blieb die Frage nach der Nahrung der Pycnogoniden ; niemals konnten un- verdaute Speisen gefunden werden, niemals faecale Massen; dagegen schwimmen in der Darmflssigkeit zarte Krperchen, welche D. fr Zerfallsi)rodukte des Darmepithels hlt. Aus der Wandung des Darmkanals ragt ein horizontales Septum hervor, Avelches die Leibeshhle sowol des Kumpfes als der Beine in einen dorsalen und einen ventralen Abschnitt teilt; beide Abschnitte kommuniciren mit einander durch Lcher des Septum ; die Cirkulation der Leibesflssigkeit geschieht im dorsalen Kaum centrifugal, im ven- tralen centripetal. Im dorsalen Raum lagert das Herz, offenbar ein stark reducirtes Organ, dessen schwache und in manchen Fllen wol ausbleibende Ttigkeit in den lebhaften Kontraktionen des Darms eine Ersatzvorrichtung hndet. Ln Septum liegen die Geschlechts- drsen suspendirt ; dieselben bilden jederseits eine zusammenhngende Masse, welche Fortstze in die Beine sendet ; beide Massen verbinden sich hinter dem Herzen. Beim Weibchen ist der in den Beinen ge- legene Teil viel mehr entwickelt und meist erlangen die Eier nur da ihre vllige Reife. Geschlechtsffnungen finden sich beim Weibchen im zweiten Glied der vier Gangbeinpaare, beim Mnnchen nur der drei letzten Beinpaare; nur bei wenigen Gattungen ist die Zahl der Geschlechtsffnungen reducirt und zwar auf ein einziges Paar: eine solche segmentale Anordnung der Geschlechtsporen kommt sonst bei andern Arthropoden nicht vor. Extr. H und HI, welche keinen Teil der Geschlechtsdrsen enthalten, besitzen dagegen besondere, gleich- falls im Septum suspendirte Drsen, Avelche D. als Exkretionsorgane anspricht; das Gebilde ist konstant und fehlt selbst dann nicht, wenn die betreffenden Extremitten vorhanden sind. Eine sehr merkwrdige Eigenschaft der Pycnogoniden ist, dass die Mnnchen die Brutpflege besorgen, indem sie die Eier an der dazu geformten Extr. HI, dem sog. Eiertrger, herumtragen. Lauge Zeit hindurch glaubte man in den mit Eierklumpen belasteten Indi- duen Weibchen erkennen zu drfen und erst vor wenigen Jahren erkannte Ca van na das richtige Verhltniss. Zum Festheften der Eier besitzen die Mnnchen im vierten Glied der Gangbeine auch be- sondere Kittdrsen, modificirte Hautdrsen. Es gelang Verf. durch Vergleichung verschiedner Formen den Entwicklungsgang dieser Dr- sen einigermaen zu verfolgen, welche bei einigen Arten diffus ver- teilt, bei andern mit ihren Ausfhrungsgngen nach bestimmten Stel- Dohrn, Paiitopodeu des (Jolfs von Neapel. 177 len der jHant koiivergiren, noch bei andern endlich einen einzigen rhrenfrmig- vorspringenden Ausfhrungskanal besitzen, ie aussehlpfenden Lnrven der Pantopoden sind sechsbeinige afterlose Tiere, welche bereits die typische Schnabelbildung besitzen; die erste Extremitt ist wie beim Erwachsenen eine krftige Scheere. Die Extremitten der Larve entsprechen berhaupt den drei ersten Gliedmaenpaaren des erwachsenen Tiers. Extr. III verschwindet aber in der Metamorphose und erscheint erst nachtrglich an dersel- ben Stelle wieder, um zum Eiertrger zu werden. Jenes zeitweise Ver- schwinden gengt aber nicht den Semper'schen Satz zu rechtfertigen, der Eiertrger sei ein neugebildeter Ast des zweiten Extremitten- paars. Bei der Gattung Fallene sind die Eier sehr gro und die Me- tamorphose bleibt aus. Die Larven von Phonichilidium durchlaufen bekanntlich in Hydroiden schmarotzend ihre Larvenentwicklung. Auf der Grundlage dieser Verhltnisse knnen wir nun die Be- ziehungen der Pycnogoniden zu den brigen Arthropoden besprechen. Die Pantopoden einer der groen Klassen der Crustaceen oder Arach- niden unterzuordnen, davon wird kaum noch die Rede sein knnen, denn abgesehen von der Unmglichkeit einer strengen Homologisirung der Glieder, besitzen diese Tiere in ihrer gesamten Organisation Eigen- tmlichkeiten, die zur Aufstellung einer besondern Klasse wol gen- gen. Welche verwandtschaftliche Beziehungen zeigt aber diese Klasse zu den brigen Abteilungen des Arthropodentypus? Es liegt jedenfalls nahe, die sechsbeinige Pantopodenlarve mit dem Crustaceen-Nauplius zu vergleichen ; dieselbe zeigt aber wiederum, abgesehen von der Sechs- zahl der Beine viele Eigenschaften der erwachsenen Pantopoden, na- mentlich der Schnabel und die scheerenfrmige Extr. I. So lange der Nauplius als ein getreues Bild eines Crustaceen-Vorfahren be- trachtet wurde, konnte jede auch entfernte Beziehung zu einer solchen uralten Ahnenform wichtig erscheinen. Gegenwrtig verliert aber die Naupliustheorie immer mehr Grund; als Urform der Krebse wer- den vielmehr reichlich gegliederte Phyllopodenhnliche Tiere sup- ponirt, welche sich von annelidenartigen Wrmern abzweigten. Die sechsbeinige Pycnogonidenlarve ist also wol nur, nach Dohrn's ma- lerischem Ausdruck eine ins pantopodenartige bersetzte Anneliden- larve", was mit gleichem Pecht vom Krustaceennauplius gesagt wer- den knnte. Es ist wahrscheinlich, dass beide Gruppen von An- nelidenvorfahren abstammen, und die Pantopoden besitzen in den seg- mentalen Geschlechtsflfnungen einen offenbar annelidenhnlichen Cha- rakter. Ein den Krebsen und Pantopoden gemeinsamer Stammvater kann nur in nebelhafter Entfernung gesucht werden. Noch schlim- mer steht es bei der Vergleichung mit den Arachniden, denn hier fehlt der Spekulation wirklich jeder feste Anknpfungspunkt. Sind aber die jetzt lebenden Pantopoden ein Best uralter Formen? Verf. glaubt diesen Satz bestimmt zurckweisen zu drfen. DieVer- 12 178 sten-.Sackcn, Stellung der Borsten bei den Dipteren. wancltschaft der bekannten Formen ist eine so innige, die Organisa- tion der einzelnen Gattungen bietet so geringe Unterschiede, ja die Grenzen der Gattungen sind noch so unbestimmt, dass man zu der Annahme gentigt wird, die Erbschaft des gemeinsamen Stammvaters der ganzen Gruppe mache ihren Eintluss noch berall geltend. Manche Einrichtungen bestehen noch in allen mglichen Kombinationen, ohne dass die Zuchtwahl Zeit gehabt htte, Zwischenformen auszuschalten. Die Pantopoden mgen also wol von einer uralten uns aber noch un- bekannten Arthropodenabteilung abstammen, sie sind aber selbst eine sehr junge Gruppe. Das Auftreten einer wichtigen biologischen Eigen- schaft, des vom Mnnchen ausgebten Eiertragens ist wahrscheinlich das Moment gewesen, dessen Entstehung der Pantopodenstamm seine Existenz und seinen heutigen Individuen- und Formenreichtum verdankt. Wie diese Funktion entstand, kann nicht nachgewiesen werden. Nach D.'s Vermutung wrden vielleicht die Weibchen einst die Eier getragen und die Brutpflege erst spter den Mnnchen anvertraut haben. Der mnnliche Stammvater der jetzt lebenden Pantopoden soll also bereits vermittels des dazu umgebildeten dritten Gliedmaenpaars die Eier getragen haben; er soll alle allgemeinen Charaktere der Klasse be- sessen haben, segmentale Geschlechtsffnungen, den dreiteiligen Schna- bel mit Reusenapparat, siebenExtremittenpaareu. s.w. ; wol auch die- selbe sechsbeinige Larvenform. Diese afterlose Larve als phylogene- tische Grundform wird aber heutzutage kein Zoologe behaupten. Wir knnen uns ebensowenig die alten Vorfahren der Pantopoden vorstellen, wie wir auch nicht im Stande wren, die Branehiopoden zu konstruiren, falls uns nur die von ihnen abgeleitete Gruppe der Cladoceren erhalten geblieben wre. Die Cladoceren sind eine ganz moderne und formenreiche Gruppe, deren genetische Beziehungen zum alten Stamm der Phyllopoden sicher nachgewiesen sind ; dagegen kann die Abstammung der ebenso recenten Pantopoden bis jetzt an keine bekannte lebende oder fossile Form geknpft werden. C. Eniery (Bologna). C. R. Osten-Sacken, An Essay of comparaUve Chaetotaxy, or the Arrangement of characteristic Bristles of Diplera. Mitteilungen des Mnchener Entoniologischen Vereins. 5. Jahrg., 1881, 2. Heft, pp. i'ii 138. Als Chaetotaxie bezeichnet Osten-Sacken die Stellung der Borsten an den verschiedenen Teilen des Fliegenleibes, nach Analogie der Benennung der Lehre von der Blattstellung als Phyllotaxie. Die Zahl und Stellung dieser Borsten oder Makrochaeten spielt nmlich eine hervorragende Rolle in der systematischen Dipterologie. Die borstentragenden Dipteren fasst nun Osten-Sacken unter dem Osteu-Sacken, Stelluug der Borsten bei den Dipteren. 179 Gruppennameii der Diptera Chaetophora , die der Makrocliaeten er- maiig-ehiden als Diptera Eremochaeta zusammen. Das Studium der Chaetophoren veranlasst den Verf. zur Darlegung- einer vergleichenden Cliaetotaxie, deren Resultate nur fr systematische Dipterologen von Interesse und nur durch unmittelbare Vergleichung mit den behandel- ten Objekten vollkommen verstndlich sind, weshalb auf den mit grter Sorgfalt behandelten Hauptteil der Schrift hier nicht weiter eing;egangen werden kann. Von allgemeinem physiologischen Interesse sind dagegen die von Osten-Sacken nebenher ausgesprochenen Ideen^ in denen ein eigenes physiologisches Dipterensystem steckt und biologische Beziehungen sich enthllen, welche auf die Wichtigkeit der Chaetotaxie auch in physiolog-ischer Hinsicht ein helles Licht werfen. Die Makrochaeten finden sich in einer langen Reihe von Familien, fehlen hinwiederum gnzlich in andern und zwar sind im Bereich der Orthorhaphen (d. h. der Dipteren mit freien Mumienpuppen) die Eremochaeten berwiegend, whrend die Chaetophoren die Ausnahme bilden, allerdings aber die g-roen Familien der Asiliden und Do- lichopodiden umfassen ; unter den Cyclorhaphen dagegen (d. h. den Dipteren, deren Puppenhaut die erhrtete Larvenhaut ist), bilden die Chaetophoren die Regel, die Eremochaeten, freilich wiederum die artreiche Familie der Syrphiden umfassend, die Ausnahme. Nach Macquart dienen die Makrochaeten denjenigen Teilen des Krpers der Chaetophoren, auf denen sie inserirt sind, zum Schutze, ein Umstand, durch den sie auch die Persistenz gewisser Borsten an den gleichen Stellen nicht allein im Bereiche der calypteraten und acalypteraten Museiden, sondern auch sogar bei ferner stehenden Fa- milien, wie unter den Asiliden und Dolichopodiden erklrt, ein Um- stand, durch den auch allein eine einheitliche Terminologie ermglicht wird. Doch bleibt durch diesen Erklrungsversuch das vollstndige Fehlen der Makrochaeten dort unverstndlich, wo das Krperintegu- ment, wie z. B. eines makrochaetenlosen Sytphus, keineswegs fester ist, als das einer makrochaetentragenden Tachina, und Osten- Sacken findet nun die Erklrung fr diese Erscheinung in der Art und Weise des Fluges bei den verschiedenen Dipterengruppen. Die meisten Eremochaeten besitzen nmlich das Vermgen, die Geschwin- digkeit des Fluges zu reguliren, eine Fhigkeit, welche sie auch in den Stand setzt, sich in der Luft schwebend zu halten. Eine borstige CalUphora (Schmeifliege) fliegt tollkhn und hastig und stets mit dem Kopfe voran; ein nackter Sy}phHS (Schwebfliege) dreht sich auf vorsichtigen Bahnen rings um einen krperlichen Gegenstand und be- rhrt ihn wiederholt mit den Spitzen seiner Fe, ohne sich nieder- zulassen. Die strkst beborsteten und dabei wenigst vorsichtigen im Fluge sind von allen Dipteren die Calypteraten, zu denen auch unsere Stubenfliege gehrt, und diese eigentlichen Fliegen sind es, 12* 180 Osten-Sacken, Stellung der Borsten bei den Dipteren. welche wegen ihrer Phimpheit, Ungeschicklichkeit imd Unbedachtsam- keit Sprengel in seinem Schriftchen: Das entdeckte Geheimniss der Natur" vom Jahre 1793, mit Recht ,,die dummen Fliegen" neunt. Schweben knnen sie nicht. Die Strati omyiden, Tabaniden, Bombyliden, Syrphiden aber haben alle die Fhigkeit zu schwe- ben und sie alle gehren zu den Eremochaeten; die Thereviden und EmpideU; welche auch mit diesem Vermgen begabt sind, erfreuen sich des Besitzes nur uerst weniger Makrochaeten. Aus bislaug unbekanntem Grunde scheint nun mit dem Schweb- vermgen der Eremochaeten eine fr die mnnliche Fliege charakte- ristische Eigentmlichkeit in Verbindung zu stehen, nmlich das Zu- sammentreten des groen jederseitigen Facettenauges in der Mittel- lngslinie des Kopfes, eine den mnnlichen Tabaniden, Syrphiden, Bombyliden gemeinsame Eigenschaft, fr welche Osten-Sacken die Bezeichnmig holoptisch einfhrt. Die Mnnchen der Chaetophoren sind dagegen kaum jemals holoptisch, unter den Orthorhaphen {AsiUdae, Dolichopod/dae) so wenig, wie unter den Cyclorhaphen ; unter diesen weisen nur die Calypteraten einige Ausnahmen auf (die Gattungen Hydrotoea, Ophyra , HomaIomyla)\ aber gerade diese holoptischen Ausnahmen besitzen in hherm Grade als ihre Verwandten die Fhig- keit, ihre Fluggeschwindigkeit zu reguliren. Die hol optischen Eremochaeten sind berdies eigentliche Luftinsekten, indem sie ganz vorzugsweise ihre Flgel zur Orts- veruderung benutzen, ihre Beine dagegen nur, um sich niederzu- lassen und zu ruhen. Die Chaetophoren im Gegenteil bedienen sich mehr ihrer Beine als ihrer Flgel; sie laufen, klettern, erjagen ihr Futter, und entsprechend dieser Ttigkeit sind ihre Beine viel besser und krftiger entwickelt als die der Eremochaeten. So liegt das Verhltniss bei den meisten Mus cid en, den Phoriden, Dolicho- podiden und Asiliden. Die Eremochaeten sind also charakterisirt durch den Mangel der Makrochaeten, durch Schwebefhigkeit, und Holopticitt im mnn- lichen Geschlechte, die Chaetophoren (Stubenfliege) durch den Besitz von Makrochaeten und wol entwickelte Beine; und diese Verteilung der Charaktere erschfint insofern naturgem, als die Makrochaeten zum Schutz dienende Organe, besonders bei pltzlicher Berhrung sind, oder noch besser Orientirungsorgane, wie die Barthaare der Katze. Die borstigen Lufer, mgen sie nun zwischen dem Grase klettern, auf Blttern laufen, mit ihrem Raube kmpfen oder einer Raupe ihr Ei appliciren, sind weit mehr solchen Kollisionen ausgesetzt, als die borstenlosen Flieger. Diese haben dagegen einen weitern Gesichtskreis und bedrfen besonders im mnnlichen Geschlecht zum Behuf der Auffindung des Weibchens weitsehende Augen. In die so charakterisirten physiologischen Gruppen der Diptera Chaetophora (Lufer) imd Eremochaeta (Flieger) kann Osten- Schmiegelow, Entwicklung des Hodens. l^\ Sacken jedoch die mckenartigen Flieger, die Nenioceren, nicht wol unterbringen; er mag sie weder als Flieger, noch als Lnfer bezeichnen; dabei sind sie alle weder chaetophor, noch holoptisch (wie die Eremochaeten) ; dahingegen weichen sie alle durch eine hier noch nicht erwhnte Eigentndichkeit von 1) ei den genannten Grup- pen nurtallend ab, durch den Besitz verlngerter Fhler. Die Flieger unter den Insekten berhaupt, gemeiniglich durch groe Augen {Libellula, Tabanns, Bomhiius) charakterisirt, sind in der Eegel mit uerst kurzen, schwach entwickelten Fhlern ausge- stattet und im Finstern absolut hlflos; dort aber, woselbst den Augen eine untergeordnete Eolle zugewiesen ist, wie beispielsweise bei den Ameisen, zeigen sich die Fhler besser entwickelt und ihre Trger knnen bei Nacht und an finstern Orten so gut arbeiten, als am Tage, so dass Osten- Sacken die so beschaffenen Insekten mit Forel als Fhl er in Sekten bezeichnet. So befllt uns die Stechmcke, durch ihre Fhler geleitet, im Finstern. AVas demnach fr die Chaeto- phoren die Beine, das sind fr die Eremochaeten die Augen, fr die Nemoceren die Fhler, je nach ihrer hhern Organisation. Die Entscheidung der Frage, ol) die Makrochaeten auer dem Orientirungszweck auch noch zu anderm Behufe (etwa der bloen Aufnahme der Schallwellen der Luft zur Uebertragung des Tones, nicht als eigene Gehrorgane funktionirend, hnlich den langen Fh- lern gewisser Orthopteren und Kleinschmctterlinge) dienen mgen, berlsst der Verf. andern Beobachtern und Anatomen. F. Karsch (Berlin). E. Schmiegelow, Studier over Testis og Epididymis Udviklings- historie. Afhandliug for Doktorgraden, (Mit :> Tafeln). Kjbenliavn 1881. Verfasser hat eine von ihm an Hhnereiern angestellte Unter- suchungsreihe ber die Entwicklung des Urnierengangs, der Urnieren, des Testikels und der Epididymis genau beschrieben. In Betreff des Urnierengangs stimmen seine Ergebnisse im Wesentlichen mit denen von Gasser berein, dass also dieser Teil als eine Verdickung der Mittelplatte des Mesoderms neben den 58 Urwirbeln auftritt; die erste Anlage dieses Gangs erscheint an Querschnitten von Embryonen, bei welclien die Anzahl der Urwirbel ber neun gestiegen ist ; derselbe steht mittels seines vordem Endes mit dem Mesoderm in Verbindung und wird segmentweise angelegt, indem 5 6 Segnn^nte des Mesoderms hier abgetrennt werden; dann Avchst dieser Teil nach hinten, ohne neue Elemente des Mesoderms aufzunehmen, erhlt ein Lumen, er- reicht die Kloake und tfnet sich endlich in die letztere. Die ^82 Scliiniegelw, Entwicklung des Hodens. vorderste Anlage der Urnieren entsteht durch offene Einstlpung des Peritonealepithels, die hintern Teile derselben dagegen teils durch solide Knospenbildungen vom Peritonealepithel, teils selbst- stndig ohne direkte Verbindung mit dem die Bauchhhle beklei- denden Epithel ; alle Querkanle der Urniere entstehen in und von dem Mesoderm. Die Urniereuanlagen werden in direkte und in- direkte getrennt; die direkten entwickeln sich zu Urnierenkanlchen, welche mit dem Urnierengang direkt kommuniciren ; die indirekten werden zu Kanlchen umgebildet, welche nur durch Vermittlung der erstem mit demselben Gang in off'ene Verbindung treten; die direk- ten sind ventral, medial und dorsal und werden grtenteils zu Sam- melrhren; die Glomerulusgefe wachsen dann von der Aorta nach den Urnierenkanlchen ein und treiben ihre dorsale Wand nach dem Lumen hin ein. Das Keimepithel stellt allein einen Abschnitt des bri- gen, die Bauchhhle auskleidenden Peritonealepithels dar und bedeckt als mehrschichtiges, spter einschichtiges Zellenstratum die Geschlechts- drsen ; es geht ohne scharfe Grenzen in das umgebende Bauchepi- thel ber; die Grenzen des Keimei)ithels fallen mit denen der Ge- schlechtsdrse zusammen. Fr die Testikel bildet das Keimepithel in- dess nur ein bekleidendes, fr die Ovarien dagegen wahrscheinlich ein die Eifollikel bildendes Epithel. Der Mller'sche Gang entsteht als eine Einstlpung vom vordersten Teil der Peritonealverdickung an der lateralen Seite der Urniere und wchst hinten durch Wucherung seiner eigenen Elemente. Die erste Anlage der Epididymis entsteht gewissermaen schon in den ersten Tagen, indem die die Epididymis zusammensetzenden Kanle zu dieser Zeit als Urnierenbestandteile angelegt werden. Der Testikel wird ungefhr am fnften Tag durch Proliferation der Bindegewebsele- mente der Urniere an deren medialer Seite angelegt, wo eine streifenartige Verdickung des Peritonealepithels die Stelle der Geschlechtsdrse bezeichnet hat. Vom ersten Anfang an vermag man nicht die Ge- schlechter zu unterscheiden; die erste Anlage der Drse ist ganz indif- ferent, ist bei allen Embryonen gleichartig gebaut und von einem mehrschichtigen, aus grern und kleinern Zellen bestehenden Epithel gebildet, welches gegen die Oberflche hin niedriger wird und in die Peritouealbekleidung bergeht. Wenn das Stroma der Geschlechts- drse angelegt ist, kann man dem sie bekleidenden verdickten Peritoneal- teil den Namen Keimepithel geben; an keiner Stelle steht jedoch das Keimepithel in direkter Verbindung mit der peritonealen Verdickung, welche an der lateralen Seite der Urniere liegt und dem Mller'schen Gange entspricht. Es ist berall eine scharfe Grenze zwischen dem Stroma der Gefdrse und dem Keimepithel vorhanden. Das Stroma ist berall aus mesodermalen, in indifferenter Weise augeordneten Elementen zusammengesetzt. Am Ende des sechsten Tags tritt eine Geschlechtsverschiedenhcit auf; die in weiblicher Kichtung sich ent- Schmiegelow, Entwicklinijj dos Hodens. 1^3 wickelnden Geschlechtsdrsen zeigen nmlich Spuren von Lymphge- fbildungen im Stroma. Die Geschlechtsdrse ist von Anfang- an von den epithelialen Elementen der Urniere scharf getrennt. Am 7. Tag erscheint die erste Anlage der Samenkanlchen, indem sie sogleich durch die ganze Suhstanz des Testikels auftreten : die Samen- kanlchen werden in der Weise angelegt, dass sich ein Teil der Stromazellen in Gestalt von Zellenstrngen ausditterenzirt. Diese ersten Anlagen der Can. seminiferi sind berall sowol von den Ur- nierenkanlchen als von dem Keimepithel deutlich abgetrennt. Das interglandulre Gewebe enthlt vom Anfang an eine Menge von Ka- pillaren. Die Samenkaulchen sind zuerst berall von einander ab- getrennt, bald entstehen aber bei ihnen Anastomosen von zwei und mehre- ren Kanlchen. Die einzelnen Kanlchen werden dann lnger, dicker lind verlaufen mehr gebogen. Am 17. Tag findet man die Tunica propria angelegt und gleichzeitig entsteht das Lumen der Samen- kanlchen mit deutlichem Cylinderepithel. Am 11. Tag wird eine Albuginea angedeutet und es entsteht ein peripheres Venensystem. Die Vasa eflferentia testis werden erst nach dem 18. Tage angelegt und entstehen durch einen Ausstlpungsprocess des Bowman'schen Kapselepithels; die einzelnen Vasa eft'erentia arbeiten sich dann durch das subperitoneale Bindegewebe gegen den Testikel hin und ordnen sich zu einem Kanalsystem, dessen einzelne Ehren sich hauptsch- lich der Oberflche des Testikels parallel grup])iren. Dies Kanal- system, welches also durch die Vasa cfferentia mit dem Drsengang der Urniere in Verbindung steht, ist die erste Anlage des Rete va- sculosum Halleri, steht aber, wenn die Embryonen aus dem Ei aus- treten, mit dem Samenkaulchen des Testikels noch nicht in Verbin- dung. Dann fangen in der ersten Woche der Jungen die Canaliculi seminiferi an in das Rete testis einzumnden, welches nach imd nach in ein strafferes, geAvissermaen als ein Teil der Albuginea aufzufas- sendes Bindegewebe eingelagert wird und als ein wenig entwickeltes Corpus Highmori aufgefasst werden kann. Nur eine gewisse, verhlt- nissmig geringe Anzahl der Kanlchen der Urniere erhlt eine bleibende Bedeutung als fungirende Bestandteile der Epididymis. Die Malpighi'schcn Krperchen verschwinden nach und nach, indem eine starke Bindegewebsbildung in den Glomerulis eintritt und ihre Gefe endlich atrophiren. Von der 8. Woche der Jungen an be- ginnen die Epididymiskanlchen von ihrem testalen Ende kleine, blind endigende, mehr oder weniger radir ausstrahlende Ausstlpungen zu zeigen, welche bei 4 5 Monate alten Jungen kurze, blind endigende etwas kolbenfrmig erweiterte Kaulchen darstellen, deren Convolute funktionell den Samenblasen der Suger analog sind. Gustaf Retzius (Stockholm). 1,34: Zimtz, Innervation der Atmung. Neueste Arbeiten ber Innervation der Atmung. 1) 0. Langendorff, Ueber periodische Atmung bei Frschen. Arch. f. Phy- siol. 1881 S. 240. 2) Ders. Periodische Atmung nach Muscarin- und Digita- linvergiftung. P^benda S. 331. 3) Ders. Ueber Reizung des verlngerten Marks. Ebenda S. 519. 4) Johannes Gad, Ueber die Abhngigkeit der Atmung vom Nervus vagus. Ebenda S. 538. 5) John Campbell Graham, Ein neues specifisches regulatorisches Nervensystem des Atemcentrums. Arch. f. d. ges. Phys. XXV S. 379. 6) N. Wedenskii, Ueber den Einfluss elektrischer Va- gusreizung auf die Atembewegungen bei Sugetieren. Ebenda XXVII S. 1. 7) N. Wedenskii, Ueber die Atmung des Frosches. Ebenda XXV S. 129 150. 8) Charles Saloz, Coutribution l'etude cliuique et experimentale du phenomene respiratoire de Cheyne-Stokes. Geneve 1881. 9) M. Kanda- razki, Ueber den Husten. Arch. f. d. ges. Physiol. XXVI S. 470. In Bd. I Nr. 3, 4 ii. 6 dieses Blatts hat der Herausgeber des- selben, dem die Lehre von den Atembewegnngen zu so wesentlichem Teile den Grad der Vollendung-, welchen sie bis heute erlangt hat, verdankt, einen Ueberblick der neuern ForschuDgcn auf diesem Ge- biete gegeben. Diese Darstellung, welche in groen Zgen einen Ueberblick des ganzen Gebiets zu geben bestiniint war, soll im Fol- genden durch Bericht ber einige wichtige inzwischen erschienene Arbeiten ergnzt werden. Auf S. 90 dieses Blatts berichtet Rosenthal ber die Versuche, auf Grund deren Langendorff der bekannten Stelle im verlngerten Mark die Bedeutung eines Atemcentrums abspricht und die Ent- stehung der Lnpulse zu den Atembewegungen in die Aveiter abwrts im Eckenmark gelegenen Ganglienzellen, aus Avelchen die Nerven der Atemmuskeln entspringen, verlegt. Der ttliehe Atemstillstand beim Durchschneiden der Medulla oblong, wre dann abgesehn von den schwer definirbaren Shockwirkungen dadurch bedingt, dass die von oberhnll), hauptschlich aus den Vagus- und Trigeminuskernen zum Eckenmark ziehenden Hemmungsfasern, durch den Wundreiz so stark erregt werden, dass ttliche Atemhemmung entsteht. Rosen- thal hlt eine so lange dauernde Reizwirkung eines Schnitts fr un- wahrscheinlich, wenn auch hnliches schon mehrfach, z. B. fr die geferweiternden Nerven der untern Extremitten von Goltz beo- bachtet wurde. Als strkstes Argument gegen Langendorff erseheint die Beobachtung von Kronecker und Marckwald, dass elektrische Reizung der vom Gehirn getrennten Med. oblong. Atem- bewegungen auslst, resp. die vorhandenen verstrkt. Langendorff hat nun eine systematische Versuchsreihe ber die Wirkung direkter Reizung der Med. oblong. (3) angestellt. Bei elektrischer Reizung der Medulla schwach chloralisirter Thiere wurden hnlich mannig- fache Effekte beobachtet, wie nach starker Reizung des centralen Vagusstumpfes. Am hutigsten Stillstand des ganz erschlaiften oder mig kontra liirten Zwerchfells, selten Stillstand in tiefer Inspiration Zimtz, Innervation der Atmnng. 185 oder in aktiver Exspiration. In vielen Fllen kam es gar nicht zum Stillstand, die Atmung wurde nur verflacht hei bald normaler, bald abnehmender, bald zunehmender Frequenz. Bei starker Narkotisirung mit Chloralhydrat hat Reizung der Medulla ausschlielich exspira- torische Wirkung. Mechanische Reizung der Medulla obl. durch schwache, rasch aufeinander folgende Schlge hatte dieselben wechseln- den Erfolge wie die elektrische. Chemische Reizung durch einen auf- gelegten dnnen Kochsalzkrystall wirkte stets exspiratorisch; zuweilen wurde die Atmung nur verlangsamt, meist stand sie im Zustande der Exspiration still. Entfernt man das Kochsalz nicht rechtzeitig, so dauert der Atemstillstand bis zum Tode des Tieres fort. Man kann durch Auflegen und wieder Entfernen des Krystalls mehrmals hintereinander Atemstillstnde von einigen Minuten Dauer erzeugen. Gegenber den w^echselnden, meist aber exspiratorischen Wir- kungen der Reizung des verlngerten Marks, bewirkt Reizung des Halsmarks, d. h. des wahren Atemcentrums nach Langendorff, ausnahmslos, auch bei stark narkotisirten Tieren, Inspiration resp. inspiratorischen Tetanus. Langendorff besteht, seine Versuche resumirend, gegenber den Einwendungen Rosen thal's auf der frhem Behauptung, dass der Ganglienapparat, in welchem der Im- puls zu den Atembewegungen durch den Blutreiz entsteht, im Rcken- mark an den Ursprungsstellen des Phrenicus und der brigen Atem- muskelnerven zu suchen sei, whrend das bisher sogenannte Atem- centrum der Med, oblongata, welches von Gierke als Faserbndel ohne Ganglienzellen erkannt wurde, nur die Summe der regulirenden (beschleunigenden und hemmenden) Fasern enthalte, welche von den Vagus- und Trigeminuskernen und vom Hirnstock (Christiani) zum Rckenmark hinabziehen. Wiederholt hebt er hervor, dass er bei Tieren nach Abtrennung der Medulla oblongata unter EinAvirkung minimaler Strychnindosen lange Zeit, bis zu 50 Minuten, regelmige, in Nichts von der normalen verschiedene Atmung beobachtet hat. In der Frage nach der Bedeutung des Nervus vagus hlt J. Gad (4) seinen frhern Standpunkt auch nach den hier S. 189 und 190 resumirten neuen Versuchen Rosenthal's aufrecht. Er besteht darauf, dass auch im Vagusstamme exspiratorische Fasern vorhanden seien und dass durch die Ttigkeit dieses Nerven die Gesammtsumme der Arbeit des Atemapparats nicht nur anders verteilt, sondern meist auch erheblich gendert -werde. In der Norm regulire dieser Nerv, indem er die Inspiration auf einer gewissen mittlem Hhe abbrechen lasse, die Atmung so, dass sie mit minimaler Muskelanstrengung zu Stande komme. Nach reizloser Abtrennung dieses Nerven sei die Arbeit der Atemmuskulatur stets eine grere, indem die mittlere Stellung des Thorax eine mehr inspiratorische sei. Reizung der durchschnittenen Nerven habe selbstverstndlich sehr wechselnde Er- folge. Die Arbeit der Atemmuskelu werde dadurch bald gar nicht Jl) ' Ziuitz, Innervation der Atmung. beeiiiflus.st, bald vermindert, bald vermehrt, letzteres am exquisitesten in dem lange bekannten hufig auftretenden inspiratorischen Tetanus des Zwerchfells i). Fr die doppelte Wirkung des Vagus auf die Atembewegungen spricht sich auch Wedenskii (6) aus. Bei kontinuirlicher Reizung findet er hufig auch exspiratorischen Atemstillstand bei Versuchen, Wo sicher Mitreizung des Laryngeus sup. ausgeschlossen sei. Bei schwcherer Heizung nimmt die Tiefe der Inspirationen ab, bald mit, bald ohne Abnahme der Exspirationstiefe ; die Frequenz ist dabei meist gesteigert, zuweilen unverndert. Von besonderm Interesse sind die Ergebnisse kurzer d. h. nur whrend eines Bruchteils einer Atemphase dauernder Vagusreizungen. Gleichgltig ob oberhalb oder unterhalb des Abgangs des Laryn- geus inferior gereizt Avird, zeigt sich die Wirkung verschieden, je nachdem es im Momente der In- oder Exspiration geschieht. Im erstem Falle wird die Tiefe der Inspiration vermindert, im letztern die Exs])iration verkleinert, oder auch durch eine kurze Inspiration unterbrochen. Es wirkt also die Keizung zunchst dem Zustande des Atemapparats, welchen sie gerade trifft, entgegen. Bei strkerer Beizung erstreckt sich die Wirkung ber mehrere Phasen. Wh- rend der Exs])iration ist eine hhere Reizstrke zur Erzielung der Erstwirkung ntig, als whrend der Inspiration; deshalb wirkt ex- spiratorischer Reiz immer auch noch auf die folgende Inspiration hinber. Die Erscheinungen sind denen, welche Krn eck er und Mar ckwald an Tieren, deren Medulla oblongata vom Hirn abgetrennt war, beobachteten, sehr analog; hier bcAvirkten auch einzelne Indukti- onsschlge auf die Vagi angewandt whrend der Exspirationsstel- lung eine Inspiration, Avhrend der Inspiration eine Exspiration. Die Selbststeuerung der Atmung durch den Nervus vagus wrde, wenn weitere Untersuchungen diese Angaben besttigen, nicht nur darauf beruhen, dass die Ausdehnung der Lungen solche Vagusfasern reizt, welche die Exspiration frdern, das Zusammensinken derselben solche, welche die Inspiration anregen, sondern auch darauf, dass das Centrum, whrend es ttig ist, durch Reizung, die ihm der Vagus zufhrt, zur Ruhe gebracht, whrend der Ruhe aber durch dieselben Reize umgekehrt zur Ttigkeit angeregt wird. Die Angaben von Bubnoff und Heidenhain ber Hemmung und Erregung der Rin- dencentra des Gehirns, die allerdings nicht ohne Anfechtung geblie- ben sind, wrden gestatten die am Vagus gemachten Beobachtungen auf eine allgemeine Eigenschaft nervser Centra zurckzufhren, der 1) In einem am 6. Februar in der physikalisch -niedicinischen Gesellschaft zu Erlangen gehaltenen Vortrage habe icli nachgewiesen, dass diese Lehre des Herrn Gad unlialtbar ist. Der Bericht ber meine desfallsigen Versuche wird demnchst vertfeutliclit werden. J. Roseuthal. Zuntz, Innervation der Atmung. 187 zufolge direkte oder dnreli sensible Nerven vermittelte Reizung' des ruhenden Organs Thtigkeit bewirkt, whrend Reizung des ttigen hemmend wirkt. Wenn Wedenskii auf Grund seiner Versuche ge- neigt ist, nur eine Art von Vagusfasern anzunehmen, deren Wirkung von dem momentanen Zustande des Centrums abhngt, so htte er zeigen mssen, wie dies mit der vielfach besttigten Entdeckung von Breuer und Hering in Einklang zu bringen ist. B. und H. fanden ja, dass, unabhngig von der herrschenden Atemphase, Ausdehnung der Lunge einen exspiratorischen. Zusammenfallen derselben einen inspiratorischen Reiz durch die Bahn des Vagus zum Centrum leitet. Auch Kandarazki (9) tritt fr die Gegenwart exspiratorischer Fa= Sern im Vagusstamme auf. Der Husten nach Reizung der untern Hlfte der Luftrhre wird durch diese Fasern vermittelt. Unsere Kemitniss der die Atmung reflectorisch beeinflussenden Nervenbahnen hat John Campbell Graham (5) auf Veranlassung Pflger's durch L'ntersuchung der AVirkungen des centralen Splanchnicus- stumpfes erweitert. Sclnvache Reizung dieses Nerven vermindert die Zahl der Atemzge, strkere lsst sie im Zustande strkster Exspi- ration stille stehen. Nicht nur das Zwerchfell geht in uerste Ex- spirationsstellung; auch die Bauchmuskeln als Exspiratoren contra- hiren sich stark. Durchschneidung der Vagi und Sympathici am Halse lsst die Erscheinung noch deutlicher hervortreten. Nach Abtrennung des Hirns von der Medulla, sowie nach Durchschneidung der letztern zwischen 11. und 12. Dorsalwirbel bleibt die Wirkung der Splanchnici unverndert; sie hrt auf, wenn die Marktrennung zwischen 4. und 5. Dorsalwirbel geschieht. Unterhalb dieser Grenze treten also die wirksamen Fasern in das Rckenmark ein und verlaufen darin auf- wrts zu den Atemcentren. Eine in den letzten Jahren viel untersuchte pathologische Vern- derung der Atmung ist das von Traube sogenannte Cheyne-Sto- kes'sche Phnomen. Es gewinnt allgemeineres Interesse, weil seine Erklrung mit den Vorstellungen, welche war uns von dem Zustande- kommen der normalen Atemrhythmik zu machen haben, aufs Innigste zusammenhngt. Saloz (8) besteht gegenber manchen neuern Autoren darauf, als Cheyne-Stokes'sche Atmung nur jene Flle zu bezeichnen, bei denen regelmig Perioden der Apnoe mit solchen, in welchen geatmet wird, abwechseln. Die Lnge der Pausen wie der Atemperioden wechselt sehr. Im Durchschnitt von 58 Beobachtungen dauerte die erstere 22", die letztere 36". Die Atmungen beginnen stets flach, steigern sich bis zur hchsten Dyspnoe und nehmen dann stufenweise bis zum Erlschen ab, Traube hat erkannt, dass allen das Phnomen herbeifhrenden Erkrankungen, Herzfehlern, Raumbeengungen in der Schdelkapsel, Nierenerkrankuugen , dieselbe nhere Ursache, erheblich geschdigte [p,^ Ziintz, Innervation der Atmung. Erregbarkeit des Atcmcentrunis , zu Grunde liegt. In der Polemik, welche sich im Ansehhiss an die von Traube aufgestellte Erklrung zwischen diesem und Filehne entspann, entwickelte der letztere klar die mglichen Ursachen der periodischen Atmung: entweder nmss die Erregbarkeit des Atemcentrums, oder die Gre der dasselbe treffen- den Reize periodisch auf- und abschwanken. Filehne suchte die letztere Mglichkeit als bei dem Phnomen realisirt darzutun. Er ging dabei von der Tatsache aus, dass Abschneiden der Blutzufuhr das Atemcentrum ebenso erregt, wie Zunahme der CO2 resp. Ab- nahme des im Blute. Da nun F. bei Cheyne-Stokes'scher Atmung die Arterienspannung derart schwanken sah, dass sie gegen Ende der Pause anstieg und mit dem Maximum der Dyspnoe am strksten war, suchte er den Grund der Periodicitt darin, dass das Gefcentrum weniger stark in seiner Erregbarkeit herabgesetzt sei, als das Atemcentrum. Der Atemstillstand fhrt zu einer CO, Anhu- fung im Blute, ehe diese aber eine zur Erregung des darnieder lie- genden Atemcentrums gengende Hhe erreicht hat, reizt sie bereits das Gefcentrum. Die von diesem gesetzte Arterienverengerung be- schrnkt die Blutzufuhr zur Medulla. Dies letztere Moment, sich mit dem Reiz der aufgehuften CO2 verbindend, bringt endlich Atembe- wegungen zu Stande, die eine Zeit lang mit zunehmender Gefver- engung intensiver werden. Der CO2 Gehalt des Bluts sinkt aber durch die energische Lftung, der Gefkrampf lsst nach und in dem jetzt reichlich mit arterialisirtem Blute durchstrmten Atem- centrum sinkt der Reiz gradatim bis unter den zur Auslsung der Bewegung ntigen Wert neue Pause ^). Saloz sucht nachzu- weisen, dass in vielen Fllen die klinischen Symptome des Phno- mens nicht mit Filehne's Theorie zusammenstimmen, auch scheinen ihm die bei Tieren experimentell durch periodischen Verschluss der Hirnarterien, sowie durch Morphiumvergiftung hervorgerufenen Atem- formen nicht ganz gleichartig zu sein mit dem klinischen Phnomen, Er tritt der Erklrung bei, deren Berechtigung Sokolone und L u c h s i n g e r (Zur Lehre vom C h e y n e - S t o k e s'schen Phnomen, Pflger's Arch. XXIII S. 283) durch Experimente ber die Atmung der Frsche nach Abklemmung der Aorta, also vollkommenem Aus- schluss der Circulation erwiesen haben, dass nmlich ein erschpftes Centrum, wenn in ihm nach lngerer Ruhe die Erregbarkeit soweit AAaeder angewachsen ist, dass eine schwache Ttigkeit stattfindet, durch diese Ttigkeit selbst anfangs an Erregbarkeit gewinnt, bis dieselbe ein Maximum erreicht und wieder absinkend nach einiger 1) Ref. mchte an dieser Stelle erinnern, dass er frher (P fl g e r's Arch. XVII) darauf hingewiesen hat, dass viele Grnde dafr sprechen, dass wh- rend der dyspnoischen Blutdrncksteigerung die Gefe des Centralnerven- systems, wie die mancher anderer Krperregiouen, nicht verengt, sondern erweitert sind. Zuiitz, Innervation der Atmung. 189 Zeit durch die Erindiuig unter den Scliwellemvert zurckgeht. Eine Erlihung' der Reizbarkeit durch vorausg-eg-angene Reize ist, wie S. und L. hervorheben, schon an vielen nervsen Apparaten demonstrirt worden, speciell flir die Atmung haben Kronecker und Marck- wald nachgewiesen, dass bei Reizung der abgetrennten Medulla oblong. durch seltne gleich starke elektrische Schlge jeder folgende Reiz eine strkere Atmung ausKist als der vorhergehende, bis ein gewisses Maximum erreicht ist. [Der gewhnliche Wechsel von Schlaf und AVachen bietet fr das gesamte Nervensystem eine sehr interessante Analogie. Die Er- regbarkeit erreicht erst nach lngerm Schlaf ihr Minimum , trotzdem die Spannkrfte dann doch schon gewachsen sein mssen und umge- kehrt gelangt sie nicht im Momente des Erwachens, sondern erst nachdem schon eine Anzahl Reize im wachen Zustande eingewirkt haben, auf ihr Maximum. Vgl. Pflg er, Theorie des Schlafes, sein Arch. X. S. 468.J Saloz acceptirt zwar die Theorie von Luch sing er, doch ist es ihm bei Wiederholung der Experimente nicht geglckt typische Cheyne-Stokes'sche Atmung bei Frschen zu erzielen. Dem ge- genber fand 0. Langendorff im Verein mit Sieb er t (1) nach Abklemmung des Aortenbulbus regelmigen Wechsel von Pausen und Atemperioden. Die letztern begannen oft mit flachen Atemzgen, die sich allmhlich vertieften und ebenso nach Erreichung des Maxi- mums typisch wieder abfielen. Den systolischen Herzstillstand durch Digitalin fand Langendorff (2) von gleicher Wirkung wie die Aortenklemme. Muscarin erzeugt, auch wenn seine Herzwirkung durch Atropin gehindert wird, periodische Atmung, dieselbe ist also Folge direkter Wirkung des Gifts auf das Atemcentrum. Bei Beurteilung dieser Versuche sind die Angaben von Wedens- kii (7), welcher schon in der Atmung normaler Frsche periodische Schwankungen beobachtete, zu bercksichtigen. Er findet, dass sich meist drei Atemformen in regelmigen Perioden ablsen: 1) Gleich- mige Ex- und Lispirationen mit den letztern folgenden Pausen. 2) Einpumpende Bewegungen. 3) Entleerende d. h. solche mit Vor- wiegen der In- resp. Exspirationen. Das Studium der Nerven Wir- kungen ergab, dass Reizung der Lungenste des Vagus die Exspira- tion frdert, ihre Durchschneidung, oder andre Maregeln, welche die Erregung hindern, zu starken einpumpenden Bewegungen fhren. Auf eine Giftwirkung der im Blute aufgehuften Stoffwechsel- produkte hatte Cuffer das Auftreten des Cheyne-Stokes-Phno- mens bei Urmie beziehen wollen. Seine Angabe, dasselbe durch Einspritzung von kohlensaurem Ammoniak resp. von Kreatin in die Venen experimentell erzeugen zu knnen, wird von Saloz auf Grund eigner Versuche und der Analyse von Cuffer's Atemkurveu bestritten. N. Zuiitz (Berlin). 19 Soxlilet, Fettbildmig- im Tierkiper. F. Soxhlet, Versuche ber die Fettbildiing im Tierkrper. Mitteilung der k. landw. Ceutralversnclisstation fr Bayern in der Zeitschrift des landw. Vereins in Bayern. August 1881. Die Frage der Fettbildmig- im Tierkrper schien bis vor Kurzem durch C. Voit's Versuclie endgiltig- gehist zu sein. Darnach entsteht Krperfett einmal aus dem Nahrungsfett und dann aus dem stick- stofffreien Paarung der zersetzten Eiweikrper. Die Kohlehydrate, die man frher als Fettbildner ansah, haben nach der von C. Volt vertretenen Anschauung nur die Aufgabe die Ablagerung von Fett zu begnstigen, indem sie schon in der Blutbalm sich oxydiren und so einen Teil des Sauerstoffs in Beschlag nehmen, der bei Abwe- senheit von Kohleh3'draten zur Oxydation des aus der Nahrung aufgenommenen und des aus zersetzten Eiweikrpern entstandenen Fettes verwendet worden wre. Man dachte sich also, dass die Kohle- hydrate dieses Fett vor der Oxydation schtzen und somit dessen Ansammlung ermglichen. In neuester Zeit sind aber wieder Stimmen laut geworden, welche fr die pflanzenfressenden Haustiere, imd insbesondre fr das Schwein, die unmittelbare Fettbildung aus Kohlehydraten behaupten. W. H e n - neberg erklrte 1876 auf der Naturforscher- Versammlung zu Ham- burg: dass er mit Dr. Gilbert-Rothamster die Fettbildung aus Kohlehydraten bei Schweinen nicht bezweifle. Aber auch bei den brigen Tieren werde man mutmalich ber kurz oder lang nicht umhin knnen, die Kohlehydrate in ihr altes echt wieder einzu- setzen, denn es liege bereits eine Reihe von Versuchen vor, bei denen die beobachtete Fettbildung ganz hart an die Grenze der aus den vorhandenen Fett- und Eiweistoffen berhaupt mglichen streife." Zu diesen Versuchen gehren auch die von Weiske und Wildt (Zeitschrift f. Biologie X. 1), die den Beweis zu fhren suchten: dass das in ihrem Versuchs -Schweine gebildete Fett allein aus den Fett- und Eiweikrpern des verdauten Futters (durch 2 Monate Roggen- kleie und Strke, durch 4 Monate Kartofl'eln) entstehen konnte. Soxhlet verweist aber in vorliegendem Aufsatze auf die Untersu- chungen von E. Schnitze und Barbieri, nach welchen von dem Gesammtstickstoff der Kartoft'eln mindestens 35 und hchstens 52,6 /o auf nicht eiweiartige Verbindungen (Amide u. a.) fallen. Die mit Bercksichtigung dieser Tatsache von Soxhlet ausgefhrte Berech- nung des aus den Eiweikrpern der Kartoft'eln mglicherweise ent- standenen Fettes ntigt auch in dem Versuche von Weiske und Wildt die Beteiligung der Kohlehydrate bei der Fettbildung anzu- nehmen. Zur Beantwortung der noch offnen Frage ber den Ursprung des Fetts im Tierkrper hat Soxhlet vorliegenden, nach jeder Richtung umsichtigen Versuch nach folgendem Plane ausgefhrt. Von drei Soxhlet, Fettbildimg im Tierkrper. 191 vollkommen ausgewachsenen, g-leicli alten mid schweren^ von Jugend auf gleichmig ernhrten und im mittlem Ernhrungszustnde be- findlichen Sclnveinen sollte eines geschlachtet und dessen Gehalt an Wasser, Eiwei, Fett und Asche bestimmt werden. Die zwei andern Schweine sollten lngere Zeit mit einem Futtermittel ernhrt werden, das sehr arm an EiAvei und Fett, aber reich an Strke und frei von Amidverbindungen sei. Die hiernach geschlachteten Tiere sollten wie das erstgeschlachtete Schwein untersucht werden. Die Menge der verdauten Stoft'e war durch die Analyse des Gesammtkothes zu be- stimmen. Als ein den gestellten Anforderungen in Allem entspre- chendes, wenn auch als Viehfutter sonst nicht anwendbares Futter- mittel, wurde der Reis (italienischer sog. Glacereis) erwhlt. Die drei Schweine (verschnittene mnnliche Tiere der mittel- groen weien Yorkshirerasse) standen am I.Juni 1880 im Alter von 5 Monaten und 12 bis 20 Tagen und sie wogen 58.75 bis 60.25 k. Bis zum 17. April 1881 (Periode des Vorversuchs) verzehrte jedes Schwein 446.5 k Gerste und 10 k Reis (lufttrocken) und die nun- mehr 16 Monate und 14 22 Tage alten Schweine wogen 96.60 bis 99.60 k. Der eigentliche Versuch mit ausschlielicher Reisftterung begann am 23. April. An diesem Tage wurde auch Schwein I ge- schlachtet. Die beiden andern Schweine verzehrten tglich im Durch- schnitt Nr. II 1.606 k wasserfreien = 1.9 k lufttroekneu Reis III 1 674 19^ und im Ganzen whrend des Versuches Schwein 11 in 75, Schwein TU in 82 Tagen: Nr. II. Nr. in. Trockensubstanz 120.5 k 137.3 k Proto'in 9.929 11.314 Fett 0.300 0.343 Strke 106.040 120.824 Asche 0.795 0.906 Das Lebendgewicht hatte sich whrend des Versuchs erhht: bei Schwein II von 99.60 auf 138.67 k, bei Schwein III von 96.60 auf 135.36 k. Unter der Voraussetzung, dass die drei Schweine zu Beginn des Reisftterungsversuches gleich zusammengesetzt waren , berechnete Soxhlet aus der Differenz zwischen der dem geschlachteten Schweine I gleichen Zusammensetzung der Schweine II und III zu Anfang des Versuchs und der Zusammensetzung der letztern zu Ende des Ver- suchs die Menge Fett, Eiwei u. s. w. , die whrend des Reisft- terungsversuchs in Schwein II und III angesetzt wurde. Aus dieser Berechnung mgen hier nur die den Fettansatz betreffenden Zahlen Raum finden. 192 Classeii, Quantitative Analyse auf elektrischem Wege. Nr. IL Nr. III. Fett angesetzt 10.082 k 22.180 k in die Nahrung- aufgenommen 0.300 0.340 neu gebildet ~9J82T 21.840 Stickstoff verzehrt 1.589 1.810 im Koth ausgeschieden 0.148 0.213 verdaut " 1.441 1.597 im Krper angesetzt 0.887 0.450 Differenz zwischen verdaut u. angesetzt 0.554 1.147 Letztere Stickstoftmenge als im Krper zersetztes Eiwei berechnet ( X 6.25) 3.462 7.169 Zersetztes Eiwei kann Fett liefern ( X 51.4) . . 1.779 3.685 Die aus Eiwei mgliche Fettmenge betrgt Pro- cente der im Krper neu gebildeten 18.2 16.9 Hiernach wrde sich ergeben; dass bei beiden Versuchsschweinen das Eiwei der Nahrung bei Weitem nicht fr die Lie- ferung des neu gebildeten Krperfetts ausreichte; es wurde 5 6nial mehr Fett neu gebildet, als aus Eiwei htte entstehen knnen. M. Wilckens (Wien). A. Classen (Aachen), Quantitative Analyse auf elektrolytischeni Wege. Fr Unterriclitslaboratorieu, Chemiker und Httenmnner. Nach eignen Methoden. Aachen, 1882. J. A. Mayer. 52 Seiten mit vielen Abbildungen. Die Methoden zur Bestimmung anorganischer Stoffe durch Elektrolyse haben sich durch die genauen Eesultate , welche sie bei kurzem Zeitaufwande liefern, schnell Eingang verschafft. Allerdings lie sich der galvanische Strom bisher beinahe ausschlielich nur zur quantitativen Abscheidung einzelner Stoffe, nicht zur quantitativen Trennung von Gemischen mehrerer Kr- per benutzen. Diese Schwierigkeit wird berwunden, wenn man eine vom Verf. erdachte und auf das genaueste ausgearbeitete Methode zur Trennung von Eisen, Kobalt, Nickel, Mangan, Zink und Thonerde als Oxalate der Elektro- lyse vorausschickt'). Die vorliegende kleine Schrift beschreibt in gedrngter Krze die vom Verfasser fr die Elektrolyse benutzten Apparate, welche durch Abl)ildungen veranschaulicht werden. Dann folgen kurze Angaben ber die Anwendung der ingenisen Methoden bei der Analyse von Legirungen und Mineralien. Ein alphabetisches Register erleichtert den Gebrauch der Abhandlung, welche eine Avesentliche Bereicherung und Vereinfachung niineral-analytischer Methoden an- bahnen wird. Th. Weyl (Erlangen). 1) Vergl. Zeitschr. f. analyt. Chemie 1879, 175 fg., auch ausfhrlicher: Ueber eine neue quaut. Methode von vielfacher Anwendbarkeit. Einsendungen fr das Biologische Centralblatt" bittet man an die j^daktiou, Erlangen, physiologisches Institut'* zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Druck von Junge & Sohn in Erlangen, Biologisches Centmlblatt unter Mitwirkung von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummern von je 2 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 16 Mark. Zu bezieben durch alle Buchhandlungen und Postaustalten. IL Band. i. Juni 1882. Nr. 7. Inhalt: Graf zu SollllS-Lailbach, Die Herkimft, Domestication und Verbreitung des gewhnlichen Feigenbaums. Saleusky, Beitrge zur Entwicklungsgeschichte der Anneliden. Joi'dau, Ziun Vorkommen von Landschnecken. Holl, Ueber den Verschluss des mnnlichen Beckens. Kuuigstcin , Ueber die Nerven der Sclera. Beneke, Zur Entdeckung des Cholesterins in Ptianzenzellen. H. Graf zu Solms-Laubach, Die Herkunft, Domestication und Verbreitung des gewhnlichen Feigenbaums. (Ficus Carica L.) 4. 106 S., mit 1 Holzschnitt. Gttingen 1882. Dieterich'sche Verlagsbuch- handlung. Der gewhnliche Feigenbaum, Ficus Carica L., gehrt zu jenen uralten Kulturpflanzen, ber deren Herkunft und Domestication nur indirekte Schlsse mglich sind. Schon in den ltesten Zeiten, bis zu welchen geschichtliche Berichte zurckreichen, war in dem kulti- virten Feigenbaume eine solche Umbildung seiner Befruchtungsorgaue vor sich gegangen, dass die dem wilden Feigenbaume, dem sogenann- ten Caprificus zu teil werdende natrliche Befruchtung bei ihm zur Unmglichkeit geworden war, und dass man ihn durch knstliche Einwirkung, mittels des Caprificus, zur Fruchtbildung anzuregen sich gewhnt hatte. Ueber die Handhabung und Wirkungsweise dieser knstlichen Einwirkung, der sogenannten Caprification , finden sich daher in der Literatur aller mit der Feigenkultur vertrauten Vlker des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit mannigfache mehr oder weniger eingehende Angaben. Diese stehen aber mit einander vielfach in Widerspruch und lassen manche der nchstliegenden Fra- gen unberhrt, so dass bis in die neueste Zeit nicht nur ber die Caprification, sondern auch ber die natrliche Befruchtung der Fei- gen eine groe Unsicherheit und in mancher Beziehung ein vlliges Dunkel geherrscht hat. Zur Zerstreuung dieses Dunkels hat sich nun der Verfasser der 13 194 Solms-Laubacli, llerkimft u. s. w. des gewhnliclieu Feigeubaums. vorliegenden Ahliandhing- nicht nur den ausgedehntesten Literatur- studien unterzogen; in welchen ihm von allen Seiten Rat und Beihlfe hervorragender Philologen und Historiker zu teil geworden ist, er hat sich auch Jahre lang durch eigene Untersuchungen an Ort und Stelle (bei Neapel) mit der Befruchtung und Caprification der Feige nher bekannt gcmaclit. Der rhmlichst bekannte Zoolog Dr. Paul Mayer an der zoologischen Station zu Neapel, welcher ihm anfangs nur als zoologischer Beirat diente, hat sich alsbald durch den Gegen- stand derart gefesselt gefunden, dass er die genauere Untersuchung der bei beiden Vorgngen ttigen Insekten bernommen hat; beide Forscher haben auch aus fernen Lndern, namentlich aus China durch Dr. B r e t s c h n e i d e r in Peking, aus Afrika durch Dr. S c h w e i n f u r th in Kairo, aus Sdbrasilien durch Dr. Fritz Mller in Blumenau, reiches Untersuchungsmaterial mitgeteilt erhalten. Wir haben daher demnchst eine reiche Flle neuer Aufschlsse ber die Biologie der Feigen zu erwarten, und wenn jede der etwa 800 Ficusarten, wie es vermutlich der Fall sein wird, von eigentmlichen Wespenarten be- wohnt ist, so drfte der biologischen Forschung binnen Kurzem ein unabsehbar reiches neues Gebiet sich erschlieen. Vorlufig bleibt indess unser Literesse noch dem gewhnlichen Feigenbaume zugewandt. Die Verschiedenheit der Gesichtspunkte, die sich den beiden oben genannten Forschern bei ihren Untersuchungen ber denselben ergeben haben, hat dieselben bestimmt, fr die Ver- ffentlichung den Stoff zu zerlegen. Die vorliegende Abhandlung als die erste der in Aussicht genommenen ist von vorwiegend kulturhisto- rischem Literesse; denn ihr ausgesprochenes Ziel ist, mit Hilfe der durch die Caprification gegebenen Anhaltspunkte der Entstehung der domesticirten Kassen des Feigenbaums und den Wegen, die deren Verbreitung genommen hat, nher zu treten". Gleichzeitig finden wir aber in dieser Abhandlung eingestreut hinreichend eingehende Be- merkungen ber die Befruchtungsverhltnisse des wilden und zahmen Feigenbaums, um uns aus denselben, wenn wir sie zusammenstellen und allseitig erwgen, von den Wechselbeziehungen zwischen den Feigen und ihren Kreuzungsvermittlern ein bestimmtes Bild entwerfen zu knnen. Eine Schilderung dieser Wechselbeziehungen drfte des- halb hier um so mehr am Platze sein, als dieselben zu den innigsten und eigenartigsten gehren, die zwischen Blten und Lisekten ber- haupt vorkommen; denn, soweit bis jetzt unsere Erfahrung reicht, lassen sich ihnen einzig und allein die erst vor einigen Jahren von Biley entdeckten Wechselbeziehungen zwischen Yucca und der Yucca- motte (vgl. Justs' bot. Jahresbericht 1873. S. 376) als ebenbrtig au die Seite stellen. Was nun die Befruchtungsweise des wilden Feigenbaums, des sogenannten Caprificus, betrifft, so ist derselbe vor allem dadurch merkwrdig, dass er jhrlich dreimal jene in sich geschlossenen, Solms-Laubach, Herkunft u. s. w. des gewhnlichen Felgenbaums. 195 hohlen Bltenstnde, die Avir Feigen nennen, hervorbringt. Diese drei Bltenstaudgenerationen sind so ausgeprgt proterogynisch, dass sich in ihnen zunchst nur weibliche und erst einige Monate spter mnn- liche Blten zur Funktionsfhigkeit entwickeln; diese lsen einander in der Weise ab, dass der Baum das ganze Jahr hindurch niemals ohne Feigen bleibt. Mit dem zweiten mnnlichen Stadium der einen Generation fllt nmlich jedesmal das erste weibliche Bltenstadium der nchstfolgenden Generation zusammen, so dass auf die Narben einer jeden Generation nur Pollen der vorhergehenden Generation bertragen werden kann. Diese Uebertragung erfolgt durch die Ver- mittlung einer seit uralter Zeit bekannten kleinen Wespe, die Linne zu den Gallwespen zhlte und Cynips Psenes nannte, whrend sie jetzt zur Familie der Chalcididae gerechnet und Blastophaga gros- soruni Grav. genannt wird. Wenn die Feigen irgend einer der drei Generationen ihren zweiten, mnnlichen Bltenzustand erreicht ha- ben, was unmittelbar vor ihrer Reife geschieht, schlpfen jedes- mal die Blastophagaweibcheu pollenbehaftet aus ihnen heraus, schwrmen umher, um junge im weiblichen Bltenzustand befindliche Feigen der nchstfolgenden Generation aufzusuchen, dringen durch das um diese Zeit offene Auge" {osUoliim) in dieselben ein und legen in ihnen ihre Eier ab, whrend sie zugleich als Uebertrager des Bltenstaubes dienen. Die aus den Eiern kommenden Blastophaga- larven entwickeln sich dann wieder gleichzeitig mit den mnnlichen Blten der Feige, in der sie sich selbst entwickeln, zur Reife, so dass sie wieder pollenbehaftet aus dieser ausschlpfen knnen und so fort. In jeder neuen Feigengeneration entwickelt sich also eine neue Generation von Feigenwespen; merkwrdigerweise bringt aber nur eine der drei alljhrlich sich wiederholenden Feigengenerationen Feigensamen zur Ent^^^cklung. Wir haben also hier das bis jetzt einzig dastehende Verhltniss, dass von den aufeinanderfolgenden BlUtengeuerationen einer Pflanze zwei jedesmal ausschlielich der Fortpflanzung des Kreuzungsvermittlers dienen und erst die dritte neben einer neuen Generation des Kreuzungsvermittlers auch Samen, welche die Pflanze selbst fortpflanzen, erzeugt. Nach dieser allgemeinen Orientiruug werden nun auch die fol- genden genauem Angaben leicht verstndlich sein: Bei Neapel erreichen die Feigen der ersten Generation (mamme" genannt) ihren mnnlichen Bltenzustand und ihre Fruchtreife im April, die der zweiten Generation (profichi") erreichen beides im Juni, die der dritten (mammoni") im August bis September. An demselben Baume befinden sich daher gleichzeitig mit den reifenden Feigen: im April die jungen, im weiblichen Bltenzustand befindlichen Feigen der zweiten Generation (die sptem profichi"), im Juni die der dritten Generation (die sptem mammoni"), im August bis Sep- tember endlich die der ersten Generation des nchstfolgenden Jahres, 13* 196 Solms-Laubach, Herkunft u. s. w. des gewhulichen Feigenbaums. welche nach ihrer Ueberwinterung am Baum, im nchsten Frhjahr als mamme" reifen. Whrend in den jungen Feigen die weiblichen Blten den grten Teil ihrer innern Flche bedecken und bereits empfngnissreif sind, ist der vordere Teil derselben Feigen noch in voller Entwicklung begriffen und die mnnlichen Blten werden auf demselben eben erst angelegt. Das Auge" (ostiolum) der Feige ist um diese Zeit geffnet. Durch dasselbe dringen nach einigem Um- herschwrmen mit groer Anstrengung die Blastophagaweibchen ein, welche im befruchteten Zustand aus den gleichzeitig reifenden Feigen der vorhergehenden Generation ausgeschlpft sind. Beim Eindringen lassen sie ihre Flgel meist zwischen den fest aneinanderschlieenden Schuppenblttern des Auges sitzen. Sie belegen nun zahlreiche junge Fruchtknoten mit ihren Eiern, indem sie jedesmal den Griffel durch- bohren und durch den Bohrkanal ein Ei an eine bestimmte Stelle zwischen Knospenkern nnd Knospenhlle in das Samenknspchen hineinschieben. Alsdann gehen sie in derselben Feige, der sie ihre Nachkommenschaft anvertraut haben, zu Grunde. Die von ihnen an- gestochenen Blten schwellen infolge des Stichreizes, gleich Pflanzen- gallen, rasch an, und in ihrem Ovarium entwickelt sich nun statt eines pflanzlichen Embryo ein tierischer. Kurz vor dem Reifen der Feige kriechen dann in derselben, neben mit langem Legestachel ver- sehenen, rostroten lehn eumoni den, in groer Zahl die flgellosen gelben Mnnchen und die geflgelten schwarzen Weibchen der Blasto- phaga aus; letztere dringen, nachdem sie befruchtet worden sind, aus dem Auge der Feige heraus, schwrmen umher, um junge Feigen der nchstfolgenden Generation aufzusuchen und in deren junge Ova- rien ihre Eier abzulegen und so fort. So tritt mit jeder neuen Feigen- generation, im ganzen also dreimal im Jahre, eine neue Feigenwespen- generation ins Leben. Die mnnlichen und weiblichen Blten der Feigen aber, auf deren Kreuzung durch Vermittlung der Feigenwes- pen die geschlechtliche Fortpflanzung des Feigenbaums beruht, kom- men nur ein einziges mal im Jahre, bei Neapel im Juni, zur vollen, zu Samenbildung fhrenden Entwicklung. Um diese Zeit bedeckt sich in den Feigen der zweiten Generation (profichi") kurz vor de- ren Reife die Lmenwand in der Nhe des Auges mit einer breiten Zone von mnnlichen Blten, und whrend die Wespen dieser Feigen auskriechen, springen gleichzeitig die Antheren derselben Feigen auf und entlassen ihren weilichen Pollen, so dass die neu ausgekrochenen Blastophagaweibchen mit demselben dicht bepudert werden, bevor sie die profichi", in denen sie sich entwickelt haben und befruchtet worden sind, verlassen. Wie wir bereits wissen, begeben sich die den profichi" entstammenden Blastophagaweibchen in die jungen mammoni", behafteu deren Narben mit Pollen und belegen einen groen Teil der jungen Fruchtknoten derselben mit ihren Eiern. Nur von den unangestochen gebliebenen Fruchtknoten der mammoni" Solms-Laubach, Herkunft u. s. w. des gewhnlichen Feigenbaums. 197 entwickeln sieh einzelne zu Samen. In den mamme" und profichi" gelangen auch die unangestocheu geblichenen weiblichen Blten nicht zu weiterer Entwicklung, sondern verkmmern alsbald gnzlich wobei es zunchst unentschieden bleibt; wie weit ihr Fehlschlagen vielleicht durch ihre eigene schwchlichere Entwicklung oder durch ihre mangelhaftere Bestubung bedingt ist. Auch in den mammoni" und mamme" kommt es nmlich zwar gegen die Reifezeit hin zur Ausbildune: mnnlicher Blten an der Innenflche des Bltenstandes in der Nhe des Auges, in den mammoni" finden sich dieselben aber nur sehr viel sprlicher vor als in den profichi", und in den mamme" treten sie entweder nur ganz vereinzelt auf oder fehlen gnzlich. Einzig und allein in den profichi" entwickeln sich gleichzeitig in den angestochenen Ovarien die tierischen Embryonen zu Feigenwespen, in unangestocheu gebliebenen Ovarien die pflanzlichen Embryonen zu Feigensamen. Beim zahmen Feigenbaum haben sich durch den Anbau die Blten derart verndert, dass die soeben beschriebene natrliche Be- fruchtung bei ihnen unmglich ist. In seinen weiblichen Blten sind nmlich die Ovarien so umgewandelt, dass die Blastophaga ihre Eier in denselben entweder gar nicht oder doch nicht in normaler Weise abzulegen vermag, und mnnliche Blten kommen in den zahmen Blten berhaupt nur sehr ausnahmsweise und dann stets in mon- strser Beschaffenheit zur Entwicklung. Es fehlt also den zahmen Feigen zur Befruchtung sowol an Bltenstaub als an den natrlichen Uebertragern desselben. Diese zunchst w^ol in unbestimmterer Weise gemachte Erfahrung hat schon in uralten Zeiten zur Caprification der zahmen Feigenbume gefhrt, die bekanntlich darin besteht, dass man reifende wilde Feigen (des Caprificus) an den zahmen Feigenbumen aufhngt, wenn das Auge ihrer jungen Feigen ofi'en, die Narben ihrer weiblichen Blten also empfngnissfhig sind. Die aus den wilden Feigen ausschwrmenden Blastophaga dringen dann in die jungen kultivirten Feigen ein, befruchten sie und bewirken dadurch wahr- scheinlich, dass sie nicht unreif abfallen und rascher reifen. Doch hlt es der Verfasser fr mglich, dass der zahme Feigenl)aum durch den andauernden Anbau im Laufe der Zeit, wenigstens in manchen seiner Rassen, sich so verndert hat, dass er seine Frchte eben so gut auch ohne die gewohnheitsmig weiter ausgebte Caprification zur Reife bringt. Ob er nicht auch ohne Befruchtung (parthenogene- tisch) gute Samen erzeugen kann, scheint ebenfalls noch zweifelhaft zu sein. Hermann Mller (Lippstadt). J98 Salensky, Entwicklungsgeschichte der Anneliden. Beitrge zur Enlwickliingsgeschichle der Anneliden. Von Prof. W. Salensky in Kasan. Die Entwicklung der Anneliden bat grade in neuster Zeit ein groes Interesse erregt, weil man in dieser Gruppe mit gewissem Kecht die Vorfahren der metameren Tiere berhaupt sucht. Unge- achtet dessen, dass die Embryologie dieser Tiere in letzterer Zeit mit einem besondern Eifer untersucht ist, wurde doch der grte Teil dieser Tiergruppe vom Standpunkte der modernen Embryologie bei- nahe gar nicht bearbeitet. Ich meine nmlich die Seeanneliden, deren Eier zu den ungnstigsten Objekten fr die embryologischen Unter- suchungen gezhlt werden mssen. Ich gestatte mir deshalb einen kurzen Bericht ber meine Untersuchungen folgen zu lassen, welche ich whrend der letzten Zeit teils an Secanneliden (auf der zoologi- schen Station zu Neapel), teils an den Eiern von Branchiobdella (in Kasan) angestellt habe. I. Entwicklung der Seeanneliden. Meine Untersuchungen ber die Entwicklung der Seeanneliden beziehen sich auf folgende Arten: Fsi/gniobranchus protensus, Pileo- laria sp., Terehella Meckelii, Aricia foetida, Nere'is cultrifera und Sjpio fuligmosus. 1) Furchung und Keimbltterbildung. Bei allen von mir untersuchten Anneliden durchlaufen die Eier eine inquale Fur- chung, welche endlich zur Bildung der sog. Amphigastrula fhrt. Einzelne Species zeichnen sich durch einige nicht unbedeutende Ver- schiedenheiten in dem Verhalten der Ektodermzellen bei der Bildung der primitiven Nahrungshhle aus. Bei Spio ftdiginosus , wo ich die ersten Furchungsstadien am genauesten zu beobachten im Stande war, teilt sich das Ei in zwei ungleiche Hlften, welche die ersten Mikro- und Makromeren darstellen. Bemerkenswert ist, dass vor der Teilung auf der Oberflche des Eies immer sehr lebhafte Protoplasmabewe- gungen zum Vorschein kommen ; das Protoplasma treibt lappenfrmige, glashelle, pseudopodienhnliche Fortstze hervor, welche whrend der ganzen Teilung ihre Form wechseln und schlielich, nach vollen- deter Teilung, an der Peripherie eingezogen werden. Das erste Furchungsstadium dauert ungefhr 20 Minuten, und man kann wh- rend dieser ganzen Zeit die eben erwhnte Bewegung ununterbrochen beobachten. Das folgende Stadium dauert nur ungefhr 4 Minuten und besteht in der Teilung eines jeden von den gebildeten Blastomeren wieder in zwei Teile, von denen die Abkmmlinge der Mikromeren einander gleich, die der Makromeren ungleich sind. Der grere von den letztern bleibt whrend einer langen Reihe von Stadien ungeteilt und stellt wahrscheinlich das Entodermblastomer dar ; Avas den klei- nern anbetrifft, so konnte ich sein weiteres Schicksal nicht genau ver- folgen, es scheint mir aber, dass er die erste Anlage des Mesoderms Salensky, Eiitwicklmigsgesclchte der Anneliden. 199 bildet, also das erste Mesoblast reprseiitirt. Die weitern Fnrclmngs- stadieu bestehen in der schon vielmals beschriebenen, epibolischen Umwachsiing der Eutoblasten, welche schlielich zur Bildung der Amphig-astrula fhrt. In einer hnlichen Weise geht auch die Furchung bei Terehella Meckelu und Aricia foetida vor sich, wo sich ebenfalls ein greres Entoblast bildet, welches von den Mikromeren (Ektoblasten) umwachsen wird. Erst wenn die Umwachsung ungefhr 2/3 der Oberflche des Eies erreicht, tritt die Teilung des Entoblastes (der Makromere) auf. Etwas anders verhlt sich die Furehung bei den brigen zwei von mir untersuchten Anneliden : Fsygmohrfmchus protensns und Nere'is citltr/fera, zu denen noch FUeolarin sp. gezhlt werden kann. In den Eiern von PsygmohrancJms und Nere'is kann man schon vor der Fur- chung ganz deutlich den protoplasmatischen Teil von dem deutoplas- matischen unterscheiden. Die beiden ersten Furchen, welche in meri- dionaler Richtung gehen, treffen beide Teile, infolge dessen sich das Ei in zwei resp. vier Furchungskugeln teilt, von denen jede aus einer protoplasmatischen (animalen) und einer deutoplasmatischen (vegeta- tiven) Hlfte besteht. Die folgenden Furchen (quatoriale) trennen die vier kleinen protoplasmatischen Furchungskugeln (Mikromeren) ab, deren Abkmmlinge von nun ab die vier grern deutoplasmati- schen Mikromeren zu umwachsen beginnen. Diese Zellen beteiligen sich hauptschlich au der Bildung des Ektoderms, welches aber nicht ausschlielich von ihnen gebildet wird. Dabei nehmen auch die groen Zellen Anteil, indem von den protoplasmatischen Hlften derselben sich immerfort Zellen abtrennen, welche sich den Abkmmlingen der Mikromeren beimischen. Das Mesoderm erscheint (bei Fsygmobranchus) in Form von zwei Urmesoblasten, die von Ektodermzellen umwachsen werden und am Rande des Blastoporus liegen bleiben. 8ie teilen sich ziemlich frh der Quere nach und stellen schon vor dem Blastoporschluss die An- lagen der zwei Mesodermstreifen dar. In beiden Fllen (bei Psygmo- branchus wie bei Nere'is) besteht das Entoderm aus \der Zellen, welchen sich durch Teilung einer von den (dorsalen) Zellen eine fnfte noch hinzugesellt. Das Deutoplasma, das die Entodermzellen erfllt, besteht anfangs aus ziemlich kleinen stark lichtbrechenden Dotter- krnchen. Nach dem Schluss des Furchungsprocesses flieen alle Krnchen zusammen und bilden eine groe Oelkugel, welche im Cen- trum jeder Entodermzelle liegt. Die Struktur der dorsalen Entoderm- zelle von PsygmohrancJms verndert sich erst nach ihrer Teilung in zwei Zellen. Die primitiven Entodermzellen von Psygmohranchiis stellen nur einen Teil des ganzen Entoderms dar. Sie bilden nur den dorsalen Teil der Nahrungshhle, whrend die ventrale Wand derselben aus einer neuen Anlage entsteht. Diese geht noch vor der Blastopor- 200 Snlensky, Entwicklungsgeschichte der Anneliden. Schlieung aus dem primren Eiitoderm hervor und erscheint in Form eines Zellenhcaufens auf der ventralen Flche des primitiven Entoderms. Spter wchst dieser Haufen von Entodermzellen (sekundres Ento- derm) nach vorn und hinten und kleidet die ganze Ventralflche der primitiven Entodermzellen aus. Zu dieser Zeit haben sich schon die beiden Wimperringe (der praeorale und der postorale) entwickelt. Zmschen ihnen erscheint auf der Bauchflche der Larve eine kleine dreieckige Grube die Anlage der Mundffnung. Das ventrale Entoderm schickt zu dieser letztem einen Fortsatz, welcher die Anlage des Vorderdarms darstellt. Der Vorder- und Hinterdarm bilden sich beim Psyymohninchus aus dem Entoderm, whrend sie bei einigen andern Anneliden (Nereis) exodermale Bildungen darstellen. Zuerst ist die Anlage des Vorderdarms solid, spter erscheint aber in ihr eine Hhle, welche sich durch die Mundffnung nach auen durch- bricht. Die Bildung des Hinterdarms und der Analftnuug ist der- jenigen des Vorderdarms vollkommen analog. Die Anlage derselben erscheint ebenfalls in Form eines soliden Vorsprungs des sekundren Entoderms, richtet sich nach hinten und ffnet sich durch den Anus auf der Eckenseite des Hinterteils. Das Entoderm von Nere'is cidtrifera zeichnet sich vor dem des Psygmobranchus durch Mehreres aus. Es besteht wie dieses aus vier, und spter, nachdem eine dieser Zellen sich geteilt hat, aus fnf Entodermzellen. Jede Zelle enthlt Deuto- und Protoplasma, letzteres an der Peripherie. Der protoplasmatische Teil jeder Entodermzelle ist schwach pigmentirt und enthlt einen Kern. Die Vermehrung der primitiven Entodermzellen geschieht nicht durch Teilung der proto- plasmatischen Teile, da man immer auf ungeteilte, mehrkernige Ento- dermzellen stt. Die Zahl der Kerne wchst whrend der ganzen Entwicklung; sie sind vom Protoplasma umhllt, liegen um das Deutoplasma herum und stellen mit letzterm das eigentliche Entoderm dar. Spter verwachsen die protoplasmatischen Teile unter einander und begrenzen eine Hhle, welche durch das Auseinanderweichen der Entodermzellen entstanden ist und die Mitteldarmhhle reprsen- tirt. Der Vorder- und Hinterdarm bilden sich als Einstlpungen des Ektoderms, welche am vordem und hintern Teil der Larve, aber nicht gleichzeitig hervortreten. Zuerst stlpt sich der Vorderdarm ein und erst viel spter beginnt die Einstlpung des Hinterdarms. Aus dem soeben Mitgeteilten will ich nur folgende zwei Punkte hervorheben. 1) Der Bildungsmodus des Mitteldarms resp. die Ver- wandlung des mittlem Teils des Entoderms ist bei den von mir un- tersuchten Anneliden (Psi/gniobranchus und Nereis) verschieden und weicht auch von der von Gtte beschriebenen Entwicklung ab. Bei Nere'is Dumenlii soll das Entoderm durch Absonderung der vier groen Entodermzellen entstehen und in Form eines ventralen Zellenstranges erscheinen, whrend die vier und spter fnf groen fetthaltigen Salensky, Entwicklungsgeschiclite der Anneliden. 201 Zellen dorsal und vorwrts gedrngt, wie ein Nalirungsdotter ver- braucht werden" sollen. In dieser Beziehung stimmt Nere'is Du- meril mehr mit Psygmobranchus als mit Nere'is cnltrifera tiberein. Die Entodermzellen von Nereis Dtimen'lii sind dem primitiven Ento- derm des Psygmobranchus vollkommen homolog, unterscheiden sich aber vom letztern dadurch, dass sie eine mehr passive als aktive Rolle bei der Bildung des Darmepithels spielen. Zur Nahrung dient nur der deutoplasmatische Teil der Entodermzellen. 2) Die Bildung des Vorder- und Hinterdarms bietet bei den von mir untersuchten Anneliden bedeutende Verschiedenheiten dar. Bei den einen {Psychmo- branchus, Arlcia) haben sie entodermalen Ursprung, bei den andern {Nere'is) entstehen sie aus dem Ektoderm. Dieser auf den ersten Blick so durchgreifend erscheinende Unterschied ist aber mehr quan- titativ als qualitativ. Damit will ich sagen, dass die entodermale Entstehung des Vorder- und Hinterdarms nur als Folge einer ungen- genden Ektodermeinstlpung betrachtet werden kann, welche in die- sen Fllen nur als eine kleine Vertiefung der Ektodermzellen auftritt. 2) Die Entwicklung des Nervensystems geht bei allen von mir untersuchten Anneliden (ausgenommen bei Pileolaria, ber deren Nervensystem ich bis jetzt noch keine klare Ansicht erlangen konnte) ziemlich gleichfrmig vor sich. Ich kann in dieser Hinsicht die Ergebnisse von Kleinenberg und den sptem Forschern be- zglich der selbststndigen Anlagen der obern Schlundgauglien und der Bauchganglicnkette vollkommen besttigen. Die Scheitelplatte, aus welcher die obern Schlundganglien hervorgehen, entsteht etwas frher als die Ektodermverdickungen auf der Bauchseite des Embryo, die zu Anlagen der Bauchganglienkette dienen. Bei Terebella, Aricia, Psygmobranchus erscheint die Scheitelplatte bald nach dem Schluss des Blastoporus. Das Wachstum und die Abtrennung der Ganglien bieten keine Besonderheiten dar. In Bezug auf die Scheitelplatte will ich nur bemerken, dass bei allen von mir untersuchten Anneliden ich immer von ihrer Unterflche einen strangfrraigen Fortsatz nach un- ten zum Mesoderm abgehen sah. Bekanntlich hat man auch bei den mit Mesench;yTnzellen versehenen Wurmlarven {Pilidinni, Polygordius- larve u. s. w.) immer die Strnge beobachtet, welche Anlagen zu den Mesenchymzellen darstellen. Es scheint mir sehr mglich, dass die von mir beobachteten Strnge den eben erwhnten homolog sein knn- ten. Die Anlage des Bauchstranges erscheint in Form von zwei Ekto- dermwlsten, welche bei allen Anneliden durch zwei Eeihen Wimper- zellen von einander getrennt sind. Die beiden Zellenreihen bilden eine Art Rinne zwischen den Ektodermwlsten , welche bei den ver- schiedenen Annelidenarten verschiedene Stufen der Entwicklung zeigt. Besonders entwickelt erscheint dieselbe bei den Echinrus-larven, bei denen sie eine der Nervenrinne der Wirbeltierembryonen nicht un- hnliche Rinne darstellt, wodurch der Querschnitt der Echiuruslarve 202 Salensky, Eutwicklungsgeschiclite der Anneliden. eine frappante Aehnliclikeit mit dem der Vertebratenembryonen be- kommt. Die Polyg-ordiuslarven bieten dagegen gar keine Einnen- entwicklung zmscben den Nervenwlsten des Ektoderms dar. Das, was Hatscbek als Nervenrinne bezeichnet hat, ist eigent- lich keine Rinne, sondern die Grenze zwischen den zwei Reihen Zel- len, welche die Nervenwlste von einander trennen. Diese Zellen zeichnen sich vor denen andrer Anneliden auch durch vollkommenen Mangel der Wimpern aus. Die Bauchwimperrinne des ausgewachsenen Polygordius (wahrscheinlich auch des Hatschek'schen Protodrilius Leuckari) ist eine sekundre Bildung-, welche erst in sptem Stadien auftritt und whrend der Entwicklung der Bauchganglienkette gar nicht vorhanden ist. Die Verhltnisse der Wimperrinne zu den Wimper- ringen des Larvenkrpers, sowie die sptem Verwandlung;en dersel- ben knnen bei Psf/gnwbranckus verfolgt werden, dessen Larven ihrer Kleinheit und Durchsichtigkeit wegen zu solchen Untersuchungen be- sonders geeignet sind. Die hintere Grenze der Wimperrinne ent- spricht der Stelle des frhern Blastoporus; zu beiden Seiten des letz- tern bilden sich sehr frh zwei groe Zellen, welche spter je ein langes, steifes Haar tragen und zu beiden Seiten des Endes der Ner- venrinne liegen. Nach vorn reicht die Nervenrinne bis zur Mundein- stlpung hin und geht unmittelbar hinter derselben in den postoralen Wimperring ber. In den sptem Stadien, ungefhr zur Zeit der Bildung der Bauchfalte, platten sich die Zellen der Wimperrinne ab und verlieren hierbei grtenteils ihre Wimpern. Nur einige Zellen behalten ihre Wimpern noch lange Zeit. Solcher Zellen sind nament- lich ein Paar in jedem Segment vorhanden; am hintern Ende bleiben sie in etwas grerer Anzahl. Die Wimperzellen der Nervenrinne berleben jedoch nie die Metamorphose imd zur Zeit der Befestigung der Larve gehen auch die letzten Spuren derselben verloren. 3) Endlich will ich noch Einiges ber die Entwicklung des Bhit- gefsystems hinzufgen. Dieselbe wurde von mir bei Psygm.obran- chus und Terehella untersucht. Bei Psijgntobranchns konnte ich nur die ersten Entwicklungsstadien des Gefsystems, einige Tage nach dem Ausschlpfen der Larven, beobachten. Bei solchen Larven bemerkt man zwischen dem Epithel des Hinterdarms und dem Darmfaserblatt eine mit klarer Flssigkeit erfllte Hhle, welche nach auen von einer einzelligen Schicht des Darmfaserblatts begrenzt ist. Die Wand dieser Hhle ist kontraktil und zeigt ziemlich regelmige Pulsationen, wodurch die Flssigkeit nach vorn getrieben wird. Da Blutgefe noch nicht vorhanden waren , so konnte ich die Bedeutung dieses perigastralen Raumes nicht ganz genau bestimmen, bis ich bei Tere- hella auf Verhltnisse stie, die denen bei Psggmobrmichus vollkom- men entsprechen. Der Bildung der Blutgefe bei Terebella ist eben- falls eine solche perigastrale Hhle vorhergegangen, welche aber nicht um den Hinter- sondern um den Mitteldarm sich bildet. Man Salensky, Entwicklmigsgeschichte der Amieliclen. 203 kann auch dort die Pulsationen beobachten, welche aber schwcher als beim Pst/gtnobranchus sind. Von dieser primitiven Bliithhle geht nun die Entwicklung- der Darmgefe aus. Letztere bilden sich frher als die Gefe der Haut und erscheinen in Form von longitudinalen Ausstlpungen der Darmfaserhaut, welche sich immer mehr und mehr von derselben abhebt und sich schlielich vollstndig abtrennt. Hier- aus wird verstndlich, dass die Blutgefe des Darms lange Zeit mit dem perigastralen Blutraum in Verbindung stehen und von ihm das Blut erhalten. Diese Bildungsweise der Blutgefe ist von besonderm Wert, wenn man diese mit den Blutgefen im ausgebildeten Zustand bei den niedern Anneliden vergleicht. Bei Frotodrillus Leuckartii (Hatschek) ist z. B. ein solches Verhalten des Blutgefsystems auch im ausgebildeten Zustand vorhanden, was zum Beweis dienen kann, dass wir hier mit primitiven Zustnden des Blutgefsy- stems zu tun haben. Auerdem ist dieses Verhalten nicht ohne Be- deutung fr die allgemeine Auffassung des Blutgefsystems und seine Beziehungen zu den Lymphrumen resp. zur Leibeshhle und zeigt uns namentlich, dass die Blutgefe mit den Lymphrumen zu- erst in keiner Verbindung stehen und sich vollkommen unabhngig von letztern bilden. II. Eutwickluiig der Branchiobdella. Unsere Kenntnisse ber die Entwicklung der Hirudineen entspre- chen noch weniger den Anforderungen der modernen Embryologie als die der Anneliden, weswegen die Bearbeitung dieser Tiergruppe vom embryologischen Standpunkt aus um so wnschenswerter ist. Die Eier von Branchiobdella findet man bekanntlich in groer Menge am Wohnort der ausgewachsenen Tiere, den Kiemenblttern des Flusskrebses. Die Eier sind ziemlich gro, vollkommen undurch- sichtig, ovoid und von einer harten Schale bekleidet, die nach hinten sich in einen kleinen Stiel verlngert, welcher zur Befestigung des Eies an die Kiemenbltter dient. Auer dieser Schale ist die Eizelle von einer feinen Hlle bekleidet, welche letztere mit der Dotterhaut der Eier andrer Tiere verglichen werden kann. Die Eizelle besteht aus einem krnigen Dotter, welcher sich sehr schwer frben lsst und in seiner Mitte ein Keimblschen enthlt. An den jngsten Eiern, die ich erlangen konnte, bemerkt man etwa in der Mitte des Krpers einen kleinen hellen Fleck, der in Schnitten sich als ein in der Bil- dung begriffenes Eichtungsblschen erweist. Man kann an Schnitten eine sehr distinkte Amphiasterfigur beobachten. Die Abtrennung des Richtungsblschens und das weitere Schicksal desselben ist mir un- bekannt geblieben. Die erste Furche geht durch dieselbe Stelle, wo die Amphiasterfigur lag und teilt das Ei in zwei ungleiche Hlften; sie ist quatorial. Durch die darauf folgende, ebenfalls quatoriale Furche wird das Ei in drei und hierauf in vier Blastomeren, drei 204 Saleusky, Entwickluugsgescliiclite der Anneliden. kleinere und ein greres geteilt. Die kleinern, ersten Blastomeren scheinen dem vordem, das grere dem hintern Pol zu entsprechen. Nach der Bildung der ersten JMakromeren entstehen gleichzeitig vier Mikromeren, welche scheinbar von jedem Makromer sich abtrennen und die ersten Ektodermzellen darstellen. Durch das Auftreten der ersten Ektodermzellen wird die Kcken- und die Bauchseite ange- deutet. Es ist bemerkenswert, dass bei Branchiobdella die ersten vier Mikromeren auf der Bauchseite und nicht auf dem obern Pol oder der Rckenseite auftreten. Die Furchung geht viel schneller auf der Bauchseite, als auf der Rckenseite vor sich. Die Ektodermzellen, welche teils durch die Vermehrung der ursprnglichen Mikromeren, teils durch die Abtrennung neuer Zellen von den Makromeren in ihrer Zahl zunehmen, bilden eine unregelmig gestaltete Platte, die sich immer mehr und mehr nach vorn und den Seiten des Eies aus- dehnt und die Makromeren bedeckt. Die Ektodermschicht umhllt endlich den vordem und die seitliehen Teile des Eies und lsst im hintern Teil nur vier Zellen unbedeckt, welche in zwei Reihen, zu zwei Zellen angeordnet sind. Die beiden Reihen scheidet wieder ein Strang aus Ektodermzellen. Diese Zellen teilen sich sptter weiter, jede fr sich in zwei Teile und bleiben zweireihig angeordnet noch lange sichtbar. Sie nehmen dieselben Stellen wie die bekannten ko- lossalen Zellen" des Cle2)sine-embYjo ein und knnen als Homologa derselben betrachtet werden. In den ersten Furchungs Stadien bildet sich zwischen den Ekto- dermzellen und den Makromeren eine kleine Furchungshhle , welche nach der Bildung des Mesoderms allmhlich verschwindet. Das Ento- und Mesoderm bilden sich durch Teilung der Makro- meren, welche stetig von hinten nach vorn fortschreitet. Die obersten, abgeteilten Zellen bilden einen Zellenhaufen, welcher gerade unter dem Entoderm, an der Bauchseite des Embryo liegt und das Mesoderm darstellt. Die untern Zellen sind zuerst sulenfrmig angeordnet und bilden eine Zellenschicht, aus der das Entoderm entsteht. Es gelang mir nicht, bestimmte Zellen zu unterscheiden, welche man fr Urmeso- dermzellen erklren knnte. Nachdem das Ei in seinem vordem und seinen seitlichen Teilen von Ektodermzellen bedeckt ist, bildet sich auf seiner Rckenseite, etwas vor den eben erwhnten Reihen groer Zellen eine kleine Ver- tiefung, deren Bedeutung mir bis jetzt etwas dunkel ist; mglicher- weise stellt sie die Anlage des obern Schlundganglion dar. Der vor- dere Teil des Embryo erscheint zu dieser Zeit in Form eines Hgels mit abgerundeten Enden und ist vom hintern Teil abgegrenzt. Bis zu diesem Stadium ist die Bauchflche des Embryo ganz glatt. Nach der Bildung der eben erwhnten Vertiefung tritt auf der Bauchflche eine groe Rinne auf, welche ich als Nervenrinne be- zeichnen will. Sie hat eine birnfrmige Gestalt, ist im hintern Teil Salensky, Eutwicklungsgeschiclite der Anneliden. 205 bedeutend erweitert und endet vorn, in der Nhe des abgerundeten Endes des vordem Teils mit einer T frmigen Erweiterung. Die Ner- veurinne ist von beiden Seiten durch eine Reihe ganz distinkter Zel- len begrenzt. Die hintere Grenze der Nervenrinne bilden die er- whnten Reihen groer Zellen, welche den beiden seitlichen Zellen- reihen der Nervenrinne sich dicht anschlieen. Anfangs besteht die Nervenrinne aus einer Schicht platter Zellen, welche sich von den brigen Ektodermzellen gar nicht unterscheiden. Bald darauf tritt eine bedeutende Vermehrung der Zellen der Anlage auf, infolge dessen die Nervenrinne sich bedeutend verdickt. Die Rinne selbst erscheint von auen verengt und abgeplattet. Querschnitte aus diesem Stadium zeigen, dass die Verengerung der Rinne durch Schlieung derselben verursacht ist. Die Nervenrinne verwan- delt sich in ein Rohr, welches wir als Nervenrohr be- zeichnen wolle n. Die Verwandlung fngt im vordem Teil an und geht allmhlich in den hintern ber. An der Stelle, wo die Verwand- lung stattfindet, bleibt noch lange eine seichte Vertiefung sichtbar, welche erst nach Abtrennung der Nervenanlage vom Ektoderm ver- schwindet. Die weitern Fntwicklungsvorgnge , welche beim Embryo nach Schluss der Nervenrinne vor sich gehen, knnen uerlich ver- folgt werden. Zunchst wollen wir uns ihnen zuwenden. Zur Zeit der Umbildung der Nervenrinne ndert sich auch die Form des hin- tern Teils vom Embryo : die zweireihig angeordneten Zellen teilen sich weiter bis sie endlich mit den brigen Zellen des Ektoderms gleiche Gre besitzen und von denselben nicht mehr unterschieden werden knnen. Der frher abgeplattete, hintere Teil erscheint jetzt mehr abgerundet und ragt ebenfalls, gleich dem vordem Teil, hgel- frmig vor. Diese hgelfrmigen Vorsprnge reprsentiren das vor- dere imd hintere Ende zweier medianer Wlste, welche die geschlos- sene Nervenrinne umgrenzen und den beiden Keimstreifen der brigen Hirudineen {Clepslne, Hlnido) entsprechen. Der Unterschied zwischen den Keimstreifen von Bninchiobdella und denen von Clepslne hat seinen Grund im Entwicklungsmodus derselben und besteht haupt- schlich darin, dass bei letztern die Keimstreifen viel frher als bei erstem entstehen und von der Rcken- zur Bauchseite wachsen, wh- rend sie bei Branchiohdella erst nach der Bildung der Nervenanlage auftreten. Sie stehen auch im letztem Falle mit der Bildung des Mesoderms im Zusammenhang, das in Form von zwei Lngsbndern unter den Keimstreifen liegt. Die ersten Spuren der Segmentirung treten sehr frh auf und sind an den in Chromsure gehrteten Pr- paraten in Form von kleinen, queren Halbringen schon von auen sichtbar. Das Nervensystem tritt au solchen Prparaten ebenfalls ziemlich scharf hervor. Nachdem die Segmentation des Leibes angedeutet ist, tritt beim Embryo ein eigentmlicher Vorgang, die Umdrehung des Leibes zum 206 Salensky, Entwicklungsgeschichte der Anneliden. Vorschein. Bis jetzt war der Embryo nach der RUckenseite gebogen, whrend des Ausschlpfens nimmt er eine entgegengesetzte Lage an. Die Lagevernderung wird durch die Umdrehung des Embryo nm seine Lngsaxe erreicht. Dieser Process fngt zunchst an den bei- den Enden des Embryo an und setzt sich auf den mittlem Teil fort, wobei der Embryo sich sehr stark krmmt. Die Krmmungen des Embryo nach innen kann man uerlich nach der Lage des Nerven- systems und der Zoniten sehr gut verfolgen. Nach der Umdrehung liegt der Embryo wieder mit allen seinen Teilen in einer Ebene, ist aber mit seinen Enden nach der Bauch- und nicht mehr nach der Rckenseite, wie vorher, gebogen. Whrend der Umdrehung des Embryo treten bei ihm die Difife- renzirungen des vordem und hintern Teils hervor. Der vordere Teil zeichnet sich durch einen verhltnissmig groen Abschnitt ohne uere Segmentirung aus. An der Spitze des vordem Teils tritt die Anlage der Mundflnung in Form einer spaltfrmigen Vertiefung auf. Das hintere Ende erscheint zuerst in Form einer abgeschnittenen Platte, welche sich immer mehr und mehr abrundet, sich aushhlt und all- mhlich die Form des Saugnapfes annimmt. Die Segmentirung des mittlem Teils zeichnet sich dadurch aus, dass jedes Krpersegment aus zwei Ringen besteht, von denen der eine dem Ganglion, der an- dere den Dissepimenten entspricht. Die Entwicklung der Organe kann folgendermaen kurz zusam- mengefasst werden. 1) Die Bauchganglienkette und das oberste Sclilundganglion bil- den sich aus zwei gesonderten Anlagen. Der Bauchstrang entsteht aus dem untern Teil des Nervenrohrs, der sich vom obern ziemlich frh abtrennt und durch die uere Decke als ein dicker Zellenstrang durchschimmert. Die Hhle des Nervenrohrs verwandelt sich alsdann in einen zwischen dem Nervenstrang und der uern Bedeckung lie- genden Spalt, der endlich vollstndig verschwindet. Die Segmenti- rung des Bauchstrangs tritt schon ziemlich frh auf. Was das obere Schlundganglion aubetritft, so glaube ich, dass es aus der oben be- schriebenen Ektodermplatte entsteht, welche ziemlich frh in Form einer groen Rinne der Rckenseite dem Vorderdarm anliegt. Die Rnder dieser aus zwei Zellenlagen bestehenden Rinne sind nach der Bauchseite gebogen und liegen schon in den frhem Stadien dem vordem Teil des Bauchstrangs dicht an; aus ihnen entstehen die Schlundkommissuren. 2) Das Mesoderm stellt zwei bandfrmige Zellenhaufen dar, wel- che zu beiden Seiten des Nervenrohrs liegen und in der Mitte, resp. unter dem Nervenrohr durch eine kleine Brcke mit einander verbun- den sind. Vorn sind die beiden Mesodermstreifeu viel breiter als im mittlem Teil und nehmen nicht nur den Bauchteil, sondern auch die Seitenteile des Embryo ein. Die weitere Ausbildung des Mesoderms Salensky, Entwickhmgsgeschichte der Anneliden. 207 bei Brmichiobdella ist derjenigen anderer Anneliden vollkommen gleich. Sie besteht zunchst in der Teilung- der Mesodermstreifen in die Urseg- mente, welche in ihrem mittlem Teil etwas verdickt sind und deshalb uerlich in Form von uern Segmenten erscheinen. Erst in den sptesten Entwicklungsstadien treten im Ektoderm die ringfrmigen Verdickungen auf, w^elche ihrer Zahl nach den mesodermalen Segmen- ten entsprechen und die uern Segmente bilden. In jedem der me- sodermalen Metameren bemerkt man ziemlich frh eine Teilung m eine uere und innere Schicht (Somatopleura und SplanchiopJeura), zwischen welchen die Leibeshhle auftritt. Die Dissepimente bilden sich durch Verwachsung der vordem und hintern Wnde der benach- barten Metameren, wie es auch bei den brigen Anneliden der Fall ist. Im vordem und hintern Teil des Embryo bilden sich keine uern Segmente, doch kann man auch hier die Teilung der Meso- dermalstreifen in eine Anzahl Mesomeren bemerken, welche ihrer Zahl nach der Ganglienzahl entsprechen. Der Unterschied der Meso- meren des vordem Teils von den echten Mesomeren des mittlem Teils besteht hauptschlich in dem Maugel einer Leibeshhle in den erstem, wo sie niemals vorkommt. Im Vergleich zu den mittlem Segmenten besitzen sie einen mehr embryonalen Charakter, Die Leibeshhle bildet sich verhltnissmig spt. Vor ihrem Auftreten existirt eine andere Hhle auf der Eckenseite des Embryo, zwischen dem Ekto- und Entoderm. Sie liegt grtenteils im vordem Teil des Embryo und darf nicht mit der Furchungshhle verwechselt werden, da sie erst nach dem Verschwinden der letztern erscheint. Sie erstreckt sich auch ber den mittlem Teil des Embryo und trennt auch hier das Ento- und Ektoderm, Man knnte sie als primre Leibeshhle auffassen. In dieser Hhle geht das Wachstum der Me- sodermstreifen vor sich. Die beiden Schichten derselben {Somoto- und Splanchnopleura) wachsen von der Bauchseite zum Eticken, bis die erste sich unter die Haut, die letztere sich ber das Entoderm gelagert haben. Hierdurch wird die primitive Leibeshhle von der sekundren resp. stationren Leibeshhle (Coelom) ersetzt. Ueber die Entwicklung der Segmentalorgane bin ich bis jetzt noch nicht im Klaren. 3) Das Entoderm bildet eine solide Zellenmasse, welche durch den ganzen Embryo hindurchgeht und vorn und hinten dem Ektoderm unmittelbar anliegt. Die Berhrungsstelle der beiden Keimbltter bezeichnet vorn die sptere Mundifnung, hinten auf der Rckenseite den knftigen Anus. Der Vorderdarm und der Hinterdarm bilden sich ausschlielich aus dem Entoderm. Diese beiden Teile werden viel frher hohl als der Mitteldarm und zwar tritt die Hhlung im Vorderdarm viel frher als im Hinterdarm auf. Die Mundeinstlpung des Ektoderms ist sehr flach und dient nur zur Bil- dung der Innern epithelialen Bekleidung der Lippen ; whrend alle 208 Jordan, Vorkommen von Landschneckeu. brigen Teile, selbst die Kiefer, ausschlielicli ans dem Entoderm entstehen. Das Gesagte gilt ancb fr den Hinterdarm. Die ekto- dermale Einstlpimg erscheint hier in Form eines kurzen, feineu Rohrs, das unmittelbar bei der Analifnung sich mit dem brigen Teil des ebenfalls aus dem Entoderm entstehenden Hinterdarms verbindet. Die Aushhlung des Mitteldarms tritt erst kurz vor dem Aus- schlpfen des Embryo auf. Sie entsteht infolge der bekannten Ver- flssigung der centralen Masse des Entoderms. In das Epithel des Magendarms verwandeln sich nur die peripheren Zellen. Stets kann man noch bei ausgeschlpften Wrmern die noch unverdaute centrale Zellenmasse beobachten. Die Divertikel des Mitteldarms, welche bei Brauchiobdella viel schwcher entwickelt sind, als bei den brigen Hirudineen, entstehen hier wie bei Clepsine infolge von Ausbuchtungen der Epithelwand durch die Dissepimente, aber erst nach der Bildung der Mitteldarm- hhle. Im Hinterdarm stt man ebenfalls auf einige rudimentre Divertikel, die aber hier infolge der eigentmlich, n Stellung der Dis- sepimente noch viel schwcher ausgebildet sind. Zum Vorkommen von Landschnecken. Die Landschnecken zeigen eine groe Akkommodationsfhigkeit an alle mglichen Verhltnisse, die Salzwsten und die Regionen des ewigen Eises und Schnees allein ausgenommen. Bis in die afrika- nisch-asiatischen Wsten hinein dringt sogar noch eine Helix (Eu- parypha desertorum Forsk.) in Gemeinschaft mit einigen Buliminus- Arten von der Gruppe Petraeus Alb. vor. Landmollusken finden sich also fast berall; aber die einzelnen Formen zeigen groe Empfind- lichkeit fr Wrme-, Feuchtigkeits - , Licht- und Luftvernderungen, so dass bestimmte Faunenfacies fr jede Abstufung von einem Klima zum andern und fr jede Hhen- und Wrmezone zum Ausdruck kommen. Hierin ist der Grund fr gewisse Analogien zu suchen, welche zwischen der Verbreitung mancher Mollusken einerseits und derjenigen mancher hhern Pflanzenarten, als der Lokomotion gnz- lich entbehrender Wesen, andrerseits bestehen abgesehen von den Fllen, wo Schneckenarten an das Vorkommen gewisser Gewchse gebunden sind, wo demnach von keiner Verbreitungs a n a 1 o g i e , viel- mehr nur von Verbreitungsabhngigkeit die Rede sein kann. Die Frage, inwieweit die geognostische Beschaifenheit der Bo- demmterlage das lokale Vorkommen von Landschnecken beeinflusse, ist schon vielfach und in recht verschiedener Weise besprochen wor- den; aus dem Studium der betreffenden Literatur allein kann man sich nur eine Ansicht bilden, nmlich die, dass die Zahl der Mei- nungen derjenigen der Autoren gleichkomme. Wenn mau dem einen Jordan, Vorkoiiimen von Landschnecken. 200 glauben will, hinge z. B. von dem Kalk des Bodens Alles ab ^), nach einem andern wieder gar nichts 2); hier wird fr die An- nahme plaidirt, die Schnecken nhmen denselben direkt in ihren Or- ganismus auf; womglich durch Ansaugen" oder Belecken" des Gesteins, und dort spricht man individuelle Disposition als Grund fr verschiedene Dnne und Dicke der Gehuse an, unabhngig von der Art der Bodenunterlage ^). Einige Bemerkungen ber lokales Vorkommen von Landschnecken sind darum vielleicht nicht berflssig. Nach ihrem Aufenthaltsorte hat man unter den Landgastro- poden zwischen Stein-, Laub- und Erdschnecken unterschieden. Indess finden wir mehrere, die dies alles zusammen bezw. keines davon so recht eigentlich sind, andre, welche je nach der Jahreszeit einmal als Erd- dann wieder als Laubschnecken auftreten (z. B. die meisten Arten der Helixgruppe Fruclcola Held). Endlich sind die Hauptexistenzbedingungen nicht in der Erde und in den Steinen oder Felsen selbst zu suchen, sondern in den damit in Verbindung stehen- den Feuchtigkeits - , Licht- und Temperaturverhltnissen: diese Be- zeichnungen sind jedenfalls sehr bequem und auch fters treffend, aber nicht erschpfend. Dass gewisse geologische Formationen ganz besonders mit Schnecken gesegnet sind, unterliegt keinem Zweifel, und vor allem finden sich deren viele auf einigen kalkhaltigen Gesteinsarten. Da das Schneckengehuse nun gerade vorzugsweise aus Kalk besteht, war man schnell bei der Hand , physiologisch - chemische Vorgnge als Erklrung dafr anzunehmen: die Tiere fnden auf Kalkunterlage leichtere und ausreichendere Gelegenheit, ihr Gehuse zu bauen; die Existenzbedingungen wrden dadurch gnstigere und die Fauna eine reichere. Dass nun der Kalk als chemischer Bodenteil hier nicht die Ursache ist, geht aus manchen Fllen hervor, wo erstens Kalkfor- mationen in geringem Mae von Schnecken bewohnt sind, und wo ferner andre Gesteine Massen derselben beherbergen. So fehlen in der Umgebung von Gera Arten, welche man sonst gern Kalk- schnecken" zu nennen pflegt ein Umstand, den Liebe*) auf den Magnesitgehalt der dortigen Kalke zurckfhrt, indem er glaubt, dass dieser den Schnecken nicht behage" (!). Selbst die reichere Fauna alter Burgruinen, welche inmitten molluskenloser Hochwlder liegen, pflegt man nicht ungern mit dem zerbrckelnden Kalkmrtel in Ver- 1) S. Clessin, in: Korresp.- Blatt d. zool. miueral. Ver. Regeusburg 1872. 2) 0. Reinhardt, Molluskenfaima der Sudeten, in: Arcli. f. Natg. Jahr- gang XXXX Bd. 1. 3) Weinland, Zur Weichtierfauna d. scliwb. Alb, in: Wrtemb. natw. Jahresh. , Jahrg. 1876. 4) Liebe, Bericht ber Versuche etc., in: Jahresber. natf. Ges. zu Gera, 18G9. 14 2^0 Jordan, Vorkommen von Landschnecken. bindimg zu bringen! So kommen im Taunus nacli Heyne mann ^) fast nur nackte Arten vor und auch diese sprlich, viele Schnecken aber an den Ruinen , von denen sie sich keinen Schritt entfernen" ; ebenso bei Gera 2) nur auf kleinstem Terrain, wo nmlich der Kalk- mrtel herabgebrckelt und umhergestreut ist". Dass hier vielleicht andre Dinge von grerer Wichtigkeit sind, als der Kalkmrtel, dafr seien folgende Beispiele angefhrt. E. V. Hrtens 3) sah im Thringer Walde in der Umgebung von Friedrichsroda Schnecken nur an einer Stelle zahlreicher auf- treten, nmlich an dem Gottlob", einem ber den ihn rings umge- benden Fichtenv^^ald hervorragenden, dem Sonnenschein zugng- lichen und gengend mit schtzenden Vor Sprngen und Ritzen versehenen Felsenzacken von Melaphyr-Couglomerat. Andre solche, nicht ber die Gipfel der Bume hervorragende, also stets von diesen beschattete Felsen, von brigens absolut gleicher geognostischer und ganz hnlicher Beschaffenheit der Vegetationsverhltnisse v^aren nicht von Schnecken bewohnt. Das durchweg aus Granit bestehende Knigshayner Gebirge in der preuischen Oberlausitz**^) trgt in seinem nrdlichen Zuge meh- rere einzelne Kuppen. Sie alle zeigen auf ihren Spitzen mchtige Granitblcke, welche aber nur auf der einen, auf dem Hochstein", aus dem Walde heraustreten. Die andern sind ganz in Nadel- und Birkenwald gehllt. Die kolossalen Blcke des Hochsteins haben vielfach Spalten, auch knstlich hergestellte Abstufungen und Vertie- fungen. In ihrer Umgebung stehen 3 oder 4 alte Buchen. Hier kom- men nun viele Schnecken (darunter rotbraune, starkgehusige Exem- plare von Ilelix hortensls Mll.) vor, welche sich aber von den frei- stehenden Granitblcken und den ihren Fu umgebenden Trmmern auch keinen Schritt entfernen", whrend unten im Hochwalde und auf dem gesamten brigen Teil dieses Zuges hchstens Arion empiri- corum Fer. und Vitrina pellucida Mll, gefunden werden. Aehnliches kann man besonders an solchen Bergen beobachten, welche, in ihrer Hauptmasse aus Urgestein bestehend, Kuppen von durchgebrochenem Basalt haben. Granit und Gnei zeigen meist glatte Flchen und verursachen geringe Trmmerbildung; stecken sie dazu noch im finstern Walde, whrend ihre vielzackigen und zerspal- tenen Basaltkuppcn aus diesem hervorragen, so besteht bezglich des MoUuskenreichtums zwischen oben und unten ein auffallender Unter- 1) Heynemann, Vernderlichkeit der MoUnskenschalen etc., Vortrag in: Senckenb. uatf. Ges. in Frankfurt a. M., Mai 1870. 2) Liebe, loc. cit. 3) E. v. Hrtens, Schneckenfaima d. Thringer Waldes int Jahrb. d. deutsch, malak. Ges. Bd. IV. 1877. 4) Jordan, Mollusken d. preu. Oberlausitz, in: Jahrb. d. deutsch, malak. Ges. Bd. VI. 1879. Jordan, Vorkommen von Landsclmecken. 211 schied. Dass der Basalt brigens zum Woliuplatze vieler Sclinecken sich ganz besonders eignet, zeigen z. B. die Landeskrone bei Grlitz 0. L. mit ca. 60 ^), der Grditzberg bei Haynaii i. Schi, mit ca. 40 Arten und im schlesischeu Hochgebirge recht auffallend die bekannte Ba- saltader der kleinen Schneegrube, welche sich von dem ringsum la- gernden Granit durch reiche Vegetation und viele Mollusken vorteil- haft auszeichnet. Daraus muss mau folgern: eine Gesteinsart mit vielen Vorsprngen und Ritzen, seien diese im Gestein selbst vorhanden, oder nur durch reichen Trmmerfall erzeugt, wird gegen- ber einer andern mit glatten Wnden und wenigen Trmmern von den Schnecken bevorzugt werden. In den Spalten und Ecken wird sich leicht Humus ablagern knnen, der Feuchtigkeit aufnimmt und an sich hlt; vorspringende Kanten und Felsstcke geben Schatten, welcher zugleich nicht tief ist, sondern immer nahe am Sonnenschein liegt und gewissermaen ein sonniger Schatten" genannt werden kann. Dem entsprechend fand E. v. Martens^) fast keine Schnecken auf vulkanischen Schichten in der Umgegend von Neapel, deren aber eine Unzahl ebenda auf den Kalkhhen um Sorrent; bei dem Ab- fahren von Sorrent nach Capri, so erzhlt er, habe mau Gelegenheit, die steilen und glatten, vegetationslosen Flchen der vulkanischen Schichten deutlich zu unterscheiden von den mit zahlreichen Vor- sprugen und Vertiefungen versehenen Kalkabhngen, wo Sonnen- schein und Schatten fortwhrend auf kleinen Strecken wechseln knne. Um zu den Burgen zurckzukommen! Burgen erbaute man auf den freien Gipfeln der Hhen; dieselben erhielten auf die eine oder andre Art Laubbume, wenn vorher noch keine solche vorhanden waren; mit der Kultur fand sich bald Humus ein, der in vielen ge- schtzten Ecken und Winkeln liegen bleiben konnte. Als das Mauer- werk zerfiel, wurden, ebensoviele Schutzdcher fr Schnecken bildend, Steintrmmer umhergestreut, und auf diese Weise gnstige Existenz- bedingungen fr unsre Tiere geschaffen, und zwar an Stellen, welche vorher vielleicht frei von ihnen waren. Man kann darum nicht um- hin einzurumen, dass das Vorhandensein einer Burgruine unter Um- stnden als Grund von Schneckenansiedlung auf einem vorher kahlen und den Berggipfel anzusehen sei; aber von der oben erwhnten Ansicht ber die Wirkung des Kalkmrtels wird man wol absehen mssen ! Man unterschied bisher immer gcAvisse sog. Kalkschnecken". 1) Darunter z. B. Daudebardia hrevipes Drap. , Limax (malia) carinatus E. v. Mart., Helix umhrosa Partsch, aculeata Mll., Buliminus montanus Drap., und obscurus Mll. , Pupa minutissima Hartm. , doliolum Brug. , Clausia filo- grana Z., sejuncta A. Schm, , parvula Stud., tumida (Z.) A. Schm., Baleaper- versa L. , Pupula polita Hartm. etc. 2) E. v. Martens, Reisebemerkungeu ber einige Binnensclineckon Ita- liens, in: Malakoz. Bltter, 1857. 14* 2i2 Jordan, Vorkommen von Landsclmecken. Dass solche nicht blos auf Kalk vorkommen, sondern auch ander- wrts, beweisen zahlreiche Flle. Dennoch muss man daran fest- halten, dass Kalkformation zur Ausbildung einer reichen Mollusken- fauna die geeignetste sei. Wir verneinten oben die Mglichkeit eines durch die chemische Zusammensetzung der Bodenuuterlage bedingten direkten Einflusses, fhrten aber bereits einiges Andre an, dem greres Gewicht in dieser Frage beizumessen sei. Es war das die Oberflcheugestaltuug der Gesteinsmassen, ihre Neigung zur Trmmerbildung, die Art und Weise derselben und der Grad, in welchem durch ihre Verwitterung Humus erzeugt wird. Auerdem kme als ein ebenso wichtiges Moment die grere oder geringere Fhigkeit hinzu, Feuchtigkeit aufzunehmen und an sich zu halten und endlich auch das Vorhandensein oder Fehlen leicht erreichbarer Winterverstecke. Sehen wir uns daraufhin einige Gesteine an, so finden wir zu- nchst, dass Q u a r z f e 1 s e n am ungnstigsten wirken mssen. Glatt und hart, nehmen sie keine Feuchtigkeit an, bilden keinen Humus, keine Trmmer und haben weder Hisse noch Spalten. Ebenso mollusken- feindlich zeigen sich Eruptionsgesteine und der Diluvialsand unsrer nrdlichen Ebenen. Wenig besser sind die Qua der Sandsteine. Ihr Verwitterungssand ist hart und grob und schwimmt in einem Augenblick vor Nsse, um im nchsten wieder drr und trocken zu werden. Kitze und Spalten fehlen, und wenn Quadersandsteinfelsen auch manchmal wunderbar abenteuerliche Formen zeigen, so geschieht dies zu sehr im groen; im kleinen sieht man wieder glatte Flchen massiver Gesteinsmassen, welche von unten und innen her nie unter- hhlt sind. Gleich kolossale, kompakte Massen bilden Gnei, Gra- nit, Syenit, Serpentin, Grnstein Massen mit mehr oder weniger glatten Flchen und einzelnen, groen Trmmern. Auch die Humusbildung ist schwach, bei Granit wechselnd je nach dem Gehalte an Felds})at. Risse und Spalten gibt es wenige; das Kegenwasser luft schnell ab oder bleibt in kleinen Pftzen stehn, sickert aber wenig oder gar nicht ein. Humuslager knnen sich nur in geringstem Umfange bilden, und Reinhardt^) fand darum auf dem Granit des Riesen- und Isergebirgs keine Schnecke hufiger als das winzige Punctum pyg-nuieum Drap. Schon gnstiger wirken G 1 i m m e r s c hi e f e r, Thons Chief er, Grauwacke, Melaphyre, Basalte mit ihrem oft berreichlichem Trmmerfall, ihren weniger glatten Flchen und ihrer reichen Humusbildung, welche letztere auch eine ppigere Vegetation erzeugt, und kreidige und Mergelablagerungen. Muschelkalk und Uebergangskalk stein sind wenig zerklftet, ohne Risse und Spalten, dagegen ist bei ihnen die Humusbildung eine reiche. Dolo- mite aber, Urkalk, Blauschiefer und oolithischer Kalkstein, beson- 1) Vgl. S. 209, Anm. 2. Jordan, Vorkommen von Landschnecken. 213 ders die ersten beiden, zeichnen sich vor allen durch auffallende Zer- rissenheit der Formen ans. Ueberall sind groe und kleine, tief- gehende Spalten und Risse vorhanden, und die Hhlenl)ildung-en dieser Gesteinarten sind bekannt. Verwitterung erzeugt einen uerst fein- erdigen Humus. Regenfeuchtigkeit luft wenig ab, sickert vielmehr durch das lcherige Gestein in die zahlreichen Vertiefungen. Des- gleichen finden Sonnenwrme und Luftstrme Zutritt bis tief in die Gesteinsmassen hinein. Es ist klar, dass groe Nsse die Oberflche von derartigen Bildungen nicht leicht versumpfen, noch dass anhal- tend trockne Witterung bald alle Feuchtigkeit verdunsten lassen wird. Die Feuchtigkeitsverhltnisse der Erdschichten wechseln darum nicht jh mit der Witterung, sondern sind mehr stetige und sich gleich bleibende. Die letztgenannten Kalkgesteine pflegen am reichsten von Sehnecken bevlkert zu werden, weil gleichmige, mittlere Feuchtig- keit von unten her, ohne stagnirendes Wasser und Sumpf bildung an der Oberflche, Zugnglichkeit fr freie Luft und Son- nenwrme, reiche Humusbildung imd eine vielgestaltige Oberflche bei ihnen ganz besonders zu finden sind. Von den eben geschilderten Verhltnissen, welche ihren Einfluss erklrlicherweise nur in Gebirgs- und Berglndern, selten in der Ebene machen knnen, sind besonders eine groe Anzahl mehr trockne Wohnpltze liebender Arten abhngig, welche ich unter dem Namen Hhen sehn ecken" zusammenfassen mchte. Bei der Bezeichnung Steinschnecken" wird man zu wenig veranlasst, an die ihren Wohnpltzen notwendige Sonnenwrme und freie Luft zu den- ken, und auerdem leben einige (z. B. die Helixgruppe Xerophila) an Oertlichkeiten, bei denen direkte Berhrung mit Felsgestein aus- geschlossen zu sein pflegt. Manche Hhenschuecken finden sich auf allen Formationen fast gleichmig, whrend sonst die Zahl der Arten und Lidividuen in der oben innegehaltenen Reihenfolge der Gesteine zuzunehmen pflegt. Merkwrdigerweise aber gibt es auch einige, welche diese gnstig wirkenden Felsarten geradezu vermeiden und mit Vorliebe das sonst schneckenarme Urgebirge aufzusuchen scheinen; es sind dies bei uns B(flea perversa L., besonders dem feucht- oceanischen Westeuropa an- gehrend, die Hochgebirgsschnecke Helix holoserica Studer und die Nordlandsschnecke Helix ruderata Studer, auf welche wir zurck- kommen. Unabhngig von der Bodenunterlage, wenigstens nicht unmittelbar von derselben abhngig, sind die Glieder einer andern Gruppe, deren Existenz vielmehr hauptschlich durch die Anwesenheit von Laub- hlzern bedingt ist, und welche sich infolgedessen im Gebirge sowol wie in der Ebene, auf alten Formationen und auf recenten Abla- gerungen finden. Wie aber die Hhenschnecken gewissen Gesteins- arten den Vorzug geben, so bt hier die Art der Laubhlzer auf 214 Jordan, Vorkommen von Landschnecken. diese Wcichtierfaima einen groen Eiufluss aus. Am gnstigsten wir- ken Rotbuchen, weniger gnstig Weibuchen, Erlen, Linden, Eichen und geradezu abstoend Birken und Robinien. Indem nun aber auf gewissen Bodenarten viele Laubhlzer nicht gedeihen, manchen Schnecken somit notwendige Existenzbedingungen entzogen werden, so wre auch hier ein, allerdings nur indirekter Einfluss des Bo- dens auf die Schneckenfauna zu konstatiren. Fr diese Gruppe ist der alte Name Laub seh necken" immerhin am passendsten; nur msste man zwischen denen unterscheiden, welche nur die Waldrn- der und lichte Hochwaldbestnde bewohnen^) und andern, welche auch in das schattige Innere der Wlder vordringen ^). Besonders nasse Oertlichkeiten vermeiden sie insgesamt. Alle Laubsclmecken findet man mitunter an Bumen und auf Struchern, von deutschen Arten besonders Umax arborum Bouch., Helix hortensis Mll, und H. nemoralis L., die Fruticicolen besonders im sptem Sommer und die andern gern bei Regenwetter. Die kleinsten und zugleich geographisch am weitesten verbrei- teten Formen unsrer Fauna sind die Erdschnecken". Keiner derselben fllt es je ein, in die Hhe zu klettern; sie bewegen sich nur an und im Boden, und unter ihnen allein finden sich eigentliche Fleischfresser. Sie teilen sich in verschiedene Untergruppen: die einen gedeihen nur am Boden der Wlder, andre bevorzugen freies Land mit Rasennarbe; einige vertragen mehr, andre weniger Nsse. Ueberall finden sich: Limax agrestis L., Hyalina fulca Drap., VI- trina pellucida Mll., Punctum pijgmaeum Drap., Cionella hihrica Mll., Arten, welche auch in circumpolarer Verbreitung auftreten. Auch in Husern und Brunnen, in Waarenlagern und selbst manchmal unter alter Dielung kommen einige Arten vor, welche infolge dieses engen Zusammenlebens mit dem Menschen in viele exotische Hafen- orte verschleppt worden sind; es sind von deutschen Arten: Limax variegatus Drap., L. cinereo-niger Wolff, Hyalina cellaria Mll, (in den Tropen z. B. Helix similaris Fer.). Es braucht wol kaum betont zu werden, dass die Erdschnecken mehr als andre in ihrer Existenz von der Anwesenheit von feuchtem Humus als stete, direkte Bewohner desselben abhngig sind. In den Gebirgen werden sie darum den Gesteinsformationen mit reicher Hu- musbildung und starker Untervegetation auch stets den Vorzug geben, so dass wir mit seltnen Ausnahmen mehr oder Aveniger alle Land- schnecken von denselben Gesteinsarten begnstigt sehen, aus Grn- 1) z. B. von dentsclien Arten: Arion hortensis Fer., Limax tencllus Nils. {cinctus Heyneni.) , Helix hispida L. , frutieum Mll., inearnata Mll., arhusto- rum L., hortensis Mll., nemoralis Mll., Clausilia laminata Mont. vi. a. m. 2) z. B. von deutschen Arten: Arion fuscus Mll., melanocephalus F. B., Limax arhorum Boncli. , Helix rotundata Mll., H. villosa Drap., Buliminus obscurus Mll., mehrere Clausilien etc. Jorclau, Vorkommen von Lanclschnecken. 215 den, die zwar recht verschieden, aber nur nicht solche sind, welche mit der chemischen Beschaftenheit der Bodenunterlage in Verbindung stehen. Auer obigen drei Gruppen muss man in besondrer Abteilung noch einige Arten zusammenfassen, welche an die ozeanischen Ksten gebunden sind ^). Innerhalb des europischen Faunengebiets sind die- selben an den Mittelmeerksten am zahlreichsten vertreten; wir nennen sie Strandschnecken" oder Kstenlandschnecken". Whrend nun auf die Molluskenfauna die Bodenunterlage nur vermittels ihrer physikalischen Eigenschaften Einfluss ausben kann, lehren uns die Erfahrungen der Landwirtschaft sowol, als auch che- mische Analyse, dass gewisse mineralische Substanzen wirkliche Nahrungsmittel der Pflanzen sind. Beweisen auch manche Beispiele, dass die physikalischen Eigenschaften des Substrats fr die Pflanzen nicht vollstndig unwichtig sind, so wird man doch kaum denen bei- zustimmen vermgen, welche letztere als die erste und Hauptbe- dingung darstellen ^). Nach der chemischen Beschaffenheit der Bo- denunterlage des Standorts werden wir 4 Gruppen von Pflanzen zu unterscheiden haben : 1) Salzpflanzen Meerstrandpflanzen 2) Kalk liebende Pflanzen I 3) Kalk fliehende Pflanzen > Binnenlandpflanzen 4) Indifferente Pflanzen | und als Untergruppen, bei den Salzpflanzen ausgenommen, immer xerophile, Trockenheit liebende und hygrophile, feuchtere Standorte vorziehende Pflanzen Untergruppen also, welche aus den physika- lischen Eigenschaften des Substrats hergenommen sind. Bei den Landschnecken mssten diese Unterabteilungen zu Hauptabteilungen werden, so dass man hier zwischen hygrophilen, xerophilen und indifferenten Arten zu unterscheiden htte; eine Vergleichung der Pflanzen- und Laudschneckeneinteilung aber wrde sich folgen- dermaen stellen: a) Meerstrandpflanzen . . . a) Kstenlandschnecken b) Binnenlandpflanzen . . . b) Binnenlandschnecken ) Xerophile Schnecken (incl. Wsten- schnecken) a) Kalk liebende Pflanzen . . Kalk liebende ) Kalk fliehende Pflanzen . Kalk fliehende ) Hhen Schnecken Indifferente 1) z. B. Pupa umhilicata Drap., Helix variabilis ,I>Y?ip., capcrata Mont., conoidea Drap., troclioldes Poir. , pyramiata Drap., pisana Mll. u. s. w. 2) Wie z. B. Thurmann in: Act. de la Soc. Helv. des sc. nat. Poren- tniy 1853. pag. 169 fgg. nud: Essai de pliytostatique appliquee la chaine du Jura. 2 Bde. Berne 1849. 216 Jordan, Vorkommen von Lands clmecken. i) Hygropbile Schnecken (die meisten Erdschnecken) y) Inditterente Schnecken (Laubschnecken und Wald bewohnende Erdschnecken) Nur unter den Hhenschnecken kann man von einigen sagen, dass sie kalkiges Gestein bevorzugen oder meiden; von deutschen Schnecken sind als Kalk liebend zu bezeichnen: die eigentlich mittel- lndische Helixgruppe Xerophila Held, einige Buliminxs - Arten von sdlicher Abstammung, die sdwestliche Pupagruppe Torquilla Stud. und die ebenfalls aus Sdeuropa her verbreiteten Deckelschnecken Cyclostoma elegans Mll, und Pomatias septemspirale Razoum. Sie alle finden in unserm, im Verhltniss zu ihrer Heimat kalten Klima die gnstigsten Existenzbedingungen auf dem warmen und trocknen Kalke, whrend derselbe eben dieser seiner Eigenschaften wegen von einigen andern gemieden \vird. Wir nannten die letztern bereits: es sind die Nordlandsschnecke Helix riiderata Stud., die Hochgebirgs- schnecke Hei. holoserica Stud. und die dem feucht -oceanischen Klima Westeuropas entstammende Balea jjerversa L. Erstere kommen nicht blos auf Kalk vor, sondern berhaupt auf trocknen, warmen aber auch nie gnzlich ausdrrenden Pltzen, so z. B. Fiqxi (Torquilla) J)-umenfwn Drap, an lelimigcn Abhngen bei Odcrbcrg in der Mark Brandenburg, bei Frstenstein i. Schi, auf Grauwacke, bei Finster- mnz auf Gnei (E. v. Martens, conf. S. 4 Anm. 2) u. s. w. ; nur bietet eben die erforderlichen Bedingungen eine kalkige Unterlage am besten und ftesten. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass Arten, deren eigent- liche Heimat ein verhltnissmig warmes Land ist, in feuchtern oder kltern Klimaten sehr whlerisch in Bezug auf warme und trockne Standorte werden, dass andrerseits Schnecken aus kaltem oder feuchtem Klima bei ihrer Verbreitung in trocknere oder wrmere Distrikte vor solchen gerade sich hten. Ich erlaube mir, dafr einige Beispiele anzufhren. Helix [Fruticicola) riifescens Penn., eine kontinentale Art und auf dem europischen Festlande auf allen Felsarten vorkommend, findet sich unter dem Einflsse des so ausgesprochen feucht - oceanischen Klimas von England nur auf Kalk. Helix {Fruticicola) strigella Drap., im Sden (Italien und Spa- nien) auf allen Gesteinsarten, wird je Aveiter nach Norden, immer mehr zu einer Kalk liebenden Schnecke (z. B. kommt sie in der Mark Brandenburg nur auf den Kalkbergen von Rdersdorf vor). Helix {Fomatia) pornatia L., im Sden (Oesterreich und Sd- deutschland) gleichmig auf allen Gesteinsarten, wird nach Norden hin auf Kalkboden entschieden hufiger, ebenso in Gebirgen nach der Hhe zu. U. s. w. Aehnliche Verhltnisse sind auch fr Pflanzen festgestellt worden, Jordan, Vorkommen von Landsclmecken. 217 dergestalt also, dass kontinentale Pflanzen und Pflanzen sdlicherer Gegenden; in ihrer Heimat indifferent, im Bereiche der feuchten Meeres- ksten, nach dem kltern Norden hin und in hhern Gebirgszonen ihren Charakter insoweit verndern, dass sie mehr und mehr Kalk- pflanzen werden. So wachsen nach A. Blytt') einige kontinentale Arten im sdstlichen Skandinavien ohne Auswahl noch auf allen Ge- steinsarten, whrend sie weiter nach Westen und Norden hin, wo einerseits ein feucht -oceanischcs Klima, andrerseits ein kalt-boreales zu herrschen anfngt, wegen der Trockenheit und Wrme des Kalks nur noch auf diesem gefunden werden. In gleicher Weise haben sich nach J. Lange ^) auf dem warmen Kreideboden der Ostseeinseln Gotland und Oeland Pflanzen angesiedelt (zugleich mit der eigentlich ebenfalls sdlichem Helix nemoralis L.), welche man sonst nur in sdlichem Breiten des Kontinents anzutreffen pflegt. Whrend aus dem Umstnde, dass ein groer Teil der Meer- strandpflanzen auch im Binnenlande an und auf Salzlagern gefunden wird, deutlich hervorgeht, dass hier ein chemisch ^virksames Agens, das Kochsalz, die Hauptrolle spielt, kommen Kstenlandschnecken eben nur an den Ksten vor, berschreiten aber die Zonen der Meer- strandpflanzen merklich nach innen zu und besonders in nach dem Meere hin offnen Tlern, in denen nur See^vinde zu wehen pflegen. Die Einflsse, denen sie nachgeben, sind eben physikalischer Art. Obgleich nicht hierher gehrend, sei dennoch kurz einer merkwrdi- gen Analogie gedacht, beruhend auf dem gleichzeitigen Vorkommen einer typischen Strandpflanze mit einer typischen Kstenlandschnecke an einem Orte, der jetzt ein ganz kontinentales Geprge trgt. Die See- strandkiefer {Pinus maritima bezw. P. Laricio Poir.), an den west- lichen Abhngen des Kaukasus bis 800 Fu hoch hufig, ist neuer- dings auch an dem sdwestlichen Gestade des kaspischen Meers im stlichen Transkaukasien, in den Steppen von Eldar gefunden wor- den, kurz vor dem Einfluss der Jora in die Kura" ^) ; aus demselben Gebiete mit seinem durchaus kontinentalen Klima kennt man schon lange die sonst absolut nur in streng oceanischem Kstenklima ge- deihende Pupa timhicilata Drap. Kann man daraus nicht auf frhere Epochen und seitdem stattgehabte Vernderungen schlieen? Bisher war die Rede von Analogien, welche zwischen dem Vorkommen und in der Verbreitung von Landschnecken und Pflanzen herrschen. Was dagegen die gegenseitige Abhngigkeit betriff't, muss man sagen, dass Schnecken sehr oft von Pflanzen, letztere nur 1) Axel Blytt, Essay on the immigration of tlie Norwegian flora during alteruating rainy aud dry periods. Christiania 1876. pag. 34 u. 35. 2) J. Lange, Introductory remarks on the third and last supplemeutary part of the Flora Danica. 1874. 3) Kessler, Ueber den Kankasus und die wissensehaftl. Erforschung des- selben in: Verh. d. Ges. f. Erdkunde zu Berlin, Bd. VIII Nr. 1. 1881. 218 Jordan, Vorkommen von Lauclclmecken. in einem Falle von Mollusken abhngig sind. Denn abweichend von dem sonstigen Vegetatiouseharakter der dem Meerwasser nicht mehr ausgesetzten Dnen , welche sonst Kalk fliehende Pflanzen be- herbergen, findet man daselbst Kalk liebende Arten auf Lagern von Konchylienschalen ^). Von Pflanzenwuchs mehr oder weniger abhngig sind erstens smmtliche indifferente Schnecken, also die Laubschnecken und die Wald beiwohnenden Erdschnecken. Wir berhrten schon den Ein- fluss, den Waldbume, verschieden nach der Beschaffenheit der Be- laubung, auf die Schneckenfauna ausben; es blieben nur einige Bei- spiele anzufhren brig, wo gewisse Schnecken an ganz bestimmte Pflanzen gebunden zu sein scheinen. Li Krain und Krnten leben nur in Gesellschaft der Paederota lutea L. die Campylaeen Helix intermedia Fer. und Helix Ziegleri A. Schm., whrend die nahe verwandte Helix faustina Z. var. Char- pentieri Scholtz in den Glatzer Gebirgen und in den mhrischen Su- deten eng an das Vorkommen von Tussilago Pefasites L. geknpft ist. Zwischen Brennnesseln und Geranien (z. B. Geranium Bobertianum L.) kommen gern Helix hispida L. und H. umhrosa Bartsch vor, Helix incarnata Mll, am hufigsten unter ppigen Farnstauden; und zwischen feuchten Moosstengeln (von Hypnum- und Hylocomium- Arten) Fu- piila polita Hartm., Vitrina-kYiQw und Hijalina {CnjstaUus) crystallina Mll. (Reinh.). Unter berhngendem Wurzelwerk von Grsern fin- den sich besonders bei trocknem Wetter, Pupa doliolum Brug., Claii- silia filograna Z. und Buliniinus obscurus Mll., mitunter wol auch Pupa frunientum Drap., whrend zwischen Vaccinien und unter Schleh- dornstruchern fters Balea perversa L. ziemlich isolirt, hchstens mit Clausilia biplicata Mont. vergesellschaftet, vorkommt u. s. w. Man wird erklrlich finden, dass bei dem Gebundensein einer Schnecke an eine Pflanze die geographischen Verbreitungsbezirke beider einander sehr hnlich oder identisch sein werden, und ein solches Verhltniss findet z. B. zwischen Helix aculeata Mll., einer waldbewohnenden Erdschnecke und unsrer Rotbuche statt. Oben hatten wir betont, dass der Kalk des Bodens als chemisches Agens keinen direkten Einfluss auf die Individuenzahl von Schneckenfaunen ausben knne. Es bliebe noch einiges zu erwhnen brig, inwiefern der Habitus von Schnecken durch die Bescha'en- heit des Fundorts beeinflusst werden kann. Dass brigens auch Rossmssler nicht daran geglaubt haben kann, dass die Schnecken den Kalk des Bodens direkt in ihren Or- ganismus aufnhmen, geht aus folgenden Worten hervor : Un- endlich kleine Mengen der mchtigen. Kalkberge fhrte das Wasser, 1) Contejean, Gh., De l'iufluence du terrain sur la Vegetation, in: Ann. sc. nat. Vl^^e g^rie. Botanique, Tome II. 1875. Jordan, Vorkommen von Lantlschnecken, 219 das Alles lsende, in die Pflanze ber. Diese gab ihren Kalkgehalt mit ihren Blttern der hungrigen Schnecke, dass sie daraus ihr Ge- huse baue " ^). Die Schnecken entnehmen also den zum Bau ihres Gehuses notwendigen Kalk aus ihrer Nahrung. Natrlich, denn woher sollten sie ihn sonst bekommen, wenn sie ihn direkt nicht aufnehmen knnen. Aber liefern die auf Kalkboden gewachsenen Pflanzen der Schnecke mehr Kalk, also reichlicheres Material fr den Bau ihres Gehuses, als die Vegetation kalkarmen Bodens ? Werden darum auf Kalkboden die Gehuseschnecken im allgemeinen dickere Schalen absondern, als die Bewohner der kalkarmen Gesteinsarten? Sehr viele Autoren sind fest davon berzeugt, und der Redensart: ein so dnnes Gehuse wie Helix arbustorum aus der Urgebirgsfor- mation des Schwarzwalds" bedient sich jedermann, wenn er aus- drcken will, dass gewisse Gehuse ganz ungemein dnn waren. Man kann kaum glauben, dass diese Ansicht auf die Dauer wird festgehalten werden knnen. Vielmehr drfte die Schnecke, wenn sie ein dickes Gehuse bauen will, d. h. wenn andre Einflsse sie dies zu tun veranlassen, die ntige Kalkmenge dazu auch in der Nahrung finden, welche auf Gnei und Granit gewachsen ist. So fand ich auf dem Hochstein" bei Knigshayn in der preu. Oberlausitz (vgl. S. 210) auf und bei Granitfelsen rotbraune, stark- gehusige, schn und gro entwickelte Exemplare von Helix hortensis Mll. var. fuscolabiata. Auch mit rotbrauner Schale, aber ohne brun- lichen Mundsaum und recht stark schal ig begegnete mir dieselbe Schnecke auf dem Gnei des obern Queithales bei Marklissa in Schlesien (Kreis Lauban). Ein recht starkes Gehuse hatten ferner ClauslUa hlplicata Mtg. , welche ich auf zu Tage tretendem Granit am Raubschloss bei Hirschberg in Schlesien sammelte, u. s. w. Jeder Sammler wird, wenn er auf solche Verhltnisse zu achten der Mhe wert hlt, recht bald eine ganze Reihe solcher Beispiele aus eigner Erfahrung aufbringen knnen. Auerdem ist es eine ganz bekannte Tatsache, dass die dickschaligsten unsrer Unioformen und die ebenso starkschalige Margaritana marcjaritifera L. durchaus nicht etwa die Gewsser kalkreicher Formationen bevorzugen; man meint sogar, Avas ich hier noch gar nicht einmal betonen will, dass sie kalkhaltige Bche geradezu meiden. Diese Najaden bedrfen aber in dem reienden Strome und bei den kiesigen und steinigen Betten ihrer "Wohnbche (vgl. Bd. I Nr. 13 dieses Blattes) zum Schutze gegen die Unbilden derselben einer sehr starken Schale und finden auch ohne reichlichen Kalkgehalt der Umgebung die Mittel ein solches zu bauen. Man knnte nun sagen, dass aber auf Kalk die Gehuse immer dick und nie so dnn seien, als manchmal auf kalkarmen Forma- tionen. Aber auch dies trifft nicht zu. Ich selbst fand im Jahre 1) Rossmssler, Reiseerinnerungen aus Spanien. Leipzig 1857. pag. 193 und 194. 220 Jordan, Vorkommen von Lanclschnecken. 1878 ^) an einer verlassenen Stelle des Muschelabbruches bei Wehrau am Quei in Schlesien Stcke von Relix incarnata Mll, mit ganz dnnen Gehusen. We Inland 2) erzhlt, er habe in einem Buchen- hochwalde auf der schwbischen Alp, wo Kalk doch berall die Un- terlage bilde"; Helix liortensls Mll, in groen Mengen, aber immer mit dnnen Schalen gefunden, manchmal ganz so wie ^^Helix ar- hustorum aus dem Schwarzwalde". Man A\rd nun wol nach andern Grnden suchen mssen, um die Beschaffenheit der erwhnten Funde zu erklren. Die Helix incarnata bei Wehrau am Quei bewohnte in dem dortigen, alten Muschelkalkbruch einen fast sonnenlosen, selbst im August nassen Abhang; derselbe war so gelegen, dass er Winden und freier Luft in hohem Grade unzugnglich war; er war dicht mit jungem Laubholz und Gestruch bewachsen. Die oben erwhnten Punkte aber, von denen gesagt war, dass auf ihnen trotz des die Bodenunterlage bildenden Granits gCAvisse Schnecken recht starke Gehuse producirt htten, liegen ausnahmslos auf freien Hhen; sie sind den Sonnenstrahlen und jedem Luftzuge, vielen Temperatur- und Lichtwechseln ausgesetzt. Die Luft, in welcher die Schnecken dort leben, ist eine sogenannte reine, d. h, sie ist kohlensurearm und zu Zeiten ozonreich; die Sonnenstrahlen erwrmen bei Tage die Felsen, welche dann bei Nacht wiederum auskhlen, infolgedessen groe Un- terschiede zwischen der Tages- und Nachttemperatur bestehen. Durch alles dieses wird die Lebensttigkeit bedeutend angeregt; alle Funk- tionen vollziehen sich innerhalb des animalischen Organismus mit groer Lebhaftigkeit, und auch die Kalkal)sonderung wird eine str- kere. Auch bedarf das Tier vielleicht darum einer starken Schale, um vor dem grellen Lichte geschtzt zu sein. In dem versteckten, nassen, luftstillen Winkel des genannten Muschelkalkbruches wird die Tages- und Nachttemperatur kaum sehr von einander diflferiren. Die stark kohlensurehaltige Luft wird auch nicht geeignet sein, Er- hhungen der Lebensttigkeit zu veranlassen; keine wechselnden Winde bringen fortwhrende Luftvernderungen, keine Sonnenstrahlen verursachen ein so grelles Licht, Avie es auf freien Hhen vorzugs- weise herrscht. Km-z, es ist nichts vorhanden, was die Tiere veran- lassen knnte, ein starkes Gehuse zu bauen, und die reichliche An- wesenheit des Kalks in der nchsten Umgebung, der am Boden nicht einmal eine dicke Laub- und Humusdecke trgt, konnte auch kein solches hervorbringen. Dass Weinland in dem erwhnten Buchen- hochwalde die Helix hortensis mit so dnnen Gehusen fand, wie die Helix arbustorum aus dem Schwarzwalde", muss w^ol an hnlichen 1) Jordan, Mollnsken d. pr. Ober!., Jahrb. d. d, mal. Ges. 1879. 2) Weinland, Weiclitierfauna d, scliwb. Alp. Wrtemb. natw, Jahresli. 1876. Jordan, Vorkommen von Landsclinecken. 221 Grnden gelegen haben. Die Art des Fundorts, ein alter Hochwald, ermutigt wenigstens sehr zu dieser Annahme. Und die Helix ar- hustonim aus dem Sehwarzwalde selbst stammte wahrscheinlich aus nassen, sumptigen Schluchten in schattigem Fichtenhochwalde, der eben nur in solchen Schluchten von wenigen Laubholzadern durch- zogen ist; sie wird dort also nur den gleichen Umstnden Rechnung getragen haben oder noch tragen! So fand ich Helix hortensis Ill., Helix friiticum Mll, und Hei. incarnata Mll, ebenso dnnschalig in einem sehr dicht gewachsenen und sumpfigen Laubwldchen an der lausitzer Neie bei Leschwitz (Kreis Grlitz), noch nie aber dick- schaligere Exemplare der erstgenannten, als an den sonnigen, sandig- lehmigen und trocknen Abhngen am Schwilowsee bei Baumgarten- brck bei Potsdam. Nicht nur die verschiedene Strke der Ge- huse ist von den physikalischen Einflssen der Umgebung abhngig, sondern in demselben, wenn nicht sogar in hherm Grade die Frbung dieser, sowie der Schnecken (auch Nacktschnecken) ber- haupt, in etwas geringerm Grade aber die Gestaltung der Ge- huse. Es hngt gewiss mit Grnden der Zweckmigkeit zusammen, wenn die felsenbewohnenden Gehuseschnecken, als welche in unsern Gebirgen vor allen Dingen die Campijlaeen (Helixgruppe Campylaea), Ciamilien, Puim- und Bidiminns- Arten gelten knnen, ein Gehuse tragen, welches vorzugsweise nur in einer Richtung ausgedehnt ist. Die Campylaeen nmlich sind immer platt, oft gekantet und das sogar sehr scharf in der Form der nordischen Vertreterin ihrer Gruppe {Helix lapicida L.), whrend die Clausilien, Piipeen u. s. w. lange, trm- oder spindelfrmige Gehuse erzeugen. Eine groe, kugel- frmige Schale wre nicht geeignet, das Kriechen und Verbergen in ihren Schlupfwinkeln, den Felsenritzen und Steintrmmerhhlen, zu erleichtern. Dass die gekantete Form der Helix lapicida L. sicher- lich mit der Art ihrer gewhnlichen Aufenthaltsorte, nmlich Felsen oder steinigen Bergen, etwas zu tun hat, geht daraus hervor, dass nach lngerm Wohnen an anderweiten Oertlichkeiten das Gehuse andre Gestaltung annehmen kann. Die Stubbnitz auf der Insel Rgen ist ein selten schner Hochwald alter Buchen; der Boden trgt eine hohe Lage von Humus, Laub und Moos, so dass das Felsgestein (hier also Schreibkreide) berall vollkommen bedeckt ist. Helix la- fjicida L. aber kommt hier mit weniger scharfem Kiele vor, was hufig bis fast zum Verschwinden desselben gesteigert ist, d. h. die Art ist gezwungen worden, das Leben einer Laubschnecke zu fhren und hat sich einer solchen auch in ihrer Gehuseform genhert. Den- selben Umstand konstatirt S. Clessin^) aus einem Buchenhochwald 1) S. Clessiu in: Korresp. - Blatt d. zool.-mineral. Ver. zu Regensburg. 1872. 222 Jordan, Vorkommen von Landschnecken. bei ZusmarsliaiLsen in Bayern. Die Laubsclmecken zeigen durchweg eine volle Rundung der Gehuseform ; in dem weichen Laube^ in wel- chem sie ihre Schlupfwinkel aufsuchen, oder bei dem Kriechen an den frei stehenden Baumstmmen stoen sie auf nichts, was einer vol- len Rundung derselben hinderlich sein knnte. Bei den Erdschnecken findet man keine Neigung zu einer be- stimmten Bauart des Gehuses; deutlich aber ist bei ihnen die Ten- denz der Kleinheit ausgeprgt^ was bei dem Leben in und zwischen den kleinsten, von der Natur gebotenen Verhltnissen erklrlich er- scheint. Am meisten aber macht sich das Bestreben der Land- schnecken, sich den Verhltnissen ihrer Wohnorte anzupassen, nicht nur in den von ihnen zur Schau getragenen Farben der Gehuse, son- dern auch der Weichteile geltend. Es wird nicht wunderbar erschei- nen, dass solche Verhltnisse ganz besonders gut bei farbenreichen Schnecken zu studiren sind; die farbenreichsten Arten uusrer Fauna aber sind die beiden groen Helix- Arten aus der Gruppe Tachea: Helix hortensis Mll, und Helix nemoralis L. Wir erwhnten oben, dass dieselben besonders gern an Laubwaldrndern und in lichten Hochwaldbestnden leben ; aber man findet sie auch auf warmen und trocknen Wiesen und Rasenpltzen, wenn nur etwas Gebsch we- nigstens in der Nhe ist. Besonders die erste der beiden wei sich in verschiedene, weniger angenehme Verhltnisse zu schicken. An solchen lichten Stellen von Laubwldern nun herrschen sehr mannig- faltige, in ewigem, grellem Wechsel schwankende Verhltnisse zwi- schen Licht und Schatten, hervorgerufen durch die Sonnenstrahlen, welche durch die unendlich vielen Zmschenrume zwischen dem Blattwerk und dem Gest hindurchfallen. An solchen Pltzen pflegt den genannten Arten eine ganz besonders groe Variabilitt in der Zahl der Bnder und in der Art der Gruppirung derselben eigen zu sein. Ein besonders schnes Beispiel liefert Helix hortensis Mll, von der Stubbnitz auf Rgen, wo man die Bndervarietten" in allen erdenklichen Abnderungen findet. Selten aber sind helle, bnderlose Stcke und solche, welche durch Zusammenflieen aller Bnder ein dunkles Aussehen gemnnen; rotbraune Gehuse scheinen dort ganz zu fehlen. Solche dunkle Exemplare wrden ebenso wie ganz helle mit den Farbentnen und Farbenwechseln der Umgebung nicht in Ein- klang stehen, sondern nur dazu beitragen, das Tier mglichst auf- fllig zu machen. In dem Netzwerk aber von Schatteulinieu, welches von den Sonnenstrahlen auf den hellen, glatten Buchenstmmen her- vorgerufen wird, sind diese hellen Schalen mit den scharfen, dunklen Bndern ganz in Uebereinstimmung mit den um sie herum herrschen- den Farbenzusammenstellungen und Wechseln der Lichtintensitten gebracht. Anders steht es an hellen, sonnigen Abhngen mit wenig Gebsch: dort prvaliren die bnderlosen, zitronengelben oder hell- rtlichen Gehuse. In dichten Gebschen aber, besonders in moorigen Jordan, Vorkommen von Lanclschnecken. 223 Erlenwlciclien sieht man sehr viele dimkle Exemplare, clmikel sowol durch Zusammenflieen mehrerer oder aller Bnder, oder durch eine uniforme, rotbraune Frbung-, wie man sie immer bei der Variett mit dem brunlichen Mundsaume, Hei. hortensis Mll. var. fuscolabiata beobachten kann. Letztere habe ich bisher besonders auf freien Hhen auf und zwischen dunklen Granitblcken und Glimmerschiefer- felsen gefunden. Die schon fters erwhnte Helix hortensis vom Hochstein bei Knigshayn war in ihrer Farbe, und zwar in allen Stcken so sehr au das Felsgestein angepasst, dass sie ein ungebtes Auge sicher bersehen haben wrde. Dem entsprechend finden wir nun die Bewohner der Waldrnder und lichten Laubwlder am schnsten und mannigfaltigsten gefrbt {Helix hortensis Mll., nenioralis L., "fruticuni Mll., Limax tenellus Nilss. [= cinctus Heyn.], Lim. cinereus List., cinereo-niger Wolff u.s. w.) ; dunkel sind die Arten des schattigen Waldinnern und das Gros der Erdschnecken; hell aber stellen sich Bewohner sonniger, trockner Abhnge dar, wie auch die Arten aus den waldlosen, sonndurch- glhten Mittelmeerlndern meistens weiliche Schalen tragen. Interessant ist der Farbenwechsel unsrer groen Nacktschnecke rion empiricorum Fer. Es scheint hier keine Anpassung an die Farbentne der Umgebung, sondern eine Einwirkung des Klimas vor- zuliegen. Der groe Arion kommt nmlich im Hochgebirge und in nordischen Lndern (Skandinavien, Island, Farerinseln) und an n a s - s e n Oertlichkeiten unsrer mitteldeutschen Ebenen nur schwarz vor. Die ganz rote Frbung [Limax (Arion) rufus L.] findet sich auf son- nigen Hgeln, und unzhlige Abstufungen zwischen dieser und der schwarzen je nach dem Grade der Nsse an verschiedenen Pltzen. Jedenfalls stimmen alle gleichaltrigen Exemplare eines Fundorts ge- nau in der Art der Frbung berein. Man will sogar schon beo- bachtet haben, dass die Farbe mit der Jahreszeit wechsle, schwarz im nassen Frhjahr sei, heller und heller nach dem wrmern und trocknern Sommer hin werde, um sich dann im Herbste wieder zu verdunkeln. Ich mchte daran noch nicht unbedingt glauben; sonst aber fhre ich der Kuriositt halber noch eine Ansicht ber die Ur- sache der roten Frbung des groen Arion an, welche besagt, dass dieselbe recht wol von der Aufnahme von Eisen herrhren knne ! Dass brigens groe Nsse wol dazu beitragen kann, die Farbe der Weichteile von Landschnecken dunklere Tne annehmen zu lassen, geht auch daraus hervor, dass die sehr verschiedenfarbige Helix {Fruticicola) incarnata Mll, an moorigen Oertlichkeiten oft eine geradezu schwarze Frbung annehmen kann, auf trocknen Bergen aber meistens in einem zarten Rosenrot prangt. Hermann Jordan (Potsdam). 224 Beneke, Entdeckung des Cholesterins in Pflanzenzellen. M. Holl, lieber den Versshluss des mnnlichen Beckens. Arch. f. Anat. u. Physiol. 1881. Anat. Abt. S. 225271. Taf. X. Die Fascien und Muskeln am Beckenausgang des Mannes werden ausfhr- lich historisch beleuchtet, anatomisch beschrieben und letztere auch abgebildet. Die Auffassung schliet sich hauptschlich an die bekannte von Langer an, die Darstellung des Ref. (Handb. d. menschl. Anatomie. 1879. Bd. II. S. 534 u. 537) in Betreff des M. levator urethrae s. Wilsonii wird bestritten, doch scheint die Beschreibung des tiefen Blattes der Fascia perinaei profunda mit derjenigen der obern Fascie des Diaphragma pelvis urogenitale s. accessorium (S. 264) wenigstens faktisch in besserm Einklang zu stehen. Verf. vergleicht dieselbe mit einem Zelt. W. Krause (Gttingeu). Knigstein, lieber die Nerven der Sclera. Arch. f. Ophthalmologie. 1881. Bd. 27. Abt. III. S. 56. Nach Untersuchungen am Frosch, der Ratte, dem Meerschweinchen, dem Rinde und dem Menschen besttigte der Verf. an Ueberosmiumsureprparaten die von Helfreich (1869) an der Sclera des Frosches durch Vergoldung auf- gefundenen Nervenfasern. Unter gnstigen Umstnden sieht man marklose Fasern von den Bndeln doppeltkonturirter Nervenfasern abbiegen und in der Substanz der Sclera scheinbar frei aufliren. Verf. glaubt jedoch, annehmen zu sollen, dass sie nach Analogie mit der Cornea in Bindegewebszellen der Sclera endigen. W. Krause (Gtting-en). Zur Entdeckung des Cholesterins in Pflanzenzellen. In dem Referat von J. Reinke (Gttingen) ber E. Schulze und J. Barbieri's Arbeit Zur Kenntniss der Cholesterine" in Nr. 5 dieses Blattes (1. Mai 1882) wird gesagt, dass Hoppe-Seyler es fr das Cholesterin zuerst vermutungsweise ausgesprochen habe, dass dasselbe ein konstanter Bestandteil der Pflanzenzelle sei. Ich kann dem gegenber nicht imterlassen, daran zu erinnern, dass ich das Cholesterin zuerst in den Saaterbsen aufgefunden habe (cf. Liebig u. Whler's Annalen 1862. Am 1. Mai ausgegebenes Heft), und dass ich in einer Abhandlung Ueber das Cholesterin" im Archiv des Vereins fr wissenschaftliche Heilkunde 1866 S. 444, sowie in meinen daselbst citirten Arbeiten nicht nur das Cholesterin als Bestandteil des Protoplasmas bezeich- net, sondern auch sein quantitatives Verhalten in den sich aus dem Samen entwickelnden jungen Erbsenpflauzen nachgewiesen habe. Bei der Wichtig- keit, welche ich seit Jahren und seit der Entdeckung im Pflanzenreich dem Cholesterin fr das Leben der Zelle zugeschrieben habe, glaube ich mir diese Erklrung schuldig und berechtigt zu sein , der Verdimkelimg einer wissen- schaftlichen Tatsache entgegenzutreten. Marburg, den 7. Mai 1882. Beueke. Emsendimg-en fr das Biologische Cent ralblatt" bittet mau an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut'* zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Di .ick von Junge & Sohn in Erlangen. Biologisches Centralblatt unter Mitwirkimg von Dr. M. Reess mui Dr. E. Selenka Prof. der Botanik Prof. der Zoologie heratisgegebcu von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummeiu von je 2 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. IL Band. i5. Juni 1882. Nr. 8. Inhalt: Tschirch, Ueber einige Beziehungen des anatomischen Baues der Assimila- tionsorgane zu Klima und Standort, mit specieller Bercksichtigung des Spalt- ffnungsapparats. Kleiuenbcrg", Die Entstehimg von Neubildungen in der Phylogenie und die Substitution der Organe. HrueS, Die Entfaltung des Megalodusstamnis in den Jngern mesozoischen Formationen. Die Geschmacks- organe der Wirbeltiere. Tichouiirovv, Die Anordnung und gegenseitige Beziehung der Hirnarterien des Menschen. Spcck, Untersuchungen ber die Beziehungen der geistigen Ttigkeit zum Stoftwechsel. IOSSO, Die Funk- tionen der Harnblase. Ebci'llicycr, Physiologische Chemie der Pflanzen. Babes Vom roten Schweiss. Alallii, Mitteilungen aus dem Gteborger Museum. A. Tschirch, Ueber einige Beziehungen des anatomischen Baues der Assimilationsorgane zu Kh'ma und Standort, mit specieller Bercksichtigung des Spaltffnungsapparats. Linuaea, Bd. XLIII, Heft 3 u. 4, S. 139252. Mit einer Tafel. Der Verfasser fhrt in dieser interessanten Arbeit den Nachweis, dass im Pflanzenreiche die mehr oder minder vollkommene Ausbildung von Schutzeinrichtungen gegen Verdunstung in direktem Verhltniss stehe zur trocknen oder feuchten Beschaffenheit von Klima und Stand- ort. Hierbei wird selbstverstndlich auf den anatomischen Bau des Spaltffnungsapparats als des wesentlichsten Vermittlers der Wasserdampfexhalation das Hauptgewicht gelegt, und gleich eingangs eine Zusammenstellung der wichtigsten (18) Typen des erstem ge- geben. Hierbei handelt es sich weniger um die Struktur der eigent- lichen Spaltffnung" beziehungsweise der den Spalt zwischen sich nehmenden Schliezellen, als vielmehr um die Art der Einlagerung dieser in die Blattflche. Als Spaltffuungsapparat" bezeichnet der Verfasser alles das, was an der Bildung der Spaltffnungen nebst ihren Vertiefungen teilnimmt", d. h. er rechnet in allen Fllen, wo die Spaltffnungen unter das Niveau der Epidermis gerckt sind, die zu diesem Zweck vorhandene Vertiefung (die mittels der Wallff- nung" nach auen mndende uere Atemhhle") mit zum Spaltff- nungsapparat. Liegen dagegen die Spaltffnungen in der Hhe der Epidermis" oder sind sie ber die letztere noch emporgehoben, so 15 226 Tschircli, Bau der Assimilatioiisorgane. stellen die Schliezelleii fr sich allein den Spaltffnnngsapparat dar. Uebrigens kommt aucli in diesem Fall der Eingang in die zwischen den Schliezellen befindliche Spalte (Centralspalte") wegen der dicken Anenwnde jener zuweilen unter die Oberflche der Epider- mis zu liegen. Nebst den Strukturverhltnissen des Spaltffnungs- apparats wird aber auch die Anzahl der Spaltffnungen selbst die Verdunstungggre beeinflussen. Wenn nun auch die Menge der auf die Flcheneinheit entfallenden Spaltfihungen bei der nmlichen Art sehr ungleich ist so Averden z. B. pro D mm fr Betula spec. bald 71, bald 237 Spaltffnungen angegeben und diese Verschie- denheiten durchaus nicht immer auf Standortsverhltnisse zurckzu- fhren sind, so besitzen doch durchschnittlich die stndigen Bewohner trockner Standorte weniger Spaltffnungen, als diejenigen Pflanzen, welche in feuchter Umgebung die natrlichen Bedingungen ihres Ge- deihens finden. Das Blatt von Nymphaea alba hat auf seiner Ober- seite 460, das von Queren^ Robur ebenda 346, jenes von Sentpervivuni tectorum (Hauswurz) dagegen auf der untern und obern Flche nur 11, beziehungsweise 14 Spaltffnungen pro D mm. Neben der zweckmigen Einrichtung des Spaltfthungsapparats stehen der Pflanze aber noch mehrere Mittel zu Gebote, um die Verdunstung aus den Assimilationsorganen herabzumindern. Hier ist zunchst zu nennen die Struktur der Epidermis. Starke Cuticularisirung der Auen- wnde der Oberhautzellen A\drd ebenso, wie die Einlagerung von Kalk- oxalatkrnchen in jene dem Durchtritt von Wasser sehr hinderlich sein. In gleichem Sinn wirken W a c h s b e r z g e , welche auerdem noch zur Vertiefung der Spaltffnungen beitragen. Ferner werden Haarbildungen obigem Zwecke dienstbar gemacht, indem dieselben ihren Inhalt verlieren, sich mit Luft erfllen, und gegen die Epidermis in der Eegel durch eine Querwand abgliedern. Solche Haare kom- men nicht selten auch in den uern Atemhhlen vor. Sie drften die von ihnen bedeckten Pflanzeuteile auch vor den nachteiligen Fol- gen eines raschen Temperaturwechsels bewahren. Ein hufig ange- wandtes Mittel zur Beschrnkung der Verdunstung liegt in der Ver- minderung der Intercellularrume im Blattgewebe, also in der Verkleinerung der verdunstenden Oberflche im Blattinnern. Diesem Zwecke kann auch durch entsprechende Anordnung der Durch- lftungsrume Vorschub geleistet werden. Bei den Halophyten und Succulenten bildet die salzige, beziehungsweise schleimige Beschaf- fenheit des Zellsafts ein Schutzmittel gegen schdlichen Wasser- verlust. Einem solchen wird bei manchen Pflanzen auch durch die Form und die vertikale Stellung der Bltter vorgebeugt. Als Blattformen, welche in dieser Hinsicht in Betracht kommen, bezeich- net der Verfasser die schmallanzettliche und eylindrische und zeigt durch eine Rechnung, dass tatschlich bei sehr breiten und dnnen Organen die Oberflche im Verhltniss zum Volumen ungleich grer Tschirch, Bau der Assmiilationsorgane. 227 ist, als bei sclimalcn und dicken. Endlich muss liier noch auf eine Reihe mechanischer Ei n r i c h t u n g- e n hingewiesen werden, welche den Zweck haben, die Struktur der Assimilationsorgane mglichst widerstandsfhig zu machen und Formvernderungen, wie sie bei einem eventuellen Collabiren der zartwandigen Assimilationszellen ein- treten knnten, zu verhindern. Die Druckfestigkeit wird durch dick- und hartwandige Elemente (Stereiden) erhht, die senkrecht zur Blattoberflche stehen, und entweder vereinzelt als Strebezellen" vor- kommen oder zu Strebe wnden" vereinigt sind, welche das Blatt- gewebe in der Lngsrichtung durchziehen, und dasselbe in eine An- zahl von einander vllig getrennter Kammern scheiden. Dies ist in ausgezeichneter Weise der Fall bei Khigia ausfralis^). In trocknen Klimaten zeigt sich brigens auch die Biegungsfestigkeit der Bltter erhht. Die Gefbndel sind auf der obern und untern Seite von Stereidenscheiden umhllt, die beiden Blattseiten durch I-trger ver- bunden und hufig auch die Innenwandungen der Epidermiszellen stark verdickt. Ob der bei vielen Pflanzen trockener Klimate betrchtliche Ge- halt an therischem Oel als Schutzmittel gegen Verdunstung in Be- tracht komme, wie Grisebach annimmt 2), scheint dem Verfasser fraglich. Nach dem genannten Autor soll dieser Schutz darauf be- ruhen, dass therisches Oel leichter, also auch rascher verdampft als Wasser, und dass deshalb die um jedes Blatt sich zunchst bildende Oelatmosphre nach physikalischen Gesetzen die Wasserverdunstung verlangsamt. Fr die reichliche Ausstattung der Steppen- und Wstenpflanzen mit Dornen und harten Blattspitzen wei der Verfasser keine ausreichende Erklrung zu geben. Keineswegs kann es sich hierbei blos um einen Schutz gegen Tiere handeln. Nachdem die Schutzmittel, welche der Pflanze gegen bermigen Wasserverlust zu Gebote stehen, aufgezhlt und besprochen sind, sucht der Verfasser den Nachweis zu fhren, dass ihre Ausbildung in direktem Verhltniss zur Trockenheit des Klimas stehe. Er grup- pirt zu diesem Zweck die Pflanzen nach ihrer Verbreitung ber Zo- nen mit ungefhr gleicher Eegenverteilung, deren er sieben unter- scheidet. Die tropische Zone mit Regen zu allen Jahreszeiten beherbergt als typische Vegetationsformen die Palmen, Bambusen, Pan- danen, Farnbume, Mangrove, Scitamineen, Aroideen, epiphj^ten Orchi- deen und Bombaceen. Die Bltter dieser Pflanzen sind teils sehr zart, aus dnnwandigem lockerm Gewebe gebildet (Farnbume), teils von derberer, oft pergament- oder lederartiger Beschaffenheit (Pal- men, Pandanen, Laurusform). Der Spaltffnungsapparat ist in beiden 1) Vergl. Sitzimgsbericlite des botan. Ver. d. Prov. Brandenburg, 1881 S. 11. 2) Grisebach, Die Vegetation der Erde, I. S. 443. 15* 228 Tschirch, Bau der Assimilationsorgane. Fllen iiiclit oder nur unbedeutend unter das Niveau der Epidermis gerckt, nicht selten sogar ber dieses emporgelioben. Scliutzein- riclitungen gegen Verdunstung fehlen vollstndig. Dieses ist auch teilweise der Fall in der Zone der nrdlichen Wald- gebiete, soweit es sich nmlich um den hier heimischen periodi- schen Laubwald und die Wiese handelt. Bei den immergrnen Nadel- hlzern jedoch finden wir bereits eine Verschmlerung des Blatts zur Nadelform, eine stark entwickelte Epidermis und eine schaleuartige oder cylindrische oder krugfrmige Vertiefung der Spaltffnungen. Wie die in Rede stehende ist auch die M e d i t e r r a n z o n e durch den Wechsel von Sommer und Winter charakterisirt. Hier, im Medi- terrangebiet und an der kalifornischen Kste, hat man jedoch zwischen einer winterlichen Regen- und einer sommerlichen Trockenheitsperiode zu unterscheiden, whrend in den nrdlichen Waldgebieten eine gleich- migere Verteilung der Niederschlge zu Gunsten des Sommers und Herbstes herrscht. Als typische Vegetationsformationen finden wir in der Mediterranzone zwar noch lichte Wlder, aus Nadelhlzern und immergrnen Eichen gebildet, dieselben treten jedoch bedeutend zurck hinter die immer grnen, aus Olive, Myrten, Oleander, Lorbeer, Eriken, Hex, Genisten u. a. bestehenden Gebsche (Maquis). Die Matten (Tomillares), aus Kraut- und Graspflanzen zusammengesetzt, haben mit unsern Wiesen keine Aehnlichkeit und zeigen stellenweise (Spanien) sogar Steppencharakter. Die Bltter der immergrnen Pflanzen sind hier mit einer stark entwickelten Cuticula und mit meist vertieften Spaltffnungen versehen. Bei Nerium Oleander liegen diese sogar in besondern, mit Haaren ausgekleideten, in das Blatt eingesenkten Krgen". In einzelnen Fllen werden die nicht oder nur wenig ver- tieften Spaltffnungen von schirmfrmig entwickelten Haaren (Schl- fern) bedeckt und dadurch in ihrer Umgebung ein windstiller Raum" geschaffen {Olea). Die Struktur der immergrnen Bltter selbst ist eine auerordentlich derbe, sie sind meist mglichst vollkommen druck- und biegungsfest gebaut. Bei manchen Pflanzen sind die Bltter lineal (Eriken) oder schuppenfrmig (Spartiumform) ; Arten von Cistus, Labiaten zeigen zottig behaarte Assimilationsorgane. Weitere Mannigfaltigkeit in der Ausbildung von Schutzmitteln gegen Verdunstung finden wir bei den pflanzlichen Bewohnern des Sudan. Diese Zone ist durch sehr gleichmiges Klima, aber erhebliche tg- liche Temperaturschwankungen und eine sehr kurze, nur 3 4 Monate dauernde Regenperiode charakterisirt. Die Baumvegetation {Ficiis, Mtisa, Acacia, Adansonia) verliert grtenteils mit Eintritt der Trocken- periode ihr Laub, um erst mit dem Wiederbeginn der Regenzeit neu zu ergrnen. Auch die Grser der hier ber weite Ebenen ausge- breiteten Savanne sind nicht im Stande, die Drre zu berdauern. Dies vermgen neben wenigen Pflanzenformen mit reducirten Blatt- organen" {Casiiar'men z. B.) nur die fleischigen Euphorbien, Crassu- Tschirch, Bau tler Assimilationsorgane. 220 laceen und Aloearteii; welche als Succulente zunchst durch den Schleimgehalt ihres Gewebes, dann auch durch Wachsberzge der Oberhaut, stark cuticularisirte Auenwnde der Epidermiszellen und vertiefte Spaltffnungen vor dem Verdorren geschtzt sind. Sehr ungnstige Bedingungen tindet die Pflanzenvegetation in der Steppen- zone, dargestellt durch die asiatischen Steppengebiete. Die Vege- tationszeit ist hier auf drei Monate beschrnkt. In das brige Jahr teilen sich ein schneereicher Winter und ein regenloser Sommer, des- sen ausdrrende Wirkung trockene Strme noch erhhen. I\Ian hat Salz- und Grassteppen zu unterscheiden. Erstere sind hauptsch- lich mit salzhaltigen Chenopodeen (Halophyten) bestanden, welche der Sommerdrre erfolgreich widerstehen. Die Grassteppe wird ent- weder von vergnglichen, d. h, die Trockenperiode nicht berdauern- den Grsern und Wiesenkrutern gebildet, welche keinerlei Schutz- einrichtungen gegen Verdunstung besitzen; teils besteht sie aus Ge- wchsen, welche gegen alle Unbill gepanzert" sind. Bei den typi- schen Steppengrsern (Sfipa pennata z. B.) liegen die Spaltffnungen an den Bschungen von mit Haaren ausgekleideten Lngsrinnen auf der Oberseite einrollbarer Bltter. Die letztern, wie auch die Stengel sind zudem auerordentlich biegungsfest gebaut. Neben solchen Grsern trift't man blattlose Chenopodeen, dicht wollig behaarte Arte- misien, endlich viele Zwiebelgewchse, die whrend der Drre unter- irdisch fortleben. In der Zone Australien", welche das Innere Neu-Hollands, die Kalahari und Atacama imifasst, herrscht den grten Teil des Jahres ber Trockenheit, die nur vorbergehend durch hef- tige Guregen unterbrochen wird. Diese fllen aber hauptschlich die Rinnsale der Wasserlufe und kommen dem von frher her aus- gedrrten, geborstenen Boden nur zum kleinern Teil zu gut. Sie knnen Jahre hindurch auch ganz ausbleiben, und dann ist die Vegetation einzig und allein auf die infolge der pltzlichen Tempera- turschwankungen reichlich gebildeten Thaiimengen angewiesen. In der Atacama und Kalahari treten als charakteristische Pfiauzenformen auf: Dornstrucher, Succulente, Zwiebelgewchse und Steppengrser. In Neu-HoUand tritt an Stelle der erstem der Scrub", ein undurch- dringliches, unausrottbares Dickicht, bestehend aus Struchern (Arten von Hahea, Melaleuca, Eucalyptus , CalUtris u. a.), deren spitze, fahle Bltter bald nadelartig verschmlert &ind, bald in breiten, starren rasselnden" Formen die grte Mannigfaltigkeit zeigen. Die Suceu- lenten sind durch Halophyten ersetzt. Neben den schon frher erwhnten Schutzmitteln, unter welchen die auf verschiedenem Wege erzielte Vertiefung der Spaltffnungen eine Hauptrolle spielt, sind noch als neu hinzutretende zu nennen : Senkrechte Stellung der Blatt- flche; verschiedengradige Reduktion der letztern zu lanzettlichen, linealen und stielrunden Formen ; Unterdrckung der Blattbildung und vorwiegende Entwicklung blattartiger Zweige (Phyllodien), endlich 230 Tschirch, Bau der Assimilationsorgane. die oben schon berhrte Kammerbildmig* im Assimilationsgewebe. Einige Pflanzen Australiens besitzen sogar in ihren Wurzeln oder auch im Stamm besondre Wasserreservoirs. In der Wstenzone, re- prsentirt durch die Sahara, erlischt wegen der andauernden, in kei- ner Weise gemilderten Drre selbst die Thauniederschlge bleiben hier aus fast jedwede Vegetation. Auerhalb der Tler und Oasen zeigt sich nur hin und wieder ein schwacher Abglanz von dem Pflan- zenleben der Steppe", in starrhalmigen Grsern {Aristida 2)ungens), blattlosen Halophyten und ebensolchem Strauchwerk {Ephedra). Nachdem dergestalt der Nachweis gefhrt ist, dass mit der zu- nehmenden Trockenheit des Klimas die Zahl der Schutzeinrichtungen wchst, geht der Verfasser in dem letzten Abschnitt seiner Abhand- lung daran, an einer langen Reihe von Beispielen zu zeigen, dass tatschlich der Feuchtigkeitsgehalt des Standorts in nchster Be- ziehung steht zum anatomischen Bau der Blattorgane, besonders des Spaltffnungsapparats". Als Demonstrationsobjekt dient die Flora Australiens, und zwar aus zwei Grnden. Einmal zeigt dieser Kon- tinent Abstufungen vom feuchtesten Tropenklima bis zum trocken- sten der den Wste, Abstufungen, die, in der Richtung des Passates von Osten nach Westen vorschreitend, mit einer Palmen- und Baum- formvegetationbeginnen, um im Scrub und in der Steppe zu endigen." Dann sind die tyjjischen Familien und Genera allgemein verbreitet. Die Gattung Euccdyptus z. B, hat ihre Vertreter sowol in der Tropen- zone, als auch im drren Scrub. Dementsprechend besitzt ihr Laub entweder ein sehr weitmaschiges Durchlftungssystem und nur wenig geschtzte Spaltffnungen {Euc. globulus z. B.), oder die letztern sind erheblich vertieft, und die Intercellularen mehr oder minder verklei- nert. Aehnliche und zum Teil viel weiter gehende Differenzen zeigen je nach ihren naturgemen Standorten die Arten vieler anderer Gat- tungen so z. B. von Grevillea, MeUdeuca, Acacia, namentlich die letz- tern, bei welchen einerseits vielfach zerteilte (gefiederte), zarte Blt- ter, andrerseits starre und senkrecht gestellte Phyllodien vorkommen. Damit geht die Umwandlung des bifacialen Baues (mit einer anato- misch verschiedenen Ober- und Unterseite) in den centralen (ringsum gleichartigen) Hand in Hand. Im Allgemeinen wchst mit dem Hervortreten der Stomata in die Hhe der Epidermis das Feuchtigkeitsbedrfniss der Pflanze. Dies verdeut- licht eine vom Verfasser zusammengestellte Tabelle, in welcher die fr die sechste Zone (Australien") typischen Pflanzen nach dem Bau der Spaltffnungen gruppirt, und fr jede die wichtigsten als Schutzeinrichtungen aufzufassenden anatomischen Eigentmlichkeiten sowie in einer besondern Kolumne der Standort eingetragen sind. Die Ausnahmsstellung, welche die Conifercn und Cycadeen einnehmen, indem sie trotz ihrer vorwiegenden Verbreitung in feuchten Klimaten dennoch vertiefte Spaltffnungen besitzen, knnte nach der Meinung Kleiiieiiberg, Entatehuiig von Neubildimge}i. 231 des Verfassers mglicherweise darin ihre Erklrimg finden, dass die letztern hier weniger vollkommen gebaut und daher schutzhedrftiger sind, als bei den Angiospermen. Der Verfasser hlt diese Struktur- differenzen fr hinreichend gro, um eine unmittelbare Vergleichung der Spaltffnungen der Gymnospermen mit denjenigen der Angio- spermen zu verbieten. Schlielich wird die Unmglichkeit hervorge- hoben, die Vegetationsformen Grisebach's auf anatomische Grund- lagen zurckzufhren und der Ueberzeugung Ausdruck gegeben, dass es hier nur einer kombinirten morphologisch-anatomischen Betrach- tungsweise gelingen knne, ^virklich natrliche" Typen aufzustellen." Die Bewltigung dieser Aufgabe kann jedoch erst von der Zukunft erwartet werden. Auch die vorliegende Arbeit aus welcher hier nur das Wesentlichste mitgeteilt werden konnte beansprucht kei- neswegs, die Beziehungen zwischen dem anatomischen Bau der Assi- milationsorgane und Klima und Standort irgendwie erschpfend dar- zulegen; sie will nur als Versuch gelten, der Lsung dieser Frage nher zu treten. Dieser Versuch muss als ebenso gelungen wie dankenswert bezeichnet werden, und es ist zu wnschen, dass ihn der Verfasser erfolgreich weiterfhren mge. K. Wilhelm (Wien). N. Kleinenberg, Die Entstehung von Neubildungen in der Phy- logenie und die Substitution der Organe. Suir origiiie del sistema nervoso centrale degli Anellidi. Mem. E. Accad. dei Lincei 18801881. (3). vol. X. Kleinenberg hat sich seit einer Reihe von Jahren mit Unter- suchungen ber die Entwicklung mariner Ringelwrmer beschftigt und verffentlicht nunmehr, nachdem dieselben so weit zum Abschluss gebracht sind, wie das erreichbare Beobachtungsmaterial es gestattete, in einer zwar wenig umfangreichen, aber ihrem Inhalt nach hchst bedeutsamen Mitteilung die Ergebnisse derselben, soweit sie die Ent- wicklung des Nervensystems betreffen. Seine Schilderung bezieht sich im Speciellen auf eine Phyllodocee, LoimdorhyncJms Gr., deren karmin- rote Larven im Mittelmeer sehr hufig und in allen verschiedenen Stadien angetroffen Averden. Diese Larven fgen sich ihrer Gestalt nach den sog. Lovenschen Larven an: sie bestehen aus zwei durch einen Wimpergrtel getrennten, etwa halbkugligen Hlften, deren un- tere eben unterhalb des Wimpergrtels die Mundffnung und in der Nhe des untern Pols die Afterffnung trgt. Die Organe der jng- sten Individuen sind noch uerst einfach: es ist nur eine einschich- tige uere Haut (Ektodermj mit dem Wimpergrtel, ein in drei Ab- schnitte zerfallender Darmkanal (Entoderm) und zwischen diesem ein 232 Kleiueuberg, Entstehung von Neubildungen. dnnes Blatt, ans nnr wenigen Zellen nnd einem mit dem Wimper- glirtel koncentriscli verlanfenden Muskelring bestehend (primitives Mesoderm), vorhanden. Das Ektoderm ist jedoch in der histologischen Differenzirnug sehr fortgeschritten. Es ist mit einer uerst feinen Cuticula bedeckt, die von verschieden gestalteten Cilien durchbohrt ist. Der Wimpergrtel ist aus einer Reihe groer Zellen zusammen- gesetzt, die nach auen in zwei Reihen starker Cilien ausgehen, an ihrem Innern Ende aber eingekerbt sind. In der von diesen Ker- ben gebildeten Rinne liegt ein starker Nerv, welcher unter dem ganzen Grtel hinzieht und also einen Ring bildet, der mit dem oben erwhnten Muskelring koncentrisch verluft. Auf der obern Hemi- sphre der Larve hat das Ektoderm vom Wimpergrtel ab bis zu einiger Entfernung vom obern Pol einen eigentmlichen Bau: es be- steht hier aus groen, Pflanzenzellen hnlichen Elementen, die nament- lich an der obern Grenze dieser Partie hoch sind und eine vorsprin- gende Querleiste bilden; unmittelbar ber dieser findet sich eine kleine, aber tiefe Grube in der ventralen Mittellinie. Die besagten Zellen tragen starke Wimpern, die namentlich auf der Leiste und im Grunde der Gruben in lebhaftester Bewegung sind. Um diese Grube herum trifft man Zellen von zweierlei Gestalt, nmlich kleine spindel- frmige und groe verstelte, welche an isolirte Ganglienzellen erin- nern. Letztere berhren die Oberflche nicht, sondern sind durch an- dere Ektodermzellen ganz davon ausgeschlossen. Sie liegen nicht nur in der nchsten Umgebung der Grube, sondern auch hie und da zerstreut auf der obern Hemisphre; auf der untern aber fehlen sie gnzlich. Die Gesamtheit dieser Zellen stellt nun die erste Anlage des proralen Nervenapparats der Larve dar. Auf der untern Hemisphre der Larve ist gleichfalls das Ekto- derm zum Teil aus solch groen Zellen zusammengesetzt, ^vie in der Leiste der obern, und zwar in einem ventralen dreieckigen Feld, des- sen Spitze gegen den After gekehrt ist, whrend die Basis an den Mund stt. Eine nicht ganz bis zum hintern Ende reichende mitt- lere Lngsfurche, die mit lebhaft schlagenden Wimpern ausgestattet ist, teilt dies Feld in zwei symmetrische seitliche Hlften. Neben diesen liegt jederseits ein verdickter Ektodermstreif, der sog. Bauch- keimstreif, ein Produkt zahlreicher Radirteilungen der indifferenten Ektodermzellen. Nach einiger Zeit aber treten auch Teilungen in querer Richtung ein und dadurch sondert sich von dem Streifen eine untere Schicht ab, die das definitive Mesoderm darstellt. Der brig bleibende Teil der Ektodermstreifen ist indess auch jetzt noch eine zusammengesetzte Anlage, die, kurz gesagt, in einen seit- lichen Abschnitt, die Parapodienanlage, und in einen medialen Ab- schnitt, der die Bauch nervenst rnge liefert, zerfllt. Noch ehe diese Scheidung sich vollzogen hat, treten die Ganglien- zellen der obern Hemisphre mittels ihrer Fortstze mit einander in Kleinenberg, Entstehung von Neubildungen. 233 Verbindung und bilden eine Art von Plexus ; gewisse von den kleinen spindelfrmigen Zellen aber, die in der Nhe der Grube liegen, son- dern ihre Innern Fortstze gegen den Nerveuring, und diese ver- schmelzen innig mit den Fasern desselben, whrend gleichzeitig durch Bildung von Anastomosen zwischen den zu beiden Seiten gelegenen Ganglienzellen eine Qucrkommissur hergestellt wird. So erscheint jetzt die ganze Kommissur als eine halbkreisfrmige Schlinge, wel- che ber die ventrale Flche der obern Hemisphre hinzieht und mit ihren Enden in den Nervenring bergeht. Bald darauf kommt an der untern Hemisphre die Trennung der Nervenstrnge von den seitlichen Parapodienanlagen zur Ausfhrung, und kaum ist dies geschehen, so erkennt man schon feine Lngsfden welche von den Nervenstrngen zum Ringnerven ziehen und sich grade an dem Punkte mit demselben vereinigen, wo auch die Berhrung mit der vordem Kommissur stattfindet. So ist der Zusammenhang des ganzen Centralncrvensystems hergestellt: die Anlagen des Kopf- ganglions und der Bauchganglienkette setzen sich zunchst mit dem Ringnerven und durch diesen mit einander in Verbindung." Aus die- ser primitiven Verbindung durch den Ringnerven hindurch geht bei Lopadorhynchus die definitive Schlundkommissur hervor; bei andern Anneliden scheint diese eine davon abhngige Neubildung zu sein. Das Kopfganglion oder Gehirn entsteht durch Verschmelzung der seit- lichen Ganglienzellengruppen der obern Hemisphre, der Bauchstrang aus den ventralen Anlagen in derselben Weise, we Kleinenberg es frher schon fr den Regenwurm beschrieben hat. Der Ringnerv aber geht mit dem Wimperriug whrend der Metamorphose zu Grunde. An diese tatschlichen Beobachtungen knpft nun Kleinenberg eine Reihe hchst scharfsinniger und anregender Betrachtungen. Er hat schon in seiner ersten Publikation die Ansicht vertreten, dass alle hhern Metazoen von Coelenteraten abstammen, und fhrt diesen Gedanken jetzt weiter aus, indem er den von ihm entdeckten Nerven- ring der Polychaetenlarven dem Nervenring der Medusen vergleicht, den Wimpergrtel der erstem dem Velum oder dem Scheibeurand der letztern. Dementsprechend bezeichnet er auch die obere Hemi- sphre der Wurmlarve als Umbrella", die untere als Subumbrella". Ist aber der Nervenring das Nervensystem der Larve, so hat dieses kein Homologon mehr beim ausgebildeten Wurm, und umgekehrt das Nervensystem des Letztem kein Homologon bei der Larve. Im Kreise der ontogenetischen Entwicklung desselben Tiers sehen wir also ein Organ von derselben physiologischen Bedeutung zweimal auftreten und sich nach zwei ver- schiedenen Typen gestalten: die Larven der Anneliden besitzen das alte Nervensystem der Coelenteraten, die Anneliden selbst haben ihre eigenen Ceutralorgaue, die 234 Kleinenberg, Entstehung von Neubildungen. keineswegs Umbildungen des erstem sind. Das Organ des niedern Typus entsteht und funktionirt in der Larve, wird aber beim ausgebildeten Tier durch Neubildungen ausgeschaltet und ersetzt." Die Entstehung solcher Neubil- dungen scheint auf den ersten Blick mit der Evolutionstheorie, in welcher die Tendenz herrscht, die phylogenetische Entwicklung eines Organs durch eine ununterbrochene Reihe von Umwandlungen eines vorhandenen Organs herzuleiten, nicht recht vereinbar. Indess kann man ihr Auftreten doch nicht leugnen, und es ist nur die Aufgabe, dasselbe mit den Anschauungen ber die Variabilitt der Organe und die Wirkung der natrlichen Zuchtwahl in Einklang zu bringen. In welcher Weise dies mglich ist, zeigen Kleinenbergs folgende Be- trachtungen. Die Variationen, welche sich der Zuchtwahl darbieten, sind nicht unbestimmte, sondern mssen einen bestimmten Charakter haben, der, wenn er auch von uern Einwirkungen abhngt, doch ebenso durch die Innern, sei es physiologischen, sei es morphologi- schen Zustnde der jedesmaligen organischen Form bedingt ist. Wenn mm ein neues Organ von einiger physiologischer Wichtigkeit sich entAvickelt hat, so muss notwendig diese Tatsache fr sich allein schon eine grere Variabilitt in einem oder in allen Teilen des Or- ganismus zur Folge haben, auch wenn die uern Lebensverhltnisse ganz und gar unverndert bleiben. Nicht minder leuchtet es ein, dass solche Variationen, wenn sie durch vernderte innere Dispositionen herbeigefhrt sind, innerhalb mehr oder minder beschrnkter Grenzen eine bestimmte Richtung haben mssen, und dass sie bald nur so zu sagen organische Oscillationen sein werden, die verschwanden, wenn das relative Gleichgewicht nicht wieder hergestellt ist, bald dagegen, wenn sie Gegenstand der natrlichen Zuchtwahl werden, sich ber die Bedrfnisse der einfachen innern Neuordnung hinaus entAvickeln und vervollkommnen und so den Ausgangspunkt fr neue Entwick- lungen imd Anpassungen des Organismus bilden knnen. Bei alle dem kann das Organ, das zu dieser Revolution den Ansto gegeben hat, wesentlich unverndert bleiben, kein Teil desselben sich umge- stalten, aber und das scheint mir von der grten Wichtigkeit zu sein seine Funktion bedingt Umwandlungen andrer Teile des Organismus. So kann nicht nur, sondern muss die Entwicklung eines nervsen Organs eine Neuordnung im grten Teil der brigen Organe des Krpers, der Muskeln, der Drsen, des Kreislaufs, der Schutzorgane u. s. w. zur Folge haben, und so verschieden auch die Intensitt und die Ausdehnung der Vernderungen in den einzelnen Or- ganen sein mag, sie werden immer eine gemeinsame, feststehende Richtung hal)en. Nun kann der Fall eintreten, dass die in den vor- handenen Organen mglichen Umbildungen nicht fr die neuen Be- drfnisse ausreichen, sondern eine Dififerenzirung der in jedem Orga- nismus zu jeder Epoche eines Daseins vorhandenen indifferentem Kleinenberg, Entstehung von Neubildungen. 235 Gewebe ntig wird. Auf diese Weise entstehen die Neubildungen und erhalten von ihrem ersten Auftreten an eine Funktion und eine Entwicklungstendenz, die von dem vermittelnden Organ, dem sie ihre Existenz verdanken, bestimmt wird. Selbstverstndlich muss die Wir- kung des vermittelnden Organs auf die andern Teile des Krpers hier mehr, dort weniger energisch sein, je nachdem die physiologi- schen Beziehungen nhere oder fernere sind; vor Allem aber wird sich eine Tendenz zur Vergrerung und Vervollkommnung der dem vermittelnden Organ' selbst eigenen Ttigkeit geltend machen. So muss der Bildung eines nervsen Centralorgans eine Neuordnung des bereits vorhandenen peripherischen Nervensystems erst voraufgehen und dann folgen, und auerdem werden vielfach gewisse indifferente Ektodermzellen, indem sie in engere Beziehungen zum Centralorgan treten, deutliche nervse Charaktere annehmen und sich zu neuen Orgauen vereinigen. Diese bernehmen vielleicht infolge vernderter Lebensbedingungen des Tiers nach und nach wichtigere Funktionen, und wenn ihre Entwicklung einen gewissen Grad erreicht hat , so wird es unvermeidlich, dass der Sitz der Centralttigkeit von dem alten vermittelnden Organ in das neue Organ verlegt wird, das nicht aus dem materiellen Substrat, sondern durch die funktionelle Wirk- samkeit jenes entstanden ist." Man sieht leicht, dass diese Eutwicklungsweise nichts zu tun hat mit der physiologischen Arbeitsteilung, wie man sie gewhnlich versteht, oder mit dem Funk tions Wechsel, durch den neue Organe aus dem materiellen Substrat vorhandener Organe ihren Ursprung nehmen, indem von den im ursprnglichen Organ vorhandenen Funk- tionen die eine das Uebergewicht ber die andern erlangt ; hier bleibt im Gegenteil die Funktion, die immerhin etwas abgendert werden mag, wesentlich dieselbe, aber wird von einem Teil des Krpers auf einen andern bertragen: was wechselt, ist nicht die Funktion, son- dern das Organ. Man knnte den ganzen Vorgang einen Wechsel oder richtiger eine Ersetzung (Substitution) der Organe nennen." Die Anwendung dieser Grundstze auf den vorliegenden Fall wird dieselben noch etwas deutlicher machen. Den Ausgangspunkt fr die phylogenetische Entwicklung der hhern Metazoen bilden nach Klei- nenberg's bereits oben erwhnter Ansicht die Coelenteraten. Bei diesen hatte sich ein Centralnervensystem differenzirt in Gestalt eines Nervenrings, wie ihn die jetzigen craspedoten Medusen besitzen. Von hier aus begann eine Neuordnung des alten peripherischen Ner- vensystems und zwar in zweierlei Weise. So war fr den Zweig, aus dem die Craspedoten entstanden, die Anhufung des grten Teils der sensitiven Zellen in der Nhe des Nervenrings am Rande der Umbrella ntzlich, whrend die kontraktilen Elemente sich immer mehr in der Subumbrella entwickelten, so dass die Umbrella arm so- wol an Nerven als auch an Muskeln blieb. In einem andern Zweig 236 Ilrnes, Entfaltung des Megaludusstamms. dagegen entwickelten sicli specielle Sinnesorgane und mit diesen ein reiches Nervengewebe im Ektoderm der Umbrella; aber auch die sptere ventrale Flche der Subnmbrella erlangte grere Sensibilitt und da in diesem Falle die Subumbrella auch den grten Teil der Muskulatur erzeugte, so war die Bildung eines bedeutenden Nerven- apparats erforderlich; um den Zusammenhang zwischen diesen wich- tigen Geweben und dem Centralnervensystem herzustellen/' Solche Wesen sind nun zwar als ausgebildete Tiere nicht bekannt; ihnen entsprechen aber ganz genau die oben beschriebenen Larven mit ihrem Nervenringe und den sensitiven Epithelien der Umbrella (Querleiste, Wimpergrube) und der Subumbrella (Wimperrinne). Diese letztern Organe bernahmen in der phylogenetischen Entwicklung mehr und mehr die Funktionen des alten Nervenrings und bildeten sich gleich- zeitig zu immer selbststndigern Organen heran, whrend die phy- siologische Bedeutung des ursprnglichen Centralorgans infolge der Vernderungen der Krpergestalt, Bewegungsweise etc. in solchem Grade schwand, dass dasselbe schlielich ganz unterdrckt werden konnte und nur noch in der Ontogenie als ein dem Untergang be- stimmtes Larvenorgan auftritt. Solche Substitutionen kommen nicht nur beim Nervensystem, son- dern auch bei andern Organsystemen hutig vor. Kleinenberg macht besonders das Verhltniss der Chorda dorsalis zum definitiven Skelett namhaft. Kein Teil der Wirbelsule entsteht durch direkte Umwandlung der Chorda; es besteht also keine Homologie zwischen dem Skelett der niedersten und der hhern AYirbeltiere. Aber wie das centrale Nervensystem der Anneliden nicht ohne die Existenz des Nervenrings der Coelenteraten entstanden sein wrde , so war auch die Bildung eines Wirbelskeletts wie desjenigen der Wirbeltiere nicht mglich ohne die Chorda: in der phylogenetischen Entwicklung der Wirbelsule stellt die Chorda das vermittelnde Organ dar, und das bleibende Skelett ist ein Substitutionsorgan." J. W. Spengel (Bremen). Hrnes, Materialien zu einer Monographie der Gattung Megalodus. Denkseluifteii der k, k. Akad. d. Wiss. zu Wien. 42. Bd. mit 7 Tafeln. Die Entfaltung des Megalodusstarams in den Jngern mesozoi- schen Formationen. Kosmos, V. Jahrgang (Bd. X) mit 2 Tafeln. Die erstgenannte Arbeit umfasst auer einer kritischen Errte- rung der bis jetzt bekannt gewordenen Megalodusarten die Beschrei- bung einer Keihe neuer, aus den Triasbildungen der Sdalpen stam- Hrnes, Entfaltung des Megcalodusstamms. 237 niender Formen. Bei der Unziilngliclikeit des bis nun erbrachten Materials miisste ich vorlufig davon absehen, durch Aufstellung von Formenreihen die Descendenz der einzelnen, verschiedenen geologi- schen Horizonten angehrigen Megalodonten festzustellen. Doch be- merkte ich ber die VerwandtschaftsverhSars (Gm Crustacea Cladocera. Forh, i Videnskabsselsk. Christiania 1861. Gm en i Sommeren 1862 foretagen zoo- h^gisk Reise. Christiania 1863. Norges Fervandskrebsdyr. Christiania 1865) zahlreiche pelagische Entomostraken in den Norwegischen Seen. 1866 beschrieb 8cho edler (Cladocereu des Frischen Haffs. Wiegmann's Archiv 1866) Daplmiden, welche er im frisclien Ilaff gefischt hatte. 1867 konstatirte P. E. Mller (Danmarks Cladocera 1867. Cladoceres des grands lacs suisses. Arch, des sc. ph. et nat., Geneve 1870) diese Fauna in den Dnischen Seen; 1868 fand er sie in den Schweizer-Seen wieder. 1871 untersuchte A. Fric (Fauna der Bhmerwaldseen. Gesellsch. der 300 Forel, Pelagische Fauna der Snwasserseen. Diese Fauna ist nicht sehr artenreich, die Zahl der Individuen der einzehien Arten ist dagegen ungeheuer. Ich lasse hier eine Auf- zhhmg- der gefundenen Arten folgen: Ostracoden: Ct/pris ovnm Cladoceren: Sida cristaUlna, Daphnell(( br<(chjura, D. piilex, D. )nafjn<(, D. JoiKjispina, D. hyalina, D. crisfata, D. galeata, D. quadran- gnl(( . D. niucro7iafa-^ Bosmina hngf'rosfris ^ B. longispina, B. longicor- n/s; Bytliotrephes lonyimanus-^ Leptodorn hyalina. Copepoden: Cyclops coronatus, C. quadricornis, C. serrulatus^ C. fenukornis, C. brevlcornis^ C. linufus; Heterocope robusta; Diaptoiinis castor, D. gracilis. Wenn wir alleTiere angeben wollten, welche im pelagischen Gebiete der Seen gefunden sind, so mssten wir noch hinzufgen : die insekten- fressenden Fische, welche sich von diesen kleinen Entomostraken nhren, besonders die Coregonen ; ferner die Raubfische, Forelle, Hecht u, s. w., welche die Coregonen verfolgen ; sodann wren noch hierher zu rechnen die Infusorien, (VorticeUa convaUarki), Avelche auf den pelagischen Algen wohnen; endlich mssten wir noch die Tiere anfhren, welche sich fern von den Ufern aufhalten oder sich vom Boden erheben und ge- legentlich im pelagischen Gebiete gefunden werden, wie Atax crassipes, (P a V e s i, A s p e r) Dipterenlarven, Piscicola geometni (Forel). Alle diese Tiere treten aber nur zufllig und accessorisch in der pelagischen Fauna auf, welche in Wirklichkeit nur die oben aufgezhlten Entomostraken umfasst^); sie allein zeigen die den pelagischen Tieren eigentmlichen Charaktere. Wisseusch. Prag 1871) die Verbreitung dieser Entomostraken in den Bhmi- schen Seen. Von 18731878 untersuchte ich selbst (Materiaux pour la faune profonde du hicLeman: Faune pelagiciue XXXII. Flore pelagicine XXXIII. Transparence de l'eau VII und XXVIII. Bullet, de la Soc. Vaud. des Sc. nat. XIII, XIV Lausanne 1876. Variations de la transparence de l'eau. Arch. des sc. ph. et nat. LIX Geneve 1877) sie in den Schweizer Seen. Von 18741879 verffentlichte A. Weismanu (Beitrge zur Naturg. der Daphniden. Zeitschr. fr wiss. Zool. 18741879) seine schnen Arbeiten ber die Naturgeschichte der Daphniden, nach seinen Untersuchungen im Bodensee. 1877 hat er in einem populren Vortrage : Das Tierleben im Bodensee (Lindau 1877) eine ausgezeichnete allgemeine Beschreibung der verscliiedenen Faunen, welche die Seen bewohnen und namentlich der pelagischen Fauna, gegeben. 1877 entdeckte Pavesi (Bullet, eutomol. 1879. Kendiconti K. Ist. Lom- bardo II, XII f. 11, l,', 16) die Meeresfauna in den italienischen Seen. 1879 fischte Brandt (Bullet. Ac. Inip. St. Petersb. 1880) sie im Goktschai See im Kaukasus. S. T. Smith hat sie im Obern See in Nordamerika wieder gefunden. G. Asper (Gesellsch. kleiner Tiere der Schweizer Seen. Zrich 1880.) studirte die pelagische imd Tiefenfauna der verschiedenen Seen der Schweiz. 1) Vielleicht mw?,^ Atax crassipeti, den Pavesi bisAveileu in dem pelagischen Gebiete der italienischen Seen beobachtet und den Asper im Zricher See Forel, Pelagische Fauna der Slwsserseen. 30 i In ihren allgemeinen Zgen ist die pelag-ischen Fauna in allen bis jetzt erforschten Lndern und Seen Euro})as sieh hnlieh, von den Seen der Ebene bis zu den Alpenseen, von den skandinavischen Ln- dern bis nach Sd-Italien und dem Kaukasus. Indess wird sie in einem See nur selten durch alle Tiere der Fauna reprsentirt. So zhlte z. B. die pelagische Fauna des Genfer Sees in den Jahren 1874 1878, in welchen ich sie untersuchte , nur die folgenden Arten: D'apfoiiius castor y Cyclops hrevicaadatus , Daphnia hijalina, I). vuuronata , Bos- mina longispina , Sida crisfallina , Bt/fhotrephes longimanus, Lepto- dora hyalina. Pavesi hat von diesem Gesichtspunkte die italieni- schen Seen sehr genau erforscht und fr jeden eine Tabelle der von ihm gefischten Arten gegeben. Bei der Verwertung dieser Tabellen muss man jedoch den Beobachtungen Weismann'sitechnung tragen. Dieser Forscher hat nachgewiesen, dass die verschiedenen Cladoceren- arten eine jhrliche reriodicitt darbieten, dass sie whrend mancher Jahreszeiten mehr oder weniger vollstndig aus den Wassern ver- schwinden welche sie bewohnen, und nur noch, im Zustande der Dauer- eier gefunden Averden; dass diese Zeit, whrend welcher die Tiere verschwinden, nach den einzelnen Arten schwankt, fr diese im Som- mer, fr andere im Winter, im Frhling oder Herbst stattfindet. Hier- nach muss eine Uebersicht der pelagischen Bevlkerung eines Sees, wenn sie vollstndig sein soll, auf Grund zahlreicher, zu verschiedenen Jahreszeiten angestellter Beobachtungen entworfen werden. Die den Tieren des pelagischen Gebiets gemeinschaftlichen Charak- tere beruhen auf ihrer Lebensweise. Sie mssen unauflirlich schwim- men, ohne sich jemals auf einem festen Krper ausruhen zu knnen ; und statt eines Befestigungsorgans besitzen sie einen sehr entwickelten Schwimmapparat ; ihre Dichtigkeit, die fast der des Wassers gleich kommt ^) , gestattet ihnen ohne groe Muskelanstrengung im Wasser umher zu schwimmen. Sie sind ziemlich trge Tiere und entgehen den sie verfolgenden Feinden mehr durch ihre Durchsichtigkeit als durch ihre Behendigkeit; ja sie sind sogar, und das ist ihr charak- teristisches Merkmal, vollstndig durchsichtig wie Krystall, und nur ihr stark, schwarz, braun oder rot pigmentirtes Auge tritt deutlich hervor. Man kann diese fast vollstndige Durchsichtigkeit der pelagischen Tiere als eine durch natrliche Zuchtwahl erworbene Mimicry auffas- sen : nur die wie das Medium, in dem sie leben, durchsichtigen Tiere, haben sich erhalten. wiedergefunden hat, als eine der pelagiselien Fauna angehrige Art betrachtet werden. Es ist eine schwimmende Wassermilbe und die gefangenen Exemplare waren nach den Forschern fast durchsichtig. 1) Sie sind ein wenig schwerer als das Wasser und wenn sie gestorben sind, so sinken die toten Krper auf den Boden des Sees und bilden hier einen wichtigen Teil der Nahrung der Tiefsecfauua. 302 Forel, Pelagische Famica der Swasserseeu. Sie nhren sich von pflanzlichen oder tierischen Gebilden, einige wenige Arten von pelagischen Algen ; {Anabaena circinalis, Pleurococcus (mgulosus, PL palustris, Tetraspora virescens, Palmella Balfsii) ; die an- dern nhren sich von tierischer Beute und fressen die kleinern und schwchern Arten, Avelche in demselben Wasser leben. Die pelagischen Tiere fhren tglich Wanderungen aus, wie Weis - mann und ich unabhngig 1874 gefunden haben; whrend der Nacht schwimmen sie an der Oberflche, w^hrend des Tages steigen sie in die Tiefe. F r ic hatte in den bhmischen Seen zu erkennen geglaubt, dass die verschiedenen Arten eine bestimmte Tiefe whlten, in welcher sie sich mit Vorliebe aufhielten ; weder P a v e si noch ich haben indess eine Konstanz dieser Wohngebiete nachweisen knnen. Die verschiedenen Arten bil- den Gruppen, Heerden, in denen das Garn reichen Fang macht, aber diese Vergesellschaftungen von Tieren derselben Art halten, wenig- stens in den groen Seen der Schweiz, keinen bestimmten und dauern- den Platz inne. Was die grte Tiefe anlangt, in welcher man sie trifft, so habe ich sie im Genfer See bis zu 100 und selbst 150 Meter gefischt, in diesen groen Tiefen habe ich jedoch nur noch Diaptomus gefunden. Auf Grund dieser Wanderungen hlt Weismann sie fr Nacht- tiere, welche sich an der uersten Grenze des Lichts halten; ihr Seh- nerv wrde unter einem zu grellen Lichte leiden, und sie steigen des- halb in die Tiefe, sobald das Sonnen- oder Mondeslicht zu stark wer- den. Lidess mssen sie hier noch sehen um ihre Beute erjagen zu knnen und sie gehen auch nur bis zu dem Punkte hinab, wo ihr im allgemeinen sehr gut entwickeltes Auge ihnen gestattet ihre Nahrung zu finden. Weis mann bemerkt mit Recht, dass sie auf diesen Wan- derungen tglich eine kolossale Wasserschicht durchstreifen, in w^elcher sie ausreichende Nahrung finden knnen, wie sprlich diese auch in dem verhltnissmig klaren Wasser der Ssswasserseen verbreitet sein mge. Welches ist nun die Lichtgrenze in den Swasserseen? Ich habe 1877 nachgewiesen, dass die Durchsichtigkeit nach der Jahreszeit schwankt: im Genfer See verschwindet ein glnzender Gegenstand, der ins Wasser taucht, wenn die Bedingungen fr die Beleuchtung und Durchsichtigkeit am gnstigsten sind, wenn er sich in einer Was- serschicht von 16 17 m Tiefe befindet. Photographische Untersu- chungen mit durch Chlorsilber empfindlich gemachtem Papier hatten mir 1874 ergeben, dass die Grenze der absoluten Dunkelheit im Genfer See bei 45 m Tiefe im Sommer, bei 100 m im Winter liegt. Mit viel empfindlichem Platten (Bromsilberemulsion) hat Asper im August 1881 gefunden, dass die Strahlen im Zricher See noch bis 90m und darber wirksam sind. Alles dies sagt uns indess noch nichts ber die Grenze der absoluten Dunkelheit fr die Netzhaut und namentlich die Sehnerven dieser niedern Tiere. Forel, Pelagische Fnima der Bwasserseen. 303 Welches ist der Ursprung- dieser pelag-isclieiiFaiiim? Beruht sie auf einer lokalen Diffcrenzirnng- ? Haben sich die Sinnpf- oder Fluss- Entomostraken, die des Kstengehiets der Seen, in jedem See in pe- lagische Arten oder Varietten umgewandelt? Auf diese Frage knnen wir mit Gewissheit Nein antworten. Die ungemein weite Verbreitung dieser Fauna, die fast vollstndige Identitt der pelagischen Ento- mostraken in allen Seen Europas, von den skandinavischen bis 7A\ den schweizerischen, italienischen, armenischen, sprechen zu Gunsten einer gemeinsamen Verljrcitung und Abstammung. Wie hat sich diese Verbreitung aber vollzogen? Die aktive Wanderung von einem See in den andern ist nicht anzunehmen, so- wol wegen der schwierigen Verl)indung zwischen den verschiedenen Seen, als auch wegen der Langsamkeit und Trgheit der pelagischen Entomostraken. Die passive Wanderung dagegen im Zustande der Dauereier, die an die Federn der Zugvgel, der Enten, Steife, Mven u. s. w. sich haben anhngen knnen, erklrt vollstndig die Uebertragung aus einem See in den andern (A. Humbert, Forel). Pavesi hat gegen diesen gemeinschaftlichen Ursprung und diese Verbreitungsweise die Unregelmigkeit der pelagischen Bevl- kerung der verschiedenen Seen Italiens eingewandt, da manche Arten in gewissen Seen fehlen, whrend sie in benachbarten Seen vorkom- men ; gerade diese Unregelmigkeit scheint mir aber zu Gunsten der gelegentlichen und zuflligen Verbreitungsweise zu sprechen, die wir soeben angedeutet haben. Nimmt man diese Befrderungsweise an, so ist die Differeuzirung der pelagischen Arten nicht mehr notwendig auf den See selbst beschrnkt, in welchem wir die Tiere finden, und ebensowenig auf die gegenwrtige geologische Epoche. Diese Tat- sache ist fr die Erklrung der pelagischen Fauna gewisser Seen verhltnissmig jungen Ursprungs sehr wichtig ; fr unsre Schweizer Seen bildet die Glacialperiode eine absolute Grenze, welche uns eine lokale Differeuzirung der alten tertiren Arten und ihre Umwandlung in die jetzigen Arten anzunehmen verhindert. Die pelagischen Faunen mancher italienischen Seen vulkanischen Ursprungs sind noch viel Jngern Datums. Da wir aber nicht mehr auf eine lokale Difteren- zirung der autochthonen Arten angewiesen sind, so haben wir fr diese Differeuzirung mehr Zeit und Raum zur Verfgung. Ich glaube die Ursache der Differeuzirung der pelagischen Fauna in der Kombination zweier verschiedener Vorgnge sehen zu mssen: den tglichen Wanderungen der Entomostraken und den lokalen, regel- migen Winden der groen Seen. Es ist bekannt, dass an den Rn- dern groer Wassermassen zwei regelmige Winde herrschen, deren einer des Nachts von dem Lande nach dem Wasser, deren andrer am Tage vom Wasser nach dem Lande weht. Die nchtlichen Tiere des Kstengebiets, welche nachts an der Oberflche schwimmen, wer- den zu dieser Zeit durch die oberflchlicheu Strme des Landwindes 304 Forel, Pelagische Fauna der .Swasserseen. mitten in den See getrieben, steigen whrend des Tags, durch das Licht vertrieben, in die Tiefe herab und entkommen so dem Ober- flchenstrome des Seewindes, welcher sie sonst wieder dem Ufer zugefhrt haben w4irde. Allnchtlich immer Aveiter getrieben, bleiben sie, da sie am Tage nicht wieder zarckgefhrt werden, auf das pe- lagische Gebiet beschrnkt. So erfolgt dann eine Differenzirung durch natrliche Zuchtwahl, bis endlich nach etlichen Generationen nur noch die wunderbar durchsichtigen und vorzglich schwimmenden Tiere brig blieben, welche wir kennen. Ist diese Differenzirung einmal eingetreten, so wird die pelagische Art durch die wandernden Wasservgel von einem Lande in das andre, voi^ einem See in den andern gefhrt, wo sie sich fortpflanzt, wenn die Existenzbedingungen des Mediums gnstige sind. Auf diese Weise knnen wir in Seen, welche zu klein sind, als dass sie den Wechsel der Winde besitzen, wahre pelagische Entomo- straken finden, die in andern grern Seen durch das Spiel der Winde differenzirt sind. Auf diese Weise kann man sich die Differenzirung der meisten pelagischen Arten leicht erklren, mit Ausnahme zweier : es sind dies die schnsten und interessantesten der pelagischen Entomostraken : Lep- todora hyaUna und Bythotrephes lonymanus. Diese beiden Cladoceren sind mit den Swasserarten, welche die Kstenfaunen der Seen oder die Sumpf- oder Flussfaunen ^) bilden, nicht verwandt, und man kann deshalb ihre Entstehung nicht durch Differenzirung der Kstenformen erklren. Fr diese beiden Arten mssen wir deshalb mit Pavesi nach einem marinen Ursprnge suchen. Bythotrephes wrde von einem Vorfahren abstammen, der ihm mit Podon, seinem nchsten Ver- wandten, gemein ist, wie dies Leydig schon angegeben hat; Lep- fodora dagegen wrde nach der Ansicht Weism an n's sich von einer Urdaphnide abgezweigt haben, deren direkte Nachkommen nicht weiter bekannt sind. Wie hat nun der Uebergang vom salzigen in ses Wasser statt- finden knnen? Pavesi nimmt an, dass dies durch das Schlieen eines Fjord geschehen sei, durch die fortschreitende Umwandlung in einen Swassersee, sobald er von dem Meere durch eine Bank ge- trennt war. Dies ist mglich, und wir haben hnliche Beispiele in gewissen marinen Formen, die in den Swasserseen Norditaliens und Skandinaviens vorkommen. Ist dieser Uebergang aber nicht auch durch passive Wanderung und Transport in die immer weniger sal- 1) G. Joseph hat in zwei groen Grotten Krnthens eine zweite Art der Gattung Lei^todora entdeckt, die L. pellucida, welche sicli von der L hyalina der pelagischen Fauna der Seen durch den Mangel der Augen wesentlich unter- scheidet. Es ist die einzige Cladocere, welche in der Hhleufauna gefunden ist. (Berliner entoniol. Zeitschr. XXYI. ?,. 1.SS2.) Griesbacli, Gefasystem u. Wasserautuahme bei den Najadon u. Mytiliden. 305 zigeii Lag-imen geschehen? Zur Entscheidung dieser Frage fehlt uns noch das tatschliche Material. Sobald indess die Anpassung an das Swasser einmal geschehen war, ist die Verbreitung dieser Formen marinen Ursprungs jedenfalls so von Statten gegangen , wie die an- derer pelagischer Formen des sen Wassers, und diese beiden wren demnach in Seen verschleppt, welche niemals mit dem Meere in direkter Verbindung gestanden haben. Wir knnten zum Schluss noch zwischen der pelagischen Fauna der Ssswasserseen und der des Meeres eine Parallele ziehen ; die Analogien sind zahlreich und von groem Interesse; aber sie liegen so sehr auf der Hand, dass es berflssig ist, sie besonders hervorzuheben. Die allgemeinen Tatsachen sind dieselben oder sehr hnliche; die Unter- schiede liegen besonders in der Gre und den Zahlenverhltnissen. Im Meere ist alles gro, in unsern Seen alles von geringem und be- schrnktem Mae : nicht nur Zahl und Gre der Individuen, sondern auch die Zahl der Arten, die Ausdehnung ihrer Wanderungen und ihr Verbreitungsgebiet. Ueber das Gefsssystem und die Wasseraiifnahme bei den Najaclen und Mytiliden. Von Dr. H. Griesbach, Mlhausen (Elsass). Unter obigem Titel wird in kurzem ein(? grere Arbeit erscheinen, der ich nachstehende Mitteilungen entnehme. Bis vor kurzem war der Stand der Dinge ber die Frage nach dem Gefsystem und der Wasseraufnahme der Najaden und Mytiliden der, dass die Mehrzahl der neuern Forscher den Annahmen von M i 1 n e Edwards^), delle Chiaje^), Leydig^) beipflichteten. Da teilte Carriere*) der erstaunten fachmnnischen Welt mit, indem er zu- gleich allen bis dahin gemachten Angaben widersprach, dass die bis- her als Fori aquiferi" auf der Fukante vieler Lamellibranchiaten beschriebenen Lcher die Ausfhrungsflhungen am Ende von Kanlen geschlossener Drsen und dass von hier aus Injektionen der Blut- wege ohne Zerreiungen nicht mglich seien. Die Fe von Pinna, 1) Compt. rend. T. XX. 1845. 2) Descrizione e uotomia degli aniuiali invertebrati dellaSicilia citeriore 1841. 3) Leydig, Zeitsclir. f. wiss. Zool. Bd. 2. Miler's Arch. 1855. 4) Carriere, Zuerst sind seine Untersuchungen von Semper cnvhnt in einer kleineu Notiz aus der Wrzburger pliysilc. med. Gesellschaft (Sitzung vom 4. Mai 1878) ; id., Ueber die Drsen im Fue der Lamellibranchiaten. Arbeiten aus dem zool.zootom. Inst. Wrzburg Bd. V; id., Haben die Mollusken ein Wasser- gefsystem? Biolog. Centralbl. Jahrg. I; id., Das Wassergefsystem der Lamellibr. und Gastrop. Zool. Anz. 1881 Nr. 9U, 20 306 Griesbach, Gefsystem u. Wasseraiifuahme bei den Najaclen u Mj^tilklen. Mytilus, Pecfen, Spondylns, welche von Kollmann^) geradezu als Wasserrohren bezeichnet werden, haben nach C. mit einer Wasser- aufnahme gar nichts zu schaffen, sondern die Oeffnung-en und Spalten im Fue der Byssusmuscheln dienen nur zum Austritt des Drsen- sekrets und kommuniciren nirgends mit dem Gefsystem. C. sucht dann nachzuweisen, dass die Tiere zum Anschwellen berhaupt der Wasseraufnahme nicht bedrfen, solche auch nirgends stattfindet. Nach einem von ihm angestellten Experiment, dass die Muschel auch auerhalb des Wassers ihren Fu anschwellen lassen und ihn ebenso weit ausstrecken kann, als die im Wasser befindlichen Genossen glaubt er eine Wasseraufnahme in Abrede stellen zu mssen. Das Experiment ist auch mir lngst bekannt, aber es ist mir stets nur mit ganz frisch gefangenen Tieren gelungen und meine Erklrung dafr ist folgende : Es bleibt in den Falten des Mantels, der Kiemen, zwischen den Kunzein des Fues und zwischen den Schalen so viel Wasser zurck, als nach teilweiser Aufnahme durch die Fuporen ausreichend ist, um den Fu, eventuell mit Anwendung der Veuenschleuse, anschwellen zu lassen. Auch rinnt stets ber die glitzernde und wie mit kleinen Wassertrpfchen besetzt erscheinende^) ganze Fuflche unter Mit- wirkung der Flimmernschwingung ein wenig Wasser aus den eben genannten Reservoirs bis zur Kante und dringt dort fast unmerk- lich durch die Poren ein. Lange aber ertrgt das Tier diesen Zu- stand nicht, derselbe ist hier ja kein Zeichen von Behaglichkeit, son- dern von Hlflosigkeit. Der Fu wird ausgestreckt, um durch Be- wegungen damit diesem Zustande ein Ende zu machen und wenn mglich das heimische Element zu erreichen^). Nachdem es sich ber die Umgebung orientirt hat, und einige Versuche, sich aus dieser Lage zu befreien, vergeblich waren, zieht es den Fu zurck, indem es dabei Wasser entleert, verengert die Schalen, entleert noch einmal Wasser und schliet sich dann ganz fest, um sich auerhalb des Wassers nicht mehr zu ffnen. Auch das Ausstrecken des Fues bei frischen Tieren im Anfang 1) K oll mann, Zeitschr. f. wiss. Zoolog. Bd. 26 S. 99. 2) Vergl. Keber, Beitrge zur Anatomie und Physiologie der Weich- tiere. S. 10. 3) In ein Glasgef mit Wasser tauche man mit sanfter Neigung ein Brett, befestige darauf ein Lschpapier iind lege eine ganz frische Anodonta, die schon vorher im Wasser den Fu fortwhrend ausstreckte, ungefhr eine Hand breit vom Gefrand entfernt darauf. Sobald das Tier den Fu ausstreckt, befeuchte man einige Centinieter vor der Muschel zwischen Gefrand und Fu das Lschpapier; das Tier bewegt sich in der Richtung der Feuchtigkeit durch Ankleben des dabei oft umgeschlagenen Fues an die Unterlage, lang- sam, ruckweise fort. War die Entfernung nicht zu gro, so erreicht es den Brettrand und zwar meist querliegend, indem der Fu mehr Schieb- als Zug- bewegungen machte, und gleitet dann, den Fu einziehend, ins Wasser. (xriesbach, Gefsystem u Wasseranfnalime bei den Najaden u. Mytiliden. 307 der Gefaiig-enscliaft mochte icli elier dem Umstand ziisclireibeii; dass sich dieselben aus ihrer Lage zn l)efreien oder sieh wenigstens zu akkommodiren suchen. Man ist nicht im Stande, selbst nicht mit Be- nutzung desselben Wassers, in welchem die Tiere ursprnglich sich befanden, alle die Bedingungen einzuhalten, welclie sich in der Natur vorfinden. Die Tiere merken sehr bald den Ortswechsel, den andern Luftgehalt und die Temperaturverschiedenheit des umgebenden Me- diums, die nahen Ufer (Wnde der Behausung), von denen die ge- ringste Schwingung des Wassers im Bassin in ganz andrer Weise refiektirt wird als drauen im Teiche oder Fluss. Spter wenn die Tiere sich gewhnt, sieht man sie weit seltener den Fu ausstrecken. Uebrigens halten sich die Tiere schlecht in der Gefangenschaft, und bei allen physiologischen Versuchen, w^elche man im Laufe derselben macht, kann man ein normales Verhalten nicht zu Grunde legen. Die von mir beobachteten Swassermuscheln sind sehr zart besaitete Wesen. Die pltzlich eintretende Vernderung ihrer Lebensweise ge- reicht ihnen derart zum Nachteil, dass ihnen meistens der Tod dar- aus erwchst. Dieser aber ist kein pltzlicher, sondern ein Hinsiechen, ein langsames Abklingen der Organfunktionen. Die oft schon nach drei Tagen am Schalenrande sich zeigenden hellblulich-weilichen schleimartigen Massen, in denen das Mikroskop auch Blutkrperchen nachweist, bilden den ersten Anfang des Siechtums. Eine stattliche Anodonta, welche lnger als vierzehn Tage in der Gefangenschaft gelebt hat, und wenn man ihr dieselbe noch so bequem eingerichtet htte, ist nicht mehr im Besitze ihrer vollen Lebenskrfte, erholt sich auch nicht mehr, wenn man sie in ihre Heimat zurcktrgt, wie ich mich berzeugt habe. Ich glaube, unter Bercksichtigung vorstehend erwhnter Umstnde, nicht, dass darin, dass die Muscheln, nament- lich im frischen Zustand, auch auerhalb des Wassers auf kurze Zeit ihren Fu vorschieben, ein Beweis gegen die Wasseraufnahme zu suchen ist; muss aber bekennen, dass mir die Deutung, welche Agassiz^) von seinem Experimente mit Natica heros gibt, wahr- scheinlicher scheint, als die, welche Carriere^) von demselben gibt, umsomehr, da Agassiz nach seinen Beobachtungen letztere Deutung besonders ausschliet. Ich wei nicht, ob Carriere Gelegenheit ge- habt hat, das Agassiz'sche Experiment an Natica heros zu wieder- holen, da er so entschieden der Auslegung dieses Forschers entgegen- tritt. Doch jetzt zu den Besultaten meiner Beobachtungen. Was die Geffrage anbelangt, so kann ich mich darber hier ganz kurz fassen, indem ich bemerke, dass ich mit zu denjenigen ge- hre, welche einen durch Gewebslcken unvollstndig gemachten Kreislauf annehmen. Entschieden halte ich .diese Ansicht fr die 1) Zeitschr. f. Zoologie Bd. 7 S 179. 2) Biolog. Centralbl. Band I S. 682, 20^ 308 Griesbach, Gefsystem u. Wasseraufnalniie bei den Najacleu u Mytiliden. Fe von Anodonta, Unio^ Mi/tilus, und Dreyssena, an denen ich genaue Untersuchungen angestellt habe, aufrecbt. Die Lakunen-' im Fue dieser Tiere stehen mit dem umgebenden Medium in Kommunikation. Bei Unio ist es die schon von Hessling^) bekannte Spalte, bei^wo- donta habe ich^ nachdem namentlich Kollmann^) schon frher nheres ber hier gelegene Fori aquiferi berichtet hat, mit Sicherheit drei solcher Spalten gefunden. Diese Oeffnungen sind in erster Linie zur Wasseraufnahme da, ob sie noch andere Funktionen haben, lasse ich einstweilen dahingestellt. Die Oeflfnung, welche sich vorne an dem sogenannten Spinnfinger von Mytilus und Dreyssena befindet, fhrt in einen weiten Kanal, welcher mit dem Gefsystem in direk- ter Verbindung steht. Diesen Kanal scheint Carriere gar nicht ge- sehen zu haben, obwol schon Tullberg^) ihn abbildete, denselben aber, ohne nher darauf einzugehen, einfach als Blutgef deutete. Als Beweis meiner Behauptungen hinsichtlich der Oeffnungen fhre ich folgendes au: Ich habe die Tiere in mit Jodgrn gefrbtes Wasser gelegt. Eine Frbung lie sich ber kurz oder lang zunchst im Fue, aber auch in den verschiedensten Regionen des Krpers naclnveisen, wobei ich die sehr interessante Bemerkung machen will, dass in dem Organis- mus der Anodonta (es sind ganz frische Tiere zu nehmen) wenn die ntige Zeit verstrichen ist, beim nachherigen Oeffnen des Tiers, die verschiedensten Stellen innerlich nicht grn, sondern violett gefrbt sind, indem durch den sta;ken Kalkgehalt der Oewebe aus dem Jod- grn das Jodmethyl wahrscheinlich ausgeschieden wird und die ur- sprngliche violette Farbe entsteht. (Knstlich kann man die Reak- tion im Laboratorium mit Kalkwasser sich veranschaulichen). Am schwierigsten, in manchen Versuchen gar nicht, verluft dieser che- mische Process in den gefreichen Falten des Bojanus sehen Organs, zunchst wol ein Beweis, dass sich hier nur geringer Kalkgehalt fin- det. Auf weitere Fragen, die sich daran schlieen, kann ich hier nicht eingehen, werde es aber in meiner grern Arbeit tun. Ich habe ferner durch die schlitzfrmigen Oeffnungen*) auf der Fukante wol zwanzigmal an lebenden frischen Tieren zum Teil die Clefbahnen des Fues injicirt; aber nicht etwa durch Einstechen oder Einschieben, sondern so, dass ich das knopftormig abgeglhte Ende eines ausgezogenen Glastubus, der auf dem stumpfen Ende eine Gummipression in Form eines kleinen Ballons trug, an der Stelle, wo sich die grern Oeffnungen am Fue befinden, zwischen die leicht 1) Perlmuscheln imd ihre Perlen, 1859. 2) Zeitschr. f. Aviss. Zoologie Bd. 26 S. 87 ff. 3) Nova acta, reg. soc. sc. Upsal. 1877. 4) Die eine Oeffunng liegt ganz vorne, die beiden andern ungefhr in der Mitte, nicht weit von einander. Griesbach, GefHsystein u Wasseraufnahme bei den Xajaden u. Mytiliden. 309 gcflfneten Schalen des im AVasser liegenden Ticr.s schob, und die InjektionsflUssigkcit (Jodgriin, salpetersaures Silber, pikrinsaures H- matoxylin mit etwas Glycerin versetzt) aus dem Tubus trieb. Die Frbemittel drangen durch die auch in dieser Lage des Fues fr Wasser passirbaren Oetitnungen in die Gefbahnen ein. Aber wei- ter: Ich habe einige Male das Glck gehabt, kleine und fast durch- sichtige Anodonten im Uhrglas unter dem Mikroskop bei schwacher Vergrerung mit weit ausgestrecktem Fu zu beobachten. Allerdings muss man sehr viel Geduld haben, meistens ziehen die Tiere bei der geringsten Erschtterung den Fu ein, doch konnte ich auch einige Male das Uhrglas drehen und wenden, ohne dass sich die Tiere darum kmmerten. Ich habe bei diesen Versuchen gesehen, wie Jodgrn, ganz feine Karminkrnchen und andre Substanzen in die Gefbahnen der Muskeln am Fu eindrangen. Diese lassen sich bei kleinen Ano- donten bei leicht bewegtem Fu, mit auffallendem Licht streckenweise deutlich verfolgen. Die Versuche von Leydig') an Cyclas cornea muss ich ebenfalls nach eigener Beobachtung besttigen. Auf Querschnitten sieht man sehr schn, wie die Oeftnungen mit den lakunren Blutbahnen im Zusammenhang stehen. Doch will ich mich hier, bei Ausschluss von Zeichnungen, nicht ber Details ver- breiten. Nach meiner Ansicht dient das aufgenommene Wasser nicht nur zum Anschwellenlassen des Fues, sondern ebensowol einer innern Respiration, als auch zur teilweisen Bereitung der Schalensubstanz. Verbrauchtes Wasser wird durch das Bojanussche Organ, indem ich gegen Keber^) auf das Deutlichste Blutkrperchen gefunden habe, und dessen Nierennatur, wie schon frher bemerkt 3) mir un- zweifelhaft ist, mit ausgeschieden. Zum Schluss sei mir noch die Bemerkung gestattet, dass alle die angegebenen Versuche in ihrer Ausfhrung recht schwierig und unbe- quem sind, selbst das Aufsuchen der Oefifnungen auf der Fukante von Anodonta und Vnio ist fr denjenigen, dem diese Tiere ein un- gewohntes und Aveniger bekanntes Objekt sind, nicht leicht. Beson- ders gut gelingen die Versuche an groen Tieren. Ich habe vielfach Exemplare 1)enutzt, deren gewhnliches Lngenma 12 15 cm be- trug, doch auch 20 22 cm lange x\nodonten standen mir einige Male zu Gebot. Diese Kiesenanodonten bezog ich aus einem Flsschen: der Au oder Schwarzau, welche sich unterhalb Lbeck's in die Trave ergiet; die kleinsten und zierlichsten Exemplare fischte ich hier im Rhein- Rhone-Kanal. 1) Mller's Archiv 1855 S. 54. 2) 1. c. S. 67. 3) Arohiv f, Naturg. 1877, Jahrg. 43, Bd. I. 310 Beitrge zur Biologie, Beitrge zur Biologie. Als Festgabe dem Anatomen und Physiologen Tli, L. W. von Bischoff zum 50jhrigen medic. Doktorjubilum gewidmet von seinen Schlern. Stuttgart bei Cotta 1882. Es ist ein schner Ausdruck einer echten Piett, wenn einem Altmeister der Wissenschaft an seinem Ehrentage seine ehemaligen Schler gemeinsam eine Festschrift entgeg-eubring-en. Diesem guten Brauche unsrer Gelehrten verdanken wir so manches treffliche Werk und neuerdings wieder den vorgenannten stattlichen Band, dessen In- haltsverzeichuiss in einer lieihe der besten Namen den Leser zu nherer Einsicht einladet. Vielseitig, wie das wissenschaftliche Wir- ken des Mannes, den sie feiert, bewegt sich die Festschrift auf den verschiedensten Zweigen unsres medicinischen Wissens. Am reichhaltigsten ist das Gebiet der Morphologie vertreten. Voran steht eine Arbeit von Hermann v. Meyer Zur genauem Kenntuiss der Substantia spongiosa der Knochen", ber welche der Verf. selbst in Nr. 1, Bd. II dieser Zeitschrift berichtet hat. Es folgt J. Forst er mit einem Beitrag zur quantitativen Be- stimmung der grauen und weien Substanz im menschlichen Gehirn", deren gegenseitiges Mengeverhltniss an 6 Gehirnen aus dem Wassergehalt ermittelt wurde. Ferner erwhnen wir A. Eau- ber Ueber die Endigung sensibler Nerven in Muskel und Sehne". R. beschreibt das Vorkommen von Vater -Pacini'schen Kr- pern im Innern und namentlich an der Oberflche von Muskeln und im Peritendineum der Sehnen bei Sugetieren und Vgeln und glaubt, dass diese Endapparate hier als periphere Organe des Muskeldruck- sinns aufzufassen seien. Von mehr als rein fachwissenschaftlichem Interesse sind H. Welckers Asymmetrien der Nase und des Nasenskelets". Verf. hat die so hufige Form der Schiefnase an Schdeln, Totenmasken und am Lebenden studirt und ist zu dem Schluss gelangt, dass die osteologische Grundlage derselben auf 2 verschiednen Momenten beruhe, auf der seitlichen Abw^eichung erstens des Nasenbeins und zweitens des Vorderendes des Vomer und der Crista nasalis des Oberkiefers. Die erstere bedingt die Schiefheit der Nasenwurzel, die letztere die der Nasenspitze. Weichen beide Teile in entgegengesetzter Ilichtung ab, so entsteht die Form der scolio- tischen" Nase. Die Ursache des Schiefstandes glaubt W. in erster Linie auf den Druck zurckfhren zu mssen, welchen die Nase bei habituellem Schlafen auf einer bestimmten Krperseite erleide. Aus seinen umfnssenden Studien ber die Formverschiedenheiten der Windungpgrupi)on des Grohirns nach Alter, Geschlecht, Race und Individualitt bringt R ding er in einem bereits von Herrn Ober- steiner in Nr. 9 besprocheneu Beitrag zur Anatomie des S p r a c h c e n t r u m s" eine vergleichende Untersuchung der interessanten Beitrge zur Biologie. oll und wenigsten*^ von Physiologen und Klinikern viel besprochenen dritten Stirnwindimg und der hcnachbarten Gebiete. Aus dem Bereich der Entwicklungsgeschichte haben wir eine Arbeit von II. Bonuet zu verzeichnen Die Uterinmilch und ihre Bedeu- tung fr die Frucht". Verf. hat dieses Sekret bei Schafen na- mentlich im ersten Monat der Trchtigkeit einer eingehenden Unter- suchung unterworfen; er gelangt zu dem Schluss, dass dasselbe zur Ernhrung des Embryo diene und dass es, da es sich auch bei an- dern Sugern tindet, ein allgemeines Prinzip der Ernhrung fr den Sugetierembryo nahe lege, das bisher nicht bercksichtigt wurde. Die Art der Absonderung der Uterinmilch und die in ihr vorkommen- den zelligen Elemente erinnern au die von Raub er gegebene Dar- stellung von der Sekretion der wirklichen Milch , und es dient diese Tatsache; wie auch Verf. hervorhebt, zur Sttze der bekannten An- schauung K's., welche fr das Eierstocksei; das befruchtete Ei im Uterus und die Frucht nach der Geburt ein gemeinsames Eruhrungs- prinzip aufstellt. ' Die Anthropologie ist vertreten durch Johannes Eanke, Stadt- und Landbevlkerung, verglichen in Beziehung auf die Gre ihres Gehirnraums". Aus der Bestimmung der Schdelkapacitt von je 200 oberbayrischen Stadt- und Landbewoh- nern beiderlei Geschlechts zieht Verf. die bedeutungsvolle Folgerung; dass trotz der im Allgemeinen geringern Krpergre der Stadtbe- wohner beide Geschlechter derselben eine bedeutendere Entwicklung des Gehirnraums zeigen, als die Landbewohner". Unter den Arbeiten physiologischen Inhalts erwhnen wir C. Eckhard; Ueber eine neue Eigenschaft des Nervus hy- poglossus". Dieselbe besteht darin, dass auf Reizung des blosge- legten Nerven mittels eines konstanten Stroms in absteigender Rich- tung unmittelbar nach der Schlieungszuckung; in aufsteigender Rich- tung nach der Oefnrangszuckung; ein Flimmern in der betreffenden Zungenhlfte auftritt, ganz hnlich deni; welches bei der Erregung des Nerven durch khle Luft, oder einige Tage nach seiner Durcli- schneidung beobachtet wird. Der nmliche xVutor gibt in einer wei- tern Abhandhing eine Geschichte der Experimentalphysio- logie des Nervus accessorius Willisii". Unter dem Titel Ueber die Bedeutung der Galle fr die Aufnahme der Nahrungs Stoffe im Darmkanal" teilt C. v. Voit aus seinen zahlreichen Beobachtungen an Gallenfistelhunden die Ergebnisse mit; dass bei Ausfall der Galle die Resorption und Zersetzung von Eiwei und Kohlehydraten nicht verndert, sondern allein die Aufnahme des Fetts vermindert werde und zwar bei reichlicher Fettzufuhr um 60^/o. Die geringere Aufnahme des Fetts erklrt vllig die bekannten Er- scheinungen, unter denen die Gallenfistelhunde schlielich zu Grunde gehen, selbst wenn man ihnen ; um den Ausfall an Fett zu ersetzen, 312 Beitrge zur Biologie. eine reichlichere Menge einer fetthaltigen Nahrung gibt. Es nimmt das Fett einen Teil der brigen Nahrung mit in den Kot und die Tiere sterben an Inanition. Verabreicht man dagegen eine vllig fettfreie Nahrung, so reicht die gewhnliche Menge von Eiwei und Kohlehydraten aus, die Hunde am Leben zu erhalten. lieber den Mechanismus des Brust- und Falsetregisters" be- richtet Oertel in eingehender Weise. Er schildert zunchst die Dif- ferenzen, welche das Bild des Kehlkopfspiegels beim Angeben beider Kegister erkennen lsst und erklrt sodann die Verschiedenheit der beobachteten Erscheinungen aus der ungleichen Beteiligung mehrerer sowol auerhalb als namentlich innerhalb des Kehlkopfs gelegner Muskeln, besonders der Mm. thyreo -arytaenoidei. Aus der pathologischen Anatomie und der allgemeinen Pathologie haben wir ber je eine Arbeit zu berichten. In seinen Beitrgen zur patholog. Anatomie der Hornhaut resp. der Membrana Descemetii" beschreibt Oeller und illustrirt durch mehrere sehr gelungene Abbildungen die pathologischen Ver- nderungen, welche die Endothelschicht der Membrana Descemetii erleidet unter der Einwirkung eines anormalen Humor aqueus sowie durch Austritt von weien und roten Blutzellen in die vordere Au- genkammer. lieber den heutigen Stand der Frage von der Erb- lichkeit krankhafter Processe gibt Bollinger, Ueber Vererbung von Krankheiten", eine interessante Uebersicht und bereichert das vorhandene Material durch mehrere Flle eigner, namentlich an Haustieren gemachter Beobachtungen. Zum Schluss mag noch ber einige Abhandlungen klinischen Inhalts referirt Avcrden. So macht J. Bauer fr die Unterschei- dung kroupser und parenchymatser Pneumonien" auf die Wichtigkeit des physikalischen Befunds aufmerksam, der bei den desquamativen Pneumonien eine langsamer fortschreitende Verdich- tung des Gewebes erkennen lasse, als bei der kroupsen Entzndung. Auer einer allmhlich zunehmenden Dmpfung ist namentlich ein wochenlang anhaltendes ausgebildetes Knistern, das dem ausgespro- chenen Bronchialatmen vorausgeht, von dingnostischer Bedeutung. Des Weitern empfiehlt Mosler auf Grund seiner Experimente an Gallenfistelluinden und seiner Erfahrungen am Krankenbett Zur lo- kalen Therapie von Leberkrankheiten" Darminfusionen von Wasser und von Lsungen der Salicylsnre, des Jodkalium und an- derer Stoft'e, die nachweislich aus dem Blut in die Galle bergehen. Diese Therapie erscheint namentlich dann zweckmig, wenn durch eine gleichzeitige Magenatt'cktion die innerliche Verabreichung der genannten Mittel contraindicirt ist. Ferner teilt Seh wen in g er, Beitrag zur Behandlung der komplicirten Frakturen der obern und untern Extremitt", den auerordentlich gnsti- gen Erfolg mit, Avelchen er mittels strikter Anwendung des Li st er- Nasse, Der chemische Bau der Muskelsubstanz. 313 sehen Verfahrens an 21 komplicirtcn Frakturen der Extremitten er- zielte. Von zwei Fllen, die aus andern Ursachen zu Grunde gingen, abgesehen, gelang es smtliehen Patienten nicht nur das Leben, son- dern auch eine gute Gebrauchsfhigkeit der frakturirten Extremitt zu erhalten. Indem wir unsre Mitteilungen beschlieen, bedauern wir nur, dass der enge Rahmen eines Referats es uns nicht gestattet hat, auf manche Einzelheiten nher einzugehen. Dass die Beitrge zur Bio- logie eine Flle interessanter und Avichtiger Tatsachen bieten, das, hoffen wir, geht auch aus diesen wenigen Zeilen hervor. Wir knnen dem Werk nichts Besseres zur Empfehlung sagen, als dass es des Mannes wrdig ist, den es ehren soll. H. R. Der chemische Bau der Muskelsid)stanz. Fr die mit dem Namen Kontraktilitt bezeichnete Fhigkeit ge- wisser tierischer und pflanzlicher Gebilde, infolge eines Reizes sich zusammenzuziehen und nach Aufhren des Reizes zu der frhern Form zurckzukehren, ist trotz aller Bemhungen bis zu dem heutigen Tage noch keine auch nur einigermaen gengende Erklrung gefunden worden. Alan wird aber auch nicht darauf rechnen drfen eine solche zu finden, bevor nicht der anatomische nnd chemische Bau der kon- traktilen Gebilde klar zu Tage liegt. Wie es in diesem Augenblicke mit unsrer Kenntniss des chemischen Baues steht, nnd zugleich nach Avelchen Gesichtspunkten die Aveitere Forschung zu gehen hat, soll in dem Folgenden geschildert Averden ^), um in Zukunft die Fortschritte daran anknpfen zu knnen, jedoch, Avie die Ueberschrift schon an- gibt, mit einer gewissen Einschrnkung: die nngeformte kontraktile Substanz, oder wie man sich ausdrckt, das kontraktile Protoplasma, das in dieser Zeitschrift schon von andrer Seite Aviederholt besprochen Avorden ist, bleibt ausgeschlossen, nur von der geformten kontraktilen Substanz oder den Muskeln AA-ird die Rede sein. Diese Abgrenzung muss Avillkrlich erscheinen, Aveil ZAvischen kontraktilem Protoplasma und Muskelgewebe Uebergnge denkbar sind, und sich weiter an das erstere auch noch die bis dahin noch nicht erwhnten Flimmerzellen anschlieen; sie muss aber auch unzAveckmig erscheinen, Aveil das Wesen der Kontraktion, das zu ergrnden doch stets die Hauptauf- gabe bleibt, sicher am ersten verstanden Avird, Avenn smtliche kon- traktile Gebilde in das Auge gefasst Averden. In der Praxis zieht 1) Nhere Ausfhrung eines Teils der hier nur kurz dargelegten Verhlt- nisse findet sich in meiner vor Kurzem erschienenen Schrift : Zur Anatomie und Physiologie der quergestreiften Muskelsubstanz. Leipzig 1882. F. C. W. Vogel. 314 Nasse, Der chemische Bau der Muskelsubstanz. sich iiidess die Grenz(> bei den Muskeln von selbst dadurch, dass wir von der chemischen Zusammensetzung der ung-eformten kontraktilen Substanz wenig mehr wissen, als die brigens keineswegs zu unter- schtzenden mikrochemischen Reaktionen gelehrt haben. Weiter ist nun aber uDch bei den Muskeln selbst von den beiden Arten, glatten und quergestreiften, des massenhaftem Vorkommens wegen bis jetzt die letztre Art in so holiem Grade bei der Untersuchung bevorzugt worden, dass man eigentlich nur von einer Chemie der quergestreiften Muskelsubstanz reden kann. Wenn nun aber die Aufgal)e darauf beschrnkt wird den chemi- sehen Bau der Muskeln und zwar zunchst der (physiologisch) frischen und ruhenden Muskeln festzustellen, und, trotzdem dass Material zur Genge zur Verfgung steht und die Forschung nicht mde ward sich mit diesen Fragen zu beschftigen, die Aufgabe vom Gelostsein noch weit entfernt ist, so mssen offenbar .Schwierigkeiten ])edeutenden (rrades im Wege stehen. Dieselben liegen zum Teil darin, dass niemals der Muskel als Gewebe, sondern stets nur der luskel als Organ, das heit uzerti'ennbai' vereinigt mit verschiedenen andern GcAveben und Organen zur Untersuchung kommen kann, und zu einem andern Teile darin, dass die Bedingung den Muskel frisch zu untersuchen wegen der ganz unvermeidlichen stetigen Vernderungen desselben sich nie- mals vollkommen erfllen lsst. Ganz besonders schwer mssen diese Uebelstnde in das Gewicht fallen bei der quantitativen Analyse. Es ist gelegentlich ))ehauptet worden, die Muskelsubstanz als solche sei berall gleich zusammengesetzt, die Verschiedenheiten, welche die Muskeln in toto besitzen, seien nur durch verschiedene Entwicklung der in den Muskel als Organ eintretenden Gewebe bedingt, die Be- weise fr derartige Behauptungen sind alier mehr als ungengend. Uebrigens wlrde diese Gleichheit nur eine sehr uerliche, kono- mische, physiologisch unwichtige sein, sich etwa auf den Gehalt an Eiwei, Fett, Wasser, Asche beziehen und schlsse eine Verscliiedenheit in der Art der Eiweistoflfe u. s. w. keineswegs aus. Ich ziehe es vor, von der quantitativen Zusammensetzung bei dieser Gelegenheit ganz abzusehen. So bleiben wir also bei der qualitativen Analyse, wollen aber weniger aufzhlen, welche Stoffe berhaupt im Muskelgewebe ange- troffen worden sind, als versuchen festzustellen, welche Stoffe allen Muskeln, oder auch wol nur der einen oder der andern Muskelart oder den Muskeln einer bestimmten Tierreihe zukommen, und in ge- wissem Sinne als wesentliche, das heit zum Begriff Muskel" ge- hrige Bestandteile aufgefhrt werden drfen. Es ist wm)1 kaum ntig zu bemerken, dass die Erklrung ber Avesentlich oder unwesentlich wie ])ei ehier jeden solchen Zusammenfassung von Tatsachen mit einem Vorbehalt abgegeben wird. Nur durch ein statistisches Ver- fahren, nmlich durch Untersuchung von Muskeln der verschiedensten Kasse, Der cliemische Bau der Muskelsubstanz. 315 Tiere lernen wir die sogenannten wesentlichen Bestandteile kennen; solange aber nicht wirklich alle ]\Iuskeln untersucht sind, und das wird aus uern Grnden niemals der Fall sein, bleibt immer denkbar ein mit allen physiologischen Eigenschaften begabter Muskel, der an Stelle der als wesentlich erkannten Stoffe beliebige andre Stoffe ent- hlt, etwa an Stelle des Glykogens ein andres Kohlehydrat, hnlich wie gewisse Pflanzenfamilien au Stelle des Amyiums Inulin fhren. Sind die wesentlichen Bestandteile ermittelt, so handelt es sich weiter darum ihren Sitz in den Muskeln zu bestinmien. Da ist dann zunchst Folgendes zu beachten. In allen Muskeln kann man mor- phologisch zweierlei unterscheiden: das eine ist die kontraktile Sub- stanz im eigentlichen Sinne des Worts, die man auch die fibrillre Substanz nennen kann, da sie bei glatten wie quergestreiften Muskeln in Fibrillen zerspaltbar ist, das andre umfasst die bei der Kontraiv" tion nur passiv beteiligte Substanz, unverndertes Protoplasma nebst Kernen, rumlich sehr verschieden angeordnet, sowie Ernhruugsfls- sigkeit zwischen den Fibrilleugruppen oder Muskelsulchen, im Wei- tern kurz als protoplasmatische Substanz zu bezeichnen. Manchen Muskeln kommt auch noch ein drittes, mor})hologisch ebenfalls zum Muskel gehriges zu, nmlich hutige Umhllung (Sarcolemma), die hier aber keine weitere Besprechung finden soll. Da es nun unzwei- felhaft zu sein scheint, dass sich eine isolirte Fibrille noch zu kon- trahiren vermag, begreiflicherweise freilich nur kurze Zeit, Aveil ihre Ernhrung unvollstndig ist, und uere Schdlichkeiten leicht ein- wirken, so werden die in der fibrillreu Substanz enthaltenen Stoffe am meisten Interesse fr uns haben und knnten als Stoffe erster Ordnung von den in der })rotoi)lasniatischen Substanz enthaltenen Stoffen als solchen zweiter Ordnung unterschieden werden. Die Mus- kelbestandteile vollkommen in dieser Weise in zwei Gruppen zu bringen, ist noch nicht gelungen ; die mikrochemischen Reaktionen und die Untersuchung der Muskeln unter besondorn Verhltnissen gestatten aber doch schon ber die Rolle einer ganzen Anzahl von Muskelstoffen mit grerer oder geringerer Sicherheit zu urteilen. Wenn die fibrillre Substanz aber auch in sich selbst ungleich- artig ist, so kehrt die Notwendigkeit wieder auch in ihr den Sitz der durch die chemischen Operationen gewonnenen Stoffe zu be- stimmen. Es besitzt nun die fibrillre Substanz (wie vielleicht alle kontraktile Substanz) doppeltbrechende, positiv einaxige Teilchen, deren optische Axe mit der Richtung der Verkrzung zusammenfllt, Brcke's Disdiaklasten. In den glatten Muskeln sind dieselben gleichmig verteilt, in den quergestreiften in innerhalb gewisser Ab- stnde regelmig wiederkehrende Gruppen (sarcous Clements) ver- einigt. So treten in den letztern in regelmiger Wiederkehr als optischer Ausdruck von die fibrillre Substanz durchsetzenden Schei- ben eine Reihe von senkrecht zur Verkrzuugsaxe liegenden Streifen 316 Nasse, Der chemische Bau rler Muskelsubstanz. auf, mindestens zwischen zwei sehmalen doppeltbrechen- den Streifen (Zwisehenscheihen Z) ; durch isotrope Sub- stanz von ihnen geschieden je ein l)reiter zweiteiliger Streifen (Querscheibe Q), am ersten in die Augen fallend und daher am lngsten bekannt, zugleich am strksten doppeltbrechend: weiter meist noch in der Mitte des letz- tern, sodass man folgerichtig eigentlich von zwei Quer- scheiben sprechen msste, ein schwach anisotroper Strei- fen (i\nttelscheibe m); und in der erwhnten isotropen Substanz je ein schmaler, ebenfalls schwach anisotroper Streifen (Ne- benscheibe n). Die beistehende Figur gibt diese Verhltnisse am einfachsten Avieder. Die isotrope Substanz ist in derselben wei ge- lassen. Nunmehr kehren \Yiv zu der Frage zurck: Welche Substanzen sind regelmig in den Muskeln zu finden? Konstant sind allen kontraktilen Gebilden, nicht blos den Mus- keln neben Wasser und Aschenbestandteilen, letztere stets arm an Natrium-, reich an Kaliumverbindungen, Eiwei kr per verschie- dener Art, wie sie zum Teil auch in andern Geweben vorkommen. Dieselben in mglichst unverndertem Zustand aus den Muskeln zu gewinnen hat Khne gelehrt. Das Verfahren, das sich auch fr andre tierische wie pflanzliche Gewebe und Organe ebenso anwenden lsst, bislang aber fast allein bei dem Muskel angewendet worden ist, daher auch die Kenntniss der Eiweikrper hier am weitesten fortgeschritten ist, besteht darin, dass das betreffende Gewebe in fest gcfrornem Zustand zerkleinert und die ganz langsam aufgethaute Masse bei mglichst niedrer Temperatur filtrirt wird, wenn ntig unter Zusatz einer indifferenten Flssigkeit. Das Filtrat, Muskelplasma, gerinnt sehr rasch und scheidet sich so hnlieh dem Blutplasma in eine Flssigkeit, Muskelserum, und ein Gerinnsel. Ersteres enthlt verschiedene Eiweikrper, darunter jedenfalls sogenanntes lsliches Eiwei (Serumeiwei) und Alkalialbuminat, das Gerinnsel besteht aus Myosin, einer zu den Globulinen zu rechnenden Eiweiart. Das Myosin ist in wssrigen Lsungen neutraler Alkalisalze ls- lich, kann mittels derselben aus frischen wie auch aus totenstarren Muskeln ausgezogen werden, jedoch stets nur teilweise, daher es auf diese Weise nie gelingt, ein fr manche Untersuchungen sehr brauch- bares Prparat von sicher myosinfreiem Muskel darzustellen. Nicht- beachtung dieser Tatsache hat zu manchen falschen Schlssen ge- fhrt. Die zur Myosingewinnung am meisten geeigneten Salzlsungen sind, sowol was die Salzart als die Koncentration der Lsung angeht, nicht dieselben fr alle Muskeln, wie A. Danile wski's ^) und meinen Beobachtungen zu entnehmen ist. Es ist hieraus ; sowie aus der von 1) Zeitschr. f. physiol. Chemie. Bd. V. S. 158. 1881, Nasse, Der cliemische Bjui der Muskelsubstuuii, 317 Danilewski nher studirten verscliiedenen Sttigimgskapacitt der Myosine fr Suren der Scliluss zu ziehen, dass Myosin nicht berall die gleiche Substanz ist. Mglicherweise ist brigens das Eiwei selbst berall das gleiche, nur die mit ihm verbundenen anorganischen Bestandteile, die nach den Untersuchungen von Danilewski grade im Myosinmolckl von Wichtigkeit zu sein scheinen, sind quantitativ oder qualitativ verschieden. In hnlicher Weise mgen sich auch wol bei den andern EiAveil.ikrpern der Muskeln gefundene Unterschiede^ hauptschlich die Gerinnungstemj)eratur angehend, erklren lassen. Man wird bei diesen Erfahrungen sich auch hten mssen, aus dem Fehlen des Myosins in einem Muskelauszug, wenn zur Herstellung desselben nur eine bestimmte Salzlsung, etwa die zuerst von Khne fr Froschmuskeln empfohlene zehnprocentige Kochsalzlsung ver- wendet worden ist, auf das Fehlen von Myosin zu schlieen. Charakteristisch fr die kontraktile Substanz scheint das Myosin nicht zu sein; aus andern tierischen und sogar aus pflanzlichen Ge- weben sind Eiweikrper mit ganz hnlichen Reaktionen gewonnen worden. Ganz eigenartig ist aber die Lagerung des Myosins in den Muskeln: die Disdiaklasten bestehen aus Myosin, bei den glatten Muskeln berhaupt alle doppeltbrechenden Teilchen, bei den querge- streiften Muskeln sicher diejenigen, welche die Querscheiben bilden. Schon oft ist dieser Zusammenhang vermutet, ebenso oft aber auch bestritten worden; jetzt erst ist er bewiesen durch Untersuchungen, die unabhngig von einander von Catherine Schipiloff und A. Danilewski^) und andrerseits von mir angestellt worden sind. Es sttzt sich der Beweis hauptschlich auf die Schwchung oder sogar temporre Vernichtung der Do])peltbrechung im Muskel durch eine Reihe von Agentien, gewissen Suren und Alkalien sowie ge- wissen Salzlsungen, welche das Myosin lsen oder auch nur stark quellen, sowie auf die Wiederherstellung der Doppeltbrechung durch Agentien, welche das Myosin aus seinen Lsungen ausfllen. In das nach Khne's Verfahren bereitete Muskelplasma tritt das Myosin wahrscheinlich nicht in vollkommen gleicher Weise ber wie die andern Eiweistofte. Bei diesen sprechen wir von Lsung, das heit, wir denken uns Ngeli's Vorstellungen folgend zwischen den Flssigkeitsteilchen nicht die vereinzelten Molekle, sondern krystal- linische Moleklgruppen (Micellen) verteilt. Die Myosinmicellen sind aber wol zu grern Komplexen vereinigt, wie sie in dem Muskel selbst enthalten waren. Es erklrt sich hieraus die Schwierigkeit Muskelplasma zu filtriren und vielleicht auch, zum Teil wenigstens, die groe Neigung des Muskelplasmas spontan zu gerinnen. Von dem Gerinnsel ist mit Bestimmtheit zu vermuten, dass die dasselbe zusammensetzenden Fasern ebenso doppeltbrechend sind wie die Fa- 1) Zeitschr. f. physiol. Chemie Bd. V. S. 349. 1881. 3i(S Nasse, Der chemische Bau der Muskelsubstanz. Sern des BlutfaserstoffS; von denen L. Hermann^) vor Kurzem nach- gewiesen hat, dass sie dopi)eltbreohend sind, und zwar positiv einaxig" wie die Muskelfasern und mit einer der Faserrichtung entsprechenden Axenhage. Diese Vermutung ist berechtigt, weil die aus einer knst- lichen Lsung des Myosins (ebenso wie aus einer solchen des Fibrins) durch irgend ein Mittel in Gestalt von Fden erzeugten Niederschlge doppeltbrechend sind. Es darf brigens nicht unerwhnt bleiben, dass auch andre Eiweikrper derartige Fasern liefern knnen. Am leichtesten scheinen sich die Globuline aus ihren Lsungen in doppelt- brechenden Fasern auszuscheiden. Ol) auch die andern doppeltbrechenden Scheiben des querge- streiften Maskeis Myosin enthalten, hat sich nicht mit Bestimmtheit entscheiden lassen. Speciell das mikrochemische Verhalten der Zwi- schenscheibe und der Nel)enscheiben schliet nicht aus, dass sie we- nigstens zu einem Teil aus Myosin bestehen. Es finden sich im Muskel aber noch eine ganze Reihe von unter bestimmten Verhlt- nissen doppeltbrechenden Substanzen; von einer derselben, dem Le- cithin, behaupten C. Schipiloff und A. Danilewski, dass sie die Doppeltbrechung der Zwischenscheibe bedinge. Hier liegt indess ein Irrtum vor, der dadurch entstanden ist, dass der mit verdnnter Salz- sure ausgewaschene Muskel als myosinfrci angesehen wurde; es lsst sich aber durch verdnnte Salzsure ebensowenig wie durch die oben erwhnten Salzlsungen alles Myosin dem Muskel entziehen, der zurckgebliebene Rest gengt, um den Muskel wieder doppeltbrechend erscheinen zu lassen, natwrlich aber sehr viel schwcher doppeltbre- chend als frher, sobald der Muskel mit myosinfllenden Mitteln, Sodalsung oder Alkohol, behandelt wird. Es muss hierbei nur eine unregelmige Schrumpfung des Muskels vermieden werden, durch welche die doppelthrechenden Teilchen aus ihrer regelmigen Lage verschoben Averden. Uebrigens zeigt auch ein ganz einfacher und einwurfs freier Versuch, nmlich Kochen des Muskels mit Aether- Al- kohol, einem trefflichen Lsungsmittel fr Lecithin, dass ein auf solche Weise von Lecithin vollkommen befreiter Muskel das Doppeltbrechungs- vermgen in allen Teilen ganz wie frher besitzt. An der sichtbaren Doppeltbrechung ist somit als beteiligt mit Sicherheit einzig das Myosin aufzufhren. Wir kriuen die Eiweikrper nicht verlassen ohne den Zusatz, dass ein unbestimmter Teil derselben jedenfalls der protoplasmati- schen Substanz angehrt. Wie alle lebensfhigen Gewebe enthalten auch die Muskeln Fett. Von dem in dem Muskel als Organ gefundenen Fett kommt natrlich ein groer, einstweilen gar nicht nher zu bestimmender Teil dem intermuskulren Fettgewebe und den Nerven zu, und von dem dem 1) L. Hermann, Handbuch der Physiologie. I. 1. S. 253. Leipzig 1fi79. Nasse, Der ('hemische Bau der Mnskelsubstanz. 319 Muskel selbst vcrl)leibeiulen Fett, das in seiner Ziisanimenset/Aiiig- nacli Tierart n. s. w. uecliselt, ist jedenfalls ein guter Teil wieder auf Rechnung der protoi)lasmatisclien Substanz zu setzen, in der es oft sogar in Form kleiner Trpfchen auftritt, so dass es unentschie- den bleibt, ol) das Fett lil)erhau])t zu den Muskelbestandteilen erster Ordnung zu zhlen ist. Weiter scheint nach TTntersuchungen, ausgedehnt auf die ver- schiedensten Organismen mit glatten und quergestreiften luskeln, Glykogen allen Muskeln, vielleicht sog-ar allen kontraktilen Gebil- den regelmig zuzukommen. Nur auerhalb der fibrillren Substanz hat man aber bis jetzt das Glykogen nachweisen knnen. Da nun ferner der Muskel gehungerter Tiere, in welchen kein Glykogen melir zu finden ist, sich noch einige, freilich nur kurze Zeit kontrahiron kann, so ist mglicherweise auch das Glykogen nur ein Bestandteil zweiter Ordnung. Neben dem Glykogen kommt in manchen Muskeln noch ein zweites Kohlehydrat, Inosit, vor. Von einer gegenseitigen Vertretung dieser beiden Stofie in dem oben erwhnten Sinne kann keinenfalls die Rede sein. Endlich fhren die Muskeln wie alle Gewebe eine Anzahl von Fermenten, darunter jedenfalls ein diastatisches und ein peptisches. Auf ihre Bedeutung, soweit die mangelhafte Kenntniss von einer sol- chen berhaupt zu reden gestattet, wird bei dem Stoffwechsel der Muskeln einzugehen sein. Hiermit ist die Reihe der konstanten und in dem frher ange- gebenen Sinne als wesentlich zu bezeichnenden Muskelstofl'e vorlufig- geschlossen. Es ist mglich, dass aus der groen Zahl der verschie- densten Substanzen, welche bereits aus den i\Iuskeln isolirt sind, der eine oder der andre noch dazu zu rechnen ist. Ich denke hier an das Lecithin, einen Krper, der fast in allem lebensfhigem Gewebe zu finden ist, im Muskel wol dem protosplamatischen Teil zugehrt. Als kernhaltiges Gebilde muss der Muskel ferner Nuclem enthalten. Nur ganz beschrnkt ist andrerseits das Vorkommen von Haemoglo- bin in der fibrillren Substanz, sowie von dem schon erwhnten Inosit. Zum Schluss bleiben neben der nur ganz unregelmig auftretenden Milchsure die sogenannten stickstoffhaltigen Extraktivstoffe brig. In neuerer Zeit hat besonders Krukenberg ^) denselben Aufmerk- samkeit geschenkt. Aus den zahlreichen und mhevollen Untersu- chungen ergibt sich, dass nirgends Krper dieser Art fehlen, dass aber keiner derselben, auch nicht einmal das Kreatin, das noch vor Kurzem fr einen regelmigen Bestandteil der Muskeln galt, auch nur einer einzigen groem Tiergruppe eigen ist. 0. Nasse (Rostock). 1) Untersuch, a. d. physiol. Inst. d. Univ. Heidelberg, herausgegeb. von W. Khne, III. S. 194. Heidelberg J88U. IV. S. 33. 1881. 320 Farabeuf, lieber den M. steruocleidoiuastoideus. Farabeuf, Ueber den M. slernocleidomastoideus Progres medical. 1881. T. IX Nr. 15. Theile (1841) beschrieb bekamitlich zwei besondere Muskeln statt des M. sternocleidomastoideus, indem er denselben in die Mm. sternomastoideus imd cleidomastoideus trennte ; wie es ja auch bei manchen Tieren die Norm ist. Der Verf. schliet sich dnrchaus an Theile an und gibt im Einzelnen folgende Darstellung : 1) M. sternomastoideus. Liegt obe rflclili ch, entspringt von der Linea semicircnlaris superior oss. occipitis imd dem vordem Rand des Pro- cessus mastoideus, wo der Ursprung ein wenig mit dem M. cleidomastoideus verschmilzt. Die meisten seiner Bndel gehen in die Sternalsehne ber, die brigen breiten sich membranartig aus und gelangen zu dem medialen Ab- schnitt der Clavicula, in einer I^inie, welche bis 6 cm lateralwrts vom Sterno- claviculargelenk sich erstrecken kann. Beide Abteihmgeu sollen hier als .Portio stenialis (sternales Bndel) und Portio clavicularis (claviculares Bndel) des M. sternomastoideus imterschieden werden. 2) M. cleidomastoideus. Entspringt von der Spitze imd den beiden Rndern des Processus mastoideus, inserirt sich an der Clavicula lngs einer Raiiigkeit, welche ca. 2 cm lateralwrts vom Sternoclaviculargeleuk beginnt. Nach oben ist er nur ein wenig schmaler als der M. sternomastoideus. Was nun die Verhltnisse beider Muskeln zu einander anlangt, so variirt die Sternale Portion des M. sternomastoideus nur wenig, betrchtlich aber die Clavicularportion. Bei starker Entwicklung verbirgt letztere den M. cleido- mastoideus vollstndig. Wenn die Portio clavicularis dnn ist, schimmert der M. cleidomastoideus durch; ist sie von der Portio sternalis getrennt, so tritt der letztgenannte, tiefer gelegene Muskel im Zwischenraum beider Portionen hervor. Selten erstreckt sich die Portio clavicularis weiter lateralwrts als der M. cleidomastoideus. Einmal unter 24 Fllen fehlte rechterseits die Portio clavicxdaris vollstndig, linkerseits war sie sehr dnn. W. Krause (Gttingen). Verlag von August Hirschwald in Berlin. Soeben erschien die erste Abtheilung: Jahresbericht ber die Leistungen und Fortschritte in der gesammten Medicin. Unter Mitwirkung zahlreicher Gelehrten herausgegeben von Rud. Virchow und Aug. Hirsch. XVI. Jahrgang, Bericht fr das Jahr 1881. 2 Bnde (G Abtheilungen). Preis des Jahrgangs 37 Mark. Einsendungen fr das Biologische Centralblatt" bittet man an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut'* zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen, Druck von Jimge & Sohn in Erlangen. Biologisches Centralblatt unter Mitwirkung von Dr. M. Reess und Dr. E. Selenka Prof. der Botauik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nummern von je 2 Bogen bilden einen Band. Preis des Bandes 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen und Postanstalten. IL Ban. i. August 1882. Nr. 11. Inhalt: KlcbS, Ueber Symbiose ungleichartiger Organismen. Vella, Die Gewin- nung reinen Darmsafts. Wernich, Studien imd Erfahrungen ber den Typhus abdominalis. V OSSius , Ueber das Wachstum und die physiolo- gische Regeneration des Epithels der Cornea. Ueber Symbiose ungleichartiger Organismen. Von Georg Klebs (Wrzburg). Der Parasitismus. Wol kein Zusammenleben von Organismen ist so verbreitet und erscheint in so mannigfaltigen Formen als gerade das parasitische. Sowol bei dem parasitischen Verhltniss von Tieren zu einander, wie von Pflanzen zu Tieren gibt es eine Reihe Abstufungen in der Art und Weise der Anpassuug der Parasiten an ihren Wirt und es treten eine Menge Beziehungen zmschen Parasitismus und den sonst in der Natur sich zeigenden Lebensweisen auf. In den ausgesproche- nen Fllen ist der Parasit ein Organismus, welcher mehr oder minder notwendig, fr krzere oder lngere Zeit an das Leben eines andern gebunden ist, auf Kosten desselben er auf ihm oder in ihm lebend sich ernhrt. Bei der Betrachtung der raumparasitischeu Lebensweise ist schon darauf hingewiesen, wie diese zu einer echt parasitischen hinber- fhrt. Gerade bei den chlorophyllhaltigen Algen lsst sich der all- mhliche Uebergang leicht verfolgen. Schon bei dem Nostoc, der in dem Gewebe der Cycadeenwurzel lebt, ist die Assimilationsttigkeit ver- mge seines Chlorophylls sehr gemindert; vielleicht findet in der Tat schon ein Verbrauch der Sfte des Wirts statt. Ebenso ist dies mglich nachweisen lsst es sich nicht , bei dem Phyllobium di- 21 322 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. morphum'^) das in Form chloropliyUreicher Schluclie in den Gef- bndeln von Blttern einer Landpflanze, der Lysimachia Numularia lebt. Entschiedener parasitisch ist FhyUoslphon risari'^), eine Alge deren reich verzweigte grne schlaiichartige Zellen in den Blttern von Arum Arisari vegetirt; hier tritt sehr deutlich eine Zerstrung und wol auch ein Verbrauch des die Alge umgebenden Blattgewebes ein. Einen sehr ausgesprochenen Fall von Parasitismus bietet endlich die Alge Mycoidea parasitica^) dar, die in Blttern von Kamelien und Theepflanzen lebt, in denselben durch ihr Wachstum groe Lcher verursacht und dadurch in Ostindien schdlich wirkt. Auch diese Alge enthlt Chlorophyll, aber augenscheinlich schon in einem ge- wissen Grad von Degeneration. Diesen Uebergaug von der Ernhrung durch Assimilation der Kohlensure der Luft vermge des auf den Chlorophyllapparat wir- kenden Lichts zu der rein parasitischen zeigen auch manche von den phanerogamen Schmarotzergewchsen. Die in unsern Wiesen und Wldern verbreiteten Thesium-, Melampyrum-, Alecto roloijJiusni'ten, die stark assimiliren und ein reich verzweigtes, im Boden steckendes Wurzelsystem besitzen, ernhren sich zugleich parasitisch, wenigstens stehen viele ihrer Wurzeln vermittels bestimmt geformter Saugorgane, den Haustorien, mit den Wurzeln anderer Pflanzen, wie Thymusiii'ten, Grsern etc. in engster anatomischer Verbindung. Selbst die Mistel, Viscum alhum, die nur auf lebenden Bumen vegetirt und mit sehr ausgebildeten Saugorganen tief in das Gewebe der Nhrpflanzen ein- dringt, assimilirt noch sehr krftig. Sehr eigenartige Verhltnisse treten bei jenen wunderbaren Schlinggewchsen auf, die in der Flle ihrer Formen den Wldern der Tropen eine so charakteristische Phy- siognomie verleihen. Es wurde frher von einigen derselben erwhnt, dass sie sich von Baum zu Baum schlingen, nach Art der Orchideen und Bromeliaceen sich in der Kinde durch Luftwurzeln befestigend. Andere Formen haben eine hnliche Lebensweise; aber ihre Luft- wurzeln dringen tiefer in das Gewebe ihrer Wohnpflanzen ein, ver- wachsen fest mit demselben und ziehen jedenfalls daraus Nhrstoffe, da nach den Berichten solche Lianenformen oft sehr schdlich auf ihre Unterlagen einwirken. Hierhin gehren Arten von Marcgravia- ceen, Araceen, Caulotretus , Cocculus u. s. w. Sehr merkwrdige Er- scheinungen treten bei einer Reihe andrer Lianen ein, die anfangs baum- artig, senkrecht in die Hhe wachsen, dann aber sich mit Stamm und Aesten um andere Bume schlingen, ihre eigene Rinde wie die ihrer Unterlage zerstren und sich so mit ihrem Holz an das Holz der letztern ansaugen. Dabei breiten sich diese Lianen auf ihrer Un- 1) Klebs 1. c. S. 268. 2) Von Khn entdeckt, von Just, Bot. Zeitg. 1882 Nr. 14 nher beschrieben. 3) Cunningham, Transact. of the Linn. Soc, Ser. II vol. 1. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 323 terlage mehr und mehr aus, sie umschlingend bis zum Gipfel; hufig umwachsen sie sie vollstndig sie allmhlich erstickend; so dass sie rhrenfrmige Stmme bilden, die nach Verfaulung der Unterlage in der Mitte hohl sind^). Leider sind die Untersuchungen ber diese interessanten Baumwrger zu wenig genau um eine wirklich richtige Vorstellung von ihrer parasitischen Lebensweise zu gewinnen. Es sind hauptschlich Clusiaceen, die reich beblttert, sich auch hufig durch ihre BlUthenpracht auszeichnen. Eine weitere im Pflanzenreich verbreitete Lebensweise besteht darin, dass viele Pflanzen, mehr oder minder unfhig zu assimiliren, fr ihre Ernhrung auf vorgebildete organische Substanzen angewiesen sind, die durch Zersetzung lebender Organismen entstanden sind. Diese Lebens- weise, die man hufig als saprophytische bezeichnet, steht in sehr engem Zusammenhang mit dem Parasitismus. Bei den hhern Pflanzen ist sie we- niger auffallend. Unsre europischen Orchideen, die wenig oder kein Chlorophyll besitzen, wie Neottia, E2)ipogon, Corallorrhiza sind aus- schlielich Humusbewohner, sich von den Humusstoffen ernhrend ; auch Monotropa, der Fichtenspargel, dem man vielfach Parasitismus zuge- schrieben hat, ist reiner Saprophyt 2); bei A^qx Lathraea Squamaria, dem Schuppenwurz, ist es noch nicht ausgemacht, ob sie sich nicht zugleich parasitisch und saprophytisch ernhrt. Sehr mannigfache Beziehungen treten zwischen den beiden Lebensweisen bei den Pilzen auf, die smmtlich chlorophyllfrei und daher mittelbar oder unmittelbar auf andre Organismen angewiesen sind. Die mannigfaltigen Formen der in dem Humusboden unsrer Wlder vegetirenden Schwmme sind saprophytisch, ebenso die zahllosen sog. Schimmelpilze. Viele von den letztern werden aber auch direkt auf lebenden Wesen als Para- siten gefunden. Der verbreitetste Schimmelpilz, PenicllUum ylaucum, befllt auch lebende Pflanzenteile, viele andere sind auch auf imd in Tieren gefunden, wie z. B. AspergiUiisi\.xiQ\i im Ohr, Mund etc. von Menschen. Li diesen Fllen ist aber eine notwendige Bedingung fr diesen Uebergang zum Parasitismus, dass die Pflanzen resp. die Tiere an den Stellen, wo sie befallen werden, schon vorher verletzt oder krank sind. Haben sich die Schimmelpilze festgesetzt, so knnen sie durch ihre Vegetation den Organismus viel mehr schdigen. Sehr verbreitet sind die Saprolegnieen, zarte fdige Pilze, die im Wasser auf toten Insekten, Wrmern, auch abgestorbenen Pflanzenteilen sich ansiedeln. Auch sie knnen als Parasiten auftreten, sie werden so- gar als sehr gefrchtete Krankheitserreger hufig genannt. Nament- lich sind es die Fische in Fischzuchtanstalten und Aquarien, ebenso auch die darin lebenden Amphibien, welche zahlreich erkranken und 1) Vergl. Martins 1. c. S. 32 384. 2) Vergl. gegenber den Ausfhrungen von Drude: Kamienski, Bot. Zeitg. 1881 S. 457. 21* 324 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. sehr sclinell zu Grunde gehen; und die aufflligste Erscheinung da- bei ist die ppige Vegetation von Pilzfden, die fast immer zu den Saprolegnieen zu gehren scheinen und die schon whrend der Krank- heit und besonders reichlich nach dem Tode auf den Tieren sich zei- gen. Diese Krankheit der Fische ebenso wie die ihrer Eier, durch die in neuerer Zeit sehr viel Schaden entstanden ist, bedarf erst noch der genauen Untersuchung; vorlufig lsst sich nichts darber ent- scheiden. Die Fragen aber, ob die Pilze die die Krankheit hervor- rufende Ursache sind oder ob sie nur infolge einer aus Innern Ursachen erzeugten Krankheit auftreten oder endlich zuerst nur als Folgeerschei- nung auftreten, dann aber zugleich direkt oder indirekt zur Ursache der grern Intensitt der Krankheit werden diese Fragen sind neuerdings zu eminent wichtigen geworden durch die Beziehungen von Bakterien zu tierischen und menschlichen Krankheiten, speciell den Infektions- krankheiten. Die Bakterien sind nicht, wie man noch hufig hrt und liest, Pilze; wenigstens haben sie mit diesen nichts andres gemein, als dass sie Pflanzen und chlorophyllfrei sind; sie zeigen dagegen Verwandtschaft zu der eigenartigen Klasse der Algen, den Phycochro- maceen, wie Cohn besonders hervorgehoben hat. Diese Algen, die neben Chlorophyll noch einen andern Farbstoff, das Phycochrom, besitzen, sind leider ihrer Biologie nach noch wenig bekannt; viele von ihnen scheinen schon neben ihrer Ernhrung durch As- similation auf eine saprophytische Lebensweise angewiesen zu sein, wie ihre besondere Vorliebe fr Wasser, das sehr reich an orga- nischen Substanzen ist, beweist. Die Bakterien sind die einfach- sten Formen dieser Algen, besitzen aber keine Spur eines Farbstoffs, der nachweisbar die Ernhrungsfunktion des Chlorophylls spielte; sie sind entweder Saprophyten oder Parasiten, hufig beides zugleich. Durch ihre allgemeine Verbreitung und ungeheure Vermehrung ben sie trotz ihrer auerordentlichen Kleinheit die tiefgreifendsten Umn- derungen im Haushalt der Natur aus ; alle Verwesung, Fulniss, viele der Grungserscheinungen sind ihre Wirkung. Ebenso wie die Schim- melpilze sind sie aber auch fhig bei geschwchter Lebensenergie eines Organismus, sei es lokal oder mehr allgemein sich in ihm an- zusiedeln und sich von seinen Substanzen zu nhren. Jede Wunde an einer Pflanze, einem Tier, ist ein Vermehrungsherd der Fulniss- bakterien, die durch ihre Vegetation die Wunde vergrern knnen und um so mehr, je schwchlicher und krnkelnder der Organismus ist. In einem gesunden Krper knnen solche Bakterien nicht exi- stiren. Schlielich gibt es auch gewisse Formen, die wesentlich nur auf lebende Organismen angewiesen sind und mehr oder weniger para- sitisch leben. Es ist hier nicht der Ort, nher einzugehen auf die seit den letzten Jahrzehnten immer mehr anschwellende Literatur, die mit mehr oder minder Kecht die Infektionskrankheiten auf Folgeer- scheinungen des Lebens von Bakterien zurckzufhren versucht. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 325 Als ein Beispiel einer durch sehr sorgfltige Untersnchungen festge- stellten urschlichen Beziehung einer bestimmten Bakterienform zu einer Infektionskrankheit sei hier nur erwhnt die Herbeifhrung und Verbreitung des Milzbrands durch den BacilJus Antkracis. Wie nun einerseits gewisse Pflanzen die gewhnlich saprophytisch leben, auch mitunter als Parasiten auftreten, so knnen auch solche, die sonst parasitisch leben, sich mit der saprophytischen Lebensweise begngen; das tun z. B. die baumttenden Pilze. Hartig^) hat ge- zeigt, dass einer der gefhrlichsten von diesen, der Agaricus melleus, nachdem er den Baum gettet, noch Jahre hindurch in dessen abge- storbenen Geweben vegetirt und fructificirt, und hnlich machen es viele andre Formen. Teils hnliche, teils verschiedene Beziehungen zwischen Parasitis- mus und den andern Lebensweisen treten bei den Tieren auf. Die Tiere knnen nicht assimiliren in dem Sinn wie die Pflanzen; sie sind angewiesen auf vorgebildete organische Substanz und sie ernhren sich entweder von andern lebenden Organismen oder von organischen Zersetzungsprodukten. Die lebenden Organismen sind entweder Tiere oder Pflanzen, und je nach dem Verhltniss der sich ernhrenden Tiere zu ihrem Nhrorganismus zeigen sich sehr verschiedene Abstufungen von dem freien Raubtierleben zu dem ausschlielich parasitischen. Es gibt bekanntlich eine groe Reihe kleiner tierischer Organis- men, die von den Sften grerer lebender Tiere sich ernhren, diese aber nur whrend der Nahrungsaufnahme befallen. Hierhin gehren die zu jeder Lebenszeit freien Schmarotzer van Beneden's, die Vam- pyre, die zahlreichen blutsaugenden Insekten etc. Bei ihnen tritt reiner Nahrungsparasitismus auf ohne mit Raumparasitismus verbun- den zu sein; doch allmhlich tritt je nach den verschiedenen Arten auch der letztere zum erstem hinzu. Gerade innerhalb der Familie der Blutegel lsst sich so der Uebergang von dem freien Leben zu einem ausgeprgt parasitischen verfolgen. Manche Hirudineen sind wahre Ruber; sie fallen kleine Tiere an und saugen sie vollstndig aus ; so die Trochetia viridis im Mittelmeer. Der Hirudo tagalla, der auf den Struchern und Bumen in Ceylon und den Philippinen wohnt, fllt von da Tiere und Menschen an und verlsst sie wenn er sich von ihrem Blut vollgesogen hat. Der in Algier oft gefhrlich werdende Wasser- blutegel, Haemopis vorax, dringt mit dem Trinkwasser in den Schlund imd die Nasenhhle von Tieren und Menschen und lebt hier oft lange Zeit von dem Blut seines Wirts. Die Blutegel der Fische, die Pont- obdellen, leben fast bestndig auf ihren Wirten, die sie aber hufig verlassen, um andere zu befallen; dieMalacobdellen, die Egel, welche an Muscheln leben, sind schon ganz an ihren Wirt gebunden und zeigen schon eine sehr deutliche Verkmmerung in ihrer Organisation. 1) Rob. Hartig, Die Zersetziingserscheinungen des Holzes des Nadel- holzbaums etc. Berlin 1878 S. 153. 326 Klebs, Symbiose imgleichnrtiger Organismen. Sehr verbreitet und manuigfaeli variirt findet sich der freie Para- sitismus und damit der Uebergang von dem freien zu einem ansssi- gen Leben bei den pflanzenfressenden Tieren. Eigentlich ist jeder Pflanzenfresser, der auf Pflanzen lngere oder krzere Zeit wohnt, ein Parasit. Die Affen, die auf Bumen leben und sich von dessen Frchten nhren, die Vgel, die Nahrung und zum Teil auch Wohnung von den Bumen beziehen, sie alle leben berufsmig auf Kosten ihrer Wirte und beuten ihn haushlterisch aus, ohne sein Leben in Gefahr zu bringen; so charakterisirt ja van Beneden die Para- siten. Fr die konventionelle Betrachtungsweise ist es das Verhlt- niss der Organisation des Gastes zu seinem Wirt, die hufig den Aus- schlag gibt fr die Beurteilung solcher Lebensweise; viel wichtiger ist der Grad der Anpassung in dem Zusammenleben von Gast und Wirt. Die Kletteraffen, so frei und selbststndig sie den Bumen gegenberstehen, sie sind an sie in hohem Grade gebunden, sie ver- lassen sie nur im Notfall und nhren sich ganz von ihnen. Eine solche Anpassung mit der noch eine gewisse freie Beweglichkeit ver- bunden ist, zeigen auch die zahllosen Insekten, wie die Kferlarven, Schmetterlingsranpen, die in Wald und Feld auf den Pflanzen leben und sich davon ernhren, die aber den Wohnsitz wechseln und von Pflanze zu Pflanze wandern knnen. Die allermeisten solcher pflan- zenfressenden Kaupen und sehr viele auch der ausgebildeten Kfer sind aber schon an ganz bestimmte Pflanzenspecies gebunden, wie z. B. der Koloradokfer au die Kartoffel ; und sehr viele Insekten sind sogar ganz auf das bestndige Leben in oder auf Pflanzen angewiesen, ohne ihren Platz viel zu verndern, so viele Blatt- und Schildluse u. s. w. Noch nach einer andern Seite hin geht das freie Eaubtierleben in eine mehr oder minder parasitische Lebensweise ber, so dass man oft nicht wei, wie man es bezeichnen soll. Hierhin gehren die merk- wrdigen Lebensgewohnheiten vieler Insekten, besonders von Hymen- opteren und Dipteren. Ein groer Teil dieser Insekten fliegt im aus- gebildetem Zustand frei umher; sie sind starke Euber, sich ernhrend von andern Insekten. Sehr eigenartige Anpassungserscheinungen weisen sie auf in ihrer Sorge fr die sichere Unterbringung der Eier und fr die Nahrung der sich daraus entwickelnden Jungen. Die Mordwespen, Sphe(jidae ^), greifen Raupen, Grillen etc. an imd stechen sie an; das durch den Stich eingethrte Gift narkotisirt gleichsam die Insekten, die bewegungsunfhig werden, aber noch lange fortleben so dass sie der Fulniss nicht anheimfallen. Die so behandelten In- sekten werden von der Wespe in das Nest getragen und die Eier darauf gelegt. Die Sphex avipes besorgt z. B. fr jedes Ei vier ge- lhmte Grillen. Entwickelt sich nun das Ei zur Larve, so nhrt sich diese von den noch lebenden Vorrten; sie allmhlich aufzehrend. 1) Brehm Bd. 9 S. 278280. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 327 wchst sie heran und verpuppt sich schlielich. Die PelopoeusnYteia. schleppen Spinnen, die Sandwespen Eanpen in ihr Nest, der bunte Bienenwolf bringt zu jedem Ei 46 Honigbienen. Wie wunderbar bisweilen sich die Wechselbeziehungen zwischen ungleichartigen Organis- men entfalten, tritt bei solchen Wespen hervor. Hat die Lehmwespe, Odynerus parietum ^), ihr Nest in die Lehmwand gebaut, die gelhmten Kferlarven hereingeschleppt und das Ei darauf gelegt, so kommt alle ihre Mhe hufig nur wieder einem andern Organismus zu gut: die Goldwespe, Chrysis ignita, hat einen freien Moment benutzt, und in das Nest ihr eigenes Ei gelegt. Aus diesem entwickelt sich frher die Larve und frisst Ei und Vorrte der Lehmwespe auf. Ist die Lebensweise solcher Wespenlarven von noch lebenden, ihnen aber wil- lenlos anheimgegebenen viel grern Insekten eine eigenartige Mittel- stellung zwischen Raubtierleben und Parasitismus, so neigt sich die Lebensweise anderer Hymenoptereu schon viel ausgesprochener dem letztern zu. Die weit verbreiteten zahllosen Formen der Schlupf- wespen, der Ichneumoniden, machen sich nicht die Mhe der Sphegi- den ; sie stechen einfach lebende Raupen an und legen in die Wunde ein Ei. Die daraus hervorkriechende kleine Made lebt lange Zeit von den Eingeweiden ihres Wirts, besonders seinem Fettkrper, alle edlern Teile verschonend, so dass die Raupe oft noch zur Verpuppung schreitet ; ist die Ichneumonide herangewachsen, so frisst sie ihren Wirt ganz auf und benutzt noch seine Haut als Hlle fr ihre eigne Ver- puppung. Das Leben dieser Schlupfwespen, die durch ihre Zerstrung von so zahlreichen Insektenlarven eine wichtige Rolle im Haushalt der Natur spielen, ist je nach den Einzelfllen mannigfach variirt. Un- ter den Zweiflglern machen es hnlich die TaeAmMsarten ; diese be- gngen sich das Ei auf die Haut von Raupen zu legen, die junge Made dringt selbststndig in die Raupe ein, sie allmhlich aufzehrend. Andre Insekten Avie die Eierwespen legen ihre Eier in die Eier von Schmetterlingen, die Aphidier in die Eier von Blattlusen. Bei allen den erwhnten Insekten waren es Tiere, die als Ab- lageort fr die Eier und zugleich als Nahrung fr die Jungen benutzt wurden; sehr viele andre wenden sich in gleichen Beziehungen an Pflanzen und auch hier offenbart sich eine Flle der wunderbarsten Anpassungserscheinungen. Bald werden die Eier in die Bltenknospen gelegt, so dass die Larve von den jungen sich eben bildenden Blten oder erst von den Frchten sich ernhrt, wie bei dem schd- lichen Rapskfer, Mel/gefhes aeneus, oder bei dem Erbsenkfer, Bruchus P/'si-, bald werden die Eier in Blattknospen gelegt oder in junge Stengel wie bei vielen Blumenfliegen, Anthomyideen, deren Larven in Zwiebeln, Kohl-, Runkelblttern leben und sich davon ernhren. Viel 1) Jger 1. c. II S. 46. 328 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. eigenartig-er gestalten sicli aber diese Verhltnisse bei den gallener- zeugenden Insekten, auf die spter nher zurckgekommen werden soll. Wie bei den Pflanzen, nur viel mannigfaltiger, geht der typische Parasitismus bei den Tieren vielfach aus dem einfachen Raumparasi- tismus hervor; worauf schon frher hingewiesen wurde. Besonders interessant ist in dieser Beziehung die Familie der Rankenfler, der Cirrhipedien. Viele der Lepadiden und Balaniden heften sich mit ihren Stielen auf beliebige Gegenstnde, die im Wasser sich befinden, auf Steine, Holz u. s. w. an; andre whlen lebende Tiere zu ihrem Wohnsitz aus; so sitzen die Chelonobiaarten auf den Schilden von Seeschildkrten oder den Panzern von Krebsen oder an Muschel- schalen. Die Alcippe- und Cri/ptojyhialiisnYten bohren sich sogar tief in die Schalen von Schnecken hinein. Andre wohnen regelmig auf der Haut von Seesugetieren; so die Coronulaurten auf Walfischen. Alle diese Formen benutzen wesentlich nur den Raum von ihren Wir- ten; bei jenen Formen, die wie Tubicinella tief in die Haut der Walfische bis auf die Specklage sich einbohren, oder die wie Anelasma squalicola in die Haut von Haifischen mit ihrem Stiel eindringen, der sich im Fleisch verstelt, dient wol schon der Wirt zugleich als Nhrtier; van Beneden^) zhlt sie zu den Commensualisteu. Sie fhren hinber zu den ausgesprochen parasitischen Cirrhipedien, welche die Familie der Rhizocephalen bilden, die mit bestimmten Saugorga- nen tief in den Krper des Wirts eindringen und sich auf Kosten desselben ernhren. Eine sehr interessante Vereinigung von Raum- parasitismus und Nahrungsparasitismus zeigen die Udonellen ^), kleine Saugwrmer, die sich auf den an Fischen schmarotzenden CaUgula- und Lernaeanrten aufhalten, ihre Nahrung aber ausschlielich von den Fischen selbst beziehen. Entsprechend der Lebensweise vieler Pflanzen sind eine Reihe von Tieren angewiesen auf die Ernhrung von toten organischen Substanzen und auch hier lsst sich vielfach der Uebergang zum Parasitismus verfolgen. Sehr verbreitet sind von den Rundwrmern die zahlreichen Arten von Leptodera und Pelodera, die zu krzerer oder lngerer Zeit ihres Lebens sich in faulenden organischen Stoffen aufhalten. Wie Schneider 3) nachgewiesen hat, knnen einige Arten gelegentlich das freie Leben aufgeben und parasitisch in der schwar- zen Wegschnecke und im Regenwurm leben. Bei den zahlreichen entozoischen Nematoden, die im Mastdarm hherer Tiere leben, sind es vor allem die Abgangsstoffe des Wirts, die die Nahrung der Schmarotzer ausmachen. Die Ascariden, die sich in den ausgeworfe- nen Exkrementen von Menschen und Tieren finden, leben darin noch 1) Van Beneden 1. c. S. 6768. 2) Brehm Bd. 10 S. 156. 3) Schneider, Monographie der Nematoden S. 304. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 329 lange fort. Ercolani ist es gelungen, schmarotzende Nematoden, wie Strongijlus laria, Ascaris inflexa , etc. in melirern Generationen in feuchter Erde zu erziehen^). Ebenso wie Nematoden, sind auch zahl- reiche Infusorien auf tote organische Stoffe angewiesen; die einen leben frei in der Natur, andere leben im Enddarm von hohem Tieren ; so die Opalinen im Enddarm der Frsche und von Kingelwrmern, hnlich wie die Rdertierchen der Gattung Alhertia im Darm der Eegenwrmer. Van Beneden nennt diese Tiere Mutualisten; aber dieser Bezeichnung fehlt die Begrndung ; denn fr den Wirt kann es nur gleichgltig sein, ob solche kleine Organismen sich von seinen Auswurfstoffen nhren, jedenfalls fr sein eigenes Leben hat es keine notwendige Bedeutung. Insofern sind diese Infusorien schon Para- siten, als sie tatschlich sich nur in lebenden Organismen finden und dieselben, wenn auch mehr mittelbar, als Nalirungsquelle benutzen. Ausgesprochener ist schon der Parasitismus bei den zu den Pelz- fressern gehrigen Federungen und Haarlingen, die auf der Haut von Vgeln und Sugetieren leben, ebenso bei vielen auf Fischen sich festsetzenden Krebsen. Diese Tiere nhren sich vorzugsweise von den Absonderungsprodukten der Haut ihrer Wirte, Haaren, Federn, Schuppen; sie sind aber gebunden meist an bestimmte Species, vor allem an das Leben derselben, und es ist kein Unterschied, sondern nur ein kleiner weiterer Schritt, wenn die zahlreichen Formen der schmarotzenden Milben und Luse nicht blos die abgestorbenen Teile der Haut, sondern auch lebende Teile derselben als Nahrung benutzen; die einen Tiere nennt van Beneden Mutualisten, die an- dern Schmarotzer, und es lsst sich nicht einmal nachweisen, dass die erstem sich in ihren Nahrungsstoffen auf die toten Hautteile beschrnken. Eine andere groe Reihe tierischer Organismen lebt besonders in solchen toten organischen Stoffen, die von Pflanzen herrhren, und hier geht noch viel allmhlicher diese Lebensweise in die parasitische ber. Von den im Humus, in altem Holz oder in abgestorbenen Pilzen wohnenden und sich davon ernhrenden Insekten bis zu sol- chen, die bestimmt angepasst sind an die Absonderungsprodukte le- bender Pflanzen, an Rinde und Borke unsrer Waldbume, bis zu den Insekten, die nur auf lebendes Gewebe angewiesen sind, gibt es die mannigfachsten Abstufungen. Wenn wir z. B. die Eiche in ihrer Be- ziehung zu Insekten in Betracht ziehen und von diesen nur die Kfer, so zeigen diese allein schon sehr verschiedene Verhltnisse ^). Im al- ten Moder hohler Stmme leben eine Menge Larven, wie die des Hirschkfers, des Eremiten, des Goldkfers; eine groe Menge andrer Kferlarven lebt in dem toten festen Holz; viele bewohnen vorzugs- 1) Van Beneden 1. c. S 237238. 2) Vergl. Jger l.j c. I S. 240270. 330 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. weise die Borke, wie die Larven einiger Prachtkfer; andere, wie einige Bockkfer, besonders die schdliche Larve des groen Eichen- bocks, Hammaticherus heros, bohren sich tiefe Gnge in das frische lebende Holz der Eichen. Und so hat jeder unsrer Waldbume in den verschiedenen Stadien seines Lebens nnd Todes seine bestimmten von ihm sich nhrenden Insekten ans allen Hauptklassen derselben. Aus den vorhergehenden Betrachtungen ergibt sich, wie jede in der Natur vorkommende Lebensweise, sei es im Pflanzen- oder im Tierreich, mit dem Parasitismus in engerm Zusammenhang steht. Wir mssen annehmen, dass in der Tat der Parasitismus eine Weiter- entwicklung der verschiedenen Lebensweisen darstellt, wie die uns zahlreich gegenl)ertretenden Zwischenstufen und Uebergangsformen deutlich genug beweisen; aber natrlich das Genauere solcher Ent- wicklungsprocesse aus den jetzt bekannten Einzelfllen zu abstrahiren, kann vorlufig nur sehr schwer und vielfach sehr willkrlich ge- schehen. Es handelt sich nun weiter das Verhltniss der Parasiten zu ihrem Nhrorganismus nher zu betrachten. Man hat bei den tierischen Parasiten Epizoen und Eutozoen unterschieden, entsprechend Epiphyten und Entophyten bei den Pflanzen. Die meisten epiphytisch lebenden Pflanzen, wie Flechten, Moose, Orchideen u. s. w. sind keine Parasiten; sie nhreu sich nicht von ihrer Unterlage. Die echten pflanzlichen Parasiten leben sehr hufig epiphytisch und entophytisch zu gleicher Zeit, d. h. ein Teil ihrer Organe die ernhrenden befindet sich innerhalb des Wirts, ein andrer die der Fortpflanzung dienenden lebt auf der Oberflche desselben. Am meisten den reinen Epiphyten nhern sich die Pilze aus der Familie der Erysipheen ; bei ihnen lebt auch das ganze Mycelium auf den Blttern der Nhr- pflanze; von ihm gehen nur kleine besonders gestaltete Zweiglein als Saugorgane und Haustorien in das Innere der Pflanze. So vegetirt z. B. der die Traubenkrankheit hervorrufende Pilz, das Oidium Tuckeri. Die Saprolegnien, ebenso wie die Schimmelpilze, stehen, ob sie parasi- tisch oder saprophytisch leben, nur durch einen kleinen Teil ihres Myceliums direkt mit dem Innern der Nhrorganismen in Verbindung. Bei andern parasitischen Pilzen, wie bei den baumttenden Polyporl etc., ferner den Isarien, lebt das Mycelium ganz im Innern der Pflanze resp. der Tiere; sobald der Pilz fructificirt, tritt er nach auen auf die Oberflche. Die Peronosporeen sind dagegen fast reine Endo- phyten; bei ihnen treten nur die ungeschlechtlichen Fortpflanzungs- zellen nach auen, die geschlechtlichen Sporen werden ebenso, wie die Sporen der meisten Ustilagineen im Innern der Pflanze gebildet. Alle mglichen Uebergnge zwischen einer mehr epiphytischen und einer mehr entophytischen Lebensweise zeigen die Chytridien, kleine, sehr mannigfach geformte Pilze, die besonders an und in Wasserge- wchsen leben. Bei den tierischen Parasiten lsst sich meist schrfer zwischen Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 331 Epizoeii und Entozoen imtersclieiden. Epizoen sind die Pelzfresser, die Luse und Milben , viele der parasitischen Krebse, wie die Argu- liden, Cyamiis-, Cymothoa^xiQw, obwol viele von diesen whrend der Nahrungsaufnahme ihre Saugorgane tiefer in das Gewebe ihrer Wirte einsenken mssen. Vielen pflanzlichen Parasiten entsprechend, gibt es eine Menge tierischer, die mit einem Teil ihrer Organe es sind auch hier die ernhrenden in bestndiger Verbindung mit dem Innern des Wirtkrpers stehen; im Uebrigen finden sie sich auf der Oberflche. Hierher gehren die Lernaeaceen, die Rhizocephalen; bei ihnen verkmmern alle andern Organe mit Ausnahme der nahrungs- aufsaugenden, die tief im Krper des Nhrtiers stecken, und der eier- bildenden, die auf der Oberflche desselben sich befinden. Diese Le- bensweise fhrt zu der rein entozoischeu hinber, wie es andrerseits die Lebensweise jener Tiere tut, die hauptschlich in den stets mit der Auenwelt in offener Verbindung stehenden Hhlen der Nhrtiere, wie den Kiemen, der Mundhhle, dem After etc. sich aufhalten; so die Bopyriden und zahlreiche andere Formen. Die zahllosen Arten der Eingeweidewrmer geben das bekannteste Beispiel von reinen Entozoen ab. Bei den pflanzenbewohnenden Tieren treten hnliche Verhltnisse auf. Ein sehr groer Teil lebt auf der Oberflche der Pflanzen, so die Blattluse, Blattwanzen, zahllose Raupen und Kfer; andre leben im Innern der Pflanzengewebe, wie z. B. die mannigfachen im Holz bohrenden Larven. Dagegen gibt es mit Ausnahme einiger Blattlausformen nur sehr wenige Tiere, die sowol epiphytisch, wie entophytisch leben ; wol deshalb, weil die uern Gewebsteile von Pflan- zen den verschiedenen Tieren schon sehr reichliche Nahrungsstofl'e darbieten und ferner weil die Pflanzen vermge ihrer lngern Wachs- tumszeit und der whrend derselben ihnen eignen Reizbarkeit, sobald Tiere tiefer mit ihren Organen in sie eindringen, zur Gallenbildung schreiten, sodass dann die Tiere zu Entophyten werden. Der Parasit ist mehr als jeder einer andern Lebensweise folgende Organismus in der Erhaltung und Verbreitung seiner Art beschrnkt und behindert, weil er neben den berall entgegenwirkenden Natur- einflssen noch der besoudern Anpassung an einen bestimmten an- dern Organismus unterworfen ist. Dafr haben sich gewisse Einrich- tungen entwickelt, die die Gefahr des Zugrundegehens zu beseitigen streben. Am leichtesten knnen sich die tierischen Parasiten, die reine Epizoen oder Epiphyten sind, verbreiten, da diese auch die Fhigkeit haben den Wirt zu verlassen und andre aufzusuchen; bei den auf Wassertiere angewiesenen Parasiten ist es immer der Fall, dass sie zu einer bestimmten Zeit ihres Lebens frei beweglich sind; bei den Lernaeaceen ist es die Zeit der Jugend, bei den Gordiaceen die Zeit des Alters. Viel schwieriger wird das Verhltniss bei den entozoischen Tieren und den meisten pflanzlichen Parasiten. Hier treten nun einige Momente auffallend hervor; einmal die aueror- 332 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. dentliclie Fruchtbarkeit imd die merkwrdige Widerstandskraft der Fortpflanzuiigszellen uern Einflssen gegenber. Ein Lernaeaceen- weibchen, mit seinen Saugorganen in den Krper von Fisclien einge- senkt, besitzt keine andern Organe als die eibildenden und diese funk- tioniren bestndig. Wie fruchtbar die Eingeweidewrmer, die Band- sowie Eundwrmer sind, ist sehr bekannt. Das Weibchen des Spul- wurms Ascaris lumbricoides soll im Jahr ungefhr 60 Millionen Eier hervorbringen. Sehr charakteristisch zeigt sich diese Fruchtbarkeit bei vielen phanerogamen Schmarotzergewchsen. Die zahlreichen For- men der Orobranchen zeichnen sich aus durch die Menge der von ihnen gebildeten Samen, und diese Fruchtbarkeit ^^drd dadurch ermg- licht, dass die Samen auerordentlich klein sind. Dasselbe findet brigens statt bei noch manchen andern Pflanzen, die nicht parasitr sind, z. B. den Orchideen ; aber diese, entweder Humusbewohner oder Epiphyten, sind mehr oder minder auch nur an bestimmte Substrate gebunden, auf denen sie keimen und sich entwickeln knnen. Die Cuscuteen, zu denen die Flachs- und Kleeseide gehren, haben dage- gen grere entwickeltere Samen; sie befallen aber ganz vorzugs- weise sehr gesellig lebende Pflanzen, wie Klee, Nesseln, Hopfen, Wei- den etc., so dass ihre Verbreitung und Erhaltung sehr gesichert ist. Die Loranthaceen, zu denen die Mistel, ferner der Loranthus europaeiis gehrt, bilden nur relativ wenige und groe Samen; bei ihnen w^ird die Verbreitung durch Vgel bewirkt. Die Samen der Mistel sind von einer uerst klebrigen Substanz umhllt, dem Viscin, durch das sie leicht sich an Vgel befestigen, w^elche sie weitertragen; oder die Vgel fressen die Beeren und verbreiten den Samen durch ihren Kot. Sehr auftallend tritt die groe Fruchtbarkeit dagegen bei den Pilzen und Bakterien wieder auf, sowol bei den saprophytischen wie bei den parasitischen, und die merkwrdige Widerstandskraft der Fortpflan- zungszellen dieser Organismen ist auch sehr bekannt. Die Sporen der Pilze und Bakterien, wegen ihrer Kleinheit allen Angriffen andrer Or- ganismen entzogen, jedem Windhauch frei berlassen, enthalten eine ganz geringe Protoplasmamenge, etwas Oel und eine feste Hlle und sind durch die gewhnlichen im Lauf der Natur auftretenden Witte- ruugseinflsse geradezu unzerstrbar. Ja bei manchen Organismen, wie z. B. dem den Milzbrandbakterien sehr nah verwandten Bacillus subtiMs, sollen nach Brefeld die Sporen besser keimen wenn sie eine Zeitlang in Wasser gekocht werden als ungekocht. Ebenso wider- standsfhig sind die Eier der Eingeweidewrmer; von den Eiern des Katzenbandwurms wird berichtet^), dass sie selbst dann noch entAvicklungsfhig sind, wenn sie in Spiritus, Terpentin, Chromsure, als mikroskopische Prparate aufbewahrt worden sind. So erklrt sich dann auch, vde viele solcher Parasiten, pflanzliche wie tierische, so 1) Brehm Bd. 10 S. 127. Klebs, Symbiose ungleichartiger Orgaiiismeii. 333 allg-emein vorkommen und wie manelie andere, wenn sie erst einmal einen neuen Entwickluug-slicrd gefunden, von diesem aus so reiend und oft so vernieliteud fr ihre Nlirorgauismen sich verhrciteu. Die zahlreichen Epidemien, die unter Tieren wie Pflanzen zeitweise auftreten und teils von Tieren teils von Pflanzen hervorgerufen wer- den, geben deutliche Beispiele dafr ab. Was fr Umstnde eintreten mssen um einen Parasiten zu der Ursache einer Epidemie d. h. einer pltzlich auftretenden, schnell sich verbreitenden und sehr zerstrend wirkenden Krankheit zu machen, hngt jedenfalls von sehr verschie- denen Faktoren ab und lsst sich selten klar erkennen. Doch das ist sehr bemerkenswert, dass Epidemien so selten in der freien Na- tur auftreten, dass man nie bisher sicher hat nachweisen knnen, dass eine Species durch den Einfluss eines Parasiten wesentlich in ihrem lokalen Bestnde, den sie einmal eingenommen, geschdigt wre. Epidemien treten bei jenen Organismen vor allem auf, die durch die Sorge der Kultur in Zustnden erhalten werden, welche den in der freien Natur vorkommenden widersprechen. Die bergroe Individueu- zahl, vor allem die durch die ganze Kultur bedingte g;ering:ere Wi- derstandsfhigkeit der Kulturorganismen allen uern Einflssen ge- genber, macht es erst dem Parasiten mglich, epidemisch aufzutreten. Es kommen wol bisweilen unter den frei lebenden Organismen Flle vor, dass Parasiten Epidemien erzeugen, aber nur dann, wenn deren Nhrorganismus durch andre uere Umstnde zu einer auergewhn- lichen Entwicklung der Individuen gelangt, womit immer auch eine gewisse Schwche der letztern verbunden ist. Sehr verbreitet sind in freier Natur die insektenttenden Pilze, die Entomophthoreen, die Isarien, die auch stets ttlich wirken ; epidemisch werden sie aber nur, wenn die Raupen etc., von denen sie leben, sich pltzlich allzu ppig entwickeln; wie bekanntlich unter den Nonnenraupen, die in den Jahren 1852^ 1854 durch ihre ungeheure Zahl so furchtbaren Schaden den preuischen Forsten zufgten, schlielich verheerende Epidemien auftraten, die von Pilzen herrhrten. So kann man auch wahre Epidemien unter Algen bisweilen beobachten, die sich pltz- lich auerordentlich an einer Stelle vermehrt haben. Wie sehr in manchen Fllen es nur die grere oder geringere Lebensenergie des Nhrorganismus ist, die den Parasiten bald mehr vereinzelt bald mehr epidemisch auftreten lsst, tritt sehr deutlich bei der Euglena viridis hervor. Dieses Geschpf ist einer der verbreitetsten Organismen und findet sich stets in sehr groer Individueuzahl ; es dient nicht blos sehr vielen frei lebenden Tieren zur Nahrung, sondern es wird auch von einer Menge verschiedner Parasiten, meistens Arten von Chy- tridien, verfolgt. Die letztern sind ebenfalls sehr verbreitet, sie finden sich in der freien Natur, aber immer nur vereinzelt. Sobald man da- gegen die Euglenen in ungnstige Kulturbedingungen bringt, wird ihre Lebensenergie geschwcht und die vorhandenen Chytridien verbreiten 334 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. sich mit reiender Schnelligkeit imd vernichten in kurzer Zeit das ganze vorhandene Material, Man hat es so mehr oder minder ganz in seiner Hand eine Epidemie zu erzeugen oder sie zu verhindern. Im Allgemeinen hngt die tatschlich sich findende Verbreitung eines Parasiten wesentlich ab von der Verbreitung seines Nhrorga- nismus ; die Verhltnisse, die den letztern beeinflussen, ben ihre Wir- kung auch auf erstem aus. Der Parasit aber, noch seinen eignen Verbreitungsgesetzen folgend, hat in sehr vielen Fllen eine beschrnk- tere Verbreitung als sein Nhrorganismus. Einerseits scheinen es nur uere Umstnde zu sein, die die Verbreitung eines Parasiten lokali- siren; ndern sich die erstem, so kann die letztre eine ganz andre werden. Vielfach hat man in neuerer Zeit Beobachtungen machen knnen und mssen ber die weite Ausbreitung von ursprnglich auf gewisse Gegenden beschrnkten Parasiten. Der Koloradokfer lebte ursprnglich auf Solanum rostratum im nordamerikanischeu Felsen- gebirge, ist dann auf die gewhnliche Kartoffel bergegangen, hat sich seit 1858 ber den grten Teil von Nordamerika verbreitet und ist dann auch in den letzten Jahren nach Europa gekommen. Ebenso eigentmlich ist die Verbreitung der PhyUoxera vastatrix ^). Sie ist schon lnger in Nordamerika bekannt (1854); 1863 wurde sie ziemlich gleichzeitig an verschiedenen Orten in England und im sd- lichen Frankreich beobachtet. 1865 brach die Reblauskrankheit des Weinstocks bei Bordeaux und Avignon mit groer Heftigkeit los und verbreitete sich seitdem mit furchtbarer Schnelligkeit. Von pflanz- lichen Parasiten hat ein Eostpilz, die Puccinea Malvacearum, in neuerer Zeit viel Aufsehen durch ihre Ausbreitung gemacht. Sie ist in Chile einheimisch, wo sie auf Althaea officinaUs beobachtet worden ist ; 1873 erschien sie pltzlich in Europa, gleichzeitig in Frankreich und Eng- land an verschiedenen Stellen und hat sich von dort in ganz kurzer Zeit fast ber ganz Europa verbreitet^). Hier sind es augenschein- lich die Verkehrsmittel des Menschen, die die Verbreitung wesentlich beeinflusst haben, wenn der Parasit auch schon vorher die Anlage fr eine solche Verbreitung besessen haben muss. Dagegen gibt es andre Flle, wo trotz der weiten Ausdehnung seiner specifischen Nhrorganismen der Parasit doch ganz lokalisirt bleibt. Sehr auf- fallend tritt diese Erscheinung bei dem Bofriocephalus latus ^ einem Bandwurm des Menschen auf, der sich nur in Ilussland, Polen und in der Schweiz und auch hier nur an ganz scharf begrenzten Orten vorfindet ^). Hufig treten derartige Flle bei Pflanzen auf; ein Rost- pilz der gemeinen Fichte, Aecidium abieUnum^), befllt dieselbe nur 1) Vgl. Frank 1. e. S. 726727. 2) Frank 1. e. S. 466. 3) Brehm Bd. 10 S. 173. 4) de Bary, Bot. Zeitg. 1879. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 335 in den Alpen und zwar erst von ungeflir 1000 Meter Meereslihe an, sie dann bis zu ihren obersten Verbreitungsgrenzen begleitend. Wie dieses teils nachgewiesen, teils sehr wahrscheinlich ist, stehen die Erscheinungen solcher eigentmlichen Verbreitung in engster Beziehung zu dem Entwicklungsgang der Parasiten. Es gibt bekanntlich eine Menge derselben, die in den verschiedenen Lebensstadieu an verschie- dene jedesmal bestimmte Wirtspecies gebunden sind, sodass ihre Verbreitung von sehr mannigfaltigen Faktoren abhngig wird. Dieses Wechseln ihrer Nhrorganismen, gleichzeitig verbunden mit Metamor- phosen zeigen bei den tierischen Parasiten am ausgeprgtesten die Trematoden und die Cestoden, wie besonders durch die Untersu- chungen von Leuckart gezeigt worden ist. Es gibt alle Uebergnge von der Lebensweise solcher Eingeweidewrmer, die ihren ganzen Entmcklungsgang in einem Tierindividuum durchmachen wie der Oxy- vris vermicularis, dessen zahllose Eier die Verbreitung und Erhal- tung besorgen, bis zu jenen hchst verwickelten Lebenserscheinungen, wie sie der gewhnliche Bandwurm, der Leberegel darbieten. Als ein Beispiel dieser viel besprochenen Verhltnisse sei hier kurz der Lebensgang des Distomum retusum'^) erwhnt, das ausgebildet im Froschdarm lebt; aus den Eiern entwickeln sich im Wasser die klei- nen Embryonen, die in Schlammschnecken eindringen; hier metamor- phosiren sie sich zu den geschwnzten bestachelten Cercarien, die die Schnecken verlassen, ins Wasser gehn und in den Larven von Wasserinsekten sich verkapseln ; werden die letztern von den Frschen gefressen, so entwickeln sich in diesen die geschlechtlichen Distomen. Dem Wesen nach ganz gleiche Erscheinungen treten bei pflanz- lichen Parasiten auf, namentlich bei den Kostpilzen, deren Leben be- sonders durch die Arbeiten von de Bary aufgeklrt worden ist. Auch unter diesen gibt es Arten, welche ihren Lebensgang mit seinem Wechsel scharf ausgeprgter Eutwicklungsformen auf derselben Pflan- zenspecies vollenden, wie z. B. die Fucchiia Tragopogon/'s , die auch in ein und demselben Pflanzenindividuum es zu tun vermag. Andre Arten zeigen viel verwickeitere Anpassungserscheinungen, so die Pnc- cinia grummis, die die schwarzen Rostflecke auf den Getreidehalmen hervorruft. Die Sporen, die im Herbst von diesen Flecken gebildet werden, berdauern den Winter und knnen im nchsten Frhjahr kleine Sporen bilden. Diese mssen, um sich weiter entwickeln zu knnen, auf Bltter der Berberitze fallen, in denen sie eine andre Fruchtform, die sog. Aecidien, bilden. Die in diesen becherfrmigen roten Frchten gebildeten Sporen mssen jetzt auf Getreidehalme fallen, an denen sie die Rostflecke erzeugen, whrend des Sommers sich durch eine dritte Fruchtform, die Uredosporen, im Getreide ver- breitend. Bei diesen Pflanzenparasiteu muss die Wanderung von der 1) Brehm Bd. 10 S.162. 336 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. einen Wirtspecies zur andern durch Wind, in manchen Fllen durch Wasser bewirkt werden; hei den Eingeweidewrmern besorgen sie teils frei bewegliche Entmcklungsstadien, wie die Cercarien der Disto- men, teils wird dafr die Anpassung der einen Wirtspecies an die andre benutzt. Die Nahrungsaufnahme spielt bekanntlich eine groe Eolle bei der Wanderung der Eingeweidewrmer. Wie aber hier- bei hufig der Parasit in einen falschen Wirt gert, in dem er nicht seine Entwicklung weiterfinden resp. vollenden kann, sondern zu Grunde geht, ebenso fallen jhrlich Tausende von Sporen der Kost- pilze auf die falschen Pflanzen und sterben ab. Die Mglichkeit der Erhaltung liegt wesentlich in der groen Zahl der Fortpflanzungs- zellen, die in Zusammenhang damit steht, dass die Kostpilze, hufig auch die Eingeweidewrmer, in den verschiedenen aufeinanderfolgen- den Entwicklungsstadien ihres Lebens Fortpflanzung zeigen. Ebenso wie Puccinia granimis vier verschiedene Fortpflanzungsweisen hat, jede der andern notwendig folgend, ebenso vollendet die Ascaris nigrovenosa, ein Kundwurm des Frosches ^), ihren Entwicklungsgang in der Aufeinan- derfolge sogar von zwei verschiedenen Geschlechtsgenerationen. Bei manchen Kostpilzen tritt noch hinzu, dass sie sich viele Jahre hin- durch erhalten knnen, ohne den ganzen Gang der fr die Species charakteristischen Entwicklung durchzumachen. So perennirt das Mycelium der Calyptospora Gppertiana , des Kostpilzes der Preiel- beeren, in denselben jhrlich eine groe Menge Sporen erzeugend. Diese entwickeln sich weiter nur auf den Blttern der Weitanne, auf denen sie das Aecidium cohmmare^) bilden. Die Seltenheit des letz- tern namentlich im Verhltniss zu der groen Verbreitung des Prei- elbeerpilzes beweist, dass nicht jedes Jahr die Species ihren ganzen Entwicklungsgang vollenden kann, wie es ihr eigentlich zukommt. Die parasitischen Organismen sind nun nicht allein an eine, resp. mehrere Wirtspecies gebunden, sondern hufig auch an bestimmte Orgaue derselben. Bei den in Pflanzen lebenden Parasiten tritt es im Allgemeinen nicht so auffallend hervor als bei den in Tieren sich aufhaltenden, weil bei den erstem die Gewebedifferenzirung lange nicht in so hohem Grade ausgebildet ist. Es gibt manche Pilze, die nichts verschonen, weder Stengel noch Bltter noch Blten. Das Pijthiuni de Baryanuni, die PhytophtJiora omnivora, die beide gerne Keimpflanzen befallen, vernichten diese vollstndig^). Auch der die Kartoffelkrankheit hervorrufende Pilz, die Phytophthora infestans, durchzieht mit seinem Mycelium die ganze oberirdische Pflanze ebenso 1) Vergl. van Beneden, 1, c. S. 247, Schneider, Monog. d. Nemat. S. 317. 2) Vergl. Hart ig, Bot. Zeitg. S. 618. 3) Vergl. de Bary, Zur Kenntniss der Peronosporen. Bot. Ztg. 1881. Nr. 3339. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 337 wie die in der Erde steckenden Knollen. Ebenso durcliwuchern die Brand- und Rostpiize ihre Nhrpflanzen; sie bilden aber nur an g-anz bestimmten, hufig- fr die Species charakteristischen Stellen ihre Sporen ; wie z. B. die Brandpilze unsrer Getreidearten an den Blten und jungen Frchten. Vorzugsweise in Wurzeln leben einige sehr schdliche Pilze, so der Trametes radiciperda , der nach H artig die Rotfule der Fichten and Kiefern erzeugt, ebenso der sehr verbrei- tete Agarictis melleus, der aber auch in das Holz der Stmme hinauf- steigt. Auf die "Wurzeln beschrnkt sind ferner die meisten Oro- banchen; auf das Holz von Bumen die Loranthaceeu. Die Bltter besitzen zahlreiche auf sie beschrnkte Pilze, wie die mannigfaltigen, die sog. Blattflecke hervorrufenden Ascomycetenformen. Der Mutter- kornpilz, Ckwiceps imrpurea, vegetirt ausschlielich in den jungen Fruchtknoten des Roggens. Whrend die iusektenttendcn Pilze, sobald sie sich in Raupen angesiedelt haben, die smmtlichen innern Organe derselben verbrauchen, lebt der Bacillus nthracis nur im Blute des ihn ernhrenden Rindviehs, ebenso wie die Spirochaefe Oher- meieri nur im Blute der an Febris recurrens leidenden Menschen sich findet und wie es scheint nur whrend der Fieberanflle, in denen das Blut eine pathologische hohe Temperatur besitzt. Auch unter den tierischen Parasiten gibt es manche, denen die bestimmte Organisation ihrer Nhrstoffe gleichgiltig ist, wie den Ich- neumonidenlarven, die die Nhrraupen schlielich ganz verzehren. Ebenso sind manche von den auf und in Pflanzen lebenden tierischen Parasiten nicht sehr whlerisch in ihrer Nahrung, doch tritt schon bei ihnen in den meisten Fllen eine Anpassung an bestimmte Pflan- zenteile, seien es Wurzeln, Stengel, Bltter oder Blten und Frchte ein, und noch viel mehr zeigt sich dieses bei den Tiere als Nhror- ganismen benutzenden. Hier Einzelflle aus der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen anzufhren, ist nicht ntig; es ist ja bekannt, wie fr jedes Organ bei Wirbeltieren und bei den grern wirbellosen Tieren es bestimmt daran angepasste Parasiten gibt, sei es fr Darm oder Leber, Muskel oder Gehirn etc.; selbst die epizoischen Formen, wie Luse, Milben, viele Krebse, haben immer einen fr die Species meist charakteristischen Aufenthaltsort an dem Krper ihres Nhrorganismus. Sehr mannigfaltig imd interessant gestaltet sich bei den verschie- denen parasitischen Organismen die Art und Weise wie sie ihre Wirte befallen resp. in sie eindringen. Wenn die Fortpflanzungszellen der pflanzlichen Parasiten, seien es Samen oder Sporen, mit ihren Nhr- organismen in Berhrung kommen und die uern Verhltnisse, wie Wrme, Feuchtigkeit gnstig sind, so keimen sie, d. h. sie beginnen ihr Wachstum in je nach den Einzelfllen sehr verschiedener Weise. Dieses erste Lehensstadium, die Keimung, die meist auf der Ober- flche des Nhrorganismus stattfindet, bei den entophytischen Formen verbunden mit dem Eindringen, ist der ^^^chtigste Moment fr den 22 338 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. Parasiten, denn von ihm hngt es wesentlich ab, ob er berhaupt zur Entwicklung kommt oder nicht. Eine Reihe von Pilzen verhalten sich bei der Keimung ganz wie die meist saprophytisch, unter Umstnden aber auch parasitisch lebenden, d. h. sie vermgen mit ihrem Keim- schlauch nicht ohne Weiteres in ihren Nhrorganismus einzudringen, sie mssen offne Wundstellen finden als Angriffspunkte, von denen aus sie vermge ihrer Vegetation tiefer in das Gewebe eindringen knnen. Selbst die so echt parasitischen baumttenden Pilze mssen, um einzudringen, nach den Untersuchungen von Hartig solche Wund- stellen, wie sie durch Abbruchsteilen so hufig au den Waldbumen sich finden, benutzen. Nur einige wenige von ihnen, wie der Tra- mefes radictperda , der Agaricns melleus, vermgen ganz intakte Wur- zeln anzugreifen, aber wol mehr vermittels ihres am Boden krie- chenden Myceliums als durch die keimenden Sporen. Es gibt andre parasitische Pilze, die die Spaltfthungen der Bltter als Eingangs- thre in das Innere der Nhrpflanze benutzen, so die keimenden Sporen des Ci/sfojms candidus, der Peronosporee, die den weien Rost der Crucifereu erzeugt. Einige andre Formen dringen stets an der Grenze zweier Epidermiszellen ins Innere, die Epidermis an der Stelle gleichsam spaltend, so der Profomi/ces macrosporns, die Phijfophfhora omnivora ^). Sehr viele, ja die meisten der in den Stauden und Stru- chern so hufigen Peronosporeen, Rost- und Brandpilze, durchbohren mit ihren Keimschluchen direkt die feste Epidermis ihrer Nhr- pflanze; doch ist dafr bei den Rost- und Brandpilzen notwendig, dass die Wirtpflanze in jenen Teilen, in die die Parasiten eindringen wollen, jung, unausgewachsen ist. Die Phythophtliora infesfans ist nicht mehr daran gebunden, denn sie kann selbst, wie de Bary ge- zeigt hat, in die unversehrten, mit derber Korkschicht umgebenen Kar- toffelknollen hineinwachsen. Ebenso machen es die zahllosen Chy- tridien, die in den Geweben von Wasserpflanzen vegetiren. Was fr einen Widerstand bisweilen die Pilzkeime durch das Wachstum ber- winden knnen, tritt sehr auffallend bei den insektenttenden Pilzen hervor, die die feste Chitinhlle lebenskrftiger Raupen durchbohren und so in dieselben hineiugelangen ^). Sehr eigentmlich erscheint die Kei- mung und das Eindringen der phanerogamen Schmarotzergewchse, umsomehr als hier eine Vergleichung mit oft nahe verwandten, nicht- parasitischen Formen sehr auf der Hand liegt. Die meisten Keim- linge der Chlorophyll besitzenden Phanerogamen lassen eine Wurzel, ein Stmmchen und Blattorgane, die sog. Kotyledonen, erkennen. Davon ist wenig oder nichts bei den Keimlingen der Parasiten zu unter- scheiden. Die Samen von Orobanche enthalten einen kleinen kugligen Embryo ohne Kotyledonen ; sie keimen nur wenn, sie in die Nhe der 1) de Bary, Bot. Zeitg. 1881. S. 594. 2) de Bary, Zur Keuutniss insekteuttender Pilze. Bot. Zeitg. 1867. S. 4. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 339 Wurzeln ihrer Nlirpflanze zu liegen kommen; es scheint, class erst die Berhrung' mit denselben den Wachstumsreiz fr den Samen ab- geben muss. Der Embryo in denselben wchst dann bei der Kei- mung zu einem dnnen Faden aus, der sich auf die Wurzel mit sei- nem untern Ende festsetzt, die obern Schichten derselben zersetzt und dann mit dem Innern Gewebe der Nhrwurzel vollkommen ver- wchst ^). Uie Samen der Cuscufaurten '^) keimen im Boden ; die Keimlinge wachsen ohne eine Wurzel zu bilden ber dem Boden zu einem dnnen langen Faden aus, der an seiner Spitze kreisende Waclis- tumsbewegungen ausfhrt; so sucht er gleichsam seine Nhrpflanze. TrilTt er auf einen Stengel derselben, so krmmt er sich sofort um dieselbe und bildet ein Saugorgan, es in das Gewebe des Stengels hineinsen- kend. Sobald dies geschehen, lst sich die Verbindung des Parasiten mit dem Boden, indem sein untrer Teil al)stirbt; bei dem weitern Wachstum schlingt er sich an seinem Wirt herauf, ein Saugorgan nach dem andern in denselben hineinsendend, und saugt ihn allmh- lich aus. Findet die junge Keimpflanze des Parasiten nicht den Stengel ihrer bestimmten Nhrpflanze, so muss sie sehr bald zu Grunde gehn. Was die Pflanzen durch ihr Wachstum vollfhren, vollfhren die Tiere durch Bewegung; hier wie in so vielen andern Fllen entspre- chen die beiden Funktionen einander. Die tierischen Parasiten sie- deln sich durch freie selbststndige Bewegung, welche die meisten zu irgend einer Zeit ihres Lebens besitzen, auf oder in ihren Wirten an. Viele von den entozoischen Arten benutzen zu ihrem Eindringen die mit der Auenwelt in offner Verbindung stehenden Organe, wie Mund, Nase, After, Kiemenhhle. Bei sehr vielen andern werden die Eier, bei den Eingeweidewrmern gewisse Entwicklungszustnde in den Darm des Wirts gebracht und von dort aus dringen die Parasiten in die Organe ein, denen sie angepasst sind. So durchwandern die jungen Trichinen, die sich in dem Darmkanal des Menschen entwickelt haben, seine Gewebe, um sich in den Muskeln niederzulassen; so dringen die Embryonen von Taenia coenurus, die im Darm des Schafs aus Eiern entstanden sind, durch die Organe desselben, bis sie ins Gehirn gelangen und sich hier zu dem die Drehkrankheit hervorrufen- den Blasenwurm entwickeln. Whrend bei diesen, wie bei sehr vielen andern Entozoen, die Eier erst dann zu einer Weiterentwicklung schreiten, wenn sie in ihren Nhrorganismus gelangen, besonders der Wirkung seiner Magensfte ausgesetzt gewesen sind, entwickeln sich die Eier vieler Trematoden im Freien, im Wasser. Die jungen 1) Vergl. Caspar}', lieber Samen, Keimung, Species und Nhrpflanzen der Orobanchen. Flora 1859. S. 3738. 2) Vergl. Koch, Die Klee- i;ncl Flachsseido. Heidelberg 1880. S. 7. 22* 340 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. Embryonen der Distomcn bohren sich dann selbstndig- in die Wirte, seien es Musehehi oder Schnecken ein, verlassen diese ebenso, wenn sie sich in ihnen zu den beweglichen Cercarien ausgebildet haben. Das Leben eines Parasiten auf oder in seinem Nhrorganismus muss auf das Leben des letztern Einfluss ausben. Bei der Mannig- faltigkeit der parasitischen Verhltnisse ist es erklrlich, dass auch ein solcher Einfluss sich in der verschiedensten Weise geltend macht. Nach zwei Hauptbeziehungen hin aber tritt er hervor. In den einen Fllen wirkt der Parasit nur in der Weise, dass er durch sein Dasein, besonders seine Ernhrung, eine Strung der Funktion des betreffenden Organs, in dem er lebt, veranlasst, dadurch fr seinen Wirt mehr oder minder schdlich wird, ohne zu einer Ursache einer bestimmten Formvernderung desselben zu werden, wie in der zweiten Reihe zahlreicher Flle. Es gibt alle Abstufungen von einer nicht merkbaren Strung der Lebensfunktionen des Wirts durch den einen Parasiten, bis zu der stets totbringendeu Wirkung eines andern. Wenn wir z, B. die Parasiten des Menschen und von diesen nur die Ein- geweidewrmer betrachten, so zeigen sie allein schon alle mglichen Grade eines strenden Einflusses auf ihn. Der Peitschenkopf, Trichi- nocephalus dispar, berall verbreitet im Blinddarm des Menschen, ist ein sehr harmloser Einmieter; der Spitzschwanz, Oxijurisvermicularis, wird lstig nur wenn er in sehr groer Menge erscheint; selbst der Spulwurm, Ascaris Imnhricoides, wirkt schdlich nur wenn er in Men- schen von schwchlicher Konstitution sich sehr stark vermehrt; st- render wirken schon die eigentlichen Bandwrmer, schdlicher der Medinawurm in Westafrika, das Ayichylostoma duodenale in Aegypten ; und dass die Trichina spiralis zur Ursache einer ttlichen Krankheit werden kann und hufig wird, ist bekannt. Ebenso wirken in je nach den Einzelfllen sehr verschiedenem Grade die pflanzlichen Pa- rasiten, seien es Pilze oder Blutenpflanzen, auf ihre tierischen oder pflanzlichen Wirte ein. Bei einer zweiten Reihe zahlloser Parasiten wird das Leben der- selben zu einer direkten Veranlassung von Formvernderungen des Wirts. In sehr mannigfaltiger Weise und sehr verbreitet finden sich solche Formvernderungen bei den Pflanzen, die von parasitischen Tieren oder Pflanzen befallen werden. Es wurde schon frher kurz darauf hingewiesen, dass dieses hauptschlich darauf beruht, dass die Pflanzen nie eigentlich ausgewachsen sind wie die Tiere, sondern so- lange sie leben, auch bestndig wachsen resp. wachstumsfhig an be- stimmten Stellen sind, und dass sie gerade in ihren wachsenden Teilen gegenber uern Einflssen Avie Licht, Schwerkraft, Feuchtigkeit, Druck u. s. w. eine so groe Reizbarkeit besitzen. So wirkt auch der Parasit als Wachstumsreiz in den einen Fllen wol nur mecha- nisch, in andern durch Ausscheidung specifischer Fermente ; eine Flle eigenartigster Formvernderungen der Pflanzenorgane ist die Folge Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 341 davon. Im Allgemeinen kann man, wie Frank ^) es getan hat, alle durch Parasiten hervorgerufnen Umwandlungen von Pflanzenteilen oder Neubildungen an denselben als Gallen bezeichnen; ursi)rnglich galt der Ausdruck nur fr die von gewissen Insekten an der Pflanze hervorgerufenen Bildungen. Ebensowenig wie man die scharf lokali- sirten , bestimmt geformten Neubildungen der Gallinsekten und die allgemeinen Formvernderungen ganzer Pflanzenorgane, ja ganzer Pflanzenindividuen durch Parasiten irgendwie trennen kann, ebenso- wenig lsst sich eine Grenze zwischen Galle und Nichtgalle setzen ; in der groen Reihe der Erscheinungen gibt es alle Abstufungen, die von der einen zur andern fhren. Von den pflanzlichen Parasiten sind es besonders viele Pilze, die Formvernderungen an ihren Wirtpflanzen bewirken. Kleine warzige Hervorragungen auf den Blttern vieler Bltenpflanzen bringen die zu den Chytridien gehrigen Synehytrien hervor. Viele Pilze, die ein reich verzweigtes Mycelium haben, wie Peronosporeen, Ustilagineen, werden zu der Ursache stark h}q)ertrophischer Umgestaltungen ganzer Organe, Avie Stengel, Bltter, Frchte. Der Exoascns Pnml bewirkt durch sein Wachstum auf den jungen Pflaumen eine eigenartige Form- vernderung derselben; sie gestalten sich zu den bekannten Taschen der Pflaumenbume. Bei den Pfirsichbumen ist es der Exoascns de- formans, der das Kruseln der Bltter veranlasst. Einer der interes- santesten Flle von Formvernderung der Wirtpflanze durch einen Pilz bietet die Bildung des Hexenbesens an der Weitanne durch den Eostpilz, Aecidium elatinum'^), dar. Die jungen Tannenzweige, die von diesem Pilz befallen werden, entwickeln sich zu eigenartigen, von den normalen Tannensprossen sehr abweichenden Gel)ildeu. Die Bltter an diesen Hexenbesen sind einmal anders gestaltet als die gewhn- lichen Tannennadeln und sind nicht wie diese mehrjhrig, sondern fallen in jedem Herbste ab. Das Mycelium des Pilzes perennirt in dem Zweige; jedes Jahr brechen an der Unterseite der neu entstehenden Bltter die Fruchtbehlter hervor. Der Zweig selbst wchst und ver- dickt sich; man hat zwanzigjhrige Hexenbesen gefunden. Bei der Betrachtung solcher durch fremde Organismen hervor- gerufenen Formvernderungen muss man sich die Frage stellen, in welcher Beziehung die letztern zu dem Leben der erstem stehen. In vielen Fllen wird man die Gallenbildung nur als eine Gegenreaktioii des Wirts auffassen knnen, die durch das Dasein, die Ernhrung des fremden Organismus veranlasst Avird. Diese nur indirekt durch den Gast hervorgerufenen Formvernderungen des Wirts, wie sie z. B. die von manchen Peronosporeen und Ustilagineen l)ewohnten Pflanzen 1) Frank, 1. c. S. 662. 2) de Bary, Ueber den Krebs und den Hexenbesen der Weitanne. Bot. Zeitg. 1867. Nr. 33. 342 Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. zeigen, haben keine Bedeutung fr den Gast selbst. In andern Fllen bewirkt aber der Parasit eine Gallenbildung, die fr sein eignes Leben von wesentlichem Nutzen ist. Dass die Nadeln der Hexenbesen nur einjhrig sind statt mehrjhrig wie die normalen Tannennadeln, ist fr das Aecidium elatinum sehr wichtig, weil dadurch die Verbreitung und Vermehrung desselben sehr gefrdert wird. Fr solche Flle muss man annehmen, dass der Parasit specifisch wirkende Fermente ausscheidet, die auf den Wirt in bestimmter Weise formverndernd einwirken. Diese verschiedene Bedeutung der Gallenbildungen, die in jedem einzelnen Falle klarzulegen oft sehr schwierig ist, tritt auch sehr auffallend bei den mannigfaltigen an Pflanzen Gallen erzeugen- den Tieren auf. Vielfach stehen auch hier die an den Wirtpflanzen sich zeigenden Formvernderungen in keiner wesentlichen Beziehung zu dem Leben des Parasiten. Manche Deformationen von Pflanzen- teilen, viele Krebsbildungen, die durch Pflanzenluse hervorgerufen werden, haben fr diese geringe oder keine Bedeutung, auch die kuotenartigen Anschwellungen^ die durch das Saugen der Reblaus au den Wurzeln des Weinstocks entstehen, kann man nur als Reaktion des in seinem Wachstum gest()rten Organs auffassen. Ganz anders verhlt es sich mit zahllosen andern Gallenbildungen, die den eignen Lebenszwecken des Parasiten dienen. Li solchen Fllen treten die Gallen sehr hufig als besondre Neubildungen an den Pflanzen auf, und sie sind es, die seit Alters her viel die Aufmerksamkeit erregt haben ^). Solche Gallen werden von den sie erzeugenden Tieren in verschie- dener Weise benutzt. Li vielen Fllen dient die Galle als Wohnungs- raum und Nahrungsspeicher fr die erwachsenen Tiere zusammen mit ihrer Brut, so fr viele Blattluse z. B. die l'etraneuraiwten, welche die sog. Beutelgallen an den Blttern von Ulmen und Pappeln hervor- rufen, ebenso fr zahlreiche Arten der Gallmilbe Phytoptus. Bei an- dern Tieren wird die Galle nur zu einer Brutsttte fr die aus den Eiern sich entwickelnden jungen Tiere, so bei den Gallwespen und Gallmcken. Hier gibt entweder ein Stich, resp. die damit eingefhrte chemische Substanz, des eilegendcn frei umherfliegenden Weibchens die erste Veranlassung zur Gallbildung, oder aber erst das Wachstum und die Ernhrung der aus den Eiern hervorkriechenden Larven. Die Entstehung solcher Gallbildungen ist in ihren urschlichen Beziehungen zu dem Gallinsekt noch wenig sicher aufgeklrt. Li der Galle wachsen die Larven, sich von ihr ernhrend, bis zur Vollendung ihrer Ausbil- dung heran; das fertige Lisekt frisst sich aus der Galle heraus und eilt ins Freie. AVie sehr verbreitet solche Gallbildungen an Pflanzen, die von Tieren erzeugt wurden, sind, und welche Mannigfaltigkeit der Formen dabei herrscht, lehrt jede eingehende Betrachtung der Pflan- 1) Frank mehr von botanischer, Jger mehr von zoologischer Seite haben ber diese GallenbiltTungen das Wesentlichste zusammengestellt. Klebs, Symbiose luigloicliartiger Organismen. 343 zeuwelt auf Wiese, Wald und Feld. An unsrer Waldeiclie rufen blos von der Gattung- der Galhvepse Cynips mehr als 100 Arten Gallen- bildung- hervor, und Ort der Entstehung-, wie auch der Bau einer jeden Galle ist je nach der Art des sie veranlassenden Tieres ein bestimmt charakteristischer, nur innerhalb gewisser Grenzen variirender. Die Gallen spielen aber noch fr eine Menge andrer Tiere eine wichtige Rolle: hchst sonderbare Vergesellschaftungen ungleichartiger Orga- nismen finden sich nicht selten in ihnen. Teils sind es Ichneumoni- denlarvcn, die in den Larven der Gallinsekten leben, teils sind es junge Tiere von Insekten, die den Gallwespen systematisch sehr nahe stehen, die statt eigne Gallen zu erzengen, fremde fr ihre Zwecke benutzen ^). Es sind die sog. Aftergallwespen St/nerr/us, Ceroptes etc., Arten, die ihre Eier in fremde Gallen hineinlegen. Das Verhltniss dieser Einmieter zu den eigentlichen Besitzern ist ein mannigfach ab- gestuftes. In manchen Fllen leben beide Larvenformen ungestrt nebeneinander entweder in getrennten Kanmiern der Galle oder viel- fach in dem erweiterten Hauptraum zusammen; in andern Fllen gehen die Larven der Gallwespe zu Grunde und die Einmieter be- nutzen allein fr sich die Galle. Die groe Mehrzahl der tierischen Parasiten bt auf das Wachs- tum des Nhrtiers nur einen geringen direkten Einfiuss in der Weise aus, dass Formumgestaltungen desselben in seiner To- talitt oder in einzelnen Organen entstehen oder dass bestinmit geformte Neubildungen hervortreten. Je hher man in der Klasse der Tiere hinaufsteigt, um so mannigfaltiger treten an den Arten die tierischen Schmarotzer auf, um so geringer wird al)er ihr form- verndernder Einfluss. Denn mit der immer hhern Ausbildung der Gewebedifferenzirung hngt das Schwcherwerden der Fhigkeit die Organe umgestalten oder regeneriren zu knnen, aufs engste zu- sammen. Doch sind jetzt schon manche Beispiele echter Gallenbil- dung bei Tieren bekannt. Die Larven unsrer Swassermuscheln leben parasitisch; sie heften sich an die Hant von Fischen nnd er- zeugen eine Zellwucherung in Form einer Kapsel, in der sie solange leben, bis sie sich ausgebildet haben. Auch manche Seespinnen, Pyc- nogoniden ^), erzeugen Gallen an Hydroidpolyijen; sie sind geschlossen, von kolbiger Gestalt. Der Pimiofheres Holothuriae , der in der Was- serlunge der Seewalzen lebt, bewirkt daselbst eine deutliche An- schwellung hnlich wie Bopyrus^xiew an den Kiemen der Krebse, in denen sie hausen. Ob in diesen Fllen die Gallenbildung in irgend einer wesentlichen Beziehung- zu dem Leben des Parasiten steht, lsst sich hier schwer entscheiden. Eine sehr merkwrdige Beeinflussung des Wirts durch den Parasiten, die jedenfalls von Vorteil fr den 1) Vergl. Brehm Bd. 9 p. 296. 2) Semper 1. c. II S. 164. 344 Klcbs, Symbiose ungleichartiger Organismen. letztem ist, tritt bei den eben genannten Bopyriclen hervor. Sem- pera) bat besonders darauf aufmerksam gemacht. Sobald ein Indi- viduum des Schmarotzerkrebses in der einen Kiemenhhle einer Krabbe sich niedergelassen hat, bt es auf den Wirt die Wirkung aus das Wie ist unerklrlich dass der letztere unfhig wird noch ein andres Individuum derselben Schmarotzerart zu beherbergen weder in derselben Kiemenhhle noch selbst in der andern. Man findet nach Semper fast ausnahmlos immer nur ein Individuum des Bopi/rus in der einen Kiemenhhle. Ebenso lebt die Malacobdella 2) durchgehends als Einsiedler in der Kiemenhhle von Muscheln und Vogt fand; dass an Lippfischen, die von dem Krebs Leposphilm be- fallen waren, immer nur ein Exemplar des Parasiten an der einen Seite des Fisches sa. Die eigenartige Lebensweise der Parasiten auf oder in ihren be- stimmten Organismen muss auch einen wesentlichen Einfluss auf die erstem selbst ausben ; es werden sich im Allgemeinen l)ei den Para- siten, namentlich wenn sie schon sehr viele Generationen hindurch dieser Lebensweise angepasst sind, gewisse Eigentmlichkeiten in ihrer Organisation herausgebildet haben, die in engerm Zusammen- hange mit der Lebensweise selbst zu stehen scheinen. In einzelnen Fllen lsst sich direkt die Formgestaltung eines Parasiten als Folge- erscheinung derselben ansehen. Die auffallende Gestalt mancher Schmarotzerkrebse rhrt, wie Semper 2) darlegt, von ihrer Ansied- lung an bestimmten Stellen ihres Nhrtieres her. Die Peltogaster- arten leben an dem Hinterleibe der Einsiedlerkrebse und nehmen immer eine solche Form an, wie sie ihnen durch die Gestalt ihres Wirts und dessen Wohnung vorgeschrieben ist. Auch die merkwr- dige Gestaltung der Pachybdellen, die plattgedrckt eine schmale scharfl< antige Bauch- und Rckenseite haben, findet ihre Ursache, wie Kossmann wahrscheinlich zu machen sucht, in dem Aufent- halt der Tiere an dem Hinterleibe gewisser Krabben. Dieser Form- charakter der Pachybdellen ist aber schon zu einem erblich fixirten, specifischen geworden, da er auch dann eintritt, wenn die ihn frher bedingende Ursache verndert resp. nicht mehr vorhanden ist. Eine sehr allgemeine und oft weitgehende Beeinflussung des Parasiten durch seine Lebensweise, ohne dass man aber den urschlichen Zusammen- hang beider vorlufig genauer erkennen knnte, zeigt sich in der oft so eigenartigen Formausbildung gewisser Organe und in der Ver- kmmerung andrer. Bei der grten Zahl der pflanzlichen Parasiten, die die Klasse der Pilze umschliet, lsst sich schwer der Einfluss der parasitischen Lebensweise erkennen. Denn die Pilze bilden eine ganz 1) Semper II S. 198. 2) Semper 1. c. S. 273. 3) Semper 1. c. II S. 170173. Klebs, Symbiose ungleichartiger Organismen. 345 fr sich abgeschlossene, auerordentlich reich ausg-egliederte Familie, die man allerdings zurilckzufhren versacht hat auf Algen, die durch den Parasitismus resp. Saprophytismus sich umgebildet haben, ohne dass man aber bisher dazu Berechtigung in den Tatsachen htte fin- den knnen. Klarer tritt die Wirkung der parasitischen Lebensweise auf die Organisation bei den phanerogamen Schmarotzern hervor; denn hier haben wir vielfach nah verwandte nicht parasitische For- men, die zum Vergleiche dienen knnen. Das aufflligste Moment bei den typischen Schmarotzern ist der Mangel an ausgebildeten Blttern und damit das Fehlen des bei der Kohlensure -Assimilation notwendig mitwirkenden Chlorophylls, beides im Zusammenhange mit der alleinigen Ernhrung des Parasiten durch die von seinem Nhr- organismus vorgebildeten organischen Stoffe. Die letztere bedingt die eigenartige Ausbildung bestimmter nahrungaufsaugender Organe, der Saugwurzeln oder Haustorien. Die OrobancJte- , die C'wsci'^toarten u. v. a. erscheinen als bleiche Stengel mit ganz rudimentren schuppigen Blttchen. Auch in der anatomischen Struktur, in der Art und Weise der EmbryoentAvicklung bieten diese Parasiten eine Reihe von Ab- weichungen von dem normalen Bau der verwandten Pflanzen dar. Uebrigens ist hier hervorzuheben, dass ganz Aehnliches auch bei den rein saprophytischen Bltenpflanzen, wie manchen Orchideen, hervor- tritt, was auch hier wieder auf den innigen Zusammenhang der bei- den Lebensweisen hindeutet. Eine Flle der berraschendsten Pflau- zengestalten tritt nun besonders uns in den tropischen phanerogamen Parasiten entgegen, wie den HfjdnoranxiQw , die wie schwarze keu- lige Pilze aussehen, der Pfosopanche, die einem vertrockneten Baum- ast gleicht, den merkwrdigen Balanophoreen und Rafflesien. Eine Menge der sonderbarsten Abweichungen in uerer Form wie in in- nerer Struktur bei smmtlichen Organen macht es so schwer, diese Pflanzen an ihrer richtigen Stelle im allgemeinen System einzureihen. Bei den tierischen Schmarotzern sind es die nahrungaufnehmen- den Organe, die oft eine besondre Ent^vicklung erfahren, die Sinnes- und Bewegungsorgane, die degeneriren. Hier tritt der Einfluss der parasitischen Lebensweise oft darum so klar hervor, weil die Tiere in ihrer Jugend gerade so gebaut sind wie die nah verwandten stets frei lebenden, und erst in ihrem Alter die Vernderungen zeigen. Viele schmarotzende Krebse sind in ihrer Jugend mit Sinnes- und Bewegungsorganen ausgestattet und schwimmen frei umher; sobald sie sich an ihr Nhrtier festgesetzt haben, verkmmern fast smtliche Organe mit Ausnahme der sehr ausgebildeten tief im Krper des Nhrtiers steckenden Saugorgane und der Geschlechtsorgane. Man spricht hier von einer rckschreitenden Metamorphose. Eine Folge derselben sind jene abenteuerlichen Tiergestalten, wie sie uns in den Lernaeen, Brachiellen, Sacculiuen etc. entgegentreten. Eine sehr merkwrdige rckschreiteude Metamorphose zeigt die vielbesprochene 346 Klebs, Symbiose ungleieliartiger Organismen, Entoconcha mirahllis, eine 8clinecke, die in der Leibeshhle der See- walze Synapta digitata lebt ^). In der Jugend hat sie die Gestalt und den Bau einer jungen Schnecke, die mit einem Schalendeckel ver- sehen ist. Sobald sie sich der parasitischen Lebensweise hingibt, verkmmern die meisten ihrer Organe. Sie gestaltet sich zu einem wurmfrmigen, vielfach gewundenen Sack, der von den zwittrigen Geschlechtsorganen einer Schnecke mit ihren Embryonen erfllt ist. Semper beschreibt'^) auch noch eine andre Schnecke, die in der Leibeshhle mancher Holothurien lebt, eine EuUmaix.vi-^ es fehlen ihr nur die Kauorgane; sonst besitzt sie alle Organe der frei lebenden Schnecken. Eine zweite Eidiinaart, die auf der Haut derselben Holothurie schmarotzt, zeigt dagegen eine viel betrchtlichere Dege- neration, sodass in diesem Falle die epizoische Lebensweise mehr dazu beigetragen hat wie in dem andern die entozoische. Denn im Allgemeinen zeigen die rein epizoischen Tiere viel geringere Umn- derungen ihrer Organe; die zahlreichen hierhin gehrigen Insekten weisen meist nur eine Verkmmerung der Flug-, seltener der Sinnes- organe auf. Ebenso lsst sich bei den meisten auf oder in Pflanzen lebenden Tieren der Einfluss des Parasitismus selten in dem Grade beobachten, dass der Familien- resp. Gattungscharakter dadurch we- sentlich verndert wrde. Es mag wol das Verhltniss in der Hhe der Organisation von Parasit und Nhrorganismus sein, das den geringen formvernderndeu Einfluss der Lebensweise in diesen Fllen bedingt. Schon wiederholt ist im Frhern aufmerksam gemacht worden, dass die tierischen Parasiten eine gewisse Zeit ihres Lebens frei be- weglich sind; in diesem freien Zustande, sei es zur Zeit der Jugend oder der des Alters, ernhren sie sich wie die stets frei lebenden Verwandten. Es sind im Ganzen nur seltne Flle, wo die freie Zeit von dem Parasiten zu nichts anderm benutzt wird, als seinen Wirt aufzusuchen. Die Larven des merkwrdigen Doppeltiers Diplozoou 2)aradoxuni ^) zeigen diese Erscheinung; sobald sie aus den Eiern sich ent\vickelt haben, suchen sie ihren Wirt auf; schon nach mehrern Stunden sterben sie, wenn sie nicht einen solchen haben finden knnen. Man kann daher hier von Schmarotzern zu jeder Zeit ihres Lebens" reden, wie van Beneden es getan hat; streng richtig ist es natr- lich nicht. Diese Art der Anpassung ist viel verbreiteter bei den pflanzlichen Parasiten, deren freie Zeit nur in der Zeit der Verbrei- tung ihrer whrend dessen ruhenden Fortpflanzungszellen und hufig auch in dem ersten Moment der Keimung besteht, in welcher letztern Periode sie nur von den Reservestoffen leben, die ihnen von der Mut- 1) Vergl. Semper 1. c. II S. 183184. 2) 1. c. S. 187. 3) Brehm Bd. 10 S. 157 Klebs, Symbiose ungloichartiger Organismen. 347 terpflanze mitgegebeu sind. Jene hufigen Flle bei den tierischen Parasiten, dass sie nur in ihrer Jugend schmarotzen und im Alter auf andre Weise sich ernhren, wie bei den Iclmeumoniden , finden sich nur bei den den letztern in so vielen andern biologischen Verhlt- nissen entsprechenden insektenttenden Pilzen wie einigen Cordiceps- arten, die ihre letzte Hauptentwicklung im Humus der Wlder vollen- den, saprophytisch lebend. Der Mutterkornpilz, Claviceps purpurea, bildet seine hchste Fruchtform auch unabhngig von seinem Nhr- organismus in der Erde aus; er ernhrt sich aber whrend dieser freien Zeit nur auf Kosten der in seiner parasitischen Jugend ge- sammelten Reservestoffe. Dass die meisten pflanzlichen und tierischen Parasiten, solange sie als solche leben, whrend dieser Zeit fr ihre normale Fortent- wicklung auch gebunden sind an diese Lebensweise, zeigt eine ein- fache Betrachtung der in der freien Natur vorkommenden Verhlt- nisse. Eine andre Frage ist es, in welchem Grade die Anpassung an die bestimmte Lebensweise schon erfolgt ist, in welchem Grade der Notwendigkeit die augenblickliche Existenz des Parasiten daran hngt. Je nach den Einzelfllen sind diese Grade sehr verschieden und Bei- spiele dafr finden sich zahlreich in dem Vorhergehenden. Die meisten pflanzlichen Parasiten zeigen einen hohen Grad der Anpassung; doch ist es neuerdings gelungen einen typischen Parasiten knstlich whrend lngerer Zeit zu ernhren, wie es Brefeld bei dem baumttenden AgaricHS melleus getan hat. Bei den Tieren sind die Entozoen not- wendiger an die ihnen l)estiramte Art des Daseins gebunden als die Epizoen; doch auch bei diesen kann die Anpassung zu einem sehr hohen Grade gediehen sein, wie bei der Bienenlaus, der Braula coeca, einer flgellosen auf Honigl)ienen schmarotzenden Diptere, die nach wenigen Stunden der Trennung von ihrem Nhrtier stirbt. Es ist in dem Vorhergehenden versucht worden, die allgemeinsten Grundzge der Biologie des Parasitismus hervorzuheben; die dabei besprochenen Formen desselben geben aber nur ein schwaches Abbild von der unendlichen j\Iannigfaltigkeit dieser Verhltnisse innerhalb der beiden organischen Reiche und der Beziehungen von beiden zu einander. Jeder frei lebende Organismus, sei es Pflanze oder Tier, ja man kann sagen jedes Organ derselben, bildet die Nhrquelle fr Parasiten und umsomehr und mannigfaltiger, je grer und hher or- ganisirt der Nhrorganismus selbst ist. Die Parasiten selbst haben wieder ihre eignen Parasiten und vielleicht sind es nur die Bakterien, manche Chytridien und einige monadenartige Geschpfe, die von Pa- rasiten verschont erscheinen, vielleicht es aber nur scheinen, weil ihre Parasiten, wenn vorhanden, zu klein sind, als dass sie vorlufig fr uns sichtbar wren. Wie die Eiche ein Aufenthaltsort der verschie- densten Organismen ist, die an ihr Leben gebunden sind, so ist auch 348 Vclla, Gewinnung von Darmsaft. ein Tier wie der Ilimd oder die Katze ein wahres Museum von den verschiedenartigsten Klassen angehrig-en Tieren. Eiche wie Hund sind so der Kampfphitz fr das Eingen nach vollstndiger Lebens- eutwicklung vieler inigleichartiger Organismen und noch mehr fr die meist zahlreich nebeneinander lebenden Individuen gleicher Art. Wie hchst interessant es einerseits ist, die so vielfach ineinander ver- schlungenen Wechselbeziehungen der auf oder in einander lebenden Organismen zu verfolgen, so ist andrerseits hervorzuheben, welch eine bedeutende Rolle der Parasitismus im Leben der Natur spielt. Es ist sehr einseitig ihn immer nur, wie das so hufig geschieht, unter den Begriff einer schdlichen Erscheinung zu fassen, ja ihn von sog. moralischen Gesichtspunkten aus zu betrachten, die gar nicht in die Betrachtung solcher Naturverhltnisse hineiugehren. Man kann von Moral doch nur in dem Verhltuiss der tierischen Familie und des Staates reden; die Notwendigkeit fr jeden Organismus diese Moral zu bettigen, zwingt ihn dazu andre Organismen zu sei- nen Zwecken zu benutzen; jeder hat dasselbe Recht, der Mensch wie sein Parasit, der Ruber, der Pflanzenfresser, die insekten- fressenden Pflanzen, wie die pflanzlichen und tierischen Parasiten. Indem aber durch den Parasiten die schwchlichen Individuen der Art, die immer zuerst von ihm befallen werden und von ihm stets am meisten leiden, dadurch leichter der Vernichtung anheimfallen, wird er zu einem der wirksamsten Mittel fr die Auswahl der Besten. Indem er bei den lebenskrftigen Individuen gleichsam als Reiz wirkt, sei es zu einer Aendcrung in Bezug auf Formgestaltung, sei es zu einer Aus- bildung neuer Fhigkeiten, ihn zu berwinden, wird der Parasit zu einem wesentlichen Frderer fr die bestndige Fortentwicklung in der organischen Welt. L. Vella, Nuovo metodo per avere il siicco enterico puro e sta- bilire le proprieta fisiologiche. (Memorie deU'Accaclemia delle Scienze deH'Istituto di Bologna. Ser. i Tom. II. Fase. 3.) Die Methode, d. h. das vom Verf. eingeschlagene operative Ver- fahren, hat zum Zweck eine Darmschlinge vollkommen zu isoliren, um aus ihr reinen Darmsaft zu gewinnen. Ein krftiger Hund wird durch Injection von Opium in die Venen narkotisirt und in der Linea alba ein langer Schnitt gemacht. Dann zieht Verf. eine Dundarmschlinge hervor und schneidet mit zwei Schnitten einer scharfen Schccre ein Stck von 30 50 cm und selbst mehr aus, umhllt das abgelste Ende sofort mit warmer Leinwand und unterbindet es, damit sein Inhalt nicht ausfliet imd die benachbarten Teile befeuchtet. Hier- nach stellt er die Kontinuitt des Darms durch eine Stepp - oder eine Vella, Gewimnmg von Darmsaft. 349 Krsclmernalit wieder her, naclidem er mit der Sclieere die Schleim- haut abgeschnitten hat, welche die beiden Enden begrenzt und hier eine Art von Polster bildet. Dieses Operationsverfahren hat den Vor- zug- zwei blutende Flchen in Berhrung zu bringen, welche aus dem submuksen Gewebe gebildet werden, und die ringfrmige Verdickung zu vermeiden, welche bei der Vereinigung zweier serser Flchen durch die Naht entsteht. Nachdem die Kontinuitt des Darms so wieder hergestellt ist, wird er in die Bauchhhle zurckgelegt; die Enden der isolirten Darmschlinge werden durch einige Nadelstiche an den beiden Enden der Bauchwunde befestigt, wobei man darauf zu achten hat, dass das Schlcimhautpolster auen bleibt und etwas ber das Niveau der Haut hervorragt. Dies lsst sich leicht erreichen, wenn man den Dnndarm auf eine kurze Strecke von dem Mesenterium loslst. Die Operation schliet mit dem Vernhen der Bauchwunde. Nach dieser Methode hat Vella 18 Hunde operirt, von denen 12 am Leben blieben. An diesen Tieren hat er in groem Mae die physiologischen Eigenschaften des reinen Darmsafts studiren knnen, sowol innerhalb des Organismus wie vermittels der knstlichen Ver- dauung. Zu letztem! Zwecke hat er mit groem Vorteil Pilokarpin benutzt, da er gefunden, dass dieses Alkaloid die Sekretion des Darmsafts so bedeutend vermehrt, dass er tropfenweis aus der un- tern Oeffnung der Darmfistel hervordrang und man in 35 Minuten 14 ccm und in einer Stunde 18 g gewinnen konnte. Der auf diese Weise erhaltene Darmsaft ist eine wasserhelle oder leicht opalisirende Flssigkeit, welche allmhlich vollstndig farblos und durchsichtig wird; er reagirt stark alkalisch, vielleicht infolge der Anwesenheit von kohlensaurem Natron; augesuert und mit Essigsure gekocht gibt er einen Niederschlag. Mit dem Darmsafte erhielt man eine Menge sehr dichten Schleims, und diese Schleimsekretion wurde vor- herrschend, wenn das Tier mehrere Stunden nichts gefressen hatte. Das Schleimsekret wie das Darmsekret nehmen eine gelbliche Fr- bung an, wenn sie lange im Darm verweilen, Dass der durch die Einverleibung von Pilokarpin gewonnene Darmsaft nicht modificirt war, geht nach dem Verf. daraus hervor, dass die mit diesem Safte angestellten Experimente sich bezglich der Resultate in nichts von denen unterschieden, welche vor Zuhlfe- nahme des Alkaloids angestellt waren; ebenso behlt der pankrea- tische Saft, der aus Fisteln gewonnen wurde, obwol er sich so leicht verndert, alle seine physiologischen Eigenschaften, wenn man sich zu seiner Gewinnung des Pilokarpins bedient. Trotz seiner alkalischen Reaktion coagulirt der durch das oben geschilderte Verfahren gewonnene Darmsaft Kasein, wandelt Strke in Dextrin und Traubenzucker, Rohrzucker in Glykose um; er emulgirt und spaltet die Fette und verdaut Eiweikrper, indem 350 Wernich, Studien und Erfalunngen ber den Typhus abdominalis. er sie in Peptone verwandelt. Diese verdauende Wirkung des Darm- safts auf die verschiedenen Kalirungsstoffe ist zwar langsam, aber fr manche Elemente ebenso sicher und vollkommen wie die des Spei- chels, des Magen- und des Pankreassafts. Der Verf. beweist auch, dass bei den Hunden der Darmsaft auf das Muskelfieisch nicht in der Art des Magensafts wirkt, welcher zuerst die Bindegewebshlle der Muskelfasern auflst und diese selbst erst spter angreift, son- dern vielmehr (hnlich wie der Pankreassaft) , indem er zuerst die kontraktile Substanz auflst und das Perimysium unverndert lsst, welches brigens spter ebenfalls verdaut wird. Was den Zustand der isolirten Darmschlinge anlangt, so zeigt die histologische Untersuchung deutlieh, dass sie nicht allmhlich atrophirt, sondern dass selbst lange Zeit danach man noch die Dr- senschicht unverndert findet, whrend die andern Schichten des Dnndarms nur unbedeutenden Vernderungen unterliegen. Tizzoni (Bologna). A. Wernich, Studien und Erfahrungen ber den Typhus abdominalis. Zeitschrift f. klin, Medicin. Bd. IV. Heft 1. In der Abhandlung, mit welcher W. die Verffentlichung seiner Typhusstudien beginnt, legt er seine Ansichten ber die verschiedenen Entstehungsarten des Typhus dar im Gegensatz zu den Anschauungen, die Klebs in neuester Zeit vorgetragen hat, und die auch in dieser Zeitschrift ausfhrlich referirt worden sind. Als das wesentliche Merkmal des Typhusprocesses gilt seit langer Zeit die Darmvernde- rung. Aber whrend man anfangs in der Geschwrsbildung, dann in der FoUikelschwellung, die noch Rokitansky als das Produkt einer Exsudation ansah und erst Virchow als zellige Neubildung er- kannte, das Charakteristische der typhsen Darmvernderung zu er- blicken glaubte, schildert Klebs die AflTektion als einen ursprnglich diffusen Katarrh der Darmschleimhaut, der sich erst allmhlich auf die Follikel beschrnkt. Dieser diffuse Katarrh, ja sogar die ver- schiedenen Stadien der Follikelaffektion knnen aber ablaufen, ohne dass typhse Symptome auftreten. Der Dnndarm dient dem schd- lichen Fremdartigen" als Durchgang imd als Nistort. Von hier aus findet die Invasion in die Blut- und Lymphbahnen statt, und erst der Vorgang der Invasion ist es, der das typhse Krankheitsbild her- vorruft, und dessen Stadien sich mit den Stadien des Krankheitsver- laufs decken. Was mm die Natur des Typhusgifts betrifft, so be- schreibt Klebs bekanntlich einen Bacillus, dessen konstantes Vor- kommen in Typhusleichen er fr erwiesen erachtet, und durch dessen Wernicli, Studien und Erfahrungen ber den Tj^phus abdominalis. 351 Uebertragimg er knstlicli Typhus erzeiig't haben will. Von den ge- whnlichen Fulnisshakterien des Darms wll er denselben streng ge- schieden wissen. Als Unterscheidungsmerkmale gibt er an, dass 1) der Bac. typh. viel lnger und schlanker sei, 2j Faden- und Spo- renbildung zeige und 3) in die Gewebe eindringe; was der Fulniss- l)acillus niemals tue. Eberth gibt als Unterscheidungsmerkmal die geringere Tinktionsfhigkeit in Hmatoxylin, Bismarck])raun etc. an. Alle diese Unterscheidungen hlt \V. fr nicht durchgreifend. Die Gestalt und Tinktionsfhigkeit des Bac. subtilis der hhern Fulniss ist so wechselnd, dass sich darauf absolut keine Unterscheidung ba- siren lsst. Faden- und Sporenbildung finden sieh auch bei Fulniss- bacillen; brigens ist dieselbe von den Lebensbedingungen des Pilzes abhngig. Der Darminhalt mit seinem Gehalt an Fettsuren und Am- moniak ist derselben hinderlich; in der Darmw^and selbst, bei reich- lichem Sauerstofifzutritt geht sie viel leibhafter von statten. W. stellt daher folgenden Satz auf : Die leicht zu Tochterstbchen zerfallenden, im Darminhalt nicht zur Sporenbildung heranreifenden Darmfulniss- bacillen bilden die rein saprophytische , die in den Darmwnden zu grerer Festigkeit und zu schneller Sporenbildung neigenden Typhus- desmobakteridien die parasitisch akkommodirte Entwicklungsform des Bac. subtilis der hhern Fulniss. Damit kommt W. auf seine schon vor Jahren aufgestellte Behauptung zurck, dass der Ileotyphus eine pathogenetische Beziehung zum endanthropen Darminhalt hat, dass derselbe unendlich hufiger durch den Fcalinhalt des Darms als durch die bereits nach auen entleerten Dejektionen oder durch irgend welche andere Aueneinflsse entsteht. W. stellt nun 4 tiologisch verschiedene Gruppen von Tyi^hen auf: 1) Direkte ebertragung des Typhus von Mensch auf Mensch. Am hufigsten geschieht die Ansteckung durch Ver- schlucken getrockneter Sporen aus den den Wschestcken anhaften- den Fcalien. Aber auch die von der Haut sich loslsenden Sporen knnen infektis -wirken. W. fhrt die hchst auffallende Beobach- tung an, dass von 19 Fllen mit hervorragend stark entwickelter Ro- seola 11 Personen inficirt wurden. 2) Nahrungstyphoid. Trinkwasser-, Milch-, Fleisehtyphen existiren zweifellos. Es ist absolut nicht zu erweisen, dass in solchen Fllen fertig entwickelte Typhuskeime mit der Nahrung bertragen worden wren. Vielmehr handelt es sich in diesen Fllen um eber- tragung des Bac. subtilis, der unter gnstigen Verhltnissen invasiv wird und dann die typhsen Erscheinungen hervorruft. 3) Der endemische Typhus. Zur Erklrung dieser Gruppe ist die jetzt ziemlich allgemein acceptirte Buhl- Pettenkofer'sche Bodentheorie aufgestellt worden. W. hlt dieselbe fr nicht ausrei- chend, macht verschiedene Einwendungen gegen dieselbe und rgt vor allem, dass mau ber den Pilz- und Grundwasserforschuugeu den 352 Vossius, Wachstum des Epithels der Cornea. Eiiifliiss giftiger Gase ganz veriiaclilssigt hat. Er behauptet, dass die Sumpf-, Wohnmigs-, Gefugnissgasc, kurz alles, was Miasma heisst, den Krper zu einem geeigneten Nhrhoden fr Fulnisspilze machen. Der Bacillus subtilis, der unter normalen Verhltnissen die Darmwand streng respektirt, wird unter dem Einfiuss dieser Gase invasiv. W. versucht diese Behauptung durch ein Experiment zu sttzen. Er stellte lleagensglser mit Pasteur'scher Flssigkeit teils neben faulen- den Massen, teils entfernt von denselben auf. Inficirte er nachher die Glser gleichmig und brachte sie unter gleiche Bedingungen, so war zunchst keine Verschiedenheit zwischen ihnen wahrzunehmen. Bald aber zeigte es sich, dass die der infektisen Nachbarschaft aus- gesetzt gewesenen sich weit frher trbten als die andern. In die- sem Ergebuiss sieht W. eine Besttigung seiner Anschauung ber den Einfluss von Miasmen auf die Entstehung des Typhus. 4) Die idiopathischen singulren Typhen verdanken ihre Entstehung Strungen der Verdauung und allgemein schwchen- den Momenten, unter deren Einfluss der sonst nur im Dickdarm vor- kommende Bacillus subtilis schon im Dnndarm auftritt. Da die Dnndarmwand ihm keinen gengenden Widerstand leistet, so dringt er in dieselbe ein und wird von hier aus invasiv. G. Kempner (Berlin). Vossius, Ueber das Wachstum und die physiologische Regene- ration des Epithels der Cornea. Arch. f. Ophthalmologie. 1881. Bd. 27. Abt. III. S. 225. Taf. VI, VII. Das (vordere) Epithel der Cornea wiirde beim Kalb, Kaninchen, tSchwein, Frosch, der Froschlarve ii. s, w. untersucht. Meist wurde Hrtung in Vg P^'^' centiger Chromsure oder in Pikrinsure, Tiuktion mit Borax-Karmin oder aber Maceration und Isolation der Zellen in Drittelalkohol [sog. Ranvi er'scher Alkohol, den bekanntlich Klliker bereits 1867 fr die Leber empfohlen hat] angewendet. Verf. fand in der am tiefsten gelegeneu Zellenschicht statt der Zellenkerne zahlreiche granulirte Krperchen, wie sie Kef. seiner Zeit (1870) genannt hatte. Dieselben sind nach dem Vorgang von Eberth, Flem- ming u. A. als Kernfiguren, speciell als Knixelform karyokiuetischer Kern- teihmg zu deuten, da ihr Zusammenhang mit den brigen durch Flemming benannten Teilungsformeu durch alle Stadien hindurch verfolgt werden konnte. Die Rudimente von Lott und die frher sogenannten Autohlasten des Ref. erwiesen sich als abgerissene Fuplatten der am tiefsten gelegenen Epi- thelzellen wobei freilich deren krnige Beschaffenheit xmerklrt bleibt (Ref). W. Krause (Gttingen). Einsendungen fr das Biologische Centralblatt" bittet man an die Redaktion, Erlangen, physiologisches Institut" zu richten. Verlag von Eduard Besold in Erlangen. Druck von Jimge & Sohn in Erlangen. Biologisches Centralblatt unter Mitwirkung- von Dr. M. Reess und Dr. E. Seleiika Prof. der Botanik Prof. der Zoologie herausgegeben von Dr. J. Rosentlial Prof. der Physiologie in Erlangen. 24 Nnmmeni von je 2 Bogen bilden einen Banrt. Preis des Bandes 16 Mark. Zu beziehen durch alle Buc-hhandlungen und Postanstalten. IL Band. 15. August 1882. Hr. 12. Inhalt: SachS, Vorlesungen ber Pflanzenphysiologie. Stcenstriip, Zur Orien- tirung ber die embryonale Entwicklung verschiedner Cephalopoden-Typeu. Minot, Theorie der Genoblasten. Sthr, Zur Physiologie der Tonsillen. Danilewsky , lieber die Verbrennungswrnie der Nahrungsmittel. Tai'- tllferi, Der Tract. opt. der niedern Sugetiere; Tract. opt. und Sehcentruni. Marey , Der Kreislauf in physiologischen und pathologischen Zustnden. Dllbjag'a, lieber die Atembewegungen der gemeinen Schildkrte. Kl'llkeu- berg", Vergleichend physiologische Vortrge. Erwiderung. Versammlung deutscher Natui'forscher und Aerzte. Berichtig-ung. Anzeige. Julius Sachs, Vorlesungen ber Pflanzenphysiologie. Erste Hlfte (Vorwort und Bogen 127). Figur 1240 in Holzschnitt. Leip- zig. Engelmann 1882. 8". Seit dem Erscheinen der letzten Auflage von Sachs' Lehrbuch der Botanik sind acht Jahre verflossen. Inzwischen hat sich in wich- tigen Fragen der Standpunkt des Verfassers so gendert, dass er selbst sagt: der Rahmen meines Lehrbuchs wollte sich der fortge- schrittenen Einsicht nicht mehr anbequemen." So ist denn statt einer neuen Auflage des Gesamtlehrbuchs mit geteilter Arbeit ein anderer Plan verwirklicht worden : die selbststndige Behandlung der Pflanzen- physiologie durch V. Sachs, der Morphologie und Systematik durch Gbel. Letztere Arbeit soll bald erscheinen; von der Pflanzenphysio- logie liegt die erste Hlfte vor, der Schhiss ist fr diesen Herbst an- gekndigt. Des Verfassers Streben nach freier, auch dem Laien zugnglicher Darstellung musste den ermdenden Ballast gelehrten Apparats" mglichst ausschlieen. Er whlt die perscinlich unmittelbare Form der Vorlesung und macht damit fr sich das Recht" und die Pflicht" geltend, seine eigenste Auffassung des Gegenstands in den Vorder- grund zu stellen; die Hrer wollen und sollen wissen, wie sich das Gesamtbild der Wissenschaft im Kopf des Vortragenden gestaltet, es bleibt dabei Nebensache, ob Andere ebenso oder anders denken." Dieser Standpunkt des Buches niuss von vornherein gekennzeichnet werden. Sonst ist die Arbeit so vorzglich, wie mau sie auf diesem 23 354 Steenstrup, Eutwickhmg verseliiedner Ceplialopoden-Typeii. Gebiet eben nur vom Verfasser erwarten konnte. Komposition und Darstellung- sind gleieli meisterhaft. Die vorlieg-ende erste Hlfte der Vorlesungen enthlt: I. Keihe: Organographische Vorbereitung ; II. Reihe : Die allg-emeinsten Lebens- bedingungen und Eigenschaften der Pflanzen; III. Reihe: Die Er- nhrung-. In der Organographisehen Vorbereitung-" wird von morpholo- g-ischen und anatomischen Gesichtspunkten und Tatsachen in treff- licher Auswahl und Anordnung dasjenige herangezogen, was fr die Physiologie von Bedeutung ist. Auerdem aber kehren in unmittel- barer Verbindung- mit den physiologischen Einzelfragen illustrirte organographische Darstellungen wieder, so l)ei der Assimilation, Transpiration, Wasserstrmung im Holz u. s. f. Aus der zweiten Reihe sei es gestattet, nur die Inhaltsanzeige der 12. Vorlesung herauszugreifen: Organische Struktur und uere Einwirkungen. Kardinalpunkte der Vegetationstemperatur. Darstellung der Abhngig- keit durch Kurven. Allgemeines Gesetz der Abhngigkeit. Abhngig- keit vom Licht. Tgliche Periodicitt. Einwirkung von Schwere, Licht, Elektricitt. Abhngigkeit vom Wohnort. Abhngigkeit von Tieren." Das ist eine nach Gedankengang und Ausfhrung unvergleich- liche Einleitungsvorlesung. Von der dritten Abteilung, soweit sie vor- liegt, genge es zu bezeugen, dass der Leser durch eine reichgewhlte Experimentenreihe veranlasst wird, sich sein Urteil in immer feinerer Form und tieferer Begrndung selbst zu bilden. Dem Reiz dieser fast voraussetzungslosen und dennoch so weit fhrenden Lektre wird sich auch der Laie gern ergeben. Der organographische wie der experimentelle Abschnitt sind mit Abbildungen reich bedacht, welche teils ganz neu sind, teils dem Lehrbuch der Botanik entstammen. M. Reess (Erlangen). Zur Orientirung' ber die embryonale Entwicklung verseliiedner C e p h a 1 p d e n - T y p e n. Von Japetus Steenstrup (Kjobenhavn). ') Die neuere und neueste Literatur gibt dem Zoologen vielfach zu der Frage Anlass : ,,Wie steht es jetzt mit unsern Kenntnissen rcksichtlich der Entwicklungsgeschichte der verschiedenen C e p h a 1 o - poden-Typen"? Ueberall tritt uns ja die bittere Klage entgegen, 1) Wir freuen uns uinsomehr, uiiseni Lesern diese zusammenfassende Uebersiclit" im Sinne der Nr. 3 unsers Prospekts {vgl. Bd. I S. 2) darbieten zu knnen, als sie aus der Feder des Forschers stammt, welcher so Hervor- ragendes zur Kenntniss der hier besprochenen Tiergruppe beigetragen hat. Die Redaktion. i^tepiistnip, Entwicklung verscliiedner Cephalopoden-Tj-pen. 355 dass die individuelle Entwicklung- oder die Ontog-enie der verschie- denen Ceplialoi)oden gar kein Licht ber ihre Phylogenie zu werfen verspreche, weder in Bezug- auf die Verwandtschaft der Cephalopoden unter einander, noch auch mit den brigen Weichtieren. Hren wir einmal ein Paar dieser Stimmen , z. B. aus Europa in allerjngster Zeit (Morphologisches Jahrbuch" 1880, Dr. J. Brock, S. 186): Die Ontog-enie aber hat hier noch nicht zum Ersatz eintreten knnen, wo die Schwesterwissenschaft (vergl. Anat.) versagte. Zwar von nur wenig Formen, von diesen aber verhltnissmjiig genau be- kannt, hat sie bisher so eigenartige und im Ganzen sich so gleich bleibende Befunde geliefert, dass sie sich zu einer festern Begrndun g der Dibranchiatensystematik in keiner Weise verwendbar gezeigt hat"^). Und aus Nord- Amerika die neuerlichst erschienene Festschrift: Anniversary Memoirs of the Boston Society of Natural History 1830-80", enthaltend W. K. Brooks: ,,0n the develojjment of the Squid, Loligo Fealei Les." m. 3 Taf. In dieser vorzglichen Schrift finden wir im Abschnitte Theoretical discussion of the observations" S. IG folgendes: When we bear in mind that the Cephalopoda are almost the most highly specialized of In- vertebrates, and that they must have had a long and complicated phylogenetic history, I think we must acknowledge that the embry- onic record has been simplified to a degree w^hich is without a parallel in the animal kingdom, and it is hardly too much to say that the ontogenic process fur- nishes us with no knowledge whatever of the phylogeny of the group"^). Aehnliche Aeuerungen finden sich noch fters in der Literatur des letzten Decenniums. Eine ernsthafte Beantwortung der soeben gestellten Frage ist bis jetzt, so viel ich wei, noch nicht versucht worden, wenigstens scheint sie nicht verft'entlicht worden zu sein. Und ich glaube ber- dies, dass in diesem Augenblicke die Antwort nicht sehr befriedigend ausfallen wrde, und ungefhr nur so lauten knnte : Bei den Natur- forschern heutigen Tags Zoologen sowol als Anatomen und Em- bryologen steht es mit diesen Kenntnissen ziemlich schlecht u n d z w a r vi e 1 e r u n d s e h r 1 e b e n s z h e r K n f u s i n e n w e g e n". Diese Konfusionen und die argen Folgen derselben, knnen allerdings ebensowol hier, wie auf andern Gebieten unserer Wissenschaft, wo sich solche eingeschlichen haben - mit der Zeit korrigirt werden, wenn man es von allen Seiten nur ernsthaft will; aber wie in allen solchen Fllen muss der erste Schritt auf den rechten Weg doch der sein, dass man das Uebel scharf ins Auge fasst und einsieht, was es wirklich ist: nmlich ein groes Uebel. In Folgendem habe ich nach Krften versucht, die Blicke meiner Kol- 1) Die gesperrt gedruckten Worte sind von mir hervorgehoben. J. St. 23* 3r)6 Steenstrup, Entwicklung versciiiedner Cephalopoden-Typen. legen im Allgemeinen, meiner speciellen Mitar1)eiter auf diesem Felde insbesondere, in diese Richtung zu lenken. Zur Verstndigung in dieser etwas sonderbaren Sachlage, schicke ich zunchst die Bemerkung voraus, dass ich wie viele Andere unter Cephalopoden-Typen nicht nur solche hhere Abteilungen der Ce- phalopodenklasse, wie die Ordnungen der Octopoden und Dekapoden, sondern auch die grern, einheitlichen Znfte innerhalb beider verstehe ; unter den Achtflern also z. B. : die eigentlichen Octo- poden (Octopus, Cistopus, Eledone etc.), gegenber den Philonexiden ( Tremocfopus, Ocythoe (= Parasira), Argonauta etc.) ; unter den Zehn- flern nicht nur die Myopsiden, den Oigopsiden gegenber, sondern innerhalb der Myopsiden auch noch die Sepiolineu {Se- piola , Fossia, Heterofeuthis) als entschiedener Gegensatz zu den Se- pio-Loliginen; sowie innerhalb der Oigopsiden die eigentlichen Teuthiden d'Orbigny's {Ommatostrephes, On;/choteufhis, etc.), den Cranchiaeformes (Cranchia, Leachia, Taonius) oder den Taono- teuthi {Chiroieufhk, Histiotentliis, etc.) gegenber. Dies hoffe ich, wird zur Verstndigung gengen, und so vorbe- reitet werfen wir einen Blick auf die bisherige, in gewissen Be- ziehungen ziemlich reiche Literatur ber die embryonale Entwicklung der Cephalopoden. Im Jahre 1841 verffentlichte Prof. Dr. J. E. van Beneden in Lwen seine Recherches sur rembryogenie des Sepioles (Mem. de l'Acad. R. d. Sciences de Belgique, Bruxelles in 4<^, mit einer Tafel). Dies war, wie bekannt, gewissermaen die erste Entwicklungs- geschichte eines Cephaloi)oden, und, wenigstens dem Namen nach, eben eines Reprsentanten der Sepiolinen-Familie, welcher Typus ja, wie oben berhrt wurde, den smmtlichen Sepio-Loliginen gegenber steht. Die Figuren der Tafel, sowie der Text selbst, geben indess dem Zoologen ganz deutlich zu verstehen, dass die Eiermassen, deren Entwicklungsgang Prof. van Beneden beobachtete, nicht von einer Sepiola herrhren knnen, ^^elmehr stimmen dieselben ganz und gar mit denjenigen der gemeinen Loligo arten berein. Es befan- den sich nmlich, wie man sieht, viele Eier zusammen innerhalb eines cylindrischen oder spindelfrmigen Schleimkonvoluts, und diese Schleim- hllen waren mit dem einem Ende an irgend einem Gegenstnde des Meeres oder des Meeresbodens festgeheftet. Kein Zoologe hat bisher beobachtet, dass Sepiola oder Ross/'a ihre Eier in solcher Weise ablegen; im Gegenteil die Eier der letztgenannten Gattungen werden isolirt abgelegt und nur an die Oberflche fremder Gegenstnde oder gegenseitig an einander geklebt. Auch die Cephalopodenjungen, die sich aus den von van Beneden beschriebenen Eiern entwickelten und ausschlpften, sind sowol dem Texte als den Figuren nach unzwei- deutige Loligines. Man braucht z. B. nur die Figur XI der Tafel anzusehen, wo die mediane, knorplige Rckenplatte des Nackens Steenstrup, Entwicklung verschiedner Ccphalopoden-Typen. 357 zur Aufnahme der entsprechenden Platte des gladius ganz deullich angegeben ist: eine Verbindungsweise des Mantels mit dem Kopfe, welche ja der ganzen Organisation einer Sepiola entgegentritt; oder man betrachte die Verhltnisse der Arme, deren Saugnpfe, u. s. w. Untersucht man nun berdies die mehr oder weniger entAvickelten Jungen von Loliyo, wie sie sich ja nicht ganz selten in den zoologi- schen Museen aufbewahrt finden, so wird man durch eine unmittel- bare Vergleichung dieser Jungen mit den Figuren van Beneden 's sich ganz sicher von der Identitt beider berzeugen knnen. Die von van Beneden hier beschriebenen und abgebildeten Entwieklungs- phaseu der epiola" gehren also, meiner Meinung nach, nicht einer Sepiola", sondern einem Tiere der gegenber- stehenden Seite der My op sidengruppe, einer Loligo an! Professor van Beneden hatte seine Untersuchungen in Cette angestellt, und eben da, sowie an der ganzen Mittelmeerkste, ist von den zwei kleinen europischen Loligos})eeies die Lo/igo MarDioraeY er. sehr allgemein, die Loligo media (Linn.) oder Lol. subulata Lmk., dagegen sehr selten, ol)schon sie auch da selbst gefunden wird. Dem- nach knnen wir uns kaum irren, wenn wir die von van Benedeu beobachteten Eiermassen, auf die dort so \vA\\^^e Lol. Marmorae\ ew beziehen. Dass unser belgischer Kollege sich hat tuschen lassen, hat wahrscheinlich seinen einfachen Grund darin, dass er, wie so viele Andere, mit den "Wachstumserscheinungen der Cephalopoden wenig vertraut gewesen ist, und z. B. die kleinen endstndigen Flossen der Loligojungen fr einen Sepiolaeharakter gehalten hat. Indess knnen wir hier nicht ganz mit Stillsclnveigen bergehen, dass derselbe Forscher ein paar Jahre frher Mitverfasser eines mo- nographischen Aufsatzes ber die Gattung S e p i 1 a war, und folglich die erwachsenen Formen ziemlich gut kannte ^). Beinahe ein Vierteljahrhundert spter (1867) gal) uns der als scharfer Beobachter und vorzglicher Embryologe bekannte Prof. Dr. Elias M e c z n i k o w die zweite Entwicklungsgeschichte der Sepiola, leider in russischer Sprache. Die vortrefflichen, genauen Beob- achtungen wurden uns jedoch bald zugnglich durch die Bemhungen Ed. Clapa rede's, der ein sehr ausfhrliches Resunie dieser Mo- nographie in franzsischer Sprache veranstalten lie (Le developpe- ment des Sepioles par M. Elias Mecznikow. Archives des Sc. phys. et uatur. de Geneve 1867. vol. XXI p. 18692). Meczni- koff fhrte seine Untersuchungen in Nea})el aus. Die Eiermassen, die er vor sich hatte, stellten auch wieder Schleimhllen dar mit einer Anzahl von Eiern, oder, wie es im Resume heit S. 186: Les oeufs des Sepioles (ils n'ont (jue quatre millimetres de 1) Sur les Malacozoaires du gerne Sepiole (Sepiola) par MM. P. Ger- vais et P. J. van Beneden (Bullet, de l'Academie E. des Sciences de Belgi- que. Vol. Y. (1838), mit einem Supplement in Vol. VI (1839). 358 Steenstiup, Entwicklung vcrscliiedner Cephaloporten-Typen. long) sollt conteiiiis au nombre cl'une qiiiiizaine dans iin niucilage in- colore" und aus dieser Angabe betreffs der Gre und der Be- scliaftenheit der Eier^ in Verbindung mit der oben angegebenen Lo- kalitt, geht meiner Meinung nach ganz doutlich hervor ; dass auch hier Eiermassen der kleinen Loligo Mannorae Ver. vorlagen! Ungefhr 7 Jahre s])ter erschienen Dr. W. Ussow's in Neapel und Messina angestellten Zoologisch-embiyologische Unter- suchungen'-', und zwar zuerst diejenigen ber die Kopffler (Ce- phalopoden), welche in Troschel's Archiv 1874 S. 330372 publi- cirt wurden. Untersucht auf die Entwicklung wurden vier x\rten: ,^Se2nola Eondeleti heaeh.'-^, und drei unter den Namen: ,epia ofcl- nalis Lmk.", ,^Loligo sagitfata Lmk." und ,^rgonauta argo Linn." aufgefhrte Arten. Da aber auch hier in den ausgedehnten Unter- suchungen und speciellen Angaben ber den Entwicklungsverlauf der vier Gattungen, keine Abbildungen von den Eiermassen gegeben werden, so scheint mir ein ZAveifel an der Richtigkeit der Bestimmung denn doch nicht unberechtigt. Der Benennung nach zu urteilen, ht- ten die Eiermassen vier ganz verschiedenen Ty])en oder Familien an- gehren sollen ; allein nach unsern jetzigen Kenntnissen von den Eier- massen der verschiedenen Cephalopoden knnen sie kaum alle richtig benannt, das heit eben: auf die richtigen Typen bezogen sein. Glcklicherweise giebt uns Dr. Ussow selbst, wenn auch nur indirekt, eine gengende Aufklrung der faktischen Sachlage, indem er die Eierkapseln der beobachteten vier Arten ganz kurz (8. 340) folgendermaen charakterisirt : Eine mehr oder weniger dicke, vielschichtige Eikapsel, die bald in einen elastischen, zur Be- festigung der Eier an verschiedenen unter dem Wasser liegenden Gegenstnden dienenden Faden ausluft, {Argoiiaufa, Se/j/a), bald einen mehr oder weniger langen, 10 100 Eier enthalten- den Sack bildet {Sepiola , LollgoY. Diese letztere Angabe be- sagt ganz deutlich, dass weder die Loligo" mit den zahlreichen Eiern im Sacke die wirkliche Loligo sagittata Lmk. (d. h. ein Oiuiiia- tostrephes), noch die Sepiola" mit den wenigen Eiern im Sacke eine wirkliche Sepiola Rondeleti sein kann. Auch hier mssen die Eiermassen der kleinen Loligo Marntorae Ves. flschlich fr Sepiola"eier gehalten worden sein! Dass von allen drei bis jetzt erwhnten Beobachtern der Nach- folger seine Ergebnisse immer mit den Angaben des Vorgngers sorg- fltig verglichen hat, ohne dass irgend ein Verdacht entstand, ob man vielleicht kein identisches Untersuchungsmaterial vor sich gehabt dies ist mir andrerseits eine Besttigung der durchgehenden Richtigkeit meiner Auffassung l)etreft"s der drei genannten entwick- lungsgeschichtlichen Abhandlungen ^). 1) In einer Note sur le dveloppemeut des Mollusques Pteropodes et Cephalopodes" (Arcliives de Zool. experim. et gener. T. III. 1874. p. XXXIII Steenstrup, Entwickliuif^ verschietlner CepluUopodcn-Typen. 359 Hiernach wird es wol nicht mehr befremden; wenn ich in einer krzlich erschienenen Abhandhing- ber verscliiedene neue Formen aus der Familie Sepio-Loliginei, die o])enerwhnten Eier in Schleim- hllen den Loliginen vindicirt und sie den Sepiolinen ganz abge- sprochen lial)e ^). Ebenso wird es dann auch verstndlich sein, dass ich in einer andern Abhandlung l)er Heferoteuthis , Seplola und Rossia , welche noch unter der Presse ist, nicht habe zugehen knnen, dass man von der eig-entlichen Entwicklungsgeschichte der Sepiolinen irgend etwas kenne, obschon wir in unserer Literatur die ausfhrlichsten Ang-aben von dem Verlaufe der Ent- wicklung eben dieser Tiere verzeichnet und immer wiederholt fin- den. Man kennt allerdings Junge dieser Familie, die mit einem sehr groen uLiern ottersack versehen sind. Professor Oss. G. 8ars hat z. B. solche von Bossia g/aitcopis Loven in seiner Malacologia l\e- gionis articae Norvegiae Tat". 32Fig. 12 15 dargestellt, und ich selbst habe auch mehrere Abbildungen von Eiern und Jungen dieser und einer andern lios.sidni't in der oben erwhnten Abhandlung gegeben. Taf. I. Fig. 16 20. Alles, was sich in der Literatur auf den Verlauf der embryonalen Entwicklungserscheinungen bei den Sepiolinen be- zieht, wird aber, meiner Meinung nach, imr auf einem argen qui pro <[Uo" beruhen. Aber noch ein andres qui pro quo" stellt sich diesem ersten zur Seite. Professor Klliker's Entwicklungsgeschichte der Cephalopoden (Zrich 1844) ist noch immer als die bahnbrechende Arbeit auf diesem Gebiete anzusehen. Li diesem Avichtigen Werke zieht der berhmte Verfasser eine l*arallele zwischen den entmcklungsgeschicht- XLIV) hat der aiisgezeiclmete Embryologe Prof. Dr. Henna im l'ol einige Beobachtungen ber die frlieste Entwickhuig mehrerer Organe der Cephalo- podenenibryonen, und namentlicli ber die einer Sepiola" gegeben, welclie auf Tf. XVIII y,Sepiola Sp. ?" bezeiflmet ist. Das Tier sellst war nicht gesellen worden ; nur die Eiermassen waren aufgesclit und diese werden mit folgen- den Worten charakterisirt: Ces oeufs ne laissent rien desirer comme trans- parence , et les matolots du laboratoire de Zoologie (Roscolf) m'en ont ap- porte plusieurs grappes ramenees par la drague" p. XXXIII. (lehrten aber diese Eier einer Art der Uattung Sepiola'* an??" Der Ausdruck: plusieurs grappes" ist in der Tat mehr als verdchtig, weil mit grappes" allgemein die eigen- tmlichen Eiermassen der Gattung ioZ?V/o bezeichnet werden, fr die zu Kuchen oder Hufchen zusammengeklebten Eier der Sepiola dagegen eine sehr un- passende Benennung sein wrde. Bis auf Aveiteres sehe ich also jene mit der drague" gefischten grappes" als die Eier der Loligo media Linn. oder Lol. Mannore Ver. an. 1) Siehe: Sepiadarium og Idiosepiiis, to nye Slaegter afSepiernes Familie med Bemaerkninger om de to beslaegtede Former Sepioloidea D'Orb. og Spirula Lmk. m. 1. Tavle og avec im resume et une explication des figures en fran^ais". Vid. Selsk. Skr. 6 Raekke. Naturv. og mathem. op. I. 3. S. 238. 360 Steenstrup, Entwicklung verschiedner Cephalopoden-Typen. liehen Vorgngen der Sepieneier und der Eier von Loligo. Kl- liker, der zwar die von ihm untersuchte Lo^ospecies Loligo sa- gittata Lmk. genannt hat, gelangt dabei, wider alles Erwarten, zu dem Resultate, dass die letztern sieh in gewissen Punkten viel nher der von van Beneden gegebenen Darstellung der Eientwieklung von Sepiola anschlssen, als der von Sepia, welch letztre Gattung doch mit Loligo nher verwandt ist. Aber diese Lamarck'sche Art ist unzweifelhaft ein Onnuotostrephes D'Orb., also ein Glied der entge- gengesetzten Abteilung der Dekapoden, der Oigopsides D'Orb ig. nmlich. Dass nun das Klliker'sche Tier entschieden kein Omma- tostrephes gewesen ist, lehren schon die Form und die Bildung der Eiermassen; diese werden ja ganz treffend von KUiker selbst (S. 15) mit Maiskolben" verglichen, welche statt aus vielen, nur aus H oder 4 Reihen Krnern bestanden" ; in jeder dieser Reihen zhlte er 15 25 Eier, also in jedem Eierstrange oder in jeder Eier- masse 45 100 Eier. Innerhalb unsrer europischen Fauna wenigstens gehren solche Eiermassen nur den grern Loligoiwten an , und zwar im Mittelmeer der Loligo vulgaris Lmk. Dass die von Klliker beobachteten Eiermassen von einer Loligo herstammten und nicht von einem Ommatostrephes , stimmt 'auch vllig mit den Angaben Klli- ker's (S. 1) berein, indem er der untersuchten Lo%o nur einen ein- zigen Eileiter zuschreibt, whrend ja Loligo sagittata Lmk. wie alle OmmafosfrepihesfoYmen paarige Eileiter besitzen. Es kann also, meiner Meinung nach, kein Zweifel darber bestehen, dass die K 1 1 i k e r'schen Beobachtungen und Darstellungen vom Entwicklungsgange der der Loligo sagittat(( zugeschriebenen Eier auf eine wirkliche Loligo^wcics zu beziehen sind! Nur zu oft treffen wir bei den Naturforschern im Sden eben diese Namens- und Gegenstandsverwechslung {Loligo vulgaris Lmk. statt Lol. sagittata Lmk., id est: Ommafostrephes , et vice versa), was ich gelegentlich anderswo gergt habe ^). Ganz ebenso musste es sich auch mit der von Dr. Ussow beob- achteten j^Loligo sagittata Lmk." verhalten. Wie oben bemerkt wurde, knnen die Angaben ber die Eiermassen durchaus nicht auf ,, Loligo sagittata:^, d, h. einen OmnKdostrephes, bezogen werden, son- dern vielmehr auf eine wahre Loligo-Avt, und damit stimmt es voll- stndig berein, dass Dr. Ussow ganz richtig den Gattungen Sepia, Loligo, Sepiola und Eossia einen unpaarigen Eileiter zuschreibt, den Gattungen 0)umatostrep)hes und Argonauta dagegen einen paarigen. In Wirklichkeit hat also keine Verwechslung der beiden Gattungen stattge- funden, sondern die Lo%ospecies hat, wahrscheinlich per malam tra- ditionem, einen Artnamen usurpirt, der nur einer bestimmten Omina- tostrephesf^xi zukommt. Dies scheint ferner dadurch besttigt zu wer- den, dass der Verf. in einer Anmerkung zu S. 334 ausdrcklich bemerkt, 1) Siehe z. B. meine Abhandlung : De Oraniatostrephagtige Blaeksprutters indbyrdes Forhold" K. V. S. Overa. f. 1880. S. 92. Steenstrup, Entwicklung verschiedner Cephalopoden-Typen. 361 dass er neben dem vollstndigem Entwicklung-sgang der erwhnten vier Arten auch einzelne Beobaehtnngen ber die Bildung des Eies bei ,^Oniiiiatostrephes todtn'its^'- angestellt habe und so wenigstens in- direkt seine Lollgo als eine von Ommatostrephes verschiedene Form bezeichnet ^), Es scheint mir zweckmig, im Gegensatz zu den obigen, hier eine kleine Beobachtung von delle Chiaje^) einzuschalten. Dieselbe ist sehr wenig beachtet worden; doch weist Prof. Klliker auf sie hin, wenn er in einem Rckblick auf die Beobachtungen seiner Vorgnger sagt: ,,delle Chiaje (Memorie. 2. Aufl. pag. 39. 40) beschreibt die uere Gestalt reifer Eml)ryonen von JjoJ'kjo sagittata und Sepia offi- cinalk}'' Diejenige ^^Loligo sagittata Ijmk.''' aber, die delle Chiaje in seiner vergleichenden Anatomie beschrieben und abgebildet hat, und von welcher er auch ein einzelnes Entwicklungsstadium mit wenigen Worten bespricht, ist ein echter Ommatosfrephes , im weitern Sinne dieses Gattungsnamens; sie entspricht freilich nicht dem wahren grern Omi. sagiftaf as (Ijmk.) [= Todarodes sagittatus (Lmk. 8tp.)], sondern dem Omm. Coindeti (\ GYnny) \= Illex Coindeti (Verany) Stp.] d. h. der im Mittelmeere und an der Westkste Eu- ropas sehr allgemein vorkommenden kleinern Art. Die Beobachtung delle Chiaje's, obschon ganz vereinzelt dastehend, scheint mir, ver- glichen mit den oben erwhnten Entwicklungsgeschichten einiger Nicht-Ommatostrephenformen von ganz besonderm Interesse, weil die Ausdrcke des Verfassers, wie sprlich sie auch sind, doch andeuten, dass nicht nur eine andre, nmlich eine perlenschnur- (fi 1 z a) - frmige Anordnung der Eier in den Eiermassen zu beobachten gewesen sei, sondern auch, dass die lebhaften, nur mit ganz kurzen Armstummeln versehenen Jungen fast keinen uern Dottersack be- sessen htten ^). Kein Wunder also, wenn die Entwicklungsvorgnge bei Klli- ker's j^Loligo sagittata'-' und van Beneden's vermeintlicher Sepiola'-' in vielen Zgen so gut harmonirten; beide Entwicklungsreihen wur- den ja verfolgt bei Eiern zweier Arten derselben Gattung, und ZAvar nicht einmal fernstehender Arten. Grer wre allerdings das Wunder gewesen, wenn die Entwicklung eines Omraatostrephen - und ein solcher ist ja Lol. sagittata Lmk. mit der Entwick- lung einer Sepiola so ganz harmonisch abgelaufen wre. Doch auch 1) Vgl. den sptem Zusatz Anm. 1 S. 363 namentlich die letzten Zeilen. 2) Memorie suUa Storia e Notomia degli Animali senza Vertebie del Regno di Napoli." Vol. IV. 1829. 3) Eeco quelle che ho veduto in una tilza di uova del L. sagittata. II feto aveva quasi totalmente consumato il vitello et continuamente si giiava nella propria nicehia. Gli occhi furono i primi a compaiiie I cirri presentavano i soll troncocelH circondante la bocca". 1. c. p. 101. Vgl. die Fig. Tav. LXI. 7. 362 Steenstrup, Phitwicklnng verschiedner Cephalopoden-Typen. diesen Akt eines faktischen Nachspiels haben Avir hier jj^leich zu be- sprechen, da er auf hoclistehender Bhne (Morphologisches Jahr- buch VI. 8. 89) unter dem Versuche von den Ergebnissen der Ent- wicklung-sgeschichte der Cephalopoden eine allgemeine Verwertung zu geben, aufgefhrt worden ist. Bezglich der von Professor Grenacher in Wort und Bild (Zeitschr, f. wissen seh. Zool. XXIV. 1874. 8. 419498. T. XXXIX XLII) sehr schn dargestellten Entwicklung eines pelagischen Ce- phalopoden, welcher sich dadurch auszeichnete, dass der bei den bisher beobachteten Dekapoden-Jungen so beraus groe uere Dot- tersack hier zu einem Minimum redueirt war, oder beinahe ganz zu fehlen schien, finden wir nmlich folgende Beweisfhrung fr die nicht-ommatostreph es artige Natur dieser kleinen Jungen, daher per exclusionem fr die Loligopsis-Natur derselben. ,,Dass dieses Cephalopoden- Junge, heit es 1. c., kein Onimatostrephes (und also auch kein Onychofeuthis) sein kann, geht aus der durch Klliker und Ussow bekannten Entwicklungsgeschichte des Ommu- tostrephes mgitUdus hervor, dem der uere Dottersack keineswegs mangelt. Es bleibt also die Loligopsis-Gruppe." Der richtigen Bedeutung des Namens ^JjoUgo mgiitata Lmk." vllig bewusst und eingedenk, hat also hier der fr die Anatomie der Cephalopoden eifrigst arbeitende Verfasser, Herr Dr. Brock, auch sehr richtig dem Namen leider nur dem bloen Namen sein Recht gegeben; dass sich aber in eben diesen zwei Fllen unter einem falschen Namen ein untergeschobenes Tier (eine Loligo) versteckt hatte, hat er nicht erkannt, weil er die dem Tiere eigentmlichen Attribute (einfacher Eileiter, eigentmliche Eihllen z. B.) nicht beachtete. Durch diese Vernachlssigung hat er also keine richtigen Resultate erzielen und den interessanten Entwicklungshergang nicht dem richtigen Haupt- typus der Cephalopoden vindiciren knnen. Das vielbesprochene Grenacher'sche Cephalopoden- Junge kann nicht allein sehr gut ein zu den Teuthidcn (deren eine Abtei- lung ja die eigentlichen Ommatostrephen bilden) gehriges Tier sein, sondern nach Allem, was ich vor zwei Jahren ber die ommatostrephesartigen Tiere und ihre Verwandtschaftsverhltnisse mitgeteilt habe, wird er nur zu der Teuthidcn -Seite der Oigopsiden, und durchaus nicht zu den sogenannten Loligopsiden" gehren knnen. Meine Begrndung dieser tatschlichen Verhltnisse war zwar sehr kurz, sie sttzte sich aber auf die Untersuchung pela- gischer Eiermassen und den aus diesen entwickelten Jungen, welche beide den Grenacher'schen so hnlich waren, dass sie mit Wahr- scheinlichkeit auf ebendieselbe Gattung, wie diese, bezogen werden durften ^). Unter allen Umstnden zeichneten sich meine entschie- 1) Siehe: Om Ommatostrephernes Aeglaegiiing og Udvikliug", Zusatz 4 Steenstrup, Entwicklung verschiedner Cephalopoden-Typen. 363 denen Nicht-Loligopsiden durch die Bildung eines nur minimalen uern Dottersacks aus, welche Eigentmlichkeit ja in der Beweis- fhrung des erwhnten Verfassers ein Hauptmoment abgibt. Die schne Beobachtungsreihe Grenacher's betrifft daher nicht die so- genannten Loligopsiden'' , und die auf diese unrichtige Voraus- setzung gebauten weitgehenden Schlsse des erwhnten Verfassers (Herrn Brock) sind folglich als ganz hinfllig zu betrachten. Nachdem v,iY nun mit Rcksicht auf die vorliegende Frage, wel- che Typen der Zehnfler auf die embryonale Entwicklung fak- tisch untersucht worden sind, die obenstehende Reihe von entwick- lungsgeschichtlichen Abhandlungen durehmustert und wenn nicht smtliche^) bis jetzt gegebenen Entwicklungsgeschichten von Cephalo- poden, so doch wenigstens alle diejenigen besprochen haben, auf die jene oft hervorgehobene Monotonie im Entwicklungsgange dieser Klasse basirt worden ist, erscheint es zweckmig, ehe ^vir das entsprechende Verhltniss bei den Acht flern betrachten, in aller Krze einen Rckblick auf die gewonnenen Ergebnisse zu werfen. Die oben gegebene Darstellung zeigt uns dann: 1) Dass wir innerhalb der Oigopsiden oder der pelagischcn Dekapoden, zwar die Entwicklungsvorgnge einer Form (der Gren- acher'schen) sehr schn kennen, und dass diese Form zum Typus der Teuthiden gerechnet werden muss; dahingegen ist uns noch gar nichts bekannt vom Entwicklungsgang eines Dekapoden, weder zu der Abhandlung: De Oniniatcstrephagtige Blaekspiutters indltyrdes For- hold". K. D. Yidensk. Selsk. Overs. 1880. S. 108109. 1) Die Beobachtungen Bobretzky's ber die Cephalopodenentwicklung in der Zeitschrift fr Naturwissenschaft, Anthropologie und Ethnologie, Moskau 1877 (in russischer Spraclie publicirt), kenne ich nur aus denieiiigen Auszgen und Figuren, die in verschiedenen Publikationen von Balfour und Ray Lan- kester gegeben sind; aber diesen zufolge scheinen die vortrefflichen Be- obachtungen Bobretzky's sich nur auf die schon erwhnten Cephalopoden- typen zu beziehen. Erst neuerlich, und nachdeiii dieser Aufsatz redigirt war folglich auch nachdem meine Mitteilung in Naturh. Forenings Videuskob. Meddelelser f. 1881 publicirt worden, bin ich so glcklich gewesen, einen Separatabdruck von Dr. M. Ussow's ausfhrlicher in russischer Sprache erschienenen, mit 5 Tafeln versehenen Quartabhandlung (Moskau 1879) zu erhalten, begleitet von einer in deutscher Sprache gegebenen Erklrung der Allbildungen zu Dr. M. Ussow's Beobachtimgen ber die Entwicklung der Cephalopoden." Dorpat 1880. 8". Ich habe in beiden nichts finden knnen, was nicht vllig mit meiner oben gegebenen Deutung der Ussow'schen in Troschel's Archiv publicirten Beobaclitungen bereinstimmte. Ich Itetrachte daher auch alle Figuren der Quarttafeln, die sich Awi Sepioln RondeJeti"- beziehen, als der Loligo Mormorae Ver. angehrig. Eine erfreuliche Tatsache habe ich aber hier nachzutragen, dass sowol der russische Text als die deutsche Tafelerklrung der untersuch- ten Loligo- Art jetzt den richtigen Artnamen: LoUgo vulgaris statt der irre- fhrenden Benennung Lol. sagittata trgt. 364 Steenstnip, Entwicklung verschiedner Cephjilopoden-Typen. vom Typus der Cranchiaeformen, noch vom Typus der Taono- teutheii (welche ja beide zusammen die Familie der ,^LoIigopsides''' d'Orbigny's bilden) obschon dies flschlich supponirt worden. Also nur durch eine einzige Entwicklungsreihe ist die ganze Oigopsidenseite der Dekapoden reprsentirt mgen auch ein Paar isolirtstehende Beo1)achtungen (von delle Chiaje und mir) ganz ver- einzelter Embryonnlstndien sehr treffend mit den Phasen der erwhn- ten Entwicklungsreihe bereinstimmen ! Dieser Mangel unserer fak- tischen Kenntnisse auf dem Entwicklungsgebiet der Oigopsiden er- scheint in einem umso grellerm Licht, als die allerdings sehr wenigen Naturforscher, die mit dem Studium der Cephalopoden genauer ver- traut sind, doch offen bekennen mssen, dass sowol in Formen- reichtum als in Variation des ganzen Baues, der Grenverhltnisse, der Lebensweise und damit der Rolle, die sie im Haushalt der Natur spielen, die pelagischen Zehnfler bei AVeitem die littoralen oder die Myo])siden bertreffen, wenn auch diese letztern, wegen des geringern geographischen Verbreitungskreises allei zugehrigen Species vielleicht noch eine Zeitlang in unsern Systemen als ebenso artenreiche Gruppe gelten werden. 2) Dass wir ber die littoralen Dekapoden, die Myopsiden, relativ sehr vollstndige embryonale Entwicklungsreihen besitzen und zwar ber die erwhnten Gattungen : Sepia (S. officinalis) und Lollgo (L. vulgaris und L. Marmorae, denen sich der L. Pealei jetzt an- schliet durch die eingangs erwhnten schnen Beobachtungen W. Brooks'), welche ja alle einem Typus, dem Typus der Sepio- Loliginei angehren, dass wir dagegen den Verlauf der Entwicklungsvor- gnge eines Typus der Sepiolinen gar nicht kennen, obgleich man sich am hufigsten, und Jahrzehnte hindurch wiederholt auf die Ent- wicklungsgeschichte unserer Mittelmeersepiola berufen hat. Also auch auf der Myopsidenseite der Dekapoden, einer gewissen Mehrheit der Beobachtungen ungeachtet, erblicken wir eine eben nicht erfreuliche, fast peinliche Einseitigkeit unsrer Kenntnisse! Was aber einem naturgetreuen Ueberblick der wahren Verhltnisse noch verhiignissvoller gewesen, ist die oben dargelegte groe Verwirrung betreffs der zoologischen Erkenntniss und der wissenschaftlichen Be- nennung des untersuchten oder beobachteten Materials. Durch fort- gesetzte Vernachlssigung notwendiger zoologischer und biologischer Untersuchungen der Eiermassen und der Tiere, von welchen diese herrhren oder herrhren knnten, begleitet von Fehlschlssen ver- schiedener Art, paradiren in unsrer Wissenschaft nunmehr die Ent- wicklungsvorgnge zweier Arten einer Gattung (LoligoJ und wie wir frher gesagt, zweier nicht einmal fernstehender Arten dieser Gattung als Entwicklungsparadigmen nicht allein fr die Gattung Loligo, sondern auch fr die ihr ganz fernstehende Gattung Sepiola und ferner sogar noch, wenigstens in der neuesten Zeit, auch fr die Minot, Theorie der Genoplasten. B65 Gattung Ommatostrephes aus der sehr entfernten Abteilung der Teuthi- den. Dasselbe Paradigma hat also die Entwicklungsweise dreier ganz verschiedener Typen reprsentiren sollen! Unter solchen Umstnden ist die Behauptung einer Monotonie in der Entwicklung der Cephalopoden ganz erklrlich; fUr die mg- liche Existenz einer solchen Monotonie beweist sie aber nichts. Wir wenden uns jetzt zu den Octopoden. (Scluss folgt.) Theorie der Gerioblasten. Von Charles S. Minot, Boston. Ich mchte mir gestatten auf eine schon frher von mir aufge- stellte') Theorie der gegenseitigen Beziehungen der Geschlechtspro- dukte (Genobla sten) und Zellen zurckzukommen, weil sie bisher, soweit ich die neuere Literatur kenne, entweder bersehen oder mis- verstanden ist. Die Teilung der Zellen des Ovariums und des Hodens zeigt an- fangs nichts Auffallendes. Urpltzlich jedoch und scheinbar ohne Vermittlung beginnen einzelne Zellen dieser Organe sieh in neuer Weise zu teilen. Es erscheint bei diesen ein Amphiaster (Spindel mit zwei Sternen), der die Teilung einleitet, und dadurch zur Entstehung zweier ungleicher zellenhulicher Gebilde fhrt. Ich behaupte, dass diese Gebilde in beiden Fllen vollkommen homologe, geschlecht- lich differenzirte Krper sind. Die Mutterzellen teilen sich bei der Bildung der Geschlechtsprodukte nicht, wie sie sich bei der einfachen Zellvermehrung teilen; es knnen daher diese Vorgnge nicht mit- einander homologisirt werden, wie von Whitmann geschieht. Wir haben es nicht mit atavistischer Zellteilung zu tun. Ich mache be- sonders darauf aufmerksam, dass die Kernspindel in pltzlicher Voll- kommenheit und zum ersten Male in den Ureiern auftritt, wenn diese sich in die wahren Genoblasten umzuwandeln anfangen. Die Am- phiasteren des Eies fhren zur Sonderung zweier kleiner Richtungs- blschen und eines reifen befruchtungsfhigen Eies des w^eiblichen Gebildes. Das Urei ])ildet Amphiasteren und sondert sich in zweierlei Krperchen: mehrere Kichtungsblschen und ein einziges weibliches Gebilde. Die neuern Beobachtungen ber die Entwicklung der Samenfden deuten mit ziemlicher Bestimmtheit darauf hin, dass der Vorgang wesentlich nach folgendem Schema verluft. Das Urei vergrert 1) Proceedings Boston Soc, Nat. Hist. XIX. 1877. . J 65 171. Ameri- can Naturalist, Febr. 1880. S. 9G 108. 360 Minot, Theorie der Genoblasten. sich und wird zum Spermatocyst. luzwischen wandelt sich der Kern in eine Spindel um und teilt sich, wodurch ein kleinerer Krper (Spermatoblast) und ein grerer (Mutterkern mit umgehendem Pro- toplasma) erzeugt werden. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrmals. Die Spermatoblasten wandeln sich in die Spermatozoen um ; das Urei bildet Amphiasteren und sondert sich in zweierlei Krperchen, erstens mehrere Spermatoblasten resp. Spermatozoen , und zweitens ein ein- ziges Muttergebilde. Der Vergleich liegt auf der Hand. Vom Ei ist es bekannt, dass der grere einzig bleibende Teil weiblich ist, daher schlieen wir, dass auch der sogenannte Mutterkern des Spermatocystes mit den dazu gehrigen Teilen weiblich ist. Wir wissen, dass die Sperma- tozoen mnnlich sind, daher schlieen wir, dass die Richtungsblschen auch mnnlich sein mssen. Diese Ueberlegungen zwingen zu folgender Auffassung: Jede Zelle ist doppelgeschlechtig, hermaphroditisch, geschlechtslos oder wie man sonst die Vereinigung der zwei Geschlechter in latentem Zustande bezeichnen will. Bei der gewhnlichen Zellteilung werden die Tochterzellen neutral bleiben. Um Geschlechtsprodukte zu bil- den, trennen sich die verschmolzenen Geschlechtsteile, beim Ei werden die mnnlichen Richtungsblschen, bei den Spermatozoen da- gegen die weiblichen Mutter" -Teile zurckgebildet. Die Befruchtung beweist, dass die Zellen hermaphroditisch sind, da zwei Genoblasten (mnnlich und weiblich) die erste Zelle erzeugen, deren Abkmmlinge den ganzen Krper bilden. Entwicklungsgeschichte und Histologie lehren uns, dass die Am- phiasteren nur bei der Bildung der Geschlechtsprodukte und bei den bald nach der Befruchtung erfolgenden Teilungen sich deutlich er- kennen lassen. Whrend der Entwicklung des Tiers klingen sie allmhlich ab, stehen also wahrscheinlich in engster Beziehung zu dem Vorgang der geschlechtlichen Fortpflanzung. Auf dieses Ver- hltniss ist meines Wissens noch nicht aufmerksam gemacht worden. Obige Theorie kann man auf die Infusorien wie auch wahrschein- lich auf die Pflanzen anwenden. Was jene Wesen betrifft, so wre der sog. Nucleolus mit den Spermatozoen resp. den Richtungsblschen, der Nucleus mit dem wahren Ei resp. den Mutterzellen zu vergleichen. Selbstverstndlich stelle ich mir vor, dass ein Teil des Protoplasmas mit dem Nucleolus, ein andrer mit dem Nucleus eng verbunden sei. Was die Pflanzen betriftt, so will ich nicht wagen mich weiter darber auszusprechen. Wenn meine Theorie der Genoblasten richtig ist, so mssen erstens die Richtungsblschen oder homologe Krper bei der Rei- fung jedes Eies entstehen, und zweitens bei allen Tieren die Sa- menfden sich nach dem angegebnen Schema entwickeln. Mit groem Vergngen habe ich gesehen, dass diese Bedingungen der endgltigen Miiiot, Theorie der (lenoblasten, 367 Annalime meiner Theorie dureh die seit der Verft'eiitlielunig- meiner ersten Publikation erschienenen Arbeiten der Erfllung- nher g-ertickt sind, da einmal die Eichtungsblschen bei mehrern Tierklassen, wo sie frher gnzlich vermisst Avurden, beobachtet worden sind {Tuni- oata, Crustacea, Teleostea), mid es ferner durch neue Untersuchungen an mehrern Tieren darg-etan ist, dass die Spermatozoen sich wesent- lich in der von mir angegebenen Weise entwickeln. Es hat also die von mir aufgestellte Theorie schon wichtige Besttigungen erfahren. Es ist ihr besondrer Vorteil die gesamten Erscheinungen der ge- schlechtlichen Fort})fianzung unter eine einheitliche und einfache Auf- fassung- zu ordnen. Ich will nur noch hinzufgen, dass unsre Theorie eine hypo- thetische Erklrung- der Parthenogenese gestattet, wie ich frher^) hervorgehoben habe, eine Erklrung-, die Balfour^) im Wesent- lichen annimmt, ohne aber des Urhebers zu gedenken, was vollkom- men zu entschuldigen ist, weil an der citirten Stelle meine Auffassung nur angedeutet, aber nicht nher errtert wird. Wenn man annimmt, dass das Ei erst durch die Entfernung- der Richtungsblschen weib- lich wird, so muss es geschlechtslos Ideiben, solange keine Blschen entstehen. Nimmt man ferner an, dass die Blschen bei den parthe- nogenetisch sich entwickelten Eiern nicht ge])ildet werden, so wrden die Eier einfache Zellen bleiben, und die g-anze Fortpflanzung- auf gewhnlicher Zellteilung- beruhen. Werden die Blschen entwickelt, so wird die Befruchtung- eine nicht zu umg-ehende Vorbedingung- einer weitern Entwicklung. Ich unterlasse, die vorhergehenden Behauptungen, die zur Grund- lage meiner Theorie dienen, durch zahlreiche Citate zu belegen, wie sehr leicht zu tun wre, weil die Verhltnisse schon allgemein be- kannt sind. Ich habe nicht versucht meine Ansichten durch eigne neue Beob- achtungen zu rechtfertigen, da viele sich schon mit der Untersuchung der Fortpflanzungserscheinungen beschftigen und hierdurch der end- gltige Entscheid zweifelsohne gesichert ist. Ich habe vorgezogen die Veraltung zu untersuchen und schon ein ziemlich ausgedehntes Material an neuen Beobachtungen darber gesammelt. Dieses Gebiet hat um so greres Interesse, als es sich um Vorgnge handelt, welche noch nie einer strengen Untersuchung unterworfen wurden. In der Tat ergeben sich wichtige Schlsse, die ich spter zu verffent- lichen hoft'e, und in denen die unmittelbare Beziehung der Veral- tungserscheinungen zu den oben besprochenen Vorgngen eingehender behandelt werden soll. 1) Proceediiigs Boston. See. Nat. hist. XIX, 1877. S. 171. 2) Balfour, Comparative Embryology. I. (1880) 63. 368 Sthr, Physiologie der Tonsilleu. Zur Physiologie der Tonsillen. Von Dr. Philipp Sthr, Privatdocent und Prosektor zu Wrzburg. Im Mimdspeicliel, im Magen- und Darmsaft, im Schleim des Re- spirationstraktiis und der Genitalien findet man runde, kernhaltige, den Lymphzellen hnliche Gebilde, die sogenannten Speichel- und Schleimkrperchen, welche nach herrschender Ansicht die beim Sekre- tionsakt zu Grunde gegangenen und abgestoeneu Schleimdrsenzellen sind. So gering auch die Aehnlichkeit beider Elemente war sind doch die Speichelkrperchen hllenlose runde Zellen, whrend die cylindrischen Schleimdrsenzellen eine deutliche Membran aufweisen so wurde, wol in Ermanglung einer bessern Erklrung, diese Ansicht doch allgemein acceptirt. Es haben mich al)er Untersuchungen, die ich vor einigen Jahren an den gleichfalls schleimbildenden Epithelien der Mageninnenflche anstellte, gelehrt, dass diese Schleimzcllen durchaus nicht beim Se- kretionsakt zu Grunde gehen. Nur der in Schleim umgewandelte Teil des Zelleninhalts wird ausgestoen, der Kest der Zelle mitsamt dem Kern bleibt erhalten, und dieses Verhalten besteht hchst wahrschein- lich auch bei vielen Schleimdrsenzellen. Mit dieser Erkenntniss aber wurde die l)isherige Erklrung der Herkunft der Schleimkrperchen hinfllig. Nun finden sich unter der einfachen Lage cylindrischer Zellen, welche Magen- und Darminnenflche berkleiden, andere Zellen von verschiedenartiger Form ; bald rundlich, bald am einen Ende zugespitzt, liegen sie im diskontinuirlicher Keihe an und zwischen den Basen der Cylinderzellen. Es sind das die schon lnger bekannten Ersatz- zellen", die dazu dienen sollen, fr zu Grunde gegangene cylindrische Zellen einzutreten. Das mag nun fr eine Reihe von Fllen zutreffen, denn die Lebensdauer vieler Epithelien ist, wenn auch viele Sekre- tionsphasen berstehend, doch gewiss eine sehr beschrnkte. Fr die Mehrzahl der Flle scheint aber diesen Zellen eine ganz andere Be- deutung zuzukommen. Aufmerksame Untersuchungen lehren nmlich, dass jene Ersatzzellen" keineswegs immer an der Basis der Cylinder- epithelien gelegen sind; sie finden sich vielmehr in allen Hhen zm- sclien diesen, bis dicht an die Oberflche gerckt; sie zeigen eine vollkommene Uebereinstimmung mit den im freien Schleim befindlichen Schleimkrperchen" sowie mit den zelligen Elementen des bindege- webigen Teils der Schleimhaut, die wir unter dem Namen der lym- phoiden Zellen kennen. Hufig sieht man solche lymphoiden Zellen im Begriff", aus dem Bindegewebe zwischen die Epithelien einzutreten und es ist mir zweifellos: die meisten der bisher als Ersatzzellen" aufgefassten Gebilde sind lymphoide Zellen, welche auf der Wande- rung aus dem Bindegewebe der Schleimhaut durch das Epithel in die Bthr, Physiologie der Tonsillen. 869 Mageu- resp. Darmlilile begriffen sind und dort die Scldeimkrper- chen" darstellen. Diese Durcliwanderungen findet man auch an andern Schleimhu- ten, ebenso wie in Drsen, doch nicht ausnahmslos, sondern nur da, wo das umliegende Bindegewebe, reich an lymphoiden Elementen, einen adenoiden Charakter trgt. Mit der Erkenntniss dieser Beziehungen erhob sich mir als notwendige Folge die Frage: Sollte nicht da, wo die bindegewebige Schleimhaut sehr reich an lymjjhoiden Zellen ist, eine besonders reichliche Durchwanderung dieser durch das Epithel statt- finden, sollte nicht an Stellen, wo Follikel unter dem E])ithel gelegen sind, der Durchtritt lymphoider Zellen ein massenhafter sein? Ich untersuchte deshalb menschliche Tonsillen, welche Herr Professor Rossbach mir 7A\ berlassen die Gte hatte, und hier fand sich zu meiner Freude das was ich vermutet hatte, durchaus besttigt. Das Pasterepithel warstellenweiseder Art von lymphoiden Zellen durchsetzt, dass nur feine Schnitte erkennen lieen, dass berhaui)t ein Pflaster- epithel vorhanden war. Die lymphoiden Elemente lagen bald einzeln, bald in Gruppen zu drei, vier und mehr Zellen bei einander in Ru- men, die durch das Auseinanderdrngen der Epithelien entstanden zu sein schienen. Wo die Zahl der Lymphkrperchen eine sehr groe war, fand sich das Pflasterepithel in einer Weise rareficirt, dass es nur dnne, senkrecht zur Unterlage gestellte Strnge darstellte, welche die Grenzen breiter, buchtiger Straen bildeten, die mit lymphoiden Zellen vollgepfroi)ft waren. Die Grenze zwischen Epithel und binde- gewebigen Teilen der Mucosa war selbst bei genau senkrechten Schnitten fast gnzlich verwischt, die Oberflche des Epithels au jenen Stellen bedeckt mit dicken Klumi)en, die beinahe nur aus zusammen- geballten lymphoiden Zellen bestanden. Der massenhafte Durchtritt lymphoider Zellen war hier unzweifelhaft, es fragte sich nur, ob eine normale oder pathologische Erscheinung hier vorlag. Die Tatsache, dass es krankhafte, vergrerte Tonsillen waren, die ich untersucht hatte, sprach fr letztere Auffassung. Ich nahm nun zunchst mit einem Skalpellstiele Schleimprobcn von Mandeln gesunder Menschen: gleich das erste Prparat enthielt groe Klumpen lymphoider Zellen. Von der Wangeninneufiche und vom Boden der Mundhhle genom- mene Proben zeigten nur einzelne solcher Zellen, niemals dagegen grere, zu Haufen zusammengeballte Mengen. Ich untersuchte dann die Tonsillen einer ganzen Reihe gesunder Tiere ^). Ausnahmslos war das Epithel, wo es dicht ber den Follikeln lag, durchsetzt von lym})hoiden Zellen. Es handelt sich demnach hier nicht um einen pathologischen, sondern um einen normalen physiologischen Vorgang ; 1) Ich habe Kaninehen, Katze, Igel, Maulwurf und Fledermaus untersucht, fast ausschlielich frisch eingefangene Tiere, die decapitirt oder durch einen Stich in das Halsmark rasch getutet wu)den, 24 370 Daiiilowsky, Verbrennuiigswime (Ipv Kahnnig-smittel. die Tonsillen sind Organe, in denen eine massenhafte Auswanderung lymplioider Zellen durch das Epithel in die Mundhhle stattfindet. Die Tragweite dieses neuen Befundes lsst sich vorderhand noch nicht hersehen; eine ganze Reihe neuer Fragen erheht sich nun. Er- folgt die Auswanderung lymphoider Zellen fortwhrend oder ist sie periodisch V findet sie sich hei Kiudern wie hei Erwachsenen? handelt es sich um Ausstoung unbi^auchhar gewordenen Materials oder be- stehen irgend welche Beziehungen zur Ernhrung? Solange es sich um das Durchwandern lymphoider Zellen an indifferenten Stellen handelte, hatte der Vorgang das Aussehen von etwas mehr Zuflligem mchte ich fast sagen, von etwas an das Pathologische Streifendem. In ganz anderm Licht erscheint aber der Process, wenn er sich in dem Anschein nach eigens dazu gebildeten Organen abspielt. So treten nun mit einem Male die Mandeln aus der Reihe der aufsaugenden Organe, in der sie nur gezwungen untergebracht worden waren, zurck, und werden mehr zu Gebilden, welche der Absonde- rung freilich einer andern, als der uns gelufigen vorstehen. Es ist mir wahrscheinlich, dass auch andere follikulre Organe, wie Zungenbalgdrsen, Rachentonsille , die sohtren und gehuften Follikel des Darmkanals hnlichen Vorrichtungen dienen. Inwieweit diese Vermutung richtig ist, mssen noch knftige Untersuchungen lehren. Wrzburg, den 21. Juli 1882. lieber die Verbrenniingsvvrme der Nahrungsmittel. Die Bestimmung der Verbrennungswrme der organischen Nahr- ungsmittel (und Krperbestandteile) hat fr die Physiologie offenbar ein sehr groes Interesse, weil lediglich durch sie man im Stande ist den Kraftvorrat zu messen, welcher mit der Nahrung in Form von potentieller Energie in den tierischen Organismus eingefhrt wird. Betrachten wir den letztern als eine bestndig arbeitende organisirte Maschine, in welcher die chemischen Spannkrfte in lebendige Kraft umgesetzt werden, so knnen wir mit Hilfe der physiologisch -ther- mischen Aequivalente der Energie der Nahrungsmittel und der Bestand- teile des Organismus seinen Ttigkeitszustand in Form einer Kraftbilanz, resp. des Verhltnisses zwischen Zufuhr und Verbrauch der Energie in ihren verschiedeneu Formen darstellen. Die mannigfaltigsten physikalisch - chemischen Umwandlungen, welche die organische Substanz in den Geweben und Organen des Organismus erfhrt, sind in fast allen Fllen mit einer Abnahme ihres Danilewsky, Vprlueiiiiuiigswrme der Nalirungsmittel. 371 Kraftvorrats verbuiiden. Diese Abnahme deutet darauf hin, dass bei diesen Processen eine gewisse Summe lebendiger Kraft in Form von Massen- (Muskel-) Bewegung-, Wrmebildung oder Elektricitt, je nach den physiologischen Eigenschaften der betreffenden Gewebe, entwickelt wird. Vom chemischen Standpunkt entstellt also eine po- sitive Arbeit der chemischen Aftinitten, wobei eine entsprechende Menge potentieller Energie frei wird. Es lsst sich wol behaupten, dass eine und dieselbe organische Substanz Avhrend der verschie- denen Phasen ihrer allmhlichen oxydativen Zersetzung l)is zu ihren Endprodukten (COo, H2O, Harnstoft") ihre Sjiannkrfte eventuell auch in verschiedenen Formen (Protoplasmabewegung, Wrmeproduktion etc.) der lebendigen Kraft zu entwickeln vermag. Um den Kraftvorrat einer organischen Substanz zu ermitteln, muss man sie vollstndig verbrennen und die ganze Summe der dabei gebildeten Wrme ausmessen (Kalorimetr